Nichts berührt uns so tief drinnen, erinnert uns an einen geliebten Menschen oder besondere Momente wie Musik. Auch unzählige Jahre später erinnert man sich noch an den einen Song, den man beim ersten Liebeskummer in Dauerschleife gespielt hat, den Lieblingssong auf eurem ersten gemeinsamen Roadtrip oder das Lied, bei dem ihr gemeinsam verliebt getanzt habt.
Wir haben Musikschaffenden nach den, ihrer Meinung nach, schönsten Liebesliedern befragt. Was macht ein gutes Liebeslied aus? Was berührt sie daran und wieso ist dieses eine Lied für sie besonders? Antworten darauf haben uns LAURENZ NIKOLAUS, SOPHIE TROBOS, ANDRIN UETZ, das CHAOS STRING QUARTET, INGRID SCHMOLINER, SOPHIA LABROPOULOU und SAMUEL TORO PÈREZ gegeben.
Und nicht vergessen: Musik an und Boxen aufdrehen! Lots of love.
Laurenz Nikolaus
„715 – CRΣΣKS“ von Bon Iver ist ein besonderer Song für mich. Er handelt von Liebe und Einsamkeit, Verdrängung und Erinnerung. Eigentlich ist es schwierig genau zu interpretieren, was da alles im Text drinsteckt. Die Reduziertheit der Elemente, nämlich nur Stimme und Vocoder, spiegeln perfekt die Zerbrechlichkeit der Themen wider. Süße Melancholie, Nostalgie gemischt mit der großen Sehnsucht lässt mich alle Emotionen der Liebe fühlen. Ich persönlich verbinde mit diesem Lied eine lange Autofahrt, alleine, während der man am liebsten laut in die Nacht schreien würde, ohne Echo, ohne auf eine Antwort zu warten. Quasi ein kleiner emotionaler Reset um befreit wieder in den Alltag zurückzukehren.
Genau das macht meiner Meinung nach ein gelungenes „Liebeslied aus“: Tiefe, Ehrlichkeit und die Verwendung von Worten, die genauso klingen wie das, was sie erzählen wollen.
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Sophie Trobos
„Für mich solls rote Rosen regnen“ – ein Liebeslied an uns selbst
Sich selbst wirklich zu lieben, sich trauen zu träumen, alles zu wollen, oder nichts, ausnahmsweise ohne Kompromiss; darüber singt Hildegard Knef in einem ihrer vielleicht bekanntesten Lieder.
So berechenbar der Titel, so pathetisch die Rosen, so romantisch die Geigen am Beginn – es ist die Stimme von Knef, die einen nicht weghören lässt. Und es ist der Inhalt, der mich berührt: Mit „16“ trauen wir uns alles zu wollen, groß zu träumen, später lernen wir uns „begnügen“ zu müssen, mit weniger zufrieden zu geben, um heute zu verstehen, dass wir auch an uns selbst denken dürfen, dass es möglich ist, sich nicht „fügen“ zu können.
Mich selbst zu lieben, alles für mich zu wollen, das muss nicht egoistisch sein, im Gegenteil. Es macht mich frei und stark und unabhängig – und lässt mich ganz da sein, für mich selbst und für andere.
„Ich möcht nicht allein sein und doch frei sein…“ singt Knef – wer will das nicht?
Darf man beides? Ich glaube ja.
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Andrin Uetz
„Psychopathia Sexualis“ von Brezel Göring ist vielleicht nicht das typische Liebeslied, aber irgendwie passt es trotzdem. Abgesehen von offensichtlicheren Zusammenhängen von Liebe und Triebe, erzählt der Song in humorvoller Weise von der Liebe zur Literatur. Dem Gefühl, sich in einem Buch wieder zu erkennen: «Auf jeder Seite die ich wende / denke ich: das bin ja ich» und weiter «Freiherr von Krafft-Ebbing / schrieb dieses Standardwerk der Psychologie / in welchem ich so viele Jahre früher / eindrücklich und gut beschrieben bin».
Der Fotograf und Filmer Aaron Chaudhry hat mir mal einen Track von Brezel Göring per Messenger geschickt und ich habe sofort dessen ganze Diskografie durchgehört. Ein unglaublich guter und witziger Geschichtenerzähler. Musikalisch ist bisschen Element of Crime, Serge Gainsbourg und Velvet Underground drin, und trotzdem klingt alles unverkennbar und eigen.
Chaos String Quartett
Liebe ist ein starkes Gefühl mit vielen Facetten und Gesichtern. Sie zeigt sich leidenschaftlich und still, fordernd und tröstend, laut im Glück und leise im Schmerz. Liebe ist nie statisch, sondern wandelt sich mit der Zeit und mit den Erfahrungen, die wir machen. Die zwischenmenschliche Liebe verändert ihr Gesicht, verliert vielleicht an Unbedingtheit, gewinnt dafür an Tiefe, Vertrauen und Beständigkeit.
Genau diese Dimension der Liebe spiegelt sich in Franz Schuberts Lied „Du bist die Ruh“ wider. Wie ein stilles Gebet beschreibt es die Geliebte als Quelle von Frieden und innerer Heimat. Die Liebe wird hier nicht als flüchtige Leidenschaft verstanden, sondern als tiefe, fast spirituelle Verbindung, in der sich das menschliche Verlangen nach Geborgenheit und Verschmelzung erfüllt.
Wenn wir dieses Lied in unserer Quartettfassung im Konzert spielen, breitet sich eine spürbare Ruhe und Friedlichkeit im Saal aus. Es ist beinahe magisch zu erleben, wie ein so „altes“ Liebeslied auch heute noch die Herzen des Publikums berührt und eine tiefe emotionale Wirkung entfaltet.
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Ingrid Schmoliner
„Beim Schlafengehen“ aus „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauß
Die „Vier letzten Lieder“ habe ich vor 28 Jahren das erste Mal gehört und dann gleich in Dauerschleife… . Auch jetzt gelingt es, dass “Beim Schlafengehen“ mich immer wieder in der Tiefe berührt. Ich habe mich in die Vertonung dieser Zeilen von Herman Hesse einfach verliebt.
Beim Schlafengehen
Nun der Tag mich müd gemacht,
Soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht
Wie ein müdes Kind empfangen.
Hände, laßt von allem Tun,
Stirn vergiß du alles Denken,
Alle meine Sinne nun
Wollen sich in Schlummer senken.
Und die Seele unbewacht
Will in freien Flügen schweben,
Um im Zauberkreis der Nacht
Tief und tausendfach zu leben.
Hermann Hesse, “Beim Schlafengehen”, 1911
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Sofia Labropoulou
„Barro tal vez“ist für mich eines der radikalsten Liebeslieder, die ich kenne, gerade weil es sich einer konventionellen Liebesgeschichte verweigert. Entstanden 1973 in Argentinien, in einer Zeit wachsender Gewalt und innerer Zerrissenheit, wirkt das Lied wie ein leiser Akt des Widerstands. Luis Alberto Spinetta verweigerte sich Parolen, Propaganda und Vereinfachung. Seine Geste ist nicht laut oder militant, sondern zutiefst existenziell.
Der oder die Geliebte ist hier keine Person. Es ist der Akt des Erwachens, eine verwandelnde Kraft. Liebe erscheint nicht als Besitz oder Erfüllung, sondern als Verletzlichkeit – barro, Ton, Lehm – etwas Unfertiges, das noch geformt wird. Wenn er singt, dass er innerlich sterben würde, wenn er nicht ausdrücken dürfte, was er fühlt, wird diese Liebe zur Überlebensfrage.
Die Axt trifft die Rinde dort, wo Verwandlung beginnt. Der Fluss trocknet aus, damit Stille sprechen kann. Es ist der schwebende Moment vor der Wiedergeburt, vor einem neuen Anfang, getragen von einem tiefen Vertrauen, dass Liebe und Glaube, sorgsam genährt und bewahrt, nicht korrumpiert oder geraubt werden können, sondern weitergetragen werden.
„Barro tal vez“ handelt nicht von Liebe. Es ist Liebe: der Mut, unfertig zu bleiben, stets im Übergang; Liebe als Zum-Lied-Werden statt als Verstummen, ein mystisches, zyklisches Verständnis von Erneuerung, das sich heute dringlich und gegenwärtig anfühlt.
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Lyrics
Barro Tal Vez (by Alberto Spinetta)
Si no canto lo que siento
me voy a morir por dentro
he de gritarle a los vientos hasta reventar
aunque sólo quede tiempo en mi lugar
si quiero me toco el alma
pues mi carne ya no es nada
he de fusionar mi resto con el despertar
aunque se pudra mi boca por callar
ya lo estoy queriendo
ya me estoy volviendo
canción barro tal vez…
y es que esta es mi corteza
donde el hacha golpeará
donde el río secará para callar
ya me apuran los momentos
ya mi sien es un lamento
mi cerebro escupe ya el final del historial
del comienzo que tal vez reemprenderá
si quiero me toco el alma
pues mi carne ya no es nada
he de fusionar mi resto con el despertar
aunque se pudra mi boca por callar
ya lo estoy queriendo
ya me estoy volviendo canción
barro tal vez…
y es que esta es mi corteza
donde el hacha golpeará
donde el río secará para callar
Samuel Toro Pérez
Ich nominiere „close2u ss stretched_ascend edit”, den Remix der belgischen Producer-Person Ssaliva von Rihannas Ballade Close to You”.
In diesem Remix stretcht Ssaliva den Originalsong mittels granularer Samplingverfahren auf eine Dauer von über 17 Minuten. Changierend zwischen dem intimen Sound von Close to You und der elektronischen Verfremdung transportiert close2u eine kraftvolle Emotionalität, welche insbesondere aus der virtuos fragmentierten Phonetik des nunmehr verschleierten Textes sowie aus dem Fokus auf die Zeitlichkeit des Klanges zwischen Superzeitlupe, Oszillation, Pulsieren, Beben, Zittern, usw. heraus entsteht.
Die enorme Langsamkeit, in der wir uns als Zuhörende tendenziell verlieren, vermittelt ein Gefühl von Nähe und Distanz zugleich und erzeugt eine melancholische Atmosphäre, in welche sich die besungenen Projektionen von Bedürfnissen und Grenzen bis hin zum Selbstverlust einfügen. Die verschiedenen Klanggesten des elektronischen Stretchings können auch analog zu physiologischen Abläufen im Zusammenhang mit menschlichen Empfindungen gelesen werden, quasi in der Tradition barocker Ornamente. Insbesondere diese klangliche Körperlichkeit von „close2u“ hat es mir angetan — und sie eröffnet meines Erachtens auch eine neue Hörperspektive auf Rihannas großartige Singstimme.
Vielen Dank an meinen Freund und Kollegen Maximilan Hanisch dafür, dass ich 2024 in seinem Theaterstück „HER — best ever love songs vol. 2“ zu diesem Song auf der Bühne stehen durfte.
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