Kulturpolitisches Symposium: „Alles neu macht der Mai – eine andere Zukunft des Kulturbetriebs ist möglich“

Eine Zukunftswerkstatt zur Konzeption einer neuen Kulturpolitik – am Dienstag, 23. Mai 2023 an der Universität für angewandte Kunst.

Im Mai 2022 fand unter großem Interesse der Kulturszene ein Symposium „Unsere Kultur geht auf keine Kuhhaut“ zur Zukunft der Kulturpolitik statt. Als zentrale Diskussionsthemen wurden Machstrukturen und Konflikte, Kooperationen und Koalitionen, neue Settings und Formate sowie Änderungen des kulturellen Verhaltens verhandelt.

Das heurige kulturpolitische Symposium steht unter dem Titel „Eine andere Zukunft des Kulturbetriebs ist möglich“. Es versteht sich als eine Fortsetzung mit der Absicht, den sich zunehmend verdunkelnden Zukunftserwartungen positive Perspektiven entgegen zu setzen. Als zentrale Themen werden Strategie und Kulturentwicklungsplanung sowie der Kulturbetrieb als Ort der Öffentlichkeit zur Schaffung neuer Kooperations- und Interaktionsformen über die traditionellen Fachgrenzen hinweg vorgeschlagen.

„Unsere Kultur geht auf keine Kuhhaut“ stand noch ganz unter dem Zeichen der Pandemie und ihren Folgen für den Kulturbetrieb. Ein Jahr später wissen wir, dass ihre Bekämpfung zu einer beträchtlichen Verschärfung der Produktions-, Vermittlungs- und Rezeptionsweisen auch und gerade im Kulturbereich geführt hat. Insgesamt wird deutlich, dass die Hilfsprogramme – so wichtig sie für den Kulturbetrieb waren – nicht nur positive Wirkungen erzielt haben.

So ist es zu einem weiteren Auseinanderdriften der Akteur*innen im Kulturbereich gekommen: Einer Gruppe von abgesicherten Beschäftigten in den staatlichen Einrichtungen steht ein wachsendes künstlerischen Proletariat gegenüber, das verzweifelt ums Überleben kämpft und sich gezwungen sieht, außerhalb des Kulturbetriebs neue Existenzgrundlagen zu schaffen. Gleichzeitig muss sich der Kulturbetrieb mit der Tatsache vertraut machen, dass sich das kulturelle Verhalten in weiten Teilen der Bevölkerung in ihrer ganzen Vielfalt während der Pandemie nachhaltig geändert hat und damit die quantitativ zu bemessenden Erfolgskriterien an ihre Grenzen kommen. Die anhaltende öffentliche Diskussion um das Ausbleiben des Publikums zumindest in Teilen des Kulturbetriebs (abseits der großen Events) zeugt davon.

Und so lichten sich nach dem offiziellen Ende der Pandemie die Nebel – zu Tage tritt ein ramponierter Kulturbetrieb, der sich in düsteren Prognosen ergeht. Geht es nach den jüngsten Skandalen, dann werden auch nach außen hin seine inneren Widersprüche immer sichtbarer, die von überkommenen Machtstrukturen, Gender-Disparitäten, mangelnder Diversität, Selbstreferenzialität und damit zusammenhängender fehlender gesellschaftlicher Verankerung erzählen. In der Bearbeitung der allerorts aufpoppenden Problemlagen erweist sich Kulturpolitik als nur wenig perspektivisch. Ohne noch einmal eine überzeugende Perspektive bieten zu können, beschränkt sie sich auf einen Fortsetzungskurs, fast um jeden Preis, der sich zunehmend aus der Mythisierung einer besseren Vergangenheit speist.

Und doch werden mit dem Aufbrechen kulturbetriebsimmanenter struktureller Defizite all diejenigen, die von einer baldigen Rückkehr zu den alten Normalitäten ausgegangen sind, jeden Tag aufs Neue eines Besseren belehrt. Alle Beteiligten wissen: Es wird nichts mehr so sein wie zuvor. Und es wird mit punktuellen Reparatur-Maßnahmen nicht getan sein.

Die Kulturpolitik der letzten 50 Jahre repräsentiert eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung ihrer Förderprogramme konnte auch im Kulturbereich dem Anspruch einer Wachstumsgesellschaft entsprochen werden. Was zählte, das waren zunehmend quantifizierbare Erfolgskriterien, die qualitative Dimensionen zunehmend in den Hintergrund haben treten lassen. Mit den Folgen der Pandemie kommt die Erzählung eines ständig wachsenden Kulturbetriebs an ihr Ende. Umso deutlicher tritt die Notwendigkeit einer Neubewertung von künstlerischer Qualität (und ihrer staatlichen Ermöglichung) in den Vordergrund, die sich zuletzt ein kleiner Kreis von Expert*innen untereinander ausgemacht hat, ohne dass die Ergebnisse noch einer breiteren Bevölkerung vermittelbar gewesen wären.

Mit den wachsenden Krisenerscheinungen zeigen sich verstärkt die negativen Auswirkungen eines ausdifferenzierten Fördersystems, dass den Kulturbetrieb unter eine Schutzglocke gestellt hat, um ihm einen Platz jenseits der Dynamiken und Widrigkeiten im Rest der Gesellschaft zuzuweisen. Um ihn heute als isoliertes Unternehmen zunehmend am Rand der Gesellschaft wiederzufinden (die Diskussion um seine Systemrelevanz zeugen davon).

Viel spricht für einen strukturellen Neubeginn einer Kulturpolitik, die darauf setzt, den Kulturbetrieb  wieder ins Zentrum des Geschehens zu rücken, um sich so als gesellschaftliche Kraft neu aufzustellen. Eine solche kann sich nicht darauf beschränken, Schlimmeres zu verhindern, sondern – gegen den herrschenden Trend grassierender Fortschrittsermüdung – noch einmal als eine planende Institution überzeugende Wege in eine bessere Zukunft weist.

Manche Bestandteile einer Zukunftsorientierung lassen sich bereits jetzt unschwer an der zunehmenden Einbeziehung neuer, scheinbar außerkünstlerischer Kriterien in die genuin künstlerische Qualitätsdiskussion (und damit ihrer Förderwürdigkeit) erkennen. Diese reichen von Aspekten der Nachhaltigkeit, Ressourcennutzung, Innovationskraft, Stadtentwicklung inklusive der Berücksichtigung sozialer Vielfalt bis hin zu neuen Beschäftigungsformen inklusive einer gerechteren Entlohnung der im Kulturbetrieb Tätigen.

Thema I: Der strategische Rahmen

In vielen Gebietskörperschaften ist die Kulturpolitik dabei, sich strategisch neu aufzustellen, ihre Ziele neu zu definieren und geeignete Maßnahmen zu ihrer Umsetzung zu diskutieren.

Dazu hat in den letzten Jahren eine breitere Bewegung der Kulturentwicklungsplanung eingesetzt. Selbst die großen politischen Gebietskörperschaften wie die Stadt Wien und der Bund haben sich vorgenommen, Kulturpolitik künftig stärker strategisch und entlang nachvollziehbarer Schwerpunktsetzungen auszurichten. Sie können sich auf einige exemplarische Versuche auf lokaler und regionaler Ebene beziehen, die zum Teil zu beträchtlichen Veränderungen des Standings des Kulturbetriebs geführt haben.

Die Veranstaltung möchte diese Entwicklung kritisch kommentieren und vor allem der Frage nachgehen, was diese strategische Ausrichtung für die Weiterentwicklung, ganz konkret für die Teilnehmer*innen des Symposiums bedeutet, in welcher Weise sie an diesem Prozess mitwirken können und auf was sie sich werden einstellen müssen.

Dies betrifft ebenso die Bedeutung von Strategie im Kulturbereich, beinhaltet die Machtfrage, fragt nach den Zuständigkeiten aber auch Möglichkeiten der Beteiligung und nach den zu erwartenden Wirkungen auf den Kulturbetrieb und den darin Tätigen.

Thema II: Der Kulturbetrieb als Öffentlichkeit in einer diversen Gesellschaft

Ein zweites großes Thema der Veranstaltung ist die Frage nach kulturellen Öffentlichkeiten. Einmal mehr sind die nationalen Gesellschaften mit einem neuen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ konfrontiert, der die Weiterentwicklung einer auf gemeinsame (kulturelle) Werte verpflichteten bürgerlichen Gesellschaft zugunsten einer Vielfalt kultureller Ausdrucksformen begleitet.

Immer weniger kann der Kulturbetrieb auf ein verlässliches Stammpublikum zählen. Stattdessen gilt es, sich innerhalb der jeweiligen Community neu zu positionieren und als Ort des Austausches zu fungieren. Der Kulturbetrieb beschränkt sich dabei nicht mehr auf eine repräsentative Funktion; er wird zu einem Facilitator von Community Building.

Der Bedarf, künftig stärker zusammenzuwirken, gilt nicht nur innerhalb des eigenen Sektors. Er gilt auch im Zusammenwirken mit Vertreter*innen benachbarter Politikfelder, um so eine neue Verankerung bzw. Relevanz des Kulturbereichs zu ermöglichen. Immerhin spricht viel dafür, dass der Kulturbetrieb als ein isoliertes Unternehmen künftig zunehmend an den Rand gedrängt zu werden droht. Da scheint es wesentlich lohnender, das Zusammenwirken und die Interaktion verschiedener sozialer Gruppen zu empfehlen und eine teilnehmende Neupositionierung des Kulturbetriebs zu versuchen.

Verknüpfung der beiden Themen

Beide Themen sind eng miteinander verschränkt und aufeinander bezogen: Die Kulturforscherin Anke Schad-Spindler gibt im Rahmen des Symposiums mit dem Input „Kulturpolitische Strategien und neue Öffentlichkeiten“ eine Einführung zu geben und dabei die Verbindung herzustellen:

In kulturpolitischen Aushandlungsprozessen ringen Partei- und Regierungspolitiker*innen, Personen

aus der Verwaltung, Vertreter*innen von Interessensgruppen und Unternehmen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Expert*innen sowie Bürger*innen mit unterschiedlichen Interessen und Prägungen um politischen Einfluss. Die Arenen der Kulturpolitik sind entsprechend durch Macht- und Konfliktbeziehungen geprägt. Im Sinne von Kultur als öffentlicher Angelegenheit und von demokratischer Öffentlichkeit als kritischer Öffentlichkeit nach Habermas geht es darum, Verhandlungsprozesse möglichst inklusiv und transparent zu gestalten. Dies ist eine Voraussetzung, damit Bürger*innen und andere Betroffene Informationen erhalten, um in diese Prozesse mit zivilgesellschaftlichen Mitteln (z.B. Stellungnahmen, offene Briefe, Protest) eingreifen zu können und potentiell eine Mitsprache in der Entscheidungsfindung zu erreichen. Die Qualität der Kommunikation (breite Mitsprache, sorgfältiges Abwägen von Informationen) ist in Demokratien zentral für die Legitimation von Entscheidungen. Dass aktuelle Entwicklungen demgegenüber oft ein schnelles Entscheidungshandeln erfordern, hat etwa die COVID-19 Pandemie gezeigt. Auch die Klimakrise erzeugt ein Spannungsfeld zwischen demokratischen Aushandlungen unterschiedlicher Positionen und dem großen Handlungsdruck. Bei einer Betrachtung von kulturpolitischen Strategien und Maßnahmen geht es nicht nur um die Frage, wie diese wirken, sondern auch, wie, durch wen und in wessen Interesse sie entschieden wurden: etwa, um der Frage nachzugehen, ob eine parteiische Machtpolitik gegenüber sachpolitischen Inhalten überhand gewonnen hat oder inwiefern bestimmte Eliten sich gegenüber weniger privilegierten Gruppen durchsetzen konnten. Innerhalb der Beteiligungs- und Aushandlungsprozesse stellen partizipative Verfahren, wie sie etwa im Rahmen der Kulturentwicklungsplanung erprobt werden, besonders anspruchs- und voraussetzungsvolle Formate dar. Wenn „Politik des Kulturellen“ nicht auf staatliches Handeln bezogen wird, sondern allgemeiner auf Herrschaft und Hegemonie nach Antonio Gramsci, erweitern sich die Perspektiven. Vor diesem Hintergrund verweist kulturpolitische Forschung und Praxis auf Machtverhältnisse (u.a. entlang den Dimensionen von Race-Class-Gender-Ability), Ideologien, Werte, Identitätsfragen, wie sie sich unter anderem über Kulturproduktion, Kunstwerke und Texte manifestieren. Dies ist aktuell hinsichtlich einer sich verändernden Bevölkerung und beschleunigter technologischer Entwicklungen relevant. Digitale Infrastrukturen ko-kreieren neue globale Öffentlichkeiten und determinieren Interaktionsmöglichkeiten zwischen Mensch(en) bzw. zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Soziales Miteinander vereinzelt und polarisiert sich, gleichzeitig werden neue Formen der Solidarisierung erprobt.

Termin:

Dienstag, 23. Mai 2023, 9:30 – 19:00
Universität für angewandte Kunst
Vordere Zollamtsstraße 7, 1010 Wien
Auditorium
Bald folgen mehr Informationen zur Agenda und Anmeldung.

Organisation

Koordinationsteam und Moderation

Astrid Kury, Akademie Graz
Ivana Pilić, D/Arts
Anke Schad-Spindler, Universität Wien
Aron Weigl, EDUCULT

Konzeption und Gesamtmoderation der Veranstaltung

Michael Wimmer

Link:
dieAngewandte: Alles neu macht der Mai