Keine Zeit für Ruhestand – Zum 85. Geburtstag von Paul Walter Fürst am 25. April 2011

Also, eigentlich wäre er ja im Alter des vermeintlich bequemen „Nichtstuns“. Gut, bei einem schöpferisch tätigen Geist ist das vielleicht auch jene Phase, in der sich das gerne so genannte „Spätwerk“ formt. Bei Paul Walter Fürst gehen die ganz so einfachen Regeln allerdings nicht wirklich auf.

Gleich zweifacher Präsident zu sein und vielfach in diesen und jenen Gremien sein fachliches Wissen und seine auf der jahrzehntelangen Erfahrung beruhende Meinung einzubringen, ist Paul Walter Fürst offenbar auch in der Mitte seines neunten Lebensjahrzehnts weit mehr vergnügliche Verpflichtung, denn unerbittlich auf den Schultern drückende Last. Bereits seit 1998 ist er Präsident der größten österreichischen Urheberrechtsgesellschaft AKM, und alleine das zeugt schon von seiner Persönlichkeit – hat er doch in dieser Funktion mindestens so viele verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen, wie der Direktor der Wiener Staatsoper, und das ist wie man weiß ein Schleudersitz. Schon um einiges länger ist er auch Präsident der ÖSTIG, der Österreichischen Interpretengesellschaft, die in der Verwertungsgesellschaft LSG – Wahrnehmung von Leistungsschutzrechten GmbH – als Gesellschafter die Interessen der Interpreten wahrnimmt. Oft steht demnach der gleichermaßen für die Belange der schöpferischen und reproduzierenden Musikschaffenden in diesem Lande (und nicht nur hier) eintretende Amtsträger eher im Vordergrund, als der kreative Künstler Fürst.

Als Komponist gehört er seit jeher zu den eher „Stillen“. Er ist keiner, der als Werbemanager in eigener Sache durch die Lande zieht, wöchentlich bei den mächtigen Intendanten anklopft und allen, die es hören oder vielmehr nicht hören wollen, erzählt, welche grandiosen Erfolge samt voller Kassen seine Musik ihren Häusern bescheren können würde. Diese, seine Musik wirkt für sich selbst. Wer sie kennt, gibt sie weiter. Wer etwas davon kennt, will mehr kennen. Fürst vertritt den klassischen Typus des komponierenden Orchestermusikers. Mag der Verzicht auf eine solistische Karriere als Bratschist erst die Möglichkeit eröffnet haben, dem Komponieren einen dominierenden Stellenwert in seinem Leben zu geben, so ist sein Komponist Sein in vielem mitbestimmt von der jahrzehntelangen Erfahrung inmitten des großen Klangkörpers. In seinem Fall waren dies zunächst die Niederösterreichischen Tonkünstler (1952–54 Solobratschist), die Münchner Philharmoniker (1954–61 ebenfalls Solobratschist) und schließlich ab 1961 bzw. 1962–1990 insbesondere das Orchester der Wiener Staatsoper und die Wiener Philharmoniker.

Durch das im Alltag erprobte Erleben aller Facetten der verschiedensten Orchestergruppen weiß er mit scheinbar müheloser Selbstverständlichkeit jedem Instrument „auf den Leib“ zu schreiben. Einem spezifischen kompositorischen System ist Fürst nicht verhaftet. – „Mir ist die Beibehaltung eines Stiles oder die Befolgung eines modischen Trends von unwesentlicher Bedeutung. Immer wenn ich ein so genanntes Erfolgsstück zuwege brachte, änderte ich meinen stilistischen Kurs; Stilbrüche sind in meinen Arbeiten einkalkuliert.“ (Fürst)

Behutsam erweitert Fürst in seiner Arbeit die von der Tradition vorgegebenen Wege, wobei Elemente des Jazz innerhalb seiner freitonalen Tonsprache ebenso anzutreffen sind wie aleatorische Passagen. Infolge seiner Freundschaften mit zeitgenössischen Dichtern (darunter etwa Ernst Jandl und Friederike Mayröcker) wirkten auch sprachliche Kategorien wie Grammatik und Syntax auf kompositorische Prozesse ein. Experimente im Bereich des musikalischen Materials sind Fürst fremd, doch räumt er ungewöhnlichen Aufführungsaspekten durchaus Raum ein: etwa dem Standortwechsel des Solisten im Anti-Konzert für Klarinette und Orchester op. 52. Zu den Schwerpunkten in Fürsts Œuvre zählen u. a. die Kammermusik mit Schlagwerk (so etwa Sabado für Trompete, Schlagzeug und Klavier op. 22, die Violatüre für Viola und Schlagwerk op. 69 oder Seis Ventanas op. 83) und Kammermusik für Bläser, darunter als seit Jahrzehnten populärer „Hit“ die an der barocken Suitenform orientierte Konzertante Musik für Bläserquintett op. 25. Zahlreiche Orchesterwerke des Komponisten wurden – heutzutage alles andere als selbstverständlich – wiederholt nachgespielt, darunter die Farbspiele op. 38, in denen Fürst mit einer Vielfalt instrumentaler Kontraste („Farben“) arbeitet und den fünf Abschnitten assoziativ einzelne Farben zuordnet, oder Orchestron IV (der Titel ist eine Verschmelzung der Worte „Orchester“ und „Orchestrion“), in dem mechanische Floskeln und Strukturen mit frei fließenden Passagen wechseln. Zum Material von Het orgel is een belt für Orgel, gemischten Chor, Combo und Orchester op. 61 gehören ein frankoflämisches Choralthema des 16. Jahrhunderts, swingende Combo-Abschnitte sowie der „Salve Regina“-Text und ein Song der US-amerikanischen Pionierzeit. Auch die Musiktheaterbühne hat Paul Walter Fürst nicht gescheut. Dem 1963 entstandenen Ballett Dorian Gray op. 35 (Buch: Ernst Jandl nach Oscar Wilde) blieb bisher das Licht der Bühnenwelt verborgen, was in Zeiten in denen Choreographen weltweit wieder Geschmack an Handlungsballetten finden und Schönling Ben Barnes sich im 2009 entstandenen Filmepos anhimmeln lässt, wäre ein Blick in die Fürst-Partitur für manches Theater vielleicht durchaus lohnend. Den Bereich der Oper hat Fürst lange gescheut, nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Belastungen: „Das Alter hätte ich nie erreicht, wenn ich eine Oper geschrieben hätte“, meinte er mit Anfang 70 als er einmal vom Verfasser auf dieses Thema angesprochen wurde.  Nicht einmal fünf Jahre später wurde seine abendfüllende Oper „Catalina Homar“ (Text von Herbert Vogg) im Stadttheater Baden uraufgeführt und der Komponist konnte sich bei bester Gesundheit über einen nachhaltigen Erfolg bei Publikum und Presse freuen.

Schon vor Jahren setzte sich Fürst ebenfalls im persönlichen Gespräch mit der Frage der Vergänglichkeit des selbst Geschaffenen auseinander: „Natürlich sagt man sich im Alter: Wie kann es weitergehen, was soll erhalten bleiben, was nicht. Ich bin überzeugt, dass wir in einem Riesenwellental sind. Es gibt so viele Paragraphen, die meines Erachtens unwichtig sind. Es gibt Sparmaßnahmen, wo man kurzfristig etwas sparen kann, aber langfristig etwas zerstört. Jede Kerbe vergrößert sich, hat fürchterliche Wirkungen […]. Die Leute von jetzt leben für heute, spätestens für morgen, das Danach ist uninteressant. Es werden uns die Kinder verfluchen für das, was jetzt gemacht wird. – Heute ist man anerkannt, wenn man in den ‚Seitenblicken’ ist. Ich kann das ganze Jahr irgendetwas schreiben, aber als ich nur ein paar Sekunden in den ‚Seitenblicken’ war: Was mich die Leute angerufen haben. – Sage ich: ‚Habt’s ihr nicht noch etwas anderes gesehen?’ – ‚Nein, wieso, gibt es noch was?’ – Das ist die heutige Zeit. Nur die Oberflächlichkeit stört mich. Ich bin froh, dass ich in dieser Zeit lebe, denn es gab schlechtere. Aber diese Oberflächlichkeit, die ist für mich nicht zum Aushalten!“ – Eine durchaus pessimistische Sicht also, und im Gemüt eines gebürtigen Wieners sicher durchaus genspezifisch erklärbar. Es entspräche aber nur einer Seite des Paul Walter Fürst, ließe man diese Sätze so stehen und würde man nicht nach dem nötigen Ausschlag zur anderen Seite des genannten Wellentals fragen: „Der ist noch nicht da, aber er muss kommen, weil der Mensch bisher auf diese Weise überlebt habt. Ich bin ja immer Optimist, positiv eingestellt in allen Dingen. Blutgruppe Null positiv!“
Christian Heindl

Foto Renate Publig

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