„Ich will der Welt zeigen, was Weltmusik im Jahr 2016 ist“ – JUAN GARCIA-HERREROS und SU CHARLES (SNOW OWL) im mica-Interview

JUAN GARCIA-HERREROS ist ein Musiker und Mensch, der ganz offensichtlich überhaupt keine Grenzen kennt. Sein gesamtes künstlerisches Schaffen definiert sich über eine große Offenheit und Toleranz. Und das zeigt sich auch auf seinem neuen SNOW-OWL-Album „The Blue Road”. Dieses ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass es innerhalb einer Band nicht immer zwangsläufig einer gemeinsamen Sprache bedarf, um eine gemeinsame musikalische Sprache zu sprechen. Der gebürtige Kolumbianer hat sich für die Verwirklichung seines ambitionierten Großprojekts einmal mehr Leute aus den verschiedensten Ländern und mit den unterschiedlichsten kulturellen Backgrounds ins Boot geholt, um seiner einzigartigen Vorstellung von musikalischer Vielfalt alle Tore zu öffnen. Mit von der Partie ist auch die amerikanische Sängerin SU CHARLES, die sich gemeinsam mit dem Bandleader den Fragen von Michael Ternai stellte.

„The Blue Road“ ist ein Album, das vor Ambition nur so strotzt. Welche Idee steckt hinter diesem Album?

Juan Garcia-Herreros: Eines meiner großen Anliegen bei diesem Album war, dass daran so viele Musikerinnen und Musiker verschiedener Kulturen wie möglich mitwirken. „The Blue Road“ soll nämlich auch als eine Art Statement verstanden werden, dass – egal woher man kommt – das Blut einer und eines jeden von uns die Farbe Rot hat. Das Schöne an diesem Projekt war, dass es uns allen wirklich gelungen ist, unsere eigene gemeinsame musikalische Sprache zu finden. Und das obwohl wir teilweise verschiedene Sprachen gesprochen haben. Aber das war eigentlich vollkommen egal, denn ab dem Moment, an dem wir gemeinsam zu spielen begonnen haben, haben wir uns auch ohne Worte verstanden.

Ein Projekt mit so vielen Leuten auf die Beine zu stellen war sicher eine Herausforderung, oder?

Juan Garcia-Herreros: Natürlich braucht man, um ein so großes Projekt auf die Beine zu stellen und zu organisieren, viel Geduld. Aber nicht nur das. Man braucht auch eine Vision. Es bedurfte einer Planung von eineinhalb Jahren, um dieses Projekt zu verwirklichen. Aber die Mühen und Anstrengungen haben sich wirklich gelohnt.

Sie haben in den letzten Jahren sehr viel im Ausland gespielt. Was haben Sie aus musikalischer Sicht von all ihren Reisen nach Wien mitgenommen? Wenn man die immense Stilvielfalt ihrer Musik betrachtet, offenbar sehr viel.

Bild Juan Garcia Herreros
Bild (c) gab-photo.com

Juan Garcia-Herreros: Ja, viel. Unglaublich viel. Aber nicht nur musikalische Eindrücke, auch Fragen wie: „Was sind die Dinge, die dich ausmachen?“ und „Wo liegen deine Wurzeln?“  Ich bin jemand, der mittlerweile in so vielen Ländern Wurzeln geschlagen hat. Ich bin in Kolumbien aufgewachsen, habe sechzehn Jahre in New York verbracht und lebe jetzt schon mehr als zehn Jahre in Wien. Was definiert mich also? Als Mensch wie auch als Musiker? Jeder Ort auf dieser Welt, den du bereist, hinterlässt seine Spuren. Jeder Ort hat seine eigene Melodie, seine eigene Kultur. Ich versuche immer, so viel wie möglich aufzunehmen und es in meine Musik einfließen zu lassen. Ich will der Welt zeigen, was Weltmusik im Jahr 2016 ist.

Wie war es für Sie Su, mit Juan Garcia-Herreros zusammenzuarbeiten? War dieses musikalische Metier neu für Sie?

Su Charles: Ich habe in meiner Karriere schon mit einigen Musikerinnen und Musikern zusammengespielt, die eine große musikalische Breite abdecken und der Vielfalt alle Tore öffnen. Was bei Juan aber anders ist, ist, dass er sehr, sehr fokussiert an die Sache herangeht. Obwohl er so viel Verschiedenes in seine Musik einfließen lässt – so viele verschiedene Stile und musikalische Sprachen –, erklingt wie von Zauberhand einfach alles wie eins, es hat alles eine Linie.

Haben Sie Juan Garcia-Herreros eigentlich schon vor der Arbeit an dem Album gekannt?

Su Charles: Nein. Wir haben uns vor zwei Jahren im Rahmen der Grammy-Verleihung kennengelernt. Ich war dort auch zu Gast und nutzte die Gelegenheit, mich mit einigen Musikerinnen und Musikern auszutauschen. Und Juan war einer von diesen. Ich spielte ihm bei dieser Gelegenheit auch einige Sachen von mir vor, woraufhin er mir mich nach Wien zu einer Audition einlud. Juan schickte mir davor noch einen Song, zu dem ich mir etwas überlegen sollte. Ich nahm mir für diesen auch viel Zeit. Schließlich wollte ich ja nicht irgendetwas Halbherziges abliefern. Es dauerte schon etwas länger, um wirklich herauszufinden, in welche Richtung es gehen sollte und wie meine Interpretation aussehen könnte. Dann schickte ich Juan den Song mit meinen Ideen zurück. Er meinte dann, es sei fast so, als wäre der Song für mich gemacht.

Juan Garcia-Herreros: Man muss dazusagen, dass ich um die vierzig Sängerinnen zu den Auditions eingeladen habe. Ich war wirklich auf der Suche nach dieser ganz speziellen Stimme und wollte unbedingt eine finden, die der Musik von Snow Owl noch mehr Seele verleiht und genau das ausdrückt, was ich auf meinem Bass in der Form nicht spielen bzw. „singen“ kann. Und ja, die Stimme von Su Charles war genau die, die ich gesucht habe.

„Für mich war es […] wichtig, eine Sängerin zu finden, für die meine musikalischen Vorstellungen neu waren […]“

Was war für Sie, Su, an diesem Projekt das Faszinierende?

Bils Su Charles
Bild (c) Snow Owl

Su Charles: Mich hat der Gedanke fasziniert, mich einmal in einer für mich ganz neuen Welt zu versuchen. Die Frage für mich war, wie ich mich in eine solche mit meinen Vorstellungen und Ideen einbringen und was ich aus ihr für mich mitnehmen kann. Man wird in so einem Projekt ja von den anderen Musikerinnen und Musikern genauso beeinflusst, wie man sie durch das eigene Tun beeinflusst. Es ist ein fruchtbares Geben und Nehmen von Erfahrungen. Und ich denke, dass man solche Interaktionen mit anderen auch für die eigene Entwicklung braucht. Der Austausch mit anderen musikalischen Welten und anderen Kulturen bringt dich als Künstlerin oder Künstler einfach weiter.

Juan Garcia-Herreros: Für mich war es – neben allen stimmlichen Qualitäten – wichtig, eine Sängerin zu finden, für die meine musikalischen Vorstellungen neu waren, die mich und meine Art zu arbeiten erst kennenlernen musste. In gewisser Weise will ich meine Mitmusikerinnen und Mitmusiker auch immer ein wenig so herausfordern, wie ich in meiner Karriere von vielen anderen Musikerinnen und Musikern herausgefordert wurde. Diese Herausforderung prägt einen, sie bringt einen weiter.

Wie würden Sie anderen Ihre Musik beschreiben?

Juan Garcia-Herreros: Ehrlich. So würde ich sie beschreiben. Die Musik, die ich spiele, ist die meiner Zeit. Sie ist Ausdruck dessen, was im Moment um mich herum geschieht, eine Reflektion von dem, was in der Gesellschaft gerade passiert und vor sich geht.

„Ich würde sagen, ich bin das genaue Gegenteil von einem Perfektionisten.“

Inwieweit würden Sie sich als Perfektionisten bezeichnen?

Juan Garcia-Herreros: Nein. Ich würde sagen, ich bin das genaue Gegenteil von einem Perfektionisten. Der Perfektion ist keinerlei Evolution inne. Wenn etwas bereits perfekt ist, kann es sich nicht mehr weiterentwickeln. Ich bin jemand, den Fehler faszinieren. Ein Fehler bringt mich dazu, zu reagieren. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Konzert, das ich mit meiner Band beim Havanna Jazz Festival gespielt habe. Ich musste dort mit einem Lautsprecher auskommen, dessen Zustand nicht wirklich den üblichen Standards entsprochen hat. Ich habe den von mir gewünschten Sound einfach nicht hinbekommen. Wäre ich ein Perfektionist, hätte ich unter solchen Umständen eigentlich nicht spielen können. Man muss es nehmen, wie es kommt. Man muss immer versuchen, aus den Gegebenheiten das Beste machen. Für das Publikum war dieses Konzert wahrscheinlich sogar ein sehr spezielles. Denn in dieser Form und mit diesem Sound hat man uns vermutlich noch nie gehört. Solche Umstände, Gegebenheiten und Situationen bringen dich weiter. Daher findet Perfektion in meiner Musik auch keinen Platz. Es geht mir mit meiner Musik allein darum, zu zeigen, wer ich bin und was ich zu sagen habe.

Sind sie ein Musiker, der seinen Mitmusikern bewusst den Raum lässt, sich in kreativer Weise mit Ideen einzubringen. Oder geben Sie die Richtung genau vor?

Juan Garcia-Herreros: Ich will die Frage am Beispiel von Mamadou Diabate beantworten. Er ist ein Musiker, der nicht nach niedergeschriebenen Noten spielt. Er spielt und lernt die Nummern nach den Melodien. Und genau das hat er auch bei diesem Projekt getan. Ich habe ihm meine Melodien und Ideen für den rhythmischen Unterbau geschickt. Und er hat die Sachen so, wie ich sie geschrieben habe, perfekt einstudiert. Nur meinte er dann: „Ich kann die Sachen zwar so spielen, wie sie deinen Vorstellungen entsprechen, aber wir in Burkina Faso würden diese Melodie einfach anders interpretieren und anders phrasieren.“ Er spielte mir seine Version vor und die passte einfach perfekt, sie machte die Sache noch lebendiger. Ich musste daraufhin –  von seiner Phrasierung ausgehend – die Phrasierungen und Melodien aller anderen Musikerinnen und Musiker umschreiben. Was ich damit sagen will, ist: Wenn plötzlich dieser besondere kreative Funke überspringt, eine Musiker oder ein Musiker mit einer Idee kommt, die alles auf eine höhere Ebene hebt, dann lasse ich diese natürlich in die Musik einfließen. Diese Momente machen den besonderen Zauber einer solchen Sache aus.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Ternai

 

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