Johannes Maria Staud – Österreichische Erstaufführung im Musikverein

Am Freitag, den 30.5.2008, findet die Österreichische Erstaufführung von Incipit III von Johannes Maria Staud im Rahmen der Wiener Festwochen im Musikverein statt, gespielt vom RSO Wien unter der Leitung von Bertrand de Billy. Es ist Teil III einer Reihe von Werken, die sich auf die Posaune als Soloinstrument konzentrieren, und alle dem Posaunisten Uwe Dierksen gewidmet sind: Incipit für Posaune und fünf Instrumente, 2000, Incipit II (Esquisse retouchée) für Solo-Posaune und Bass-drum, 2001/2002, und Incipit III (Esquisse retouchée II) für Posaune, Streichorchester, zwei Hörner und Schlagzeug, 2005, uraufgeführt 2006 in der Philharmonie Köln.

Ein Zitat aus Italo Calvinos “Wenn ein Reisender in einer Winternacht” steht im Werkkommentar zu Incipit für Altposaune und fünf Instrumente: “Ich wünschte, ich könnte ein Buch schreiben, das nur ein Incipit wäre, ein Buch, das sich über seine ganze Länge hin die Potentialität des Anfangs bewahrt: die noch gegenstandlose Erwartung.”
Diese Auslotung der Möglichkeit eines immerwährenden Anfangs zieht sich als Thema durch alle drei Werke.
Auch in kompositorischer Hinsicht weisen die Stücke Verbindungen auf, so sind beispielsweise die ersten Takte annährend identisch, nur in Incipit III durch die größere Besetzung etwas gestreckt.
Die älteren Werke beschreibt Staud als “kartographische Skizzen und topographische Anknüpfungspunkte”. Seine Kompositionsweise vergleicht er der Neuvermessung und Erkundung eines “durch zeitliche Distanz und erweiterten Erfahrungshorizont veränderten Territoriums”. Diese Art des Vorgehens wird auch durch den Untertitel “Esquisse retouchée, also “überarbeitete Skizze”, beschrieben.
Incipit III entwickelt gegenüber seinen Vorläufern “neben mehr Tiefenschärfe sehr bald auch völlige Eigendynamik”. Aus dem Material der ersten acht Takte bildet sich eine akzentuierte, an Kontrasten reiche Tonsprache, die das Thema des Beginnens stets präsent sein lässt. Trotzdem schafft es der Komponist, durch Herstellung von Materialbezügen dem Werk formalen Zusammenhalt zu geben – eigentlich die Auflösung eines Paradoxons.
Das Ende dieses permanenten Anfangs von dreizehn Minuten Dauer bringt ein neues Element: die Stimme, mit kurzen Einwürfen einzelner Silben, “völlig enthemmt” – potentieller Neubeginn und gleichzeitig akzentuierter Schluss.

Innovation durch Synthese
Staud sieht die Suche nach Innovation, nach neuen Klangfarbenmischungen und neuen formalen und harmonischen Lösungen als konstituierend für seine kompositorische Tätigkeit. Vor allem die orchestralen Klangmöglichkeiten betrachtet er als noch lange nicht ausgereizt.
“Es geht heute nicht um Provokation, sondern um Synthese. Es geht um das Einführen von unkonventioneller Semantik, neuen, formal und harmonisch stringent eingebetteten klanglichen Lösungen.”
Seine Kompositionsweise bezeichnet er als induktiv – ein Stück entwickelt er “stets aus wenigen Keimzellen, die sich fortwährend gegenseitig in organischer Weise beeinflussen. Jede Entscheidung zieht Konsequenzen nach sich und lässt so nach und nach die Großform entstehen. Auf diese Weise ist man in der Lage, auf Eventualitäten während des Komponierens spontaner und kreativer reagieren zu können, weil man ja auch nicht von prästabilisierten Modellen abhängig ist.”

Neue Musik für neue Publikumsschichten
Das Werk des jungen Komponisten stößt auch in Gefilden auf Interesse, wo man ein solches eigentlich nicht vordergründig vermuten würde: Das Weingut Alois Lageder in Margreid/Südtirol und die Swarovski tourism services sind Auftraggeber seines neuen Kammermusikstücks “Lagrein” für Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier, das am 23. Mai uraufgeführt wurde. Der Name des Werks bezieht sich auf die Rebsorte, die im Gebiet des Uraufführungsortes angebaut wird.
Die Besetzung ist ungewöhnlich, seit Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du temps wurde dafür kaum mehr komponiert. In kompositorischer Hinsicht interessierte Staud dabei vor allem die Klarinette, da deren Klang ansonsten in der Kammermusik in völlig anderer Umgebung eingesetzt wird.

Weitere Aufführungen
Am 19.6. bringt das New Japan Philharmonic Orchestra .gleichsam als ob. in Tokyo zu Gehör.
Das 2004/2005 entstandene Peras für Klavier wird am 17.7. in Montpellier aufgeführt.
Im Lichte, für 2 Klaviere und Orchester, 2007 in Salzburg uraufgeführt, wird am 27.9. in Bamberg zu hören sein.

Aufnahme
Incipit III gibt es auch in Form einer Aufnahme auf der Kairos-CD (SACD) “Apeiron” mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle, Posaunist ist auch hier Uwe Dierksen. Weitere Stücke: Apeiron, für großes Orchester , 2004/2005, das Unendliche, Towards a brighter hue, für Violine solo, 2004, Violent incidents, Hommage à Bruce Nauman, für Saxophon, Holzbläser und Percussion, 2005/2006, und Peras, für Klavier, 2005. (sr)

Foto Johannes Maria Staud: Manon Praetorius

 

 

 

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