„Jeder muss seinen eigenen Weg finden!“ – Christoph Gruber im mica-Interview

Am 12. Februar 2026 startet wieder der berufsbegleitende Diplom-Lehrgang „Musikbusiness“ am WIFI. Mit dem mica sprach Lehrgangsleiter Christoph Gruber über die die Entstehung des Lehrgangs und seine schillernde Identität zwischen Crashkurs und Reality-Check.

Wie kam es zu diesem Diplom-Lehrgang Musik-Business überhaupt? Kannst du von den Anfängen erzählen?

Christoph Gruber: Da muss ich ein bisschen ausholen. Im Grunde bin ich ja Musiker. Das bin ich immer schon gewesen und werde ich auch immer sein. Und wie du selber weißt, ist es mitunter sehr schwer, von der Musik zu leben. Ich war Gitarrenlehrer, habe Gitarrenbücher geschrieben und in diversen Bands gespielt. Eigentlich war ich in jedem Genre tätig, außer im Schlager. Ich habe auch Jazz-Gitarre und zeitgenössische Komposition studiert. 2009 ist dann meine Tochter auf die Welt gekommen ist, und da ist mir zum ersten Mal wirklich aufgestoßen, dass ich eigentlich immer gearbeitet habe. Es hat Zeiten gegeben, wo ich in der Früh aus dem Haus gegangen bin, um gemeinsam mit meinem Bruder Musik für Filme und Fernsehen zu produzieren. Am Nachmittag bin ich dann nach Oberösterreich an die Landesmusikschule gefahren und oft erst um Mitternacht heimgekommen. Am nächsten Tag ging es um sieben in der Früh wieder los. Ab ins Studio. Parallel habe ich immer auch Tontechnikunterricht und Musiktheorieunterricht an einer Tontechnikschule gegeben. Weil meine Tochter groß werden sehen wollte, bin ich deshalb damals zum ersten Mal in meinem Leben beim AMS aufgeschlagen. Und als Künstler landet man da beim Team 4, und die haben mich gleich in eine AMS-Kursmaßnahme geschickt, die so schlecht war, dass ich mir gedacht habe: „Das kann ich besser!“ Also bin ich zur Kursleiterin gegangen und habe ihr mitgeteilt, dass ich für die Musiker:innen, die da drinsitzen, gern einen eigenen Kurs anbieten würde.

Was offenbar auf offene Ohren gestoßen ist?

Christoph Gruber: Ja, die meinte damals wirklich: „Okay, probieren wir es einfach aus!“ Wenig später habe ich am Freitag per Anruf erfahren, dass sie einen Kurs beisammen hätten, der am Montag beginnt. Also hab´ ich mich am Wochenende hingesetzt und ein Programm geschnitzt, das im Grunde genommen bis heute steht: Von Verwertungsgesellschaften, PR, Marketing und Kommunikation über Musikproduktion bis hin zum Live-Business. Auf jeden Fall habe ich am Freitag erfahren, dass sie einen Kurs beieinander haben und, ob ich am Montag anfangen kann. Am Montag hatte ich 14 Leute da sitzen gehabt in meinem Musikbusiness-Lehrgang. Das war aber ziemlich cool. Der Kurs war dann immer von 9 bis 13 Uhr, und ich habe mich am Vortag für den nächsten Tag vorbereitet. Ich habe damals 100 Lehreinheiten in einer One-Man-Show abgerissen, mich mit den Leuten getroffen und Gespräche geführt und schließlich auch eine Coaching-Ausbildung absolviert, um die Einzelcoachings professionell gestalten zu können.

Welches Klientel kam in den Kurs?

Christoph Gruber: Bunt gemischt, vom Viertelton-Komponisten über den Ballermann-DJ bis hin zur Jazz-Pianistin, die ganze Bandbreite.

Ähnlich wie im mica also?

Christoph Gruber: Noch extremer eigentlich, weil das lauter Leute waren, die zum Teil schon im Business etabliert waren und aus irgendeinem Grund dem System rausgefallen sind. Zum Beispiel eben ein Bar-Pianist, der 20 Jahre in einem Hotel war, gut verdient hat, sich ein Haus gebaut hat, und plötzlich sagt ihm das Hotel, er könne nicht mehr spielen. Zum Teil auch wirklich bekannte Musiker, wo man sich fragte, wie es sein kann, dass die beim AMS landen. Ich habe in dieser Zeit habe extrem viel über die Lebenswirklichkeit von Musikschaffenden kennengelernt und das System. Im mica waren wir auch, wo uns damals noch Helge Hinteregger das Musikbusiness erklärt hat. Dann haben wir Tonstudios besucht, etwa Thomas Rabitsch, der uns Musikproduktion erklärt hat. Das Feedback bei diesen Kursen war immer ziemlich gut, obwohl es auch eine ziemliche Herausforderung war. Für viele der Teilnehmer:innen war das ja keine freiwillige Maßnahme, sondern eine Pflichtmaßnahme, um Arbeitslosengeld beziehen zu können.

Wie ging es dann weiter?

Christoph Gruber: Genau so schnell, wie es losgegangen war, war es auch wieder vorüber. Ich habe an einem Freitag erfahren, dass der Kurs am Montag nicht mehr stattfindet, weil das AMS die Kursprogramme umgestellt hat. Und so habe ich probiert, diesen Lehrgang, wie er bestand, extern mit Partnern anzubieten. Letztendlich bin ich beim WIFI gelandet und der Kurs war dann auch wirklich eine Zeit lang im Kursprogramm, es hat ihn nur keiner gebucht. Dann ergab es sich zufällig, dass die IFPI gemeinsam mit zwei Major Labels parallel beim WIFI vorstellig wurde, weil sie einen Musik-Business-Crash-Kurs für angehende Label-Mitarbeiter installieren wollten. Und so kam eins zum anderen.

Nun gibt es zwischen kleinen und großen Labels sehr große Unterschiede in der Auffassung, wie Musik-Business betrieben wird. War das nicht problematisch?

Christoph Gruber: Meine Ansicht war immer: Wir brauchen alles, wir brauchen das mica genauso wie die Major-Labels. Und wir brauchen nicht nur Männer, sondern auch Frauen als Vortragende. Ziel war es, einen Lehrgang aufzustellen, der möglichst breit die alle Meinungen im Musik-Business widerspiegelt. Nicht selten haben sich die Vortragenden sogar widersprochen. Es ging nie darum, den Teilnehmern etwas zu verkaufen. Du kannst nicht sagen, genau so ist Musik-Business, sondern jeder muss eigentlich seinen eigenen Weg finden. Es ging in diesem Lehrgang immer eher darum, so eine Art Crash-Kurs und einen Reality-Check zu bieten. Wir hatten einmal eine Sängerin, die nach fünf Wochen Kursen nicht mehr Musikerin werden wollte, weil ihr klar geworden war, dass sie sich eine vollkommen falsche Vorstellung davon gemacht hatte, wie das Business abläuft. Viele haben ein eine Illusion davon, wie es ist, im Musik-Business zu leben.

Wie wichtig ist der Vernetzungs-Aspekt?

Christoph Gruber: Enorm wichtig. Das ist eine ausgedehnte Vernetzungsveranstaltung. Es geht in hohem Maße darum, dass sich die Leute untereinander kennenlernen, dass sie mit den Leuten zu tun haben, mit denen sie dann auch später im Business zu tun haben. Und ein Verständnis auf Augenhöhe erarbeiten, damit Win-Win-Situationen entstehen können.
Was ich erstaunlich fand ist, dass sich die Vortragenden beim ersten Meeting oft erst kennengelernt haben. Da saßen plötzlich Leute von Warner, vom mica, dem Musikfonds und den Bundesministerien zum ersten Mal an einem Tisch.

Wie setzt sich der Kurs heute zusammen? Wer nimmt daran teil?

Christoph Gruber: Ein Drittel sind immer Musiker:innen, Musikschaffende, die sich abseits ihrer künstlerischen Tätigkeit mit dem Musikbusiness beschäftigen wollen. Ein Drittel sind immer Leute, die schon im Business arbeiten. Ich finde das immer total spannend. Ich hatte schon Leute, die bereits zwanzig Jahre bei einem Label arbeiteten, aber endlich einmal wissen wollten, wie Management und Booking funktionieren. Das letzte Drittel setzt sich immer aus totalen Quereinsteigern zusammen. Das sind Leute, die kommen über das WIFI rein. Vom Kraftfahrer, der nebenbei Beats produziert, bis zum Organisator der „World of Hans Zimmer“-Tournee, der einfach mal wissen will, wie das Pop-Business funktioniert. Diese enorme Bandbreite ist sehr befruchtend: Da sitzt dann zum Beispiel ein Black-Metal-Typ und lernt von einem Major-Label-Mitarbeiter, wie man Marketing im Schlagerbereich macht.

Was ist der größte Aufwand?

Christoph Gruber: Die größte Investitionszeit war eigentlich das Aufstellen eines guten Lehrgangskonzepts. Das hat beim ersten Mal aber so gut funktioniert, dass ich seit 2017 den Kurs immer ins nächste Jahr mitnehme. Was sich geändert hat: Als ich angefangen habe, waren es zwölf Vortragende, jetzt sind wir bei zwanzig. Mittlerweile werden auch über 50% der Inhalte von Frauen vorgetragen, und es gibt ein eigenes Modul zu Gleichstellung und Diversität im Musikbusiness.

Und thematisch seid ihr sehr breit aufgestellt.

Christoph Gruber: Ja. Das wirklich Spannende an diesem Lehrgang ist diese bunte Mischung an Genres und Fachwissen, und die Diversität der Teilnehmer:innen: Es gibt Business Einsteiger genauso wie Leute, die schon mehr als zwanzig Jahre Erfahrung, aber trotzdem noch immer blinde Flecken haben. Und genau diese blinden Flecken wollen sie auflösen. Auch dafür ist der Kurs perfekt geeignet.

Seit ihr den Kurs anbietet, hat sich der Musikmarkt stark verändert. Welche thematischen Anpassungen waren notwendig?

Christoph Gruber: Es sind eigentlich ständig Anpassungen notwendig, die gehen allerdings nicht von mir, sondern von den Vortragenden selbst aus. Die Vortragenden sind im aktuellen Tagesgeschäft tätig und nehmen aktuelle Themen sofort auf.

Was würdest du als das Wichtigste ansehen, was der Kurs vermittelt?

Christoph Gruber: Enorm wichtig ist es, den Teilnehmenden das Musikbusiness nicht schönzureden, sondern klar zu machen, dass es wirklich ein hartes Business ist.

Aber sie auch nicht zu entmutigen, oder?

Christoph Gruber: Das ist das Schwierige: Einerseits klarzumachen, wie das Business funktioniert, andererseits aber nicht zu entmutigen. Im Gegenteil: Das, was die erfolgreichen Musiker:innen von den weniger erfolgreichen unterschiedet ist, dass die Erfolgreichen drangeblieben sind.
Als ich Jazzgitarre studiert habe, hat es in der Ausbildung null Unterricht zum Thema Musikwirtschaft gegeben. Einzig Christian Muthspiel, der damals Jazztheorie unterrichtet hat, bot einen freiwilligen Nachmittag über Musikwirtschaft an. Der hat das total super gemacht. Er hat vom kreativen Prozess, also von seiner Person ausgehend erzählt, wie schreibt er, wie komponiert er, wie der kreative Prozess des Komponierens funktioniert, bis hin zur Werkanmeldung bei der AKM, wie man auf Veranstalter zugeht, wie ein Technical Rider aussieht, wie man Honorarnoten schreibt und schließlich wie man sein Einkommen versteuer und was zu tun ist, wenn die erste Sozialversicherungsrechnung ins Haus flattert. Das muss man sich vorstellen: Das war ein freiwilliger Kurs, den die Uni damals nicht bezahlt hat.

Dabei sollte es Priorität sein, Musikschaffenden auch das Rüstzeug mitzugeben, mit ihrer Musik auf dem Markt zu reüssieren. Leider geht das nur über Credits bzw. ECTS-Punkte. Viele Musiker:innen fokussieren immer noch viel zu stark auf die Virtuosität und unterschätzen das Business.

Christoph Gruber: Das muss ich leider bestätigen. Wenn du Musik studierst, bist du total in der Kunst drinnen und dich interessiert eigentlich weder Marketing noch Urheberrecht besonders. Das ist eine Sache, die man den Musikschaffenden mitgeben muss, dass man sagt: Moment, das ist eigentlich Teil des kreativen Prozesses.
Potenziell hätten damals bei Muthspiel wahrscheinlich mehr als 100 Studierende drinsitzen sollen, wir waren aber, wenn ich mich recht erinnere, zu zehnt. Nur zehn Leute also, die sich für das Thema Musikwirtschaft interessiert haben. Ich habe damals genau gewusst, dass das mindestens genauso wichtig für die Karriere ist wie das Musikmachen selbst und habe davon enorm profitiert. Das sollen auch möglichst viele andere!

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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Der Lehrgang Musikbusiness ist als Weiterbildungs-Angebot für MitarbeiterInnen von Musiklabels, Verlagen, Konzert- und Bookingagenturen, TV- und Rundfunksendern sowie für Musiker:innen und andere Interessierte aus der Musikbranche konzipiert.

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