Sie sind der Geist der Jugend, machen Parodien über die Absurditäten dieser Welt und sind gerade dabei, die österreichische Musiklandschaft zu stürmen: Nach der Single „Einmal im Leben“ und dem Album „Nummer #1“ sind TOP! der ultimative Geheimtipp der österreichischen Pop-/Rock-Szene. Antonia Seierl sprach mit CHRIS SCHALLER, JULIAN SCHALLER, JOSH MAIER und KEITH KONRAD über ihren Sound, den Selbstoptimierungszwang der Gesellschaft und musikalische Arbeitsprozesse.
Wie kam es zu, Bandnamen TOP!?
Chris Schaller: Wir wollten etwas Deutsches haben, was aber auf Englisch auch funktioniert. Etwas Kurzes, etwas Leichtlebiges. Auf Deutsch sind Namen oft so schwermütig, wenn man Dunkelbunt hört, würde man nicht annehmen, dass die Tanzmusik machen. Diese Schwermut wollen wir nicht, auf keinen Fall irgendeine Nominalverbindung, daher sollte es einfach ein Wort sein und da ist es dann TOP! geworden.
„Wir sind stilistisch so divers, dass ein Genre keinen Sinn macht.“
Sie bezeichnen Ihren Sound als „Dröhnemeier“ – was kann man sich darunter vorstellen?
Julian Schaller: Das gibt einen Bezug zum Grundkonzept dieser Band: Der Dröhnemeier ist der fiktive Sohn von Herbert Grönemeyer. Er hat nichts gelernt, weil er meistens betrunken ist, und das beschreibt uns und unsere Einstellung zur Umwelt sehr gut. Aber nicht, weil wir nichts gelernt haben und ständig betrunken sind [lacht].
Chris Schaller: Das war unser Versuch, unsere Musik zusammenzufassen. Wenn man nur sagt, man mache Pop/Rock, stimmt das zwar irgendwie, aber es ist, finde ich, nicht so relevant, sich in Genres zu stecken und diese zu benennen. Ich fasse das gerne in dem Sinne zusammen: Wenn man fortgeht, will man bei Liedern mitsingen können und deppert herumspringen, und das geht zu unserer Musik – zumindest wir können das ganz gut. Das Wort „Dröhnemeier“ ist eine gute Möglichkeit, unseren Sound tatsächlich zu beschreiben.
Josh Maier: Wir sind stilistisch so divers, dass ein Genre keinen Sinn macht. Außerdem kann man so etwas erst im Nachhinein bestimmen – so etwas muss entstehen.
Wie kann man sich bei Ihnen Produktionsprozesse in der Musik vorstellen? Ist das eher spontan oder durchgeplant?
Josh Maier: Der Grund, dass unsere Musik so verschieden ist, ist wahrscheinlich, dass die Prozesse so verschieden ablaufen. Es geht alles davon aus, dass jemand Akkord- oder Riffideen hat oder dass jemand mit einem mehr oder weniger fertigen Lied kommt und nur noch die Sounds innerhalb der Band ausgewählt werden, aber es gibt nicht den einen Weg. Julian und Chris schreiben natürlich sehr viel beziehungsweise den größeren Teil. Wenn es einen Weg gibt, dann geht er von den beiden aus, da sie auch zusammenwohnen. Innerhalb der Band schauen wir dann nur noch, dass die Dynamik passt und so entwickelt sich im Proberaum mit der Zeit der Song.
Keith Konrad: Es steckt immer eine Entwicklung dahinter. Manchmal entsteht etwas erst im Studio, wenn man den Song hört und plötzlich neue Ideen hat, was anderes wird beim Livespielen noch abgeändert, aber es gibt auch Sachen, die nach zehn Minuten fertig sind.
Julian Schaller: Ich glaube, wir unterscheiden uns da nur bedingt von anderen Pop-Bands. Die Musik basiert auf Texten und Gesangsmelodie – wenn es mal ein Gitarrenriff oder eine Synthesizermelodie gibt und dann ein Text dazu passt, kann man das weiterentwickeln. Da sitzt einer von uns dann vielleicht noch zu Hause und überlegt sich Strophen dazu. Es kann aber auch passieren, dass dieser Text im Proberaum wieder verworfen wird. Derjenige, der das geschrieben hat, ist dann vielleicht auch noch beleidigt [lacht].
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Haben Sie bestimmte Vorbilder? Wo kommt die Inspiration her?
Julian Schaller: Wir sind, glaube ich, mehr so die „Misch-Hörer“, die sich quer durch alle Genres hören.
Chris Schaller: Julian hat mir schon oft einen Screenshot von Spotify geschickt, auf dem man sieht „Chris Schaller hört gerade …“ Ich höre gerade eine sehr peinliche Nummer und er rügt mich dann immer, dass das ja jeder sieht [lacht]!
Josh Maier: Jeder hört mal „peinliche“ Sachen, ich höre auch gerne die Spice Girls – aber die Wurzeln haben wir alle im Rock, in den letzten Jahren haben wir uns musikalisch ein bisschen geöffnet.
Julian Schaller: Der kleinste gemeinsame Nenner ist, dass so etwas nicht nur eine stilistische Frage ist, sondern der gesamte künstlerische Ausdruck da reinfällt. Das macht sich in unserem Sound bemerkbar – das ist „Dröhnemeier“. Ich muss sagen, wenn ich Musik höre, müssen da ein Text und eine Melodie, die ins Ohr gehen, sein. Da muss ein Element sein, das irgendwie leiwand ist. Fünf Minuten lang denselben Minimalbeat zu hören, wäre nichts für mich.
Josh Maier: Stimmt, dass, was uns gemeinsam ist, ist, dass wir Musik wollen, die irgendwie aufregend ist, die eher emotional ist – wir können alle nicht so mit Singer-Songwriter Songs, die dahinplätschern. Das ist wahrscheinlich das, was uns am ehesten vereint.
Chris Schaller: Mir ist das Lebhafte sehr lieb, deswegen klingen viele unserer Lieder sehr nach Upbeat und Fröhlichkeit – mittlerweile haben wir aber auch ein paar Songs, die schwermütig sind.
Wie haben Sie einander kennengelernt? Wie lange kennen Sie einander schon?
Josh Maier: Chris, Julian und ich kennen uns eigentlich seit dem Kindergarten, wir sind in derselben Gegend aufgewachsen.
Julian Schaller: Unser Keyboarder, Paul Brezina, war ein Schulkollege im Gymnasium.
Chris Schaller: Keith kennen wir vom Fortgehen am Arena Open Air, glaube ich.
Josh Maier: Ja, das ist jetzt auch schon über zehn Jahre her!
Julian Schaller: Wir waren aber nicht immer in derselben Band. 2013 sind wir draufgekommen, dass die Konstellation so eigentlich gut passt. Der Musikprozess ist ja doch ein sehr persönlicher, man muss einander vertrauen können. In dieser Band funktioniert das auch auf persönlicher Ebene sehr gut.
Das heißt, Sie waren alle schon einmal in anderen Bandprojekten?
Julian Schaller: Ja, auch jetzt noch. Josh zum Beispiel ist gerade mit einer anderen Austropop-Band unterwegs, Keith und Chris haben auch andere Projekte nebenbei.
Keith Konrad: Kreativ ist aber sicher diese Band am wichtigsten.
Josh Maier: Den maximalen Output und die meiste Energie stecke ich auch sicher in TOP!.

„Die Generation, in der wir leben, ist von einem Selbstoptimierungszwang ergriffen.“
Mir ist bei Ihren Musikvideos aufgefallen, dass sie immer einen gewissen Lebensstil repräsentieren – Einstellungen wie „YOLO“ und „Was ist das für 1 Life“ kommen bei den Videos sehr stark zum Vorschein. Vertreten Sie im realen Leben auch diesen Lebensstil oder ist das eher ein Image?
Josh Maier: Ja und nein. Wir sind sehr freiheitsliebend, aber das Problem, das wir in „Weil ich’s kann“ zum Beispiel ausdrücken, ist, dass die Leute sich selbst unter einen wahnsinnigen Selbstoptimierungsdruck stellen, und zwar nicht bei Sachen, die wichtig sind, sondern bei unbedeutenden Sachen. So wollen wir nicht leben und wir wollen den Leuten auch ein bisschen helfen, loslassen zu können.
Julian Schaller: Die Generation, in der wir leben, ist von einem Selbstoptimierungszwang ergriffen. Wir sind mit dem Rock ’n’ Roll aufgewachsen, bei dem man die Selbstzerstörung und das Unbedarfte mehr oder weniger entfalten kann. Durch diverse Entwicklungen, wie etwa Social Media, wird man gezwungen, sich mit anderen zu vergleichen und in einen Leistungskontext stellen, sich anzupassen. Das widerspricht dem, woher wir kommen. Das Lebensgefühl, das sich zurzeit mit „Was ist das für 1 Life“ oder „YOLO“ ausdrückt, wollen wir zusammenfassen. Es ist eine Reaktion auf diese gesellschaftliche Situation.
Chris Schaller: Überall, wo man hinsieht, liest man von der Digitalisierung. Was machen die Menschen, wenn es keine Arbeit mehr gibt? Ganz einfach: feiern. Es kommt nämlich das Zeitalter des Dröhnemeier [lacht]! Da hätte man den Vergleich zwischen Dröhnemeier und Biedermeier.
Josh Maier: Der Dröhnemeier zielt darauf ab, dass sich die Leute von Aktionismus zurückziehen, weil sie von der Komplexität der Welt überwältigt sind. Den Rückzug spricht der Dröhnemeier auch an. Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Die Musik, die wir machen, geht mit dem Selbstdarstellungseffekt des Scheiß-drauf-Lebensstils einher.
Keith Konrad: Die Szenen in den Videos sind nicht unbedingt gespielt. Es hat jeder die Disziplin, dass er weiß, was er ungefähr tun muss, aber gespielt ist es nicht.
Julian Schaller: Es kommt auch immer darauf an. In „Weil ich’s kann“ ist das eher ein Appell zu mehr Selbstbewusstsein plus ein Kommentar zum Größenwahn der Jugend, aber wir sind natürlich nicht immer so. Wir kennen auch Ängste, Unsicherheiten, aber wir verarbeiten in unserem Sound eben die Auseinandersetzung mit diesen Themen. Wir sind keine Menschen, die jedes Wochenende fortgehen und sich nie selbst infrage stellen.
Ihre Texte sind oft sehr gesellschaftskritisch, verlieren dabei aber nie an Witz. Nehmen Sie Ihre Texte als Gesellschaftskritik ernst oder sehen Sie sie als reine Parodie?
Chris Schaller: Die Texte sind schon kritisch, aber wir wollen niemandem den Spiegel vorhalten. Wir finden viele Dinge sehr lustig, weil sie absurd sind, aber wir wollen keinen aktiv zum Nachdenken überreden.
Julian Schaller: Ich würde grundsätzlich nicht widersprechen, dass wir eine Tendenz dazu haben, einen Appell an das Publikum zu richten – dass man sich zum Beispiel selbst kritisch beobachtet. Die Musik, die wir machen, soll immer Mut machen, sie soll beschwingen. Unser Ziel ist nicht, nur in melancholischer Stimmung zu schwelgen, dafür sind unsere Nummern auch zu lebhaft und optimistisch. Aber trotzdem sind die Texte oft zynisch, weil das Leben auch so ist. Es ist immer wieder schön und immer wieder richtig schlecht. Mit diesen Momenten zurechtzukommen – das ist der Antrieb, aus dem heraus wir Musik machen.
Wer macht Ihre Musikvideos?
Julian Schaller: „Piece of Cake Films“. Inzwischen haben wir mit dieser Produktionsfirma drei Videos gemacht, das Aktuellste ist das Video zur Single „Einmal im Leben“. Das haben wir auf Mallorca gedreht – das war eine schöne und doch emotional intensive Erfahrung. Wir haben uns einen alten 80er-Jahre-Camper gemietet und sind nach Roadtrip-Manier durch die hügelige Landschaft Mallorcas gefahren.
Josh Maier: Der Regisseur ist Patrick Wally, mit dem entwickeln wir immer die Ideen für die Videos.
Was wollen Sie Ihren Fans mit der Single „Einmal im Leben“ in den Sommer mitgeben?
Chris Schaller: Der Sommer ist nur ein Mal im Jahr!
Josh Maier: Dass sie den Druck einmal rausnehmen, dass sie die Zweifel, die sie haben, und auch Visionen von der Zukunft einfach weglassen und im Sommer einmal leiwand sind.
Julian Schaller: Jede und jeder fühlt sich ab und zu schlecht, aber man muss sich manchmal daran erinnern, dass man mit diesem Gefühl nicht allein ist.
„Das Coole an einer Band ist ja eigentlich das Livespielen.“
Seit 12. Mai ist Ihre neue Single auf dem Markt. Folgt ein Album?
Julian Schaller: Der Plan ist nicht, dass wir gleich ein zweites Album liefern, es wird eher eine EP geben. Die Musikproduktion ist zwar gut möglich, auch ohne Label, aber sie ist auch sehr anstrengend. Das Coole an einer Band ist ja eigentlich das Livespielen, wir wollen daher weniger ins Studio, sondern mehr auf die Bühne.
Josh Maier: Das Gute, wenn man eine Single oder EP online publiziert, ist, dass sehr viel Arbeit wegfällt. Die Produktion einer physischen CD dauert doch fast ein halbes Jahr.
Chris Schaller: Wir haben zurzeit ein Repertoire von etwa fünfzehn bis zwanzig Stücken und das können wir gut live spielen. Es werden sicher noch ein paar Nummern rauskommen, ein paar sind aber bereits mehr oder weniger fertig.
Vielen Dank für das Gespräch.
Antonia Seierl
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