Jazz in Niederösterreich

Lange Zeit schien es nach der öffentlichen Wahrnehmung so zu sein, als würde alles Spannende, Interessante und Innovative, das im Jazz in Österreich passiert, vorwiegend in Wien oder Graz stattfinden. Dieser Zustand hat sich in den vergangenen Jahren erfreulicherweise dann doch verändert. Vor allem auch in Niederösterreich scheint sich in der jüngeren Vergangenheit eine neue junge Szene formiert zu haben, die den großen Zentren des Landes Konkurrenz machen kann. Wiewohl man natürlich auch dazusagen muss, dass es immer schon MusikerInnen gegeben hat, die ihren Weg aus Niederösterreich auf die internationalen Bühnen gemeistert haben. Man denke nur an Karl Ritter, Harry Sokal, Georg Breinschmid oder Thomas Gansch, die allesamt heute zu den prägenden Persönlichkeiten der heimischen Jazzwelt zählen.

Blickt man alleine auf die inzwischen vielen internationalen Festivals und Veranstaltungen, die über alle Monate verteilt, landauf, landab, vom Weinviertel bis zum Mostviertel, vom Waldviertel bis zum Industrieviertel über die Bühne gehen, so ist ein sehr lebendiges und vielfältiges Treiben zu beobachten. Auch ist die Zahl der Jazzclubs, die als Orte des musikalischen Austausches und Zusammentreffens eine wichtige und bedeutende Rolle einnehmen, stetig im Wachsen begriffen. Ebenfalls zu erwähnen ist das vielfältige Angebot an Akademien und Seminaren, die sich vor allem unter den talentierten und dem Jazz zugeneigten NachwuchsmusikerInnen einer immer größer werdenden  Beliebtheit erfreuen.

Niederösterreich ein Sommerfestival-Land

Besonders in den Sommermonaten bietet sich dem jazzaffinen Publikum eine breite Auswahl, wobei nicht einmal so sehr die große Zahl an Veranstaltungen ins Gewicht fällt. Jazzfestivals gibt es anderswo ja genauso. Eine besondere Anziehungskraft üben vielmehr die Spielstätten und Orte selbst aus, die allesamt mit ihrem ganz eigenen Charme und Flair zu punkten wissen. So locken die vor einer imposanten Naturkulisse stattfindenden wellenklänge oder das ebendort angesiedelte und  von dem Elektronik-Pionier Hans Joachim Roedelius programmierte More Ohr Less Festival Jahr für Jahr hunderte Musikbegeisterte aus allen Himmelsrichtungen an den Lunzer See. Ebenso das internationale Grenzfluss World Jazz Festival, welches mit seinen ständig wechselnden Schauplätzen den Gästen neben spannenden und interessanten musikalischen Darbietungen auch die Region entlang der Donau, zwischen Linz und dem Strudengau, näher zu bringen versucht.

Ländlich idyllisch, familienfreundlich und fern von jeglichem Stress eines Großveranstaltungsformats geht es bei dem hiesige & dosige Festival in Wieselburg, dem Schrammelklang Festival in Litschau und dem Jazz&Wine Summer in Poysdorf her. Nicht zu erwähnen vergessen darf man das inzwischen seit vielen Jahren stattfindende und vom Folkclub organisierte Musikfest in Waidhofen an der Thaya und das Viertelfestival NÖ, die alljährlich eine Vielzahl namhafter MusikerInnen und Bands aus allen Himmelsrichtungen anlocken. Den international vielleicht prominentesten Ruf genießt das Glatt & Verkehrt Festival, welches die Stadt Krems alljährlich einen Monat lang in ein bedeutendes Zentrum für die Weltmusik und den Jazz verwandelt.

Die Jazzclubs – die Orte der musikalischen Begegnung

Zu einer jeden wachsenden Musikszene gehören auch jene Orte, welche dieser überhaupt den Platz bieten, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und auch hier hat sich in der jüngeren Vergangenheit vieles in die positive Richtung entwickelt. Neben bereits etablierten Spielstätten wie etwa dem Jazzkeller Krems, der am 31.12.1999 erstmals seine Pforten geöffnet hat und vor allem für die VertreterInnen der jungen Generation eine bedeutende Anlaufstelle geworden ist, sind auch in anderen niederösterreichischen Städten, mehrere Clubs entstanden, in denen der Jazz eine Heimat hat. Man denke nur an die Kulturmü´µ in Hollabrunn, Die Bühne in Purkersdorf oder das Artefact in Mistelbach. Ebenfalls aus dem Musikleben des Landes nicht mehr wegzudenken ist der Jazzclub in Horn, der vom Verein Jazz*W4horn 2008 auf den Weg gebracht, sich nunmehr als bedeutende Institution etabliert hat.

Auch in der Hauptstadt St. Pölten kann natürlich den gediegenen jazzigen Klängen gelauscht werden. Hier ist es vor allem das Café Publik im Festspielhaus, das mit seiner ausgetüftelten und abwechslungsreichen Programmschiene zwischen Traditionellem und Experimentellen die stetig wachsende Schar von JazzliebhaberInnen in höchstem Maße zu beglücken weiß.

Die Jugend hat den Jazz für sich entdeckt

Dass der Jazz in Niederösterreich tatsächlich lebt, zeigen die vielen jungen MusikerInnen, die sich in den verschiedenen Musikschulen und Akademien mit diesem Genre vertraut machen wollen. Einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreuen sich unter anderem die von der Musikfabrik NÖ veranstalteten beiden Jazzseminare in Zeillern (Jazzakademie Schloss Zeillern) und in Scheibbs (Scheibbser Jazzwoche), in deren Rahmen die jungen MusikerInnen Kurse und Workshops aller Art in Anspruch nehmen können. Das Angebot reicht dabei vom Instrumentalunterricht über Improvisation, Vokalunterricht, Ensemblespiel bis hin zur Jazztheorie.

Mit einem ebenso breiten Spektrum warten auch der von der Kunstwerkstatt Tulln angebotene sommerliche Jazzworkshop, wie auch das Jazzseminar Schönbach, das heuer zum inzwischen fünften Mal über die Bühne gegangen ist, auf. 2012 seine zweite Auflage erlebt hat der Nordic Grooves Musikworkshop in Heidenreichstein im Waldviertel, der seinen Fokus vor allem darauf richtet, die jungen MusikerInnen und Jazzinteressierten mit bereits arrivierten und angesehenen Vertretern der heimischen Szene zusammenzubringen.

Ähnlich auch der Ansatz der bekannten und beliebten österreichischen Schauspielerin und Sängerin Marianne Mendt, der der musikalische Nachwuchs seit langem ein besonders Anliegen ist. Das von ihr gemeinsam mit dem Bassisten Werner Feldgrill 2004 ins Leben gerufene und alljährlich stattfindende MM Jazzfestival hat vor allem zum Ziel, den vielen, über eine Audition ausgewählten jungen Talenten eine Bühne zur Präsentation zu schaffen und ihnen darüber hinaus auch die Erfahrung zu vermitteln, wie es sich anfühlt, mit Profimusikern zusammenzuarbeiten und mit ihnen an Stücken zu feilen.

Es tut sich, wie man sieht, aus jazzmusikalischer Sicht in Niederösterreich also einiges. Die oftmals zu Unrecht als zu komplex verschrieene Musikform kommt bei immer mehreren Leuten an und stößt auch unter den Jugendlichen auf viel Gegenliebe. Es ist eine kreative und innovative Szene entstanden, deren Potential aber noch lange nicht zur Gänze ausgeschöpft ist. Was auch immer in der Zukunft noch alles passieren wird, der Jazz als Musikform hat auch im größten Bundesland Österreichs seine vielen Anhänger gefunden. Zu verdanken ist dies vor allem auch den vielen Beteiligten und Wegbereitern, die mit einer großen Portion Idealismus und ihrer Liebe zur Musik in der Lage waren, die Faszination für den Jazz auch bei jenen zu entfachen, die bislang mit diesem Genre eher weniger zu tun gehabt haben.  (mt)

Fotos 1,2: Florian Schulte/Glatt&Verkehrt 2012
Foto 4:  www.mmjazzfestival.at