Bild (c) Thomas Thurmher

Innere Klangwelten nach Außen tragen – Thomas Thurnher feiert vor allem mit Chorwerken Erfolge

Der Komponist und Pädagoge Thomas Thurnher hat sich in den vergangenen Jahren vor allem in der österreichischen Chorszene einen Namen gemacht hat. Aufführungen bei renommierten Festivals fanden und finden viel positive Resonanz. Beispielsweise komponierte Thomas Thurnher im Auftrag von „Styria cantat“ das 6-stimmige Chorwerk „Anblick“, das unter der Leitung von Franz Herzog in Graz uraufgeführt worden ist. Dort wurden vor wenigen Monaten auch der Hauptteil seiner „Meditationen von San Giulio“ erstmals vor-aufgeführt. Im Sommer wird das Auftragswerk „Trinklied“ nach einem Text von Michael Donhauser im Rahmen des 49. Internationalen Chorwettbewerbes in Spittal an der Drau von Chören aus vier Kontinenten zur Uraufführung gebracht. Ende März wird die Motette „Alles ist Windhauch“ für Bass-Solo, Chor und Streicher in Hard zu hören sein. Neben diesen bedeutenden Wegmarken im Genre der Chormusik ist Thomas Thurnher auch die Instrumentalmusik ein Anliegen. Das renommierte Henschel-Quartett wird im Rahmen von Dornbirn-Klassik nächstes Jahr seine „Kinderwirklichkeiten“ zum ersten Mal spielen. Im Gespräch mit Silvia Thurner erzählt der 46-Jährige Dornbirner von seinen Ideen, seinem Selbstverständnis als Komponist und seinen Beziehungen zur musikalischen Tradition.

Du hast in den vergangenen Jahren vor allem mit deinen Chorwerken Erfolge gefeiert. Welches Selbstverständnis hast du als Komponist?

Thomas Thurnher: Ich habe selbst viel im Chor gesungen und war als Chorleiter tätig. Ich kenne den Chorgesang von der Pike auf. Deshalb weiß ich genau wie man für Chor schreiben muss, damit die Musik optimal funktioniert. Ich habe mein Handwerk  schließlich gelernt und muss in der Lage sein, an mich herangetragene Aufträge so zu erfüllen, dass die Leute etwas bekommen, mit dem sie Freude haben können. Wenn ich will, dass die Interpreten meine Musik gut umsetzen, muss ich ihnen die Werke fast ein bisschen auf den Leib schneidern.

– Den Notentext reduzieren –

Welche Überlegungen sind dir für dein Schaffen wichtig und wie möchtest du deine Musik verstanden wissen?

Thomas Thurnher: Die gegenwärtige Avantgarde betrachte ich mit großer Skepsis. Wenn es keine „Garde“ mehr gibt, wie will sich dann die „Avant-Garde“ positionieren? Ich versuche Musik zu schaffen, die andere Wege geht. Deshalb orientiere ich mich nur an meinen Ideen. Für mich ist wichtig, dass meine Musik eine Zuhörerschaft erreicht und ich habe einen Weg gefunden, der funktioniert. Meine Stücke werden gerne aufgeführt und von den Interpreten und vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Mir ist klar, je genauer ich den Kern des Gedankens treffe, desto überzeugender wird die Sache. Damit entziehe ich mich gleichzeitig diesem unseligen Modernisierungsdruck. Am Ende ist es nicht interessant, wie „modern“ ein Stück ist. Wichtiger ist, ob die Idee verstanden wird. Alles andere stellt sich dann ein.

– Die eigenen Wurzeln kennen –

Die frühe Mehrstimmigkeit des Perotin und der gregorianische Choral scheinen in deinen Werken gelegentlich durchzuschimmern.

Thomas Thurnher: Gregorianischen Choräle, die Organa des Perotin oder auch die Gesänge der Hildegard von Bingen besitzen ein großes metaphysisches Potential, das mich fasziniert. Die Welten, die sich dort offenbaren, will ich mit meinen Tönen von meiner Position aus bereisen. Überdies bin ich ein Kind der europäischen Tradition, von der ich gelernt habe und die mich geprägt hat. Ich bin mir dessen bewusst und könnte ohne diese Verbindung – weil mir der Boden unter den Füßen fehlen würde – nicht schöpferisch tätig sein.

– Szenerien schaffen –

Nach welchen Kriterien sondierst du die Lyrik, die du deinen Vokalwerken zugrunde legst?

Thomas Thurnher: Ich sammle Gedichte. Ständig und gezielt bin ich auf der Suche. Wichtig ist mir, neue Lyrik zu finden. Altes vertone ich selten. Daran klebt das Parfum einer vergangenen Zeit. Neue Musik mit alten Texten – das ist eine große Herausforderung. Manchmal springt mir ein Text aber auch ganz zufällig entgegen, wie beispielsweise der Kohelet-Text.

Welche Überlegungen leiten dich bei der Komposition von Instrumentalmusik, wenn du keine Texte als Inspirationsquelle hast?

Thomas Thurnher: Immer erfinde ich eine Szenerie oder sehe einen Gestus. Ich muss mir das bildlich vorstellen, je klarer, umso besser. Solange die inneren Bilder nicht wirklich scharf sind und die Strukturen immer wieder verschwinden, treffe ich den Ton nicht.

– Monolog mit Resonanzen –

„Alles ist Windhauch“ nach Texten aus dem Buch Kohelet für Bass-Solo, Chor und Streicher wird Ende März uraufgeführt. Wie hast du das Werk angelegt?

Thomas Thurnher: Ich habe versucht, Kohelet, einen Gelehrten des Alten Testaments, tatsächlich als Person abzubilden. Ich habe ihn in eine Szenerie hinein gestellt, in der er vordergründig mit sich selbst spricht. Um ihn herum gibt es allerdings Stimmen, die ihm Antworten suggerieren. Diese Funktion übernimmt der Chor. So entsteht eine Art Zwiegespräch. Aus der anfänglichen Skepsis des Kohelet und aus seinem Pessimismus entwickelt sich im Laufe des Werkes eine Art Gelassenheit.

– Instrumentalmusik schaffen –

Möchtest du dich in Zukunft auf die Chormusik konzentrieren oder ist dir die Instrumentalmusik ebenso wichtig?

Thomas Thurnher: Neben der Chormusik möchte ich mich nun wieder mehr der Instrumentalmusik widmen. Zwar unterstützt mich der Chorverband Vorarlberg sehr, wenn beispielsweise Oskar Egle oder Axel Girardelli mich gelegentlich mit einem reizvollen Auftrag betrauen. Auch Guntram Simma führt immer wieder Werke von mir auf. Darüber bin ich sehr dankbar. Von Seiten der Instrumentalisten fehlt mir dieser „Pusch“ leider etwas. Ich habe das Gefühl, den Musikern und Ensembles in Vorarlberg muss man seine Werke fast aufs Auge drücken und es kommt trotzdem selten zu einer Aufführung. Mich stört vor alle, dass viele Interpreten ihr Publikum vorschnell mit allzu gängigen Programmen abspeisen, obwohl viele Konzertbesucher eigentlich großes Interesse auch an weniger Bekanntem und Neuem hätten.

Welche Vorhaben hast du für die nächste Zeit?

Thomas Thurnher: Derzeit arbeite ich an einer „Übermalung“ von Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen.“ Daneben habe ich Ideen für ein „neues Stück für altes Ensemble“. Und immer unter dem Kopfpolster liegt das „Höhlengleichnis von Platon. In dieser Parabel sehe ich den Urgrund allen Kunstschaffens. Das wäre dann wohl mein „opus magnus“, das reizt mich sehr.

Danke für das Gespräch.

Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur, März 2012 erschienen.

Factbox:
Samstag, 31. März, Thomas Thurnher „Alles ist Windhauch“ UA
Singgemeinschaft Hard, Pfarrkirche St. Sebastian, 19.00 Uhr.