„INGEBORG BACHMANN IST IN IHREN THEMEN EXTREM AKTUELL“ – HUMMING LIGHTS IM MICA-INTERVIEW

Unter dem Bandnamen HUMMING LIGHTS veröffentlichen SUSANNE KUBELKA und DIRK SCHILLING eine 4-Song-EP, auf der sie Gedichte von INGEBORG BACHMANN vertonen. Jürgen Plank hat mit den beiden über ihre Herangehensweise an die Texte von Bachmann gesprochen, die als eine der größten Lyriker:innen des 20. Jahrhunderts gilt. Außerdem erzählt die Band vom serbischen Trompeter ANDREJ MAKSIMOVIĆ, der bei der Produktion mit an Bord war und davon, welche Verantwortung sie im Umgang mit dem Textmaterial gespürt hat. HUMMING LIGHTS agieren von Kärnten aus, die Präsentation der EP findet im Musil Haus in Klagenfurt statt, an dessen Fassade ein Graffiti zu sehen ist, das INGEBORG BACHMANN abbildet.

Heuer jährt sich der Geburtstag von Ingeborg Bachmann zum 100. Mal. Wie hat eure Beschäftigung mit ihrem Werk begonnen und wie ist die Ideen entstanden, ihre Gedichte zu vertonen?

Susanne Kubelka: Ich habe vor rund 15 Jahren in einem Theaterstück eine Figur gespielt, die mit dem Tod zu tun hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mir damals Bachmann-Gedichte gekauft, um etwas zu verstehen und habe die Rolle anhand der Gedichte für mich erarbeitet. Davor habe ich mich nicht mit ihren Gedichten beschäftigt, dann war eine lange Pause und dann wurden wir gefragt, ob wir auf der Heunburg das Stück „Undine“ (Anm.: nach Bachmanns Erzählung „Undine geht“) spielen wollen. Weil der Intendant fand, dass ich viel mit Wasser zu tun habe. Da sind wir draufgekommen, dass wir gerne diese Gedichte von ihr mit in den Undine-Text holen wollen. Also sozusagen über die Mann-Frau-Thematik hinaus gehend zur Thematik Mensch und Kosmos hin, Mensch und Erde. Und das hat für uns sehr gut funktioniert. Und so kamen wir auf die Idee, tatsächlich diese Gedichte zu vertonen. Das waren zunächst sieben Gedichte, die wir begonnen haben zu vertonen, um dann in der Folge einen ganzen Konzertabend damit zu machen. Und wir haben auch erfahren, dass eigentlich Ingeborg Bachmann begonnen hat, Gedichte als Texte für Musik zu schreiben. Und das merkt man.

Dirk Schilling: Während Susanne sich von der Theater- und Schauspieler-Seite angenähert hat, bin ich im weitesten Sinne als elektronischer und improvisierender Rockmusiker, so was in der Art, ganz naiv an die Texte heran gegangen. Ich habe natürlich in meinem Leben auch viele Songtexte gelesen, Klassiker wie Leonard Cohen oder auch Leute aus diesem Spoken-Words-Bereich, Kae Tempest etwa. Was da so passiert, an Lyrik, die mit Musik zusammenarbeitet: da gibt es unheimlich tolle, moderne Künstler und Künstlerinnen. Und als ich diese Texte von Bachmann gelesen habe, habe ich einfach nur gedacht: Alter, sind das krasse Texte, warum hat denn dazu noch niemand, ich hätte jetzt beinahe frech gesagt, anständige Musik gemacht? Damit meine ich, sich den Texten musikalisch so zu nähern, wie ich mir vorstelle, dass Nick Cave an solche Texte herangehen würde. Das war so ein bisschen der Ansatz, den wir verfolgt haben. Wir hatten natürlich auch keine Ahnung, ob wir das hinkriegen, aber wir sind mal losgegangen und jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir gerade sind.

Bild der Sängerin Susanne Kubelka
Susanne Kubelka © Nina Hader

Bei welchem Gedicht von Bachmann war für euch sofort klar: das werden wir auf jeden Fall vertonen?

Susanne Kubelka: Ja, ehrlich gesagt nicht nur eins. „Wie soll ich mich nennen“ ist wie ein Songtext, der fließt einfach dahin. Dann unser „Grenzwalzer“, der hat tatsächlich schon beim Lesen wie ein Walzer geklungen. Und natürlich gibt es dann auch Gedichte, die tatsächlich im Text ganz schwer sind, „Nachtflug“ zum Beispiel, aber trotzdem einfach eine wahnsinnig arge message haben und deswegen vertont werden müssen.

Wenn man Gedichte von jemandem vertont, auch wenn derjenige oder diejenige Lyriker:in ist und das Schreiben handwerklich beherrscht, ist das Singen eines Gedichtes wieder eine andere Baustelle. Habt ihr manchmal gekürzt oder habt ihr euch das nicht getraut?

Susanne Kubelka: Ich war extrem perfektionistisch und nahe am Text und habe manchmal gesagt: Nein, das kann man nicht so machen. Wir haben ganz kleine Stellen verändert, aber natürlich ist es auch super, mit der Musik zu reagieren.

Dirk Schilling: Und bei mir ist es tatsächlich so, dass ich in allen anderen Projekten, bei denen ich vorher selber getextet und auch gesungen habe, seit Jahren großen Wert darauf lege, dass ich nur dann Songs schreibe oder mich mit Songs beschäftige, wenn ich für mich das Gefühl habe, dass ich etwas zu sagen habe. Und meine Methode, das sicherzustellen, ist, dass ich tatsächlich fast immer die Texte fertig schreibe und dann schaue, bei welchen Tracks sich die Kombination aus Text und Musik gut ausgeht.

Von daher ist es für mich oder für uns auch in der Arbeit mit den Bachmann-Gedichten gar nicht so ungewöhnlich gewesen, nicht sofort an jeder Stelle Zugang zu haben, sondern einfach mal so ein bisschen zu warten: wie geht sich das rhythmisch, rhythmisiert aus, wie geht sich das melodisch aus? Meine Erfahrung war und bei unseren beiden Platten, die wir davor gemacht haben, haben wir das auch öfters erlebt: es ist manchmal total magisch, dass es sich dann doch irgendwie ausgeht, ohne dass du viel änderst.

„UNSERE ART SICH DEN TEXTEN ZU NÄHERN, IST GEPRÄGT VON AVANTGARDE-POP UND ROCKMUSIK UND VON ELEKTRONIKMUSIK DER LETZTEN 30 JAHRE“

Die Band Laut Fragen hat auch Texte von Bachmann vertont. Die haben durchaus einen ähnlichen Ansatz, nämlich in Richtung Elektronik und Punk. Habt ihr das mitbekommen?

Bild des Musikers Dirk Schilling
Dirk Schilling © Nina Hader

Dirk Schilling: Unsere Art sich den Texten zu nähern, ist geprägt von Avantgarde-Pop und Rockmusik und von Elektronikmusik der letzten 30 Jahre. Dass andere da schon an die Texte herangegangen sind, wundert mich überhaupt nicht, weil, Bachmann ist in ihren Texten so ein Biest. So genau, so bildhaft und auch so emotional.

Susanne Kubelka: Bachmann ist in ihren Themen extrem aktuell. Es sind Themen, mit denen wir seit einigen Jahren zu tun haben und die uns auch verunsichern. Es sind so viele Fronten da und da gibt es viel Richtiges und viel Falsches. Sie ist da sehr zeitlos. Ich finde es extrem interessant, wie diese Gedichte, die vor so vielen Jahren geschrieben wurden, am Punkt sind, in unserer Zeit. Und wir hatten den Eindruck, dass es ein Gesamtprojekt, für das wirklich ganz viele Gedichte für einen gesamten Abend vertont werden, noch nicht gibt. Aber ich würde Laut Fragen sehr gerne mal hören.

Könnte es sein, dass die Themen am Punkt sind, weil universelle Themen der Menschheit – etwa der Tod – angesprochen werden, die in jeder Generation auftauchen. Welche Themen waren das für dich?

Susanne Kubelka: Ja, auf jeden Fall ist es bei guten Texten oder bei guter Kunst so, dass sie in jeder Zeit funktionieren. Diese Beziehung zwischen Mensch und Natur und Mensch und Kosmos, die finde ich bei Ingeborg Bachmann so besonders. Dass sie einerseits so glasklar und so unbestechlich auf den Menschen schaut und so kritisch ist und gleichzeitig aber diese extreme Verbindung zur Natur hat. Also diese Naturbilder und mitten drin ist der Mensch. Da sind Sätze wie der folgende erneut modern: „zu handeln ist nicht Sache der Piloten. Sie haben Stützpunkte im Auge und auf den Knien ausgebreitet, die Landkarte einer Welt, der nichts hinzuzufügen ist.“ Das ist zum Beispiel ein Satz, der mich jedes Mal so flasht, weil ich finde, dass das halt eines der großen Themen unserer Zeit ist. Was ist der Mensch im Kontext mit unserer Erde?

Habt ihr in irgendeiner Form Verantwortung im Umgang mit diesem Werk gespürt? Man will bestimmt nicht banale oder seichte Musik machen, wie auch immer man das dann definiert.

Dirk Schilling: Ja, die Frage der Angemessenheit ist natürlich eine Frage, die man sich stellt, über die man auch diskutiert und man probiert Dinge aus. Aber wir sind wirklich gut damit gefahren, dass wir eigentlich versuchen, so offen zu sein, wie es nur irgendwie geht, egal ob wir jetzt an Musik oder an Texte oder an die Kombination herangehen. Wir versuchen, im besten Sinne naiv zu bleiben und wir gehen einfach mal los mit dieser Idee: hey, das ist ja nur Musik, wir operieren ja nicht am offenen Herzen, du kannst es immer noch wegschmeißen und was Neues machen. Obwohl: Musik ist schon eine Operation am offenen Herzen, wenn ich gerade darüber nachdenke.

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Aber nie lebensgefährlich, hoffentlich.

Dirk Schilling: Genau, also nicht im Sinne eines Chirurgen, der Mist baut. Das meine ich auch damit. Wir können ja auch nur das, was wir können. Aber ein Bedienen von Komplexität mit komplexer Musik ist uns zu billig gewesen. Klar kannst du da nur Avantgarde-Lärm machen und das funktioniert wahrscheinlich auch für manche. Wir wollten aber wirklich Songs schreiben, das war uns wichtig. Und diese Komplexität und ihre Kraft und ihren Mut auf eine Art transportieren, sodass du denkst: das ist ja eigentlich wie ein normaler Song. Aber was singt die denn da eigentlich? Was macht die da eigentlich?

Susanne Kubelka: Für mich war es fast ein bisschen diffiziler, weil ich ja ursprünglich vom Theater bin und eine sehr große Ehrfurcht vor Texten habe alles soll sozusagen dem Text dienen. Aber dann wurde mir klar, dass man die Texte ja auch tatsächlich lesen kann. Das heißt, man muss einfach nur seine eigene Sprache finden. Denn ganz bestimmt wird jede einzelne Person, die ein Gedicht vertont, es anders vertonen. Und es muss ja keine allgemeine Gültigkeit haben, sondern einen eigenen Zugang ausdrücken. Es wäre unser Wunsch, vielleicht auch sozusagen andere Zuhörer und Zuhörerinnen als ein sehr gebildetes Literaturpublikum zu diesen Texten zu ziehen. Und zu zeigen, wie cool diese Texte auch für ganz junge Leute sind, die vielleicht noch nicht so oft Bachmann gelesen haben und sie gerade erst kennenlernen.

Bild des Musikers Dirk Schilling
Dirk Schilling © Nina Hader

Ich habe den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan gelesen und da schwingt ständig eine Tragödie mit und es zeigt sich eine selbstzerfleischende Seite. Diese Beziehung scheitert, wie andere Beziehungen auch in Bachmanns Leben. Habt ihr euch mit ihrem Leben beschäftigt und inwiefern hat das auf eure Interpretationen rückgewirkt?

Susanne Kubelka: Ja, schon, aber ich mache das eigentlich lieber nicht, sondern bin ganz in meiner eigenen Welt, wenn ich etwas erarbeite. Denn ich denke: okay, sonst bin ich schon so beeinflusst und dann kann ich das nicht und das nicht und so kann man etwas nicht machen. Da gab es natürlich auch einen Text, bei dem ich richtig Angst hatte: „Heimweg“, bei dem ich dachte: worüber ist das? Über eine Vergewaltigung oder ist es über etwas anderes Heftiges, etwas Politisches? Ich habe mich dann sogar bei einer Literaturwissenschaftlerin erkundigt, damit mein quasi naiver Zugang nicht total ins Auge geht.

„ABER ICH FINDE, DASS BACHMANN EINFACH AUCH EIN PUNK IST IN IHREN GEDANKEN, IN IHRER MASSIVITÄT“

Und was hat die Literaturwissenschafterin gesagt?

Susanne Kubelka: Bei „Heimweg“ geht es tatsächlich um einen Vampir, der im Nacken sitzt und das Blut aussaugt. Und dann habe ich erfahren, dass das für Ingeborg Bachmann wohl die Kunst selber ist, die sozusagen sie niederdrückt und ihr überallhin folgt. Aber gerade die Beziehung zu Celan ist natürlich heftig, weil da auch die Politik und die Geschichte hineinspielt: dass seine ganze Familie im Holocaust umgebracht wurde und er der Einzige war, der noch lebt. Und sie war aus dem Land der Täter. Und da sie ja auch hochpolitisch war, ist das Verhältnis natürlich extrem schuldbeladen.

Bild der Sängerin Susanne Kubelka
Susanne Kubelka © Nina Hader

Das ist die eine Seite. Aber ich finde, dass Bachmann einfach auch ein Punk ist in ihren Gedanken, in ihrer Massivität. Und wenn man sich das vorstellt, dass sie das in der damaligen Zeit geschrieben hat und an ihre Haltung als Frau denkt, dann war sie auch ein Popstar. Und das irgendwie zu zeigen, da gibt es natürlich immer eine Hürde. Ich hatte auch am Anfang eher so Arpeggios und Klavier im Sinn und ich hatte große Ehrfurcht. Das Lied „Nachtflug“ hat sich zum Beispiel sehr verändert, das habe ich am Anfang nur gesprochen. Und dann haben wir da eine Improvisation gemacht und es so ausgearbeitet, wie es jetzt am Album ist.

Normalerweise agiert ihr als Duo, bei der 4-Song-EP habt ihr aber musikalische Gäste dabei, etwa den Trompeter Andrej Maksimović, der den Songs eine gewisse Leichtigkeit hinzugefügt.

Dirk Schilling: Ja, ganz genau. Das ist Andrej Maksimović, er ist aktuell noch Student an der Gustav Mahler Privatuniversität und er wurde uns von seinem Trompetenlehrer empfohlen. Und der sagte zu mir: was ihr da macht, das klingt so als wenn Andrej genau der richtige Trompeter dafür wäre. Dann war er nur einen Nachmittag lang bei uns in Eisenkappel im Studio und im Grunde genommen hat er improvisiert, hat über alle Titel drei, vier Mal drüber gespielt. Und ich habe dann in einem zweiten Prozess die Aufnahmen sortiert und arrangiert. Für mich war es natürlich extrem wichtig, als ich Susanne die Sachen vorgespielt habe, dass sie nicht ins Essen fällt und sagt: was ist das für ein Quatsch, was soll das? Die Reaktion von ihr war genauso, wie du auch gerade gesagt hast: dass da noch eine Dimension dazu kommt, die dem Ganzen einfach die Schwere nimmt, vielleicht auch eine kleine Frechheit gibt, aber auch noch ein Gefühl dazu fügt. Und wir sind unheimlich glücklich, dass Andrej sich darauf eingelassen hat, auf dieser EP zu spielen, ohne uns groß zu kennen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Live:
20.02.2026: Musil Haus, Klagenfurt, EP Release-Party, 19:00
21.02.2026: Kärntner Kulturforum/Klagenfurt
03.03.2026: Bern/Austrian Cultural Forum

06.03.2026: Sofia/Austrian Cultural Forum
12. – 28.03.2026: Kärntner Landesmuseum/Federkleid Susanne Kubelka/Humming Lights
18. und 19.04.2026: Bregenz Landestheater
29.05.2026: Container 25/Wolfsberg
04.06.2026: Bratislava/Austrian Cultural Forum

19.06.2026: Litonale/Klagenfurt
25.07.2026: St. Paul Kultursommer/Ravensburg

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Links:
Humming Lights
Humming Lights (bandcamp)
Susanne Kubelka
Dirk Schilling