„IN BEWEGUNG, NICHT STEHEN BLEIBEN: DAS WURDE UNSER WEG” – ATZUR IM MICA-INTERVIEW

Ein bisschen Drama, ein bisschen Heilung, ein bisschen „F*ck it“: Genau dazwischen bewegt sich Humble (VÖ: 6.2.26), das neue Album von ATZUR. PATRICIA und PAUL, einst Tinder-Match, heute Intensitäts-Duo mit Hang zur radikalen Ehrlichkeit, schreiben Songs, die innen wie außen krachen dürfen. Zwischen Klassik und Chaos, Tourbus und Trauma, Hochgefühl und Wutballade. Im Interview mit Ania Gleich erzählen sie von abzockenden Managern, echtem Applaus, strategischer Demut und warum es manchmal okay ist, sich einfach selbst zu feiern. Egal wie sehr es knallt oder wehtut: Dieses Album gehört nicht in die Playlist, sondern auf die Bühne und genau das macht es so besonders.

Ihr habt euch wirklich über eine Dating-App kennengelernt?

Patricia: Ja!

Und wie ist daraus ATZUR entstanden?

Patricia: ATZUR ist mein erstes und einziges Musikprojekt. Paul hatte da schon mehr Erfahrung. Wir haben uns über eine Dating-App gematcht, und irgendwann erzählte ich ihm, dass ich Klavier spiele. Ich hatte am Conservatori del Liceu in Barcelona Musik studiert. Musik war für mich immer etwas sehr Persönliches – nicht alles im Leben muss gleich monetarisiert werden, weißt du? Als ich dann Paul kennenlernte und er mich in sein Projekt einlud, mit auf Tour zu kommen, merkte ich: Ich will Musik nicht nur für mich machen, sondern sie nach außen tragen. Ich habe sowieso immer geglaubt, dass die Dinge, die passieren sollen, einfach passieren. Eines Tages sagte ich ihm: „Ich schreibe ständig Sachen auf – vielleicht können wir daraus Songs machen.“ Ich zeigte ihm ein paar Dinge, und er meinte nur: „Hey, das klingt cool.“ Dann fingen wir einfach an, zusammen zu spielen. Es war nie so ein: „Du magst Musik, ich mag Musik – lassen wir das mit dem Dating und gründen eine Band.“ Es entwickelte sich ganz natürlich. Ich war völlig neu in der Musikszene und sog erstmal alles in mich auf. 

Nur zum Verständnis: Du hast also in Barcelona Musik studiert und bist dann nach Wien gezogen, um etwas anderes zu machen?

Patricia: Genau. Als Teenager war ich am Liceu. Später kam ich nach Wien, um Mode zu studieren. Aber ziemlich schnell wurde mir klar: Mode und Musik haben denselben Chaosfaktor. Ich begleitete Paul auf Tour, verkaufte Merchandise – nicht nur bei ihm, auch bei anderen Bands. So bekam ich viele verschiedene Perspektiven auf die Szene. Und dann kam dieser Moment, in dem ich dachte: „Das kann ich auch. Vielleicht sogar besser.“ Es hat aber gedauert. Anfangs sagte ich noch leise: „Ich mache Musik.“ Irgendwann konnte ich dann sagen: „Ich bin Musikerin.“ 

Bild des Duos Atzur
Atzur © Tim Cavadini

Das ist eigentlich ein guter Übergang zum Album. Es geht ja auch viel um diesen inneren Konflikt – sich selbst kleinzumachen, Impostor-Syndrom …

Patricia: Total. Das ist die Krankheit unserer Generation. Besonders als Frau – sobald du dir Raum nimmst, fühlt es sich an, als müsstest du ihn gleich wieder abgeben. Am Anfang hat mich das sehr beschäftigt. Mittlerweile weniger, aber es war ein beängstigender Prozess. Gerade als weibliche Performerin wird dir sofort das Diva-Label verpasst – nur weil du backstage nach Wasser fragst! Aber ja, es ist ein Prozess. Deshalb mag ich etwa Interviews: sie eröffnen mir neue Perspektiven. Ich hatte das vorher nie so reflektiert, aber eigentlich geht das Gefühl weit zurück.

„NIEMAND LEGT MEHR HAND AN DAS, WAS WIR MACHEN”

Und wie war das für dich, Paul – als sie mit dieser Energie in dein Leben kam? Was hat das mit deiner Musik gemacht?

Paul: Das Coole war, dass sie völlig von außen kam und eine ganz andere Herangehensweise an das Songwriting hatte. Ich war immer in Bands, immer der Drummer – also das letzte Puzzlestück, derjenige, der den Rhythmus vorgibt. Aber mit ATZUR war es plötzlich ein Duo auf Augenhöhe. Mein Drumming wurde dadurch auch kreativer. Ich begann, anders zu denken – dass Schlagzeug nicht nur begleitet, sondern auch selbst erzählen kann. Auf dem ersten Album hatten wir noch diese epischen Beats, beim zweiten sind wir dann in eine hyper-poppige, elektronischere Richtung gegangen. Und ehrlich gesagt: Früher war ich total in diesen männlich dominierten Rockbands drin: Red Hot Chili Peppers, Foo Fighters, Arctic Monkeys. Aber seit wir gemeinsam Musik machen, höre ich fast nur noch Bands mit Frontfrauen. Florence and the Machine zum Beispiel – die sind meistens viel innovativer.

Patricia: Das ist wirklich schön. Und ja, ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich – brauchen wir wirklich noch eine Boyband? Ich glaube, das hat viel mit den Strukturen hinter den Kulissen zu tun. Ich komme ja aus der Klassik. Aber als ich anfing, Songs zu schreiben, folgte ich nie einer bestimmten Formel. Leute fragen oft: „Wie schreibst du Musik?“ Und ich sage dann: „Ich tippe etwas ins Handy, wenn ich im Auto sitze, probiere Dinge aus.“ Ich habe keine Bibliothek an Demos. Jeder Song entsteht ganz bewusst. Bei Paul und anderen habe ich bemerkt, dass es diesen bestimmten „Modus Operandi“ gibt – wie auch in der Modewelt. Aber ich mache die Dinge lieber auf meine eigene Weise. Wir haben viel darüber gesprochen, und er hat diese Freiheit ebenfalls angenommen. Manchmal beginnen wir mit dem Beat, manchmal mit dem Text. Es muss nicht immer gleich ablaufen. Am Anfang gab es so eine Art „Komitee von Dudes“, die meinten, sie müssten uns sagen, wie wir Musik zu machen hätten. Die hatten überhaupt kein Gespür für das, was ich ausdrücken wollte. Diese ganze Geschichte – auch mit dem Ex-Manager, der uns abgezockt hat – hat das Album „Humble“ stark geprägt. Das war ein Wendepunkt: Niemand legt mehr Hand an das, was wir machen. Das ist etwas Heiliges. Wir sind ja nicht blöd. Wir bringen Skills aus anderen Bereichen mit. Ich brauche niemanden, der mir den Baum zurückschneidet, bevor er wachsen kann. Manchmal musst du einfach dein eigenen Wachstum schützen. Klar, Kollaborationen mit Künstlerinnen und Künstlern, die wir lieben, sind super, aber wenn du keine Künstlerin oder kein Künstler bist, warum sollte mich deine Meinung interessieren? Vor allem, wenn diese Leute – meist Männer – in Positionen sitzen, in die sie eigentlich gar nicht gehören. 

Okay, das war jetzt viel. Aber eine Sache wollte ich vorhin schon fragen: Wenn Patricia mit ein paar Notizen oder einer Idee zu dir kommt – wie arbeitet ihr dann konkret an einem Song?

Paul: Für mich ist es grundsätzlich so: Wenn jemand eine klare Vision hat, möchte ich helfen, sie umzusetzen. Und Patricia hat sehr oft starke Visionen. Meist beschreibt sie sie mit Adjektiven – „epic“, „crazy“ und so weiter.

Patricia: Ich bombardiere ihn mit Tanz-Moves! Ich stehe auf und sage: „Ich brauche einen Beat, zu dem man sich genau so bewegt!“ Ich kenne mich mit Schlagzeug nicht aus, also zeige ich ihm einfach, was ich fühle und er übersetzt das dann musikalisch.

Paul: Unsere Musik ist immer fürs Live-Spielen gedacht. Wir wollen, dass die Leute springen, tanzen, schreien. Das ist uns viel wichtiger als irgendein Playlist-Placement oder ein Radioplay mitten in der Nacht.

Patricia: Total. Nach dem ersten Album gingen wir direkt auf unsere erste Headliner-Tour – für mich war es überhaupt die erste Tour. Da wurde uns klar: Genau das ist es. Beim zweiten Album wussten wir schon, für wen wir schreiben. Wir kannten unser Publikum, wir wussten, welche Songs zum Mitschreien sind und welche zum Tanzen.

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Und woher kennt ihr eure Fans so gut?

Patricia: Wir treffen sie einfach. Ich habe Paul gesagt: Egal, wie groß wir mal werden – selbst wenn wir irgendwann in Arenen spielen – ich möchte nach den Konzerten immer noch zum Merch-Stand gehen. Das ist so schön. Inzwischen springe ich bei Songs auch ins Publikum. Ich liebe das. Es gibt für mich kein Gefühl von „Performer versus Publikum“ – das ist ein gemeinsamer Moment. In Krakau bin ich ins Publikum gesprungen, und eine Frau hat mich mitten im Song umarmt und dabei geweint. Alle haben mitgesungen. Ich habe aufgehört zu singen und einfach mit ihnen getanzt. Ich war nicht mehr die Performerin, ich war Teil der Crowd. Und diese Perspektive liebe ich. Jede Crowd ist anders. Und sie werden auch größer und die Verbindung auch. Manche Fans sind aus Schweden nach Polen geflogen, weil wir dort spielen, aber nicht in Schweden. Sie haben uns beim Primavera Sound entdeckt und sind dadurch Fans geblieben. Und dann entsteht dieses positive Impostor-Syndrom. Es fühlt sich größer an als wir selbst. Wie etwas Gemeinsames. Heilend. Ein Safe Space. 

Ein Gedanke, der mir vorhin kam: Ich habe „humble“ immer als etwas Positives gesehen. Auf eurem Album wirkt Demut aber eher wie etwas, das klein macht oder von außen auferlegt wird. Das fand ich spannend.

Patricia: Ja, ich glaube, „humble“ ist ein sehr fließendes Konzept. Wie eine Hand: sie kann streicheln oder schlagen. Die Hand selbst ist weder gut noch schlecht – entscheidend ist, wie sie eingesetzt wird. Und ja, ich bin demütig. Ich halte mich nicht für besser als andere. Aber das Problem beginnt, wenn etwas Positives als Waffe benutzt wird. Wenn jemand sagt: „Du bist so ruhig.“ Ist das jetzt ein Kompliment oder eine Kritik? Gerade aus unserer Erfahrung. Ständig hört man: „Sei leise“, „Mach dich kleiner“, „Sei nicht so emotional.“ Irgendwann dachte ich mir einfach: Fuck it. Mir egal. Ob das jetzt „Sei demütig“ heißt oder „Erwarte nicht zu viel“ – es läuft aufs Gleiche hinaus. Es geht nicht darum, Demut komplett abzulehnen. Sondern darum, sich zu wehren, wenn sie dazu benutzt wird, dich zum Schweigen zu bringen. So nach dem Motto: „Setz dich hin und überlass das den Profis.“

Wie sieht für dich ein gesunder Umgang mit Demut aus – also einer, der nicht ins Selbstkleinmachen kippt?

Patricia: Da geht es auch darum, den eigenen Wert zu kennen. Mir passiert das so häufig: Ich sage zu jemandem: „Schöner Mantel“, und die Antwort ist „Der hat nur zwei Euro gekostet, ehrlich – nichts Besonderes.“ Ich wollte keine Geschichte hören – ich wollte einfach nur sagen, dass er schön ist. Das ist für mich fake humble. Oder ich sage: „Ich mag deine Haare“, und die Antwort ist: „Wirklich? Ich sehe doch aus wie gerade aus dem Bett gefallen.“  Dann geht es nur noch darum, die andere Person zu bestätigen. Und genau da kippt das ganze „humble“-Konzept. Ich sage nicht, dass wir alle rumlaufen sollen mit „Ich bin die Beste“. Aber vielleicht eher mit: „Ich hab was drauf und du genauso.“ Wenn wir unseren eigenen Wert anerkennen, können wir vielleicht endlich über wichtigere Dinge sprechen. Wenn ich zu einer anderen Künstlerin sage: „Ich liebe deine Musik“, und sie antwortet: „Danke, ich mag deine auch“, dann kann das Gespräch weitergehen. Vielleicht entsteht sogar etwas Neues. Aber wenn sie sagt: „Nein, meine Musik ist schrecklich“, dann wird es plötzlich eine Therapiesession. Und genau darum geht es auch auf dem Album – sich selbst und andere mit mehr Großzügigkeit zu behandeln. Es geht nicht darum, alles sofort zu heilen oder krampfhaft positiv zu sein. Sondern darum, kurz innezuhalten und zu fragen: Was machen wir hier eigentlich? Wie du vorhin gesagt hast: Die Musikindustrie ist oft die am wenigsten demütige gegenüber Musikerinnen und Musikern.

„WIR FAHREN ALLE AUF UNSERER EIGENEN SPUR”

Diejenigen, die das eigentliche Produkt schaffen, sollen „bescheiden bleiben“, während irgendein Typ mit einem Mini-Medium rumläuft, als würde ihm die Welt gehören.

Patricia: Ich habe das so oft bei Showcases erlebt – alle Musikerinnen und Musiker schauen sich an und denken: Was passiert hier gerade?

Es ist ein Unterschied, ob man wirklich „humble“ ist oder ob man klein gemacht wurde. Wer wirklich demütig ist, muss nicht darüber reden.

Patricia: Genau! Ich sage: „Schöner Mantel.“ Und du sagst: „Danke.“ Das ist humble. Oder jemandem auf der Straße helfen, ohne es zu filmen: das ist humble. Aber sich selbst ständig schlecht zu machen? Das ist nicht humble – das ist etwas Tieferes. Eher etwas für die Therapie, weil es oft aus einem Mangel an Selbstwertgefühl kommt. Und dabei kann humble auch bedeuten: „Ich mag etwas an mir nicht und möchte daran arbeiten.“ Das ist ehrlich. Das ist Wachstum. Aber das Album richtet sich genau gegen dieses Verständnis von Demut als Werkzeug, um jemanden zum Schweigen zu bringen – dieses „Girl, shut up. Das da drüben ist dein Platz. Dabei gibt es manche andere Künstlerinnen und Künstler, die für ihr Schweigen oder ihre Zurückhaltung als „bescheiden“ gefeiert werden, obwohl  sie sich nie beweisen mussten. Wenn dir niemand Wasser bringt und du darum bittest, bist du plötzlich „durstig“. Aber wenn du einfach dasitzt und dir ständig Wasser serviert wird, dann wirst du sicher nie „die Durstige“ genannt werden.

So ein gutes Bild. Wir starten eben nicht alle vom selben Punkt.

Patricia: Und Leute zeigen gern auf jemanden und sagen: „Schau, wie ruhig und entspannt diese Person ist“, aber dabei wurde ihr die Hälfte des Weges schon geebnet. Ich komme aus Spanien und war deswegen nicht auf der „richtigen“ Musikschule, ich bin nicht in dieser Szene aufgewachsen. Ich habe mit 24 angefangen, Musik zu machen, völlig außerhalb des Kontexts. Natürlich ist das ein anderer Weg. Und Musikerinnen und Musiker vergleichen sich ständig: „Der macht schon das“, „Die ist schon da.“ Aber es gibt nicht nur eine Autobahn. Wir fahren alle auf unserer eigenen Spur. Manchmal braucht man einen Rastplatz – das ist okay. Du musst nicht alle überholen und dich dabei selbst gegen die Leitplanke fahren. Es gibt auch viel Gatekeeping. Leute, die ihr Wissen nicht teilen, aus Angst, jemand anderes könnte weiterkommen. Aber jedes Projekt ist einzigartig. Davon handelt unser Song „Hate Me“: dieses für sich selbst einstehen. Lass dir nicht sagen, du sollst demütig sein, wenn es nur bedeutet, dass du leise sein sollst. Und wenn sie dich hassen – dann lass sie. Das ist nicht dein Problem.

Bild des Duos Atzur
Atzur © Tim Cavadini

Das ist so schwer zu verinnerlichen – besonders, wenn man darauf geprägt wurde, immer nett zu sein. 

Patricia: Absolut. Aber wenn du ständig unterwegs bist – zwischen Städten, zwischen Ländern – wird dieses Grundrauschen der Meinungen irgendwann leiser. Wir sind viel zwischen Wien und Barcelona, manchmal auch irgendwo in den spanischen Bergen, nur mit zwei Taschen. Diese Distanz hilft. Du bist nicht dauernd Teil irgendeiner Szene, du hörst nicht ständig, was andere denken oder erwarten. Und so kannst du deine eigene Stimme entwickeln. Das ist auch ein großer Teil dieses Albums: Wir haben verstanden, für wen wir das eigentlich machen – und stimmen uns nicht auf irgendein Echo ein, sondern auf unseren eigenen Sound.

Das klingt befreiend.

Patricia: Ist es auch.

Beeinflusst denn der Ort, an dem ihr gerade seid, wie ihr Musik macht?

Patricia: Auf jeden Fall. Wenn ich unsere Songs höre, kann ich genau zuordnen, wo sie entstanden sind – dieser hier beim Spazierengehen, jener am Strand. Der Kontext prägt den Song total. Ich konnte mit dieser „Boyband-Methode“ nie etwas anfangen: sechs Alben im selben Studio, immer nach dem gleichen Muster. Für manche funktioniert das super. Für mich jedoch ist Musik lebendig. Sie atmet. Sie verändert sich mit uns.

Paul: Und weil wir so viel unterwegs sind – vor allem zwischen Barcelona und Wien, aber auch in Portugal – bleibt alles frisch. Nach einer Tour verbrachten wir zum Beispiel ein paar Wochen in Lissabon, einfach zusammen mit unserer Crew. Die sind wie Familie.

Patricia: Echte Familie! Nicht diese aufgesetzte, corporate Art. Wir haben einfach eine starke Stimmung zusammen. Und ja: Unser Sound verändert sich mit dem Ort. In den Bergen wird es vielleicht etwas cottagecore‑iger, in der Stadt eher grungy. Wir mögen es auch, mal Chöre oder Trompeten einzubauen – ganz einfach, weil es gerade passt. Leute wollen uns immer ein Label verpassen: „Alt‑Pop? Aha, ihr seid ein Duo, also bestimmt elektronisch?“ Und ich denke dann nur: Nein. Wir sind intensiv, aber diese Intensität kann sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen – je nach Stimmung und Ort.

„DIESES ALBUM HANDELT NICHT NUR VOM ÜBERLEBEN, SONDERN AUCH VON LEBENSFREUDE”

Wie würdest du sagen, hat sich euer Sound vom ersten zum zweiten Album verändert?

Patricia: Das erste Album entstand in einer Zeit, in der ich um meinen Vater trauerte. Es war sehr schwer, stark nach innen gerichtet. Diese Trauer ist natürlich noch da, aber wir stehen heute an einem anderen Punkt. Das zweite Album folgte darauf und auch nach dem Moment, als unser Ex-Manager uns abgezockt hat. Das hat viel in uns ausgelöst. Es war, als würde der Vorhang fallen. Wir waren zu dem Zeitpunkt schon auf Tour, wir kannten unser Publikum, wir spürten ihre Energie – da wussten wir: Jetzt müssen wir etwas sagen. 

Paul: Uns wurde außerdem klar: Wir brauchen mehr Songs, die live funktionieren. Das erste Album hatte diese schöne introvertierte Stimmung, aber für das zweite wollten wir etwas Kathartisches. Etwas, das explodieren kann.

Patricia: Genau. Wenn du jemanden verlierst, rückt alles in ein anderes Licht. Danach lässt dich nichts so schnell erschüttern. Du denkst dir: Was kann danach noch schlimmer kommen? Ich habe das überstanden. Dieses Album handelt deshalb nicht nur vom Überleben, sondern auch von Lebensfreude. Immer wieder denke ich an dieses spanische Wort „disfrutona“  – jemand, der das Leben wirklich genießt. So fühlen wir uns jetzt. Wir sind immer noch intensiv, wir verarbeiten tief, aber wir wollen auch Spaß haben. In einer Zeile heißt es: „I deserve some good after all the shit I’ve been through.“ Das ist der Spirit dieses Albums.

Und man nimmt Dinge nicht mehr so ernst.

Patricia: Genau! Wenn jemand unfreundlich ist, dann lasst sie halt schwitzen. Ich gehe einfach weiter. Anstatt uns weiterhin runterzumachen, begannen wir, freundlicher und mitfühlender mit uns selbst umzugehen. Wir nahmen den Mist und nutzten ihn als Sprungbrett. In Bewegung, nicht stehen bleiben: das wurde unser Weg.

Paul: Und dabei haben wir die Musik nie aus den Augen verloren. Genau das verbindet uns mit den Menschen.

Patricia: Und diese Verbindung ist echt. Die Reaktionen, die wir bekommen, sind unglaublich. Egal ob in Polen oder Portugal – total unterschiedliche Menschen, aber überall diese Tiefe. Die Leute sagen nicht nur: „Wow, coole Gitarre.“ Sie sagen: „Das hat etwas in mir verändert.“ Und das ist das Schönste.

Ich habe in letzter Zeit mit vielen Künstler:innen gesprochen, und viele sagen, dass immer weniger Leute zu Konzerten kommen. Die Venues sind oft halb leer. Aber bei euch scheint das nicht der Fall zu sein. Was beobachtet ihr da?

Patricia: Wir haben erst 2023 richtig mit Headliner-Shows begonnen. In gewisser Weise haben wir nach COVID überhaupt erst ernsthaft gestartet. Da begann unser Live-Kapitel.

Paul: Gleichzeitig sehen wir beide Seiten. Die Branche verändert sich gerade stark. Auf der einen Seite gibt es diese Superstars – Beyoncé, Taylor Swift – bei denen ein Ticket mehr als 100 Euro kostet. Das ist viel Geld. Nirvana kostete damals 16 Dollar – inflationsbereinigt wären das heute vielleicht 30. Und das war Nirvana. Wenn jemand sein gesamtes Budget für ein riesiges Konzert ausgibt, bleibt nichts mehr für Indie-Acts. Das betrifft letztlich uns alle. Auf der anderen Seite hatten wir wirklich Glück. Wir sind keine Spotify-Playlist-Band – wir sind eine Live-Band. Dort entsteht unsere Verbindung. Und bei unseren Konzerten sind die Räume in der Regel zu 70 bis 80 Prozent gefüllt, mindestens.

Patricia: Ich glaube, die Leute sehnen sich nach etwas Echtem. Ich gehe selbst gerne auf Konzerte und spüre das genauso. Es darf keine Ego-Masturbation sein. Kein „Schaut her, ich in meinem Designer-Shirt“. Es muss authentisch sein. Fake wird sofort erkannt. Dabei geht es weder ums Bescheiden-Sein noch ums Angeben. Es geht um Ehrlichkeit. Sei echt. Wenn deine Show davon lebt, fabulous und gorgeous zu sein – perfekt. Aber dann steh dazu. Tu nicht so, als wäre es etwas anderes. Die Leute wollen nicht mehr angelogen werden. Das sehe ich auch in der Modewelt. Stores verwandeln sich in Konzeptcafés. In Barcelona gibt es Läden, die sich anfühlen wie kleine Städte. Es geht nicht mehr nur ums Kaufen, sondern um Bedeutung. Als Musikerin oder Musiker musst du darauf reagieren – aber nicht mit Feuerwerk und 50 Outfit-Wechseln, sondern mit echtem Herz.

Aber bist du bei diesem ganzen „Alles muss ein Erlebnis sein“-Gedanken nicht auch manchmal skeptisch? Jede Ausstellung muss heute „immersiv“ sein. Das kann ganz schön ermüden.

Bild des Duos Atzur
Atzur © Tim Cavadini

Patricia: Oh ja, total. Ich spreche nicht von Spektakel. Was ich meine, ist eine achtsame Erfahrung. Die kann auch entstehen, wenn jemand leise in der Ecke eines Raumes spielt. Wenn dich das berührt, dann ist das das Erlebnis. Es geht nicht um extreme Effekte, sondern um echte Präsenz. Einen Moment zu schaffen, der zählt. Daran glaube ich.

Die Zeit ist jetzt wirklich geflogen. Gibt es noch etwas, das ihr unbedingt sagen möchtet – etwas Wichtiges, das euch noch auf dem Herzen liegt?

Patricia: Ist das jetzt die offizielle letzte Frage?

Irgendwie schon. Aber ihr müsst auch nichts sagen?



Patricia: Also, ich finde es immer ein bisschen cringe, wenn Leute sagen: „Kauft das Album!“Was mir aber wirklich wichtig ist: Es ist enorm wertvoll, dass es in Österreich Organisationen gibt, die Kultur unterstützen. Das ist nicht selbstverständlich. Kultur ist immer noch stark von Klasse geprägt, und deshalb ist es entscheidend, dass mehr Stimmen überhaupt Zugang zu diesen Plattformen bekommen. So wie es aktuell in Österreich läuft, ist das etwas, wofür man dankbar sein kann. Politik einmal außen vor – es funktioniert. Und das ist in vielen anderen Ländern nicht der Fall.

Paul: Die Exportstellen haben uns am Anfang unglaublich geholfen. Dafür sind wir sehr dankbar. Natürlich haben wir hart gearbeitet, aber ohne Institutionen wie mica, Austrian Music Export oder dem Österreichsichen Musikfonds wären wir heute nicht hier.

Patricia: Genau. Das sind keine Konzerne. Sie gehören niemandem. Sie sind unabhängig und öffentlich gefördert – und das macht einen riesigen Unterschied.

Paul: Und die Menschen dahinter sind leidenschaftlich, solidarisch und unterstützend. Konkurrenzdenken oder Ego spielen dort kaum eine Rolle. Es geht um echtes Miteinander.

Patricia: Das hat Menschen Chancen eröffnet, die sie sonst nie bekommen hätten. Uns zum Beispiel. Also ja – Chef’s Kiss! Wirklich.

Paul: Manchmal möchte man sagen: „Fuck the industry.“ Aber dann merkt man, dass es auch gute Seiten gibt.

Patricia: Genau. Es geht nicht darum, ständig zu betonen, wie kaputt alles ist. Es gibt Werkzeuge, es gibt Wege, wenn man Unterstützung braucht. Das ist wichtig.

Paul: Und ehrlich gesagt ist auch das eine Form von Demut: das Gute im Anderen zu erkennen.

Patricia: Ja. Das ist ein schöner Schlusssatz.

Perfekt. Den nehme ich als euren Mic-Drop-Moment.

Patricia & Paul: Danke dir für deine Zeit!

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Ania Gleich 

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