Am 14.2. fand in der Helmut-List-Halle in Graz das Eröffnungskonzert von impuls mit dem Klangforum Wien statt. impuls geht 2009 in sein sechstes Jahr und bietet heuer neben dem internationalen Kompositionswettbewerb und -workshop sowie der Ensemble- und Komponistenakademie für zeitgenössische Musik auch verstärkt ein umfangreiches Festivalprogramm. Das Festival läuft bis 25.2.2009 in folgenden Örtlichkeiten: Kunstuniversität Graz, Helmut-List-Halle, Kulturzentrum bei den Minoriten, IEM, MedienKunstLabor im Kunsthaus Graz sowie diverse Grazer Galerien.
Die Konzerte und Vorträge für die annaähernd 100 TeilnehmerInnen können und sollen – teils bei freiem, in jedem Fall günstigen Eintritt – natürlich auch vom allgemeinen Publikum besucht werden! Das bisherige Medienecho sollte intensiver werden, aber wir leben halt im “Musikland Österreich”. So gab es etwa am 15. Februar die Multimedia-Oper nach Platon “Jenseits der Schatten” vom Dozenten und “Lecturer” Vladimir Tarnopolski, einem der wichtigsten Vertreter und Förderer zeitgenössischer Musik (nicht nur) in Russland, und außerdem einem der einem viel über die Lage der (trist gewordenen) Musikförderung dort erzählen kann. Am 16.2. spielten österreichische (vornehmlich aus dem Klangforum sowie Ernst Kovacic) und internationale SpitzeninterpretInnen Neuer Musik, die auch als Dozenten bei impuls tätig sind, “Solo-Sequenzen-Duo” von Luciano Berio über Lachenmann bis Aperghis, Klaus Lang und Beat Furrer.Opening
Das grandiose (und gut besuchte) Opening-Konzert unter der Leitung von Enno Poppe am Samstag, 14.2. brachte Werke der diesjährigen Kompositionspreisträger des schon 2007 ausgeschriebenen Wettbewerbs. Eine Jury wählte vier junge europäische Komponisten, deren preisgekrönten Auftragswerke studierte das Klangforum Wien brillant ein und brachte sie als impuls Auftragskompositionen zur jeweiligen Uraufführung im List-Saal.
Wie das bei Werken junger Komponisten so ist, die alles, was sie können in ein Werk verpacken, waren alle vier Stücke durchwegs spannend zu erleben, gerieten in vielleicht zwei Fällen womöglich ein wenig zu lang. Das gilt aber ausdrücklich nicht unbedingt für Marianthi Papalexandri-Alexandri (*Griechenland): “Reciprocal” (2008), das als erstes gespielt wurde, und für Hèctor Parra (*Spanien), dessen Stück “Sirrt die Sekunde” (2008) als letztes an die Reihe kam und wahrscheinlich das allerbeste war, das an diesem Abend zu hören war. Hector Parra (* 1976 in Barcelona) machte bereits auch ein Projekt in Salzburg und ist international schon sehr gefragt, kürzlich hat er am Pariser IRCAM ein neues Werk präsentiert und arbeitet an der Fertigstellung einer Kammeroper mit dem Titel “Hypermusic Prologue”, deren Libretto die berühmte Elementarteilchen- Physikerin Lisa Randall erarbeitet hat. Das Grazer Auftragswerk Sirrt die Sekunde ist von einem Gedicht von Paul Celan (1956) inspiriert: Stimmen, ins Grün / der Wasserfläche geritzt / Wenn der Eisvogel taucht, / sirrt die Sekunde.” Es wird ach beim nächsten Abo-Konzert des Klangforum im Wiener Konzerthaus zu hören sein.
Dort wird auch “Achat de Chevaux” (er hat das Stück mittlerweile umgetauft in “Anahata Concerto”) von Oscar Bianchi (* 1975 Italien) zu hören sein. Bianchi interessiert sich für Konfrontationen von klanglicher Dichte, in der sich eine persönliche poetische Ausdrucksweise manifestiert, andererseits für die Poetik der Bewegung. Seine Musik will sich aus dem Grad der Intensität “z. B. vom Ekstatischem bis hin zum Exaltierten” speisen. “Die grundlegenden Elemente meiner Musik sind … Gesten, Formen und Farben. Die Gesten sind für mich das Intuitive, der uranfängliche Einfall, (.).
Die Geste ist Grundpfeiler des Ritus, der Bewegung und des Tanzes. Die Form ist meiner Meinung nach die Mutter der Zeit, sie wird Spiegel der Existenz, sie verkörpert die Wucht und die Verwirrung des Alltäglichen. (.) Die Farben, die Orchestration sind die am meisten anmutenden Dimensionen des Klanges”, schreibt er. Er will im seinem Stück das vierte Chakra Anahata regieren lasen und um in dieser Welt “outside the realm of karma” künstlerische Optionen und Entscheidungen treffen zu können, bedarf es Interpreten von Virtuosität, das Stück ist Furrer und dem Klangforum gewidmet.
Von Simone Movio (*Italien) wurde “…come spirali…” (2008) für Saxophon, Perkussion und Piano als Soloinstrumente gespielt, dem Komponisten schwebte in einer Art “Obsession” ein Satz von J. L. Borges über gestörte Spiegel die sich vervielfältigen vor. Faszinieren konnte die Griechin Marianthi Papalexandri-Alexandri mit einem extrem leisen Geräusch-Reaktionskarussell der beteiligten Instrumente, bei dem man die Ohren spitzte.
Weitere Veranstaltungen bei impuls
Unter der Moderation von Helge Hinteregger (mica-music austria) gab es am 17. Februar eine Experten-Diskussion zum Thema “Beruf: Komponist – Erfolg?” u. a. mit Brice Pauset, auch er neben Tarnopolski, Olga Neuwirth und Beat Furrer einer der Lecturer-Komponisten. Mit dabei bei dieser Diskussion war auch der Musikwissenschaftler Jürg Stenzl. Und heute, Mittwoch, 18. 2. steht Hinteregger gemeinsam mit Rainer Praschak (ebenfalls mica) im Hauptschulungsort KUG (Leonhardstraße 15) erneut auf dem Podium, um einen Vortrag bzw. eine interaktive Diskussion mit MusikerInnen und den Lehrgangsteilnehmern (fast 100 Teilnehmer aus allen Kontinenten) zu gestalten. Das Thema der Nutzung digitaler Medien durch das Internet und zunehmend durch mobile Dienste steht auf der Tagesordnung. Wenige Musikschaffende sind darauf vorbereitet, die neuen Vermarktungsmöglichkeiten zu nutzen, um auch auf digitalem Weg ein Publikum zu erreichen. Wir werden in den Musiknachrichten darüber gesondert berichten und auch die weiteren Veranstaltungen besuchen und über sie informieren. Das weitere Programm vom impuls 2009 siehe auch Link auf die pdf-Datei (in English – das ist auch die Konferenzsprache von impuls) bzw. Veranstaltungskalender auf unserer Website.
Gegründet wurde impuls von Beat Furrer und dem Geiger und Pädagogen Ernst Kovacic. Beide haben eine starke Verbindung zu Graz und der Steiermark: Beat Furrer hält u. a. eine Professur an der Kunstuniversität Graz inne, Ernst Kovacic ist in der Steiermark geboren und hier auch immer wieder als Musiker und Musikvermittler tätig. In Graz setzten sie auch einen neuen Impuls für engagierte Studenten und junge Berufsmusiker: Österreichischer Nachwuchs trifft hier seit den 90er Jahren bei den impuls-Akademien auf internationale Teilnehmer, gemeinsam mit hochkarätigen Musikern und Komponisten als Dozenten lernen sie von einander und erleben eine intensive Arbeitsphase, die aktuelle musikalische Tendenzen, innovative Techniken, zeitgenössische Literatur und die gemeinsame Arbeit von Komponist und Interpret in den Mittelpunkt stellt. 2009 geht impuls bereits in sein sechstes Jahr und bietet ein vielgestaltigeres Angebot denn je – für aktive Musiker, Komponisten und auch ihr Publikum. Wir melden uns bald wieder.
Heinz Rögl
Die Dozenten bei impuls 2009:
Bik Annette, Violin / Eckel Gerhard, Electronics / Furrer Eva, Flutes / Fussenegger Uli, Doublebass / Kovacic Ernst, Violin / Lindenbaum Andreas, Cello / Meixner Thomas, Percussion / Molinari Ernesto, Clarinets / Pace Ian, Piano / Polisoidis Dimitrios, Viola / Rombout Ernest, Oboe / Svoboda Mike, Horn, Trombone, Trumpet, Tuba / Weiss Marcus, Saxophone
Vis Lucas, Conductor (Ensemble)
Furrer Beat, Composition / Neuwirth Olga, Composition / Pauset Brice, Composition / Tarnopolski Vladimir, Composition
Klangforum Wien, Ensemble / Poppe Enno, Conductor
Georg Schulz, Jürg Stenzl, Helge Hinteregger, Rainer Praschak, Peter Oswald, Stefan Knüpfer, lecturer
Lionel Favre, Bruno Hoffmann, Ulrike Köppinger, Kalu Obasi, Jenni Tischer, Sabine Aichhorn, Felicitas Gerstner u.a., fine artists
Oscar Bianchi, Simone Movio, Marianthi Papalexandri-Alexandri und Hèctor Parra, composition
sowie mehr als 90 impuls 2009-Teilnehmer aus Amerika, Asien, Australien und Europa