
Das Verklingen scheint in mehreren Werken Woznys programmatisch zu sein und wird im „Verschwinden einer Landschaft II“ nicht nur metaphorisch im Titel beschrieben, sondern 
Weniger das Vergängliche als das Punktuelle stehen in „as in a mirror, darkly“ für Ensemble im Vordergrund. Die Künstlerin interessierte sich hierbei für die Ästhetik von Unreinheiten, wie zum Beispiel auf alten Filmspuren, die durch Kratzer oder Staub entstehen oder die Verzerrung, wenn man durch zerkratztes Glas schaut. Im Gegensatz zu „Verschwinden einer Landschaft II“ ist die Tonsprache hier hektischer, lauter und bunter. Das Ensemble ist bezüglich der Instrumentengruppen wie ein Orchester strukturiert und kann daher aus einem reichhaltigen Klangarsenal schöpfen. Trotz wiederkehrender Elemente lebt dieses Stück doch im Moment und der Fokus wird nicht auf die Gesamtheit, sondern auf das Singuläre gerichtet.
Ihr erstes Orchesterstück „Archipel“ schrieb Joanna Wozny 2008 im Auftrag des Bayerischen Rundfunks und wurde vom Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer uraufgeführt. Den vielseitigen Klangapparat nutzte die Komponistin, um mit Mikrotonalität zu experimentieren und so wirkt dieses fulminante Werk wie eine Wanderung einer mächtigen Klangmasse. In filigranen hohen Lagen der Streicher mit einigen Glissandi fängt das Stück sehr spannungsreich an, wobei sukzessive die Bläser mit vielen Tremolos und die akzentreichen Bongos einsetzen. Auch in „Archipel“ gibt es Repetitionen, die das Stück charakterisieren. So wirken die markanten 32stel-Figuren der Blechbläser wie aufrüttelnde Warnsignale, wohingegen ein dunkler Zusammenklang der tiefen Streicher, der abwechselnd von der Blech- oder Holzbläsergruppe imitiert wird, bedrohlich wirkt. Nach dem Höhepunkt, wenn das Orchester aus dem Vollen schöpft und alle an der mystischen akustischen Atmosphäre beteiligt sind, nimmt die Dichte der klanglichen Ereignisse ab und die schon zuvor eingesetzten Generalpausen werden dominanter. Die Einarbeitung von Stille in ihrem Werk kommentiert die Schöpferin von „Archipel“ ganz im Cageschen Sinne: „Pausen sind auch Geschehen. Sie erklingen genauso wie die Musik.“
Ein Blick auf die Partituren von Joanna Wozny verrät, dass nur wenige Noten mit herkömmlichen Notenkopf und -hals ausgestattet sind. Stattdessen gibt es vorab seitenweise Hinweise und Erklärungen zur Spielweise der verwendeten Symbole. Das deutet schon die Komplexität für den Interpretierenden an, der sich intensiv mit der Partitur und seinem Instrument auseinandersetzen muss. Doch gerade die Möglichkeit der Imperfektion, zum Beispiel beim Ausführen von Spaltklängen, macht Musik für Wozny so reizvoll. Ihre oft philosophisch anmutenden Werkbeschreibungen offenbaren, dass sie sich selbst beim Komponieren vor eine anspruchsvolle, innermusikalische Aufgabe stellt, an der sie sich abarbeitet. Dabei ist ihr als Künstlerin die Möglichkeit des Scheiterns gegenwärtig. Zahlreiche Auszeichnungen und Kompositionsaufträge in ununterbrochener Kontinuität beweisen aber, dass sie sich mit ihrer ästhetischen Herangehensweise durchsetzen kann und ihre Arbeit durchaus erfolgreich ist.
Margarete Buch
Foto: J. J. Kucek
Notenshop mica