Er war Toningenieur und Videoproduzent, und als Schlagzeuger Teil von Bands wie GOSPEL DATING SERVICE oder OEHL – nach einem Jahr in einer französischen Hütte war 2020 mit RUHMER schließlich ein Solokünstler geboren. Vollkommen selbst gefunden hat er sich dabei nicht, wie er verrät, doch mit einer Reihe Singles im Gepäck hat es ihn zumindest wieder zurück nach Österreich verschlagen. Das erste Album ließ auf sich warten und feiert nun unter dem Namen „Cherryland“ (VÖ: 22.9.2023) sein Debüt. Mit Katharina Reiffenstuhl hat sich David RUHMER über geplatzte Träume, Lebensumbrüche und das Visionboard über seinem Schreibtisch unterhalten.
Reden wir über dein Album, „Cherryland”. Was ist die Geschichte hinter dem „Land, das nur in unseren Köpfen existiert“?
David Ruhmer: Die Geschichte zum Song „Cherryland” ist so entstanden, dass ich immer schon mal nach Japan reisen wollte. Das war immer schon ein Ort, der mich interessiert hat, und ich habe es bis jetzt immer noch nicht geschafft. Es gibt Dinge, von denen man als Jugendlicher träumt und ich war immer jemand der gesagt hat: „Ich kann alles erreichen, alles ist möglich”. Jetzt bin ich da, werde schon 35 und merke langsam, es gehen schon auch Türen zu. Nicht alles ist für immer möglich.
Welche Türen wären das zum Beispiel?
David Ruhmer: Man wird so ein bisschen entzaubert. Früher träumte ich zum Beispiel davon, mal nach Amerika zu gehen und dort touren. Aber irgendwann wird der Zug dafür abgefahren sein. Nicht, dass ich nie nach Japan fliegen werde oder nie in Amerika touren werde, aber man bekommt quasi eine Vorahnung davon, dass dieser Moment einmal kommen wird. Egal, was für ein Träumer man ist, irgendwann muss man sich eingestehen, „Okay, das wird tatsächlich nicht mehr passieren“. Aber was dieses Cherryland tatsächlich ist, ist eine bessere Version der wirklichen Welt. Nämlich eine die wir uns erträumt haben. Wo all unsere Träume existieren. Alles möglich ist, alles genau so ist wie wir uns das in unserem Kopf ausmalen. Sei es ein Ort wie Japan, Personen, Dinge die wir in unseren Köpfen über die Zeit so weit verändert haben, zu einem perfekteren Abbild ihrer selbst gemacht haben… Das kennen sicher ganz viele. Aber die Realität kann diesem Cherryland längst nicht mehr gerecht werden.
Und wieso hat es dieser Song zum Albumtitel geschafft?
David Ruhmer: Es hat am Anfang keinen roten Faden gegeben, es war eher ein ungefähres Bild davon, welche verschiedenen Themen ich ansprechen will. „Cherryland” ist relativ am Schluss entstanden und irgendwie habe ich gemerkt, dass das ein schönes Bild ergibt, dass all diese Geschichten, die ich erzähle, auch in diesem Cherryland stattfinden. Auch der Flug ins Cherryland mit dem Song „TL409″, irgendwie hat plötzlich alles Sinn ergeben. Es gibt natürlich schon auch Songs auf dem Album, die da jetzt nicht zu 100 Prozent hineinpassen, weil es nicht von Anfang an einen roten Faden gegeben hat. Aber letzten Endes habe ich gemerkt, dass vieles in das gleiche Thema hineinspielt.
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Was sich ausnahmslos durch alle Single-Covers des Albums zieht, ist die Gitarre. Man kennt dich ja eigentlich als Schlagzeuger. Ist die Gitarre dein neues Markenzeichen?
David Ruhmer: Es ist schon schön, das zu etablieren, dass ich nicht mehr Schlagzeuger, sondern Frontman bin. Ich habe mich da schon auch von anderen Künstlern inspirieren lassen, wie die sich abfotografiert haben. Aus dem heraus ist dann das entstanden, mit Alex Gotter gemeinsam, der fotografiert hat. Mit dem habe ich immer sehr viel Spaß am Set. Ich finde die Gitarre auch einfach unfassbar schön. Wahrscheinlich spiele ich diese Gitarre live nicht einmal. Fast schade drum.
„ICH STEHE SCHON SEHR AUF ALTE DINGE“
Nicht nur deine Songs, sondern vor allem auch deine Musikvideos leben von der Retro-Ästhetik. Eine Hommage an die guten, alten Zeiten?
David Ruhmer: Teilweise vielleicht. Ich stehe schon sehr auf alte Dinge. Ich habe bis vor kurzem ein sehr altes Motorrad besessen, das ich jetzt leider verkauft habe. Ich stehe auch auf den Vibe von alter Musik, so MICHAEL KIWANUKA in die Richtung. Ein alter Sound, aber wie neu verpackt, sowas gefällt mir sehr. Und das mag ich auch in der Bildwelt total. Das ist das, was rauskommt, wenn ich von mir aus etwas mache. Wobei ich sagen muss, mit “Loving A Machine” ist dieser Vintage-Look eh ein bisschen aufgebrochen worden. Ich glaube, dass alles sehr gut zusammenpasst, die Bild-Ästhetik, die Videos und der Sound.
Wo steckst du da am meisten Arbeit hinein?
David Ruhmer: Es gibt Phasen. Es hat eine sehr lange Songwriting-Phase gegeben, wo alle Energie in die Songs geflossen ist. Jetzt fließt ausschließlich Energie in die grafische Aufmachung und Videos.

Ich nehme mal an, da kommt noch was demnächst?
David Ruhmer: Ja, übermorgen drehen wir ein Video.
Vor deiner musikalischen Karriere warst du eigentlich als Toningenieur und Videoproduzent tätig. Wie ist diese Wende zum Vollzeit-Musiker zustande gekommen?
David Ruhmer: 2019 war der Umbruch. Da ist generell sehr viel passiert. Ich habe mich von meiner damaligen Freundin getrennt. Wir haben zusammengewohnt, und als sich das dann aufgelöst hat habe ich mir gedacht: „Nein, ich will jetzt eigentlich keine fixe Wohnung”. Ich bin zuerst als Tontechniker auf Tour gegangen, habe dann einen Anruf von OEHL bekommen und bin zu OEHL dazu gegangen. Da ist dann extrem viel passiert. All das hat dann zu diesem Umbruch geführt. Das hat mir selbst die Legitimation gegeben, zu sagen, ich mache jetzt nur noch Musik. Es war auch einfach eine Form von Freiheit. Noch dazu hat sich 2019 meine alte Band aufgelöst, mit der ich 10 Jahre gespielt habe, GOSPEL DATING SERVICE. Da habe ich auch gemerkt, ich habe jetzt 10 Jahre Energie in ein Bandprojekt hineingesteckt, und jetzt zerbricht das einfach. Das will ich nicht mehr, ich will das selbst in der Hand haben.
„ICH MERKE, DASS DAS VORNE STEHEN DAS IST, WAS ICH LANGFRISTIG MACHEN MÖCHTE“
Existiert OEHL noch, bist du noch Teil davon?
David Ruhmer: Ja, bin ich. Da bin ich aber nur als Schlagzeuger dabei und schreibe keine Songs mit. Das macht mir total Spaß, erstens den Ausgleich zu haben und dann auch doch wieder mal nicht nur ganz vorne zu stehen. Einfach hinten zu sitzen ist doch der entspanntere Job. Aber ich merke, dass das vorne stehen das ist, was ich langfristig machen möchte.
Wo soll es hingehen die nächsten zwei Jahre, hast du Ziele?
David Ruhmer: Ja, die stehen sogar ganz groß über meinem Schreibtisch. [lacht] Ein Ziel, das ich schon länger habe: Ich würd‘ gern das Flex ausverkaufen. Das ist vielleicht auch so ein Ding, weil wir das mit GOSPEL DATING SERVICE nie geschafft haben. Das möchte ich nächstes Jahr, und übernächstes Jahr dann die Arena. Außerdem möchte ich auch gern jedes Jahr noch ein Album releasen.
Bist du da schon dran mit neuen Songs?
David Ruhmer: Es gibt schon Ideen, es gibt auch viele Skizzen, aber ich würde mich da dann schon noch ganz frisch ransetzen. Auf das freue ich mich auch schon extrem, weil jetzt so eine lange Phase ohne Musik schreiben war.
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Du machst als Solokünstler ja jetzt doch schon ein paar Jahre Musik. Warum hast du dich bisher gegen ein Album entschieden?
David Ruhmer: Ich bin damals von Frankreich zurückgekommen, Ende 2019. Da hatte ich ja viel Zeit, bin für ein Monat nach Frankreich gefahren und habe dort die ersten Songs geschrieben. Dann war ich zurück und hatte schon 15 Songs oder so. Ich war total euphorisch und dachte mir: „Das hau’ ich alles sofort raus”. Dann bin ich aber von Freunden und Bekannten aus der Musikbranche ein bisschen gebremst worden, die meinten, ich soll noch ein bisschen an den Songs schrauben und mir mehr Zeit nehmen. Habe ich eingesehen und mich dann einmal auf Singles und EP’s konzentriert.
„ES BEDEUTET IN ÖSTERREICH NOCH WAS, EIN ALBUM ZU VERÖFFENTLICHEN. MAN HAT EIN ANDERES STANDING ALS KÜNSTLER“
Wenn du heute zurückschaust, war das der richtige Weg?
David Ruhmer: Zum Teil, ich glaube, ich hätte auch schon früher ein Album releasen können. Weil ich schon merke, es bedeutet in Österreich noch was, ein Album zu veröffentlichen. Man hat ein anderes Standing als Künstler, kommt mir vor. Also es hätte früher sein können, aber ich bereue jetzt auch nicht, wie es gelaufen ist. So ist es sicherlich in sich stimmiger, weil das ganze Album innerhalb eines Jahres entstanden ist. Ansonsten wären es sehr viele Ideen gewesen, die ich noch in meiner Findung als Künstler hatte, dann wäre es ein bisschen diverser gewesen.

Hast du dich mittlerweile gefunden als Künstler?
David Ruhmer: Ich glaube, ich bin einfach jemand, der immer wieder weiter schaut und sich immer weiterentwickelt. Leider muss ich mich damit abfinden. [lacht]
Ist ja nichts Schlechtes, oder?
David Ruhmer: Nein, aber ich glaube, es ist schon was Schönes, sich irgendwann wirklich gefunden zu haben. Es ist ja auch was anderes als Solokünstler, vor allem, weil ich meine Grenzen, was den Sound angeht, nie definiert habe. Es ist eine dauerhafte Entwicklung.
Ich würde auch sagen, dein Sound hat sich verändert. Das jetzige Album ist sehr rockig.
David Ruhmer: Ich finde auch. Es ist halt auf jeden Fall kein klassischer Indie. Ich werde sehr viel auf 88.6 gespielt, und oft frage ich mich: „Ist es wirklich so rockig?”. Aber scheinbar ist es das.
Auf welchem Radiosender siehst du dich?
David Ruhmer: Ich bin happy, dass mich 88.6 so cool findet. Es geht letzten Endes nicht darum, ob dich der eine Radiosender in Österreich spielt, wo alle gespielt werden wollen. Im Indie-Bereich. [lacht] Ich bin extrem dankbar, dass es 88.6 gibt, was ich so von anderen höre, haben die einen tollen Support und spielen scheinbar viele österreichische Künstler:innen. Und die Schwelle ist irgendwie nicht so hoch wie bei anderen Sendern.
Aufgewachsen bist du in der Nähe von Linz, wo du ja auch dein Release-Konzert am 22.9. spieltest. Fühlst du dich dort musikalisch mehr zuhause als in Wien?
David Ruhmer: Ich sehe meine Wurzeln schon voll in Linz, aber was das musikalische Umfeld betrifft, absolut in Wien. Da habe ich keine Verbindung zu Linz.
Und, hast du auch noch vor, nach Berlin zu gehen? Da, wo alle hinwollen.
David Ruhmer: [lacht] Oh, glaub mir, das stand auf meiner To-Do-Liste.
Ehrlich?
David Ruhmer: Kurz. Aber ich war jetzt wieder in Berlin, ich fühl’s einfach nicht so. Anfang letzten Jahres war ich in Zürich, das mag ich extrem gern. Ist leider zu teuer für einen Musiker, der sein Publikum hauptsächlich in Österreich hat. Mich zieht es schon noch irgendwo anders hin. Aber der Horizont ist gerade mal der Album-Release, dann werde ich dieses Thema noch einmal angehen. Vielleicht ja endlich nach Japan.
Danke dir für das nette Gespräch!
Katharina Reiffenstuhl
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