„Ich wollte mir bewusst Zeit nehmen und rausfinden, was ich wirklich machen will.“ – ANNA FRIEDBERG im mica-Interview

ANNA FRIEDBERG (ehemals ANNA F.) hat sich Zeit genommen und auf der Suche nach einer neuen musikalischen Ausrichtung sich zum Songschreiben zunächst einmal in die Wüste begeben. Zurückgekehrt ist die gebürtige Steirerin mit Liedern, die soundtechnisch mit ihrer Mischung aus Post-Punk, Alternative Rock und Pop doch deutlich anders klingen, als man es von ihr eigentlich gewohnt war. Neu ist auch, dass die mittlerweile in London lebende Musikerin nun mit ihrer eigenen Band FRIEDBERG an den Start. ANNA FRIEDBERG spricht im Interview mit Michael Ternai über die Entstehung der Debüt-EP YEAH YEAH YEAH …”, die Entscheidung nach London zu gehen und wie es war, plötzlich BBC-Act der Woche zu sein.

Der Sound von Friedberg bedeutet für dich in gewisser Weise eine musikalische Neuorientierung. Wolltest du bewusst einen musikalischen Richtungswechsel vornehmen? 

Anna Friedberg: Ich würde nicht sagen, dass das jetzt eine bewusste Entscheidung war. Es hat sich einfach so ergeben. Ich habe mich nicht hingesetzt und mir gesagt, ich will jetzt eine Band gründen und genau dies oder das machen. Ich wollte mir bewusst Zeit nehmen und rausfinden, was ich wirklich machen will. Daher bin ich alleine in die Wüste nach Joshua Tree gereist, habe mir dort eine Hütte gemietet und den ganzen Tag Musik gemacht und Gedichte geschrieben.
Ich war schon einmal vor ein paar Jahren während eines Roadtrips dort. Ich bin mit Hannes Rossacher auf den Spuren von Jack Kerouac und Allen Ginsberg durch die USA gereist und eben dort gelandet. Witzig ist, dass wir dort auch Eric Burdon von The Animals getroffen haben. Auf jeden Fall habe ich diesen Ort immer schon inspirierend gefunden und ich wundere mich auch nicht, warum so viele Musikerinnen und Musiker dorthin fahren.
Dort in der Wüste habe ich dann begonnen, Lieder zu schreiben. Wobei mir damals noch nicht klar war, dass ich das für Friedberg tue. Ich bin ja noch als Anna F. hingereist. Irgendwann sind die zwei Berliner Produzenten Daniel Brand [Brandt Brauer Frick; Anm.] und Matthias Biermann [Roosevelt; Anm.] nachgekommen, mit denen ich eigentlich tagaus, tagein gejammt habe. In dieser Zeit sind mehr oder weniger auch die erste Single „Boom“ und der Song „Pass Me On“ entstanden.

Hattest du zu Beginn schon eine Idee, wohin es musikalisch gehen soll?  

Anna Friedberg: Ich wusste schon, dass ich einen etwas roheren Sound haben will, nur wie ich zu diesem kommen sollte, war mir anfangs noch nicht wirklich klar. Ich habe wirklich sehr, sehr viel ausprobiert und es sind auch unzählige Versionen zu den Liedern entstanden. Im Endeffekt sind Daniel, Matthias und ich aber dann auf die Ur-Demos zurückgekommen, die in der Wüste auf ganz schlechtem Equipement, welches wir uns Vorort irgendwie zusammengeborgt haben, entstanden sind. Sie hatten einfach diesen Vibe, den man nicht mehr toppen konnte. Ab dann hat sich dann mehr und mehr herauskristallisiert, dass ich genau diese Richtung einschlagen will.  

Inwieweit kommt der neue Sound dir als Person näher, als das, was du davor gemacht hast? 

Anna Friedberg: Ich glaube, die neuen Songs kommen dem am nächsten, was mir selber am meisten gefällt. Ich habe immer sehr viel ESG (Emerald Sapphire & Gold), LCD-Soundsystem und Courtney Barnett gehört. Das waren eigentlich die drei Bands, die ich zu der Zeit, als ich zu schreiben begonnen habe, am meisten gehört habe.

„[…] durchs Jammen haben wir dann den Sound gefunden.“ 

Welche Rolle hatten Daniel Brand und Matthias Biermann? Wie wichtig waren sie für dich? 

Bild Friedberg
Friedberg (c) Presspic

Anna Friedberg: Sie waren für mich zum einen sehr wichtig, da ich durch sie aus diesem Popumfeld, in dem ich mich auch in Berlin lange bewegt habe, rausgekommen bin und Leute aus anderen Szenen kennengelernt habe. Zum anderen auch, weil sie mich natürlich auch bestärkt haben, indem was ich tue. Ich habe mit beiden ja – unabhängig voneinander – davor schon ein paar Sachen gemacht und dachte mir, dass es eigentlich cool wäre, wenn wir zusammenarbeiten würden. Wir sind dann gemeinsam in die USA geflogen und haben uns in Joshua Tree und L.A. drei Monate lang in Joshua irgendwelche Sachen gemietet und einfach nur Musik gemacht. Und durchs Jammen haben wir dann den Sound gefunden.  

Dann ist es nach London gegangen, wo du auch ein Label gefunden hast.

Anna Friedberg: Genau, wobei ich schon relativ lange nach einem Label gesucht habe. Das ist dann doch nicht so schnell gegangen, da ich schon viele Absagen bekommen habe. Letztlich bin ich dann doch bei Marathon Artist, einem kleinen Label, untergekommen. Lustigerweise ist Courtney Barnett, die ich – wie ich vorher schon erwähnt habe, rauf und runter gehört habe – auch bei diesem Label.
Es hat dem Boss des Labels einfach gefallen, was ich mache. Zudem ist er in der Londoner Szene wirklich gut vernetzt, was natürlich auch kein Nachteil ist. Er meinte auch, dass ich eigentlich eine Band bräuchte. Das Problem war aber, dass ich in London niemanden kannte. Über ihn habe ich dann Emily Linden, die Gitarristin, kennengelernt. Er hat sie zuvor live gesehen hat und meinte, ich solle mich doch einfach mal bei ihr melden. Sie wiederum lebte mit Laura Williams, der Schlagzeugerin, in einer WG, die sie dann zur ersten gemeinsamen Probe mitbrachte. Schließlich stieß dann auch noch Cheryl Pinero, die Bassistin, zu uns. Die kommt aus Deutschland und lebt in London nur ein paar Minuten von mir entfernt, was für Londoner Verhältnisse sehr nah und daher sehr praktisch ist. 

Warum eigentlich London? 

Anna Friedberg: Ich wollte eigentlich immer schon nach London und es hat sich damals auch die Möglichkeit eröffnet, dorthin zu gehen. Wobei ich ursprünglich vorhatte, nur für ein paar Monate zu bleiben. Und dann fand ich es total gut. Jetzt pendele ich eigentlich regelmäßig zwischen Berlin und London.

„London ist eine so internationale Stadt, dass die Leute dort überhaupt keinen Unterschied machen.“ 

Als österreichische Musikerin/österreichischer Musiker wird man in London wohl nicht mit offenen Armen empfangen. Wie hast du das erlebt?  

Anna Friedberg: Eigentlich total anders. London ist eine so internationale Stadt, dass die Leute dort überhaupt keinen Unterschied machen. Es ist ihnen völlig egal, woher man kommt. Die finden es, glaube ich, sogar cool, wenn jemand mit einem exotischen Akzent daherkommt. Weder bei BBC noch bei den Radiostationen spielt die Herkunft groß eine Rolle. Was vielleicht nicht so einfach ist, ist, dass man sich dort Gehör verschafft, weil es in London wirklich so viele gute Musikerinnen und Musiker gibt, die großartige Sachen machen.

Aber trotzdem hast du es geschafft, dort im Radio gespielt und bei BBC-Act der Woche zu werden. Wie ist es dazu gekommen? 

Anna Friedberg: Ja, das fand ich auch extrem krass. Und natürlich freute es mich sehr. Ich kenne viele Leute, die selber aus London stammen, und schon ewig versuchen, irgendwie ins Radio zu kommen. Wie es dazu kam, weiß ich nicht wirklich. Ich hatte ein Interview mit einer Journalistin von der BBC, die gemeint hat, sie hätte den Song „Lizzy“ schon entdeckt gehabt, bevor mein Management ihn auf die BBC-Introducing-Plattform hochgeladen hat. Sie fand ihn super und wollte dann eben ein Interview mit mir. Und plötzlich wurde mein Song gespielt.

Wie hat eigentlich Corona die Entstehung der EP beeinflusst? Wie bist die generell mit dieser Krise umgegangen? 

Anna Friedberg: Da ich, bevor die Krise begonnen hat, eine sehr stressige Zeit hatte, empfand ich es kurz eigentlich recht angenehm, einmal durchschnaufen und durchatmen zu können. Aber dann hat sich die Stimmung natürlich geändert, weil wir kurz davor bei Eurosonic gespielt haben und für den Sommer wirklich viele Angebote hatten, auf Festivals zu spielen. Daraus ist leider nichts geworden, was sehr schade ist.
Ich war aber in der Zeit nicht untätig. Ganz im Gegenteil, ich habe mir selber sogar richtig Druck gemacht. Ich habe Songs geschrieben und aufgenommen, den Release vorbereitet, Photo-Shoots und einige Videodrehs gemacht und geschaut, dass alles wirklich für den Zeitpunkt vorbereitet ist, wenn es wieder losgeht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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