„ICH WILL MICH IN DER MUSIK IMMER WIEDER SELBST ÜBERRASCHEN“ – HARRY SOKAL IM MICA-INTERVIEW

Auf seinem neuen Live-Album „I REMEMBER JOE“ zollt Saxophonist HARRY SOKAL seinem langjährigen Kollegen, dem Pianisten, Keyboard-Pionier und Weltmusiker JOE ZAWINUL Tribut. Die CD, die bei einem Konzert in Graz mit dem neuen Trio Harry Sokal Groove United, zu dem noch Drummer HERBERT PIRKER und Bassist JOJO LACKNER gehören, mitgeschnitten wurde, beinhaltet sieben Stücke zwischen Jazz, Funk, Rock und Fusion incl. einer neuen Version des Zawinul-Klassikers „In A Silent Way“. In den Kompositionen von HARRY SOKAL haben sowohl komplexe Strukturen als auch immer wieder Raum für Improvisation Ihren fixen Platz. Robert Fischer traf den Musiker in seinem Haus samt Heimstudio östlich von Wien, um über seine langjährige Karriere, die Freundschaft zu JOE ZAWINUL sowie die besondere Vorliebe für das Trio-Format zu sprechen. 

Wie bist du Musiker geworden?

Harry Sokal: Ich bin in Hietzing aufgewachsen und komme aus einer sehr musikalischen Familie, das wurde bei uns aber nur hobbymäßig betrieben. Mein Vater spielte Akkordeon, meine Mutter sang in ihrer Freizeit Schlager. Mein Bruder, der vier Jahre jünger ist als ich, hat schon als Kleinkind dazu Percussion gemacht. Zu Beginn lernte ich Blockflöte, im Alter von neun Jahren hat mich mein Vater gefragt, ob ich eine Klarinette will. Ich habe zugestimmt. Jedes Mal wenn wir beim Heurigen oder einem anderen Treffen mit Familie oder Freunden waren, haben wir die Instrumente ausgepackt und es wurde aufgespielt. Unser Programm bestand aus Wiener Liedern, Gstanzln oder deutschem Schlager. Zum Saxophon bin ich erst später gekommen.

Wie ging es dann weiter?

Harry Sokal: Ich bin ziemlich bald von zu Hause weggerannt, das erste Mal mit dreizehn Jahren. Mit fünfzehn bin ich ganz weg, habe tagsüber viel auf der Straße Musik gespielt und nachts in Parks geschlafen. Zwischendurch hielt ich mich mit Gelegenheitsjobs wie z.B. Zeitung austragen über Wasser. Damals wollte ich noch gar nicht unbedingt Musiker werden, sondern in erster Linie frei sein. Mein Vater ist dann relativ früh gestorben, ich erbte von ihm ca. zwanzigtausend Schilling, was aus heutiger Sicht gesehen zwar kein großer Betrag ist, aber früher schon. Ich war damals zwanzig Jahre alt und hatte den großen Traum als Musiker nach New York zu gehen. Mit dem Erbe als finanziellem Polster im Rücken sagte ich zu meiner Mutter: „Ich fliege nach New York und komme nie wieder (schmunzelt)!“ 

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In welchen Bands warst du damals aktiv?

Harry Sokal: In einer Band spielte ich gemeinsam mit meinem Jugendfreund Pianist und Keyboarder Peter Wolf, der später u.a. mit Frank Zappa, Chicago und Santana zusammengearbeitet hat und schon damals als eine Art „Wunderkind“ galt. Musikalisch ging das in Richtung Pop und Jazz. Für die Band Gipsy Love mit Karl Ratzer, Harri und Jano Stoyka bin ich immer Wurstsemmeln holen gegangen. Über Gipsy Love bin ich dann auch zum Jazz gekommen. Generell habe ich damals halt immer geübt wie ein Wahnsinniger. Ich wohnte damals in Wien in einem kleinen Zimmer, habe mich da oft  verkrochen und bis zum Umfallen geübt. Meine Favoriten damals wie heute waren John Coltrane und Charlie Parker. Daneben bin ich viel auf Konzerte gegangen.

„ICH WOHNTE DAMALS IN WIEN IN EINEM KLEINEN ZIMMER, HABE MICH DA OFT VERKROCHEN UND BIS ZUM UMFALLEN GEÜBT“

Wo konnte man damals in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Wien überhaupt Jazz hören? Ist das im Radio oder TV gespielt worden?

Harry Sokal: Man hat sich hauptsächlich von Freunden Schallplatten ausgeborgt und die angehört. Im Radio wurde nicht viel Jazz gespielt. Oder man ist zu Konzerten gegangen. Ich war z.B. öfters in „Fatty´s Salon“, dem Lokal des legendären Klarinettisten Fatty George am Petersplatz im ersten Bezirk. Das war ein wirklich tolles Etablissement. Manchmal musste ich für ihn einspringen. Der Trompeter Oscar Klein hat mich angerufen und  gesagt: „Fatty hat Zahnweh, morgen musst du spielen!“.  Ich war da immer sehr aufgeregt vor meinen Auftritten, denn in „Fatty´s Salon“ waren regelmäßig viele, auch internationale Stars des Jazz auf der Bühne zu Gast. 

Bild des Musikers Harry Sokal im Studio
Harry Sokal (c) Robert Fischer

Später wurdest du Mitglied in der Band von US-Trompeter Art Farmer. Wie kam es dazu?

Harry Sokal: Ich bekam dann schon erste Kompositionsaufträge vom Vienna Art Orchestra und habe in verschiedenen Jazz-Formationen gespielt. Ich nahm öfters an privaten Sessions bei Schlagzeuger Joris Dudli teil, und der großartige Pianist Fritz Pauer, bei dem ich Privatunterricht hatte, brachte einmal Art Farmer, der damals in Wien gewohnt hat, dazu mit. Nach Ende der Session sprach er mich an und meinte:  „If you want come to my Apartment and we practice a little bit“. Ich antwortete: „Yes i kum i kum (schmunzelt)“. So wurde ich dann Teil der Band von Art Farmer.

Machen wir einen Schwenk zu deinem neuen Album „I Remember Joe“. Kannst du dich noch erinnern wie und wo du Joe Zawinul kennen gelernt hast?

Harry Sokal: Nein, eigentlich nicht. Möglicherweise war das zu der Zeit als ich mich ca. 1977 in New York aufgehalten habe und Joe dort in einmal seinem Loft besucht habe. Mit der Zeit haben wir uns dann näher kennen gelernt. Mir fällt eine Anekdote ein, als ich einmal mit dem Art Farmer-Quintett in New York im legendären „Sweet Basil“-Club aufgetreten bin, das war damals der hippste Club in New York. Wir hatten da mit dem Quintett ein Engagement für eine ganze Woche, für mich natürlich eine sehr aufregende Sache. Art Farmer´s Songbook bestand aus ca. 140 Stücken, aber wir haben uns für diese Auftrittsserie nur eine gewisse Anzahl ausgemacht, die musste ich auswendig lernen. Bei einer der Shows, wir hatten u.a. gerade die Ballade „Soul Eyes“ gespielt, kam Joe Zawinul in der Pause zu mir und meinte zu mir: „Super Harry – D Major, but why are you playing such old music – play some hip shit!“  

Bist du Miles Davis jemals persönlich begegnet?

Harry Sokal: Wir haben mit Art Farmer auf einem Festival in den USA gespielt und das Miles Davis Quintett ist nach uns aufgetreten. Beim Soundcheck ist das dann meistens umgedreht d.h. Miles Davis hatte den Soundcheck vor uns. Miles war dann später noch in der Nähe der Bühne und hat uns backstage beim Proben zugeschaut. Miles Davis stand da wie ein Punker, mit einer dunklen Rocker-Sonnenbrille und einer Lederhose mit so Schnallen usw. Art Farmer war mit Miles Davis sehr gut befreundet, und in einer Pause begannen sich die beiden zu unterhalten. Ich stand in weiterer Entfernung ca. zwei Meter hinter Art Farmer und spüre die enorme Aura von Miles Davis. Auf einmal dreht sich Art Farmer um und sagt zu Miles: „By the way please meet my tenor saxophon player Harry Sokal!“ Miles Davis schaute über kurz den Brillenrand zu mir herüber und meinte nur: “Yeah Harry! Kick the shit out“ (schmunzelt)! Dieses Treffen hat mich dann noch eine ganze Weile beschäftigt.

„MILES DAVIS SCHAUTE KURZ ÜBER DEN BRILLENRAND ZU MIR HERÜBER UND MEINTE NUR ‚YEAH HARRY! KICK THE SHIT OUT’“

Was war für dich das Besondere an den Kompositionen von Joe Zawinul?

Harry Sokal: Das Zentrum der Kompositionen von Joe Zawinul war abgesehen von seiner Band Weather Report, dem Stück „Birdland“ und einigen anderen Sachen immer eine sehr rhythmische Musik. Darum spielte Joe im Lauf seiner späteren Karriere mit The Zawinul Syndicate sehr viel Weltmusik mit Musikern aus aller Welt. Er mochte es, wenn die Musiker:innen andere Rhythmen bzw. andere Timings in seine Musik eingebracht haben. Joe hatte in seinen Bands z.B. auch immer ganz tolle Schlagzeuger. Die Kommunikation mit seinen Mitmusikern wie z.B. Saxophonist Wayne Shorter, sowohl rhythmisch als auch melodisch hat Joe immer irrsinnig getaugt. Mir geht es da ähnlich: für mich ist der Rhythmus immer die Seele der Musik. Harmonik, Rhythmik und Melodik sind für mich die Grundpfeiler, auf denen ich wie ein Chamäleon herumtanze. Bei meinen Live-Gigs gehe ich oft in Bereiche, wo ich einfach schaue, was im Moment passiert. Ich hole mir gerne Musiker, die überraschende Sachen machen bzw. mit denen es auf der Bühne möglich ist plötzlich andere Dinge zu erleben. Ich will mich in der Musik immer wieder selbst überraschen.

Wie ist das neue Album „I Remember Joe“ entstanden?

Harry Sokal: Das ist eine Live-Aufnahme mit meinem neuen Trio Groove United aus dem Cafe „Stockwerk“ in Graz. Die Aufnahme war zwar qualitativ gut, aber es waren einige noch kleine Fehler und andere Sachen dabei, die man ausbessern musste. Deshalb habe ich in meinem Heimstudio hier noch ca. 300 weitere Arbeitsstunden in das Projekt investiert. Ich hatte davor ein Miles Davis-Projekt und wollte da die berühmte Komposition „In A Silent Way“ von Joe Zawinul da einbringen, die ja auch Miles Davis aufgenommen hat. Meine Version davon hat sich zum Zentrum des neuen Live-Albums entwickelt.

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Kannst du auf die Besonderheiten einiger Stücke des neuen Live-Albums näher eingehen?

Harry Sokal:  „Magic Transition“ stammt original von meinem  Album „Full Circle“ von 1998. Das Stück habe ich im eher ungewöhnlichen 15 Viertel-Takt verfasst. Es steigert sich mit Fortdauer der Nummer immer mehr, bis es am Ende wieder zum Thema zurückkommt. Für die neue Version habe ich mit verschiedenen Delay-Effekten experimentiert. Meine Version von „In A Silent Way“  beginnt eher träumerisch und zart, bevor wir den Weg des Grooves der bekannten Miles Davis-Version einschlagen. Ich habe mich da absichtlich etwas zurückgenommen und spiele nur Melodien. Das letzte Stück „Hit Hat“ stammt noch aus meinen Jugendjahren, inspiriert hat mich dazu das geniale Zusammenspiel von John McLaughlin und Jack DeJohnette. Die neue Version mit viel Drum and Bass sowie psychedelischen Elementen soll zeigen, wie moderner Jazz im 21. Jahrhundert klingen kann.

Was schätzt du besonders am Trio-Format?

Harry Sokal: Ich trete oft in Trio-Formaten auf, weil ich da die Freiheit habe, in jede Richtung zu gehen. Bei Groove Unlimited kann ich entweder gemeinsam mit Herbert Pirker und seinen Drums wegzischen oder mich spontan auf eine Kommunikation mit dem JoJo Lackner´s Basseinlassen. Eine andere Möglichkeit ist mich auf das Zwiegespräch zwischen Schlagzeug und Bass draufzusetzen, oder aber ich entferne mich komplett, mache mein eigenes Ding und sie folgen mir. Im Gegensatz zu einer größeren Besetzung kann man sich im Trio mehr bzw. mehr Verrücktes erlauben. Herbert Pirker ist ein hervorragender Schlagzeuger, wenn der anfängt zu spielen, und es geht um schnelle Tempi, das ist einfach unglaublich!  Bei JoJo Lackner schätze ich vor allem seine präzisen Basslines und seine feine Spieltechnik.

„ICH TRETE OFT IN TRIO-FORMATEN AUF, WEIL ICH DA DIE FREIHEIT HABE IN JEDE RICHTUNG ZU GEHEN“

Du verwendest mit dem Saxophon im Studio und live viele Effekte. Könntest du genauer erklären wie das funktioniert?

Harry Sokal: Ich befasse mich viel mit Elektronik, baue auch Sachen selbst zusammen. Neben dem Raum, wo wir hier sitzen, sind ja noch ein kleines Studio und daneben eine kleine Werkstätte. Ich arbeite z.B. mit Effekten wie dem Harmonizer (auch als Pitch-Shifter bekannt, Anm.), der künstliche Harmonien erzeugt, indem er ein Audiosignal, wie Gesang oder Gitarre, um eine bestimmte Tonhöhe wie Quint, Oktave oder Terz verschiebt und mit dem Original mischt, was eine Stimme voller oder Instrumente breiter klingen lässt. Joe Zawinul hat z.B. viel mit dem Vocoder gearbeitet. Ein Vocoder funktioniert so, dass du einen Akkord greifst oder singst, und du kannst mit der Stimme den Akkord steuern. Das ist sehr ähnlich, wie ich mit Effektgeräten arbeite.  Es gibt einige Interviews, wo Joe erzählte, dass er z.B. manchmal sogar Klaviere komplett umgebaut hat, weil ihm der Sound des Instruments nicht gefallen hat.

Bild des Trios Harry Sokal Groove Unlimited live
Harry Sokal Groove Unlimited © Pressefoto

Was würdest du den Unterschied in deinem Spiel zwischen Tenor- oder Sopran-Saxophon beschreiben?

Harry Sokal: Wenn ich Sopran Saxophon spiele, zeigt das mehr meine lyrische Seite. Mit dem Sopran Sax kann ich sozusagen fliegen. Das ist für mich was ganz anderes, als wenn ich Tenor Saxophon spiele. Damit habe ich eine irrsinnige Power und da stehe ich sehr auf rhythmische Sachen, obwohl ich auch ein sehr gutes harmonisches Wissen habe. Die wichtigsten Inspirationen am Sopran Saxophon sind für mich auf jeden Fall Steve Lacy, Wayne Shorter oder Joe Farrell.

Mich beeindruckt sehr, dass du auch im fortgeschrittenen Alter immer noch so aktiv und kreativ bist, neue Alben veröffentlichst bzw. regelmäßig live auftrittst. Zum neuen Album steht ja auch bald eine kleine Tour an. Sind die Live-Gigs mittlerweile nicht manchmal etwas anstrengend für dich?

Harry Sokal: Nein, das geht sich gut aus. Wenn ein neuer Gig ansteht schaue ich meistens, dass ich bis zwölf Uhr mittags in Hotel bin. Dann mache ich einen ausgedehnten Mittagsschlaf, und gehe danach ausgeruht zum Soundcheck bzw. zum Konzert. Auf der Bühne bin ich zu 100 Prozent da und spüre mein Alter in keinem Moment.

Zum Schluss ein Klassiker der Interview-Fragen: Du kommst auf eine einsame Insel und darfst nur drei Alben mitnehmen – welche wären das?

Harry Sokal: Gute Frage! Da würde ich von John Coltrane: „A Love Surpeme“, von Gene Ammons & Sonny Stitt: „Boss Tenors – Straight Ahead From Chicago“ und vom Cannonball Adderly Quartett das Album „Country Preacher“ wählen. Das ist wirklich ein Klassiker!

Vielen Dank für das Gespräch!

Robert Fischer

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Live-Termine:
17.01.2026 – 3er Wirtshaus, Zwerndorf
22.01.2026 – Porgy & Bess, Wien
23.01.2026 – Dachbodentheater, Bruck a.d. Mur
26.02.2026 – Blue Garage, Frauenthal
27.02.2026 – Kulturkeller, Gleisdorf

06.03.2026 – Csello Mühle, Oslip
07.03.2026 – Step, Völkermarkt

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