„Ich sehe da eine Gefahr für Kulturgut“ – NAKED CAMEO im Mica-Interview

Wie viel ist dein Album wert? Nach Abrechnung mit den Streaming-Giganten definitiv zu wenig. NAKED CAMEO ziehen im Zuge ihres dritten Studioalbums „Phase To Phase“ (VÖ: 12.06.2026) den Stecker und stellen eigene Spielregeln auf: Bis auf die vorab erschienenen Singles ist das Album nicht auf den gängigen Streaming-Plattformen zu finden. Abseits des branchenpolitischen Zündstoffs zeigt sich die Band musikalisch aufgeräumter und selbstsicherer denn je. Mit einem organischen Soundbild aus Gitarren und Streicher-Arrangements liefert das Trio ein dramaturgisch streng ausbalanciertes Werk ab und hat dafür sogar sieben Jahre alte Skizzen aus dem Bandkeller geholt, deren Zeit endlich gekommen war. Mit Katharina Reiffenstuhl führten Maria Solberger und Lukas Maletzky ein ausführliches Gespräch über den grenzenlosen Kapitalismus in der Musikindustrie, den ständigen Inszenierungszwang auf Social Media und den Reifeprozess der letzten Jahre.

Morgen erscheint euer neues Album „Phase to Phase“. Für welche Phasen steht es?

Maria Solberger: Alle. Alle, die mit dem Album zu tun haben. Eigentlich schon von der ersten Phase an, der Song „Navelgazer“, der vor fast sieben Jahren entstanden ist. Also die Ursprünge davon, dazwischen hat er zehn verschiedene Versionen durchgemacht. Jetzt hat er es aufs Album geschafft, als allerletzter Song. 

Lukas Maletzky: Wir haben auch bewusst diese Mondphasen dazu gemacht, weil der Titel „Phase to Phase“ in sich symmetrisch ist. Ich mag Symmetrie.

Maria Solberger: Wir haben sogar die Dramaturgie der Songs symmetrisch angelegt. Dass zum Beispiel immer der erste und der letzte ein Streichersong sein muss. Und auch die Textzeile. 

Lukas Maletzky: Ich habe nach dem Vorbild von anderen Bands, die ich cool finde, eine Zeile aus dem Album genommen und hab’s dann halt von „Face to Face“ zu „Phase to Phase“ gemacht.

Hätte „Navelgazer“ es eigentlich schon aufs letzte Album schaffen sollen?

Lukas Maletzky: Ja, aufs zweite, ich habe ihn nach dem ersten Album geschrieben. Es wird schon seinen Grund haben, dass der jetzt erst da ist. Dazwischen sind ja zwei Alben wert an Songs entstanden – also die Doppel-EP plus das zweite Album – und da hat er es nie irgendwohin geschafft, weil es nicht genau gepasst hat. Und jetzt ist er genau da, wo er hinsoll. Ich glaube, ich war noch nie so happy mit einem Song, als er dann fertig produziert war. Da passt alles zusammen.

Das glaube ich, nach sieben Jahren Arbeit.

Lukas Maletzky: Meistens sind genau das die Songs, die dann abkacken, weil es so überdacht ist. Dann ist es schon die ganze Zeit so verschlimmbessert, dass das absolut keine Wirkung mehr hat. Aber dadurch, dass man auf Lyrics zurückgreifen kann, die man vor langer Zeit angefangen hat zu schreiben, hat man ein bisschen mehr Empathie mit sich selbst, habe ich das Gefühl. Man versteht dann halt besser, was in der Zeit passiert ist. Das war einfach ein Full-Circle-Moment.

Maria Solberger: Man kann ja sagen, das Grundgerüst ist gestanden und du musstest quasi nur noch dieses Gewand vom Arrangement her anpassen. Da haben wir echt einige Versuche gebraucht und wahrscheinlich hat es einfach so lange gedauert, bis wir gecheckt haben, welches Gewand er braucht. Der war schon ein Trap-Song, er war schon ein Four-to-the-Floor-Song, er war vorher schon alles. Das hätte für die Lyrics einfach keinen Fit gehabt. 

Lukas Maletzky: Jetzt sagt der Song genau das aus, was die Lyrics tun. Vom Vibe her.

Maria Solberger: Wahrscheinlich hat es auch bis jetzt gebraucht, um diese Sound-Ästhetik-Prozesse fürs Album zu finden. Und in dem Fall hat der Song einfach auch Platz gefunden.

Lukas Maletzky: Ja, voll. Ich finde, der steht für sich selbst ein bisschen. Der hat einen ganz speziellen Platz in meinem Herzen.

„UNSER PUBLIKUM IST TENDENZIELL IMMER GRÖßER GEWORDEN, ABER FINANZIELL MERKT MAN DAS ÜBERHAUPT NICHT“

Euer Album wird diesmal nur als Vinyl und auf Bandcamp erscheinen, um ein klares Statement gegen die aktuellen Streaming-Bedingungen für Künstler:innen zu setzen. So eine Entscheidung trifft man als Band vermutlich nicht von heute auf morgen. Was hat zur finalen Entscheidung geführt, eure Musik nicht mehr über Streamingdienste anzubieten?

Maria Solberger: Wir haben extrem lange darüber nachgedacht und generell viel reflektiert, was in der Bandgeschichte die letzten Jahre so passiert ist. Und dann haben wir irgendwann festgestellt: Irgendwas ist halt saukomisch. Unser Publikum ist tendenziell immer größer geworden, aber finanziell merkt man das überhaupt nicht. Da wussten wir, wir müssen irgendwas ändern. Das System „Streaming“ ist halt einfach ein System, das die Großen immer größer macht, die Kleinen immer kleiner und Newcomer haben überhaupt keine Chance mehr. Das ist eine Systematik, in der wir nicht mehr mitspielen wollen – moralisch, kapitalistisch und finanziell. 

Lukas Maletzky: Das Konzept ist einfach ausbeuterisch. Man kann eh nicht von heute auf morgen sagen, dass man gar nicht mehr mitmacht, aber man kann zumindest ein bisschen seine eigene Komfortzone verlassen.

Maria Solberger: Dass wir die Singles noch auf den Streaming-Plattformen rausbringen, das ist ein bisschen die Kompromisslösung. Dadurch haben Fans und Leute trotzdem die Chance, sich vorzustellen, wie das Album klingen kann. Das ist auf gewisse Art und Weise unser Werbepool, aber wir haben einfach keinen Bock mehr, dass die mit unseren Songs machen können, was sie wollen. Die ganze Musikindustrie ist ein Feld, das extrem frustrierend ist. Irgendwie kann das nicht so weitergehen. Deshalb ist es ein Statement und ein erster positiver Schritt, der vielleicht als Vorbild für andere dienen kann.

Lukas Maletzky: Es ist ein Experiment. Wir haben schon so viele Analogien gefunden, mit denen man dieses Business Streaming-Service vergleichen könnte. Wenn man es mit einer Bücherei vergleicht, wo man sich für drei Monate ein Buch ausborgen möchte, und die Bibliothekarin sagt „3 Cent bitte“, dann denkt man sich auch „Oh, das ist ganz schön billig“.

Maria Solberger: Das kriegt man für ein Album im Endeffekt. 

Lukas Maletzky: Genau, das muss man dazu sagen, du bekommst 0,03 Euro für einen Stream. Wenn du das ganze Album durchhörst, auf einer Plattform, die deine Songs quasi verleiht, bekommst du 3 Cent, wenn du 10 Songs am Album hast. Das ist so dermaßen absurd, dass man es gar nicht so richtig checkt. Auch dieses ganze Gaslighting: „Es ist halt eine Werbeplattform, genauso wie bei Instagram oder TikTok“. Bullshit. Es ist nicht einfach nur eine Werbeplattform, ein Song ist ein physisches Produkt. Es wird als physisches Produkt abgehandelt, es wird als physisches Produkt abgerechnet, es wird als physisches Produkt konsumiert. Es ist einfach nur so abstrakt, weil es digital ist. Da hört dann jemand dein Album durch und du bekommst 3 Cent dafür. Und da zählen auch nur Spotify-Premium-Accounts als volle Streams. Man kann lange darüber ranten, es ist einfach eine Sauerei, was da passiert.

Maria Solberger: Ich sehe da eine Gefahr für Kulturgut, sei es in Österreich oder generell. Alles, was nicht riesig ist, hat keine Chance. Leute kaufen sich Taylor Swift-Tickets zwei Jahre vorher, aber keiner kauft sich ein Club-Ticket für in zwei Monaten. 

Lukas Maletzky: Mittlerweile ist Musik für viele nur noch etwas, das aufgekauft wird, also ein Investment. Und da muss man – sofern man etwas von Kultur hält – dagegen steuern. Wir setzen da einen ersten Schritt.

Maria Solberger: Es ist eh nur ein Mini-Schritt. Um eine große Änderung zu erzeugen, bräuchte man große Artists.

Lukas Maletzky: Es ist ein narzisstisches System, aber das Schöne an narzisstischen Systemen ist, dass sie irgendwann völlig kollabieren. Ich bin gespannt, was passiert.

Euer Post auf Instagram zu dieser Thematik hat polarisiert. Wie wichtig ist euch die Meinung anderer da?

Maria Solberger: Es gibt ein bisschen Ragebait, es gibt aber auch viel Zuspruch. 

Lukas Maletzky: Wenn Leute nicht glauben, dass das funktioniert, ist das ja fein. 

Maria Solberger: Wir wissen es ja selber auch nicht. Aber die Wertschätzung für Musik fördert man hoffentlich mehr mit solchen Moves.

Lukas Maletzky: Das ist eben von so einer Angst getrieben. Deswegen machen sie es. Jeder regt sich auf, keiner will Social Media machen, keiner will seine Songs auf Spotify stellen, keiner will TikToks machen. Jeder macht es trotzdem, weil alle von so einer Angst getrieben sind, dass die Verkaufszahlen schlecht sind. Dann wird immer gesagt:„Ja, da musst du halt mit den Konsequenzen rechnen“. Welche Konsequenzen? Die Konsequenzen gibt’s ja eh schon lang. Die Konsequenzen gibt es, seit Spotify als Geschäftsmodell existiert. Also Spotify an sich ist ein richtig geiles Geschäftsmodell, don’t get me wrong. Aber das System, wie es jetzt gerade ist, ist absolut ungut. Die meisten können nicht davon leben, uns zum großen Teil inbegriffen. Überleben ist nicht dasselbe wie von etwas leben. Man kann diese Band mit einer Mittelklassefirma vergleichen. Stell dir vor, du bist Installateur und versorgst zwei Dörfer mit deiner Arbeit. So ungefähr ist es bei uns. Es ist halt echt Wahnsinn.

„WAS WIR KÖNNEN, IST VIELLEICHT EINMAL ANDERE WEGE GEHEN.“

Nimmt euch der Kapitalismus ein bisschen die Freude am Musikmachen?

Maria Solberger: Es klingt jetzt so, als würden wir nur ragen hier. (lacht) Es macht’s auf jeden Fall frustrierend, das muss man einfach ehrlich sagen. Aber gleichzeitig werden wir ja trotzdem immer irgendwie Musik machen, oder? Wir können ja eh nicht anders. Was wir können, ist vielleicht einmal andere Wege gehen.

Lukas Maletzky: Natürlich ist es Musik in einem kapitalistischen System und in diesem System geht es eben darum, Geld zu verdienen. Das ist ja auch fein, so ist das nun mal. Aber gerade in dieser Industrie ist einfach dieser ungebändigte Laissez-faire-Kapitalismus grenzenlos. Die Paymaster wie Spotify entscheiden darüber, wie viel Geld du nächstes Monat kriegst. Vor drei Jahren war es noch ein halber Euro pro Stream. Und auf einmal sind es 0,03 und die, die unter 1000 Streams haben, kriegen gar kein Geld mehr. Einfach so, weil sie es können. Das ist das Problem, dass das politisch total unreguliert ist. Selbst, wenn die in einem Parlamentsbeschluss durchbringen, dass sich der Preis von einem Stream verdoppelt, ist es noch immer verschwindend gering. Du kannst auf YouTube Filme ausleihen um 7,99€, teilweise ältere Filme auf Amazon Prime um 5,99€. Warum kostet mein Album 3 Cent? Warum kostet es zumindest nicht 1 Euro? Davon könnten wir gut leben, wenn wir einen Euro pro Album Stream kriegen würden. Dann kann ich auch mal an Kinder denken oder ein Haus bauen. Aber so wie es jetzt gerade ausschaut, ist das absolut katastrophal.

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Weil es vorhin schon kurz um Social Media ging: Ist das etwas, wo ihr euch eher verpflichtet fühlt, regelmäßig zu posten? 

Maria Solberger: Ja, absolut. Du musst mitspielen. Wir haben da auch viel herumprobiert und irgendwann für uns entschlossen, dass wir das einfach nicht können, jeden Tag etwas zu posten und das zu inszenieren. Das funktioniert nicht, das checkt man irgendwann. Dann haben wir gesagt: „Wenn wir was zu posten oder zu promoten haben, dann machen wir das.“ Und dann freut man sich ja auch, es ist ja schön, was zu zeigen. Aber ich muss jetzt nicht zeigen, was ich jeden Tag frühstücke.

Lukas Maletzky: Das ist halt irgendwie auch schon so ein Businessmodell. 

Und eine Frage des Algorithmus.

Lukas Maletzky: Erstens das. Ich habe letztens auch eine Diskussion gesehen, da hieß es, diese ganzen Algorithmen sind bewiesenermaßen süchtigmachender als Casinos. Uns wird dauernd gesagt, du musst posten, posten, posten. Meine kleine Schwester ist elf und hat eine Freundin, die macht TikToks zum Spaß. Die postet dann „My Daily Nails“, so Pinterest-mäßig schöne Fingernägel, legt einen Song drunter, und das Ding geht viral und hat eine halbe Million Views. Die hätte 360 Euro verdient damit. Da denke ich mir: „Okay, wofür mach‘ ich mir eigentlich die Hack‘n?“ Das übersetzt sich nicht in Views und Streams und Konzertbesuche, sondern genau in diese kurze Aufmerksamkeitsspanne, wo du das geil findest, auf Like drückst und es dann vergisst.

Maria Solberger: Richtige Fans sind mir tausendmal lieber als ein paar Likes. Das ist auf lange Sicht wesentlich mehr wert. Ganz viele Social-Media-Trends funktionieren ein, zwei Jahre und sind dann schnell wieder weg. Musik ist zeitlos.

Wir haben 2023 schon über eure Grätsche zwischen Wien und Berlin geredet, die auch am aktuellen Album thematisiert wird. Wo seid ihr gefühlsmäßig musikalisch daheim?

Maria Solberger: Ich weiß nicht. Ich glaube, das haben wir gar nicht. Es ist irgendwie immer so eine Brücke zwischen allem. Wir haben noch nie ein Album an einem Ort aufgenommen. Wir haben immer minimum drei bis vier Orte gehabt, auch in Österreich an unterschiedlichsten Orten. Wien ist natürlich immer so ein bisschen die Base. Du kommst ja fast nie nach Berlin. (lacht)

Lukas Maletzky: Tschuldigung.

Noch immer keine Freundschaft mit Berlin schließen können?

Lukas Maletzky: Es ist jeder so hyperindividuell, das ist mir too much.

„ICH GLAUBE, WIR HABEN AUCH ALLE GEMERKT, WIE GUT WIR EIGENTLICH IN DEM SIND“

Was würdet ihr sagen, hat sich verändert vom zweiten zum dritten Album?

Maria Solberger: Wir sind erwachsener geworden, wir wissen alle mehr, was wir können. 

Lukas Maletzky: Und was wir wollen und was wir nicht wollen.

Was ist das?

Lukas Maletzky: Unsere Streamingdienste verlassen zum Beispiel. Zum anderen habe ich ein bisschen meinen Kontrollzwang zurückgeschraubt. Ich bin einfach rausgegangen während der Produktion, habe die anderen machen lassen und habe mich darauf verlassen, dass es fix passt. Ich glaube, wir haben auch alle gemerkt, wie gut wir eigentlich in dem sind.

Maria Solberger: Wenn man es mit dem ersten Album vergleicht, hatten wir gefühlt da überhaupt keine Ahnung. Jetzt ist man routiniert. Irgendwer fängt was an und du weißt, was du tun musst. Man hat sich mehrere Handwerkskoffer angeeignet und das hilft voll viel. Das hat sich auf jeden Fall verändert, weil jeder über die Jahre andere Einflüsse durch unterschiedliche Personen oder Orte gehabt hat.

Ich finde, musikalisch geht das neue Album verglichen zum letzten in eine ähnliche Richtung, aber es wirkt breiter gefächert.

Lukas Maletzky: Ja, es ist von der Instrumentierung wieder relativ ähnlich zum ersten Album. Aber es ist alles ein bisschen mehr gemischt, also die Focal Points haben sich einfach verschoben. 

Maria Solberger: Und natürlich haben wir weniger Synths, jetzt mehr so Gitarren und Strings.

Lukas Maletzky: Genau. Es gibt Synths, aber die sind halt nicht mehr so im Vordergrund. Wir wollten auch bewusst diesen Sixties-Vibe ein bisschen zulassen. Das war schon immer so und ich hätte das immer schon gern ein bisschen mehr gemacht. Beim ersten Album haben wir nur ziemlich viel gebastelt, da war es ein bisschen zeitgeistiger. Und jetzt dachten wir uns: „Scheiß‘ drauf, wir machen, worauf wir Bock haben“. Und das ist herausgekommen.

Im Herbst seid ihr auf Tour. Glaubt ihr, dass sich die Tatsache, dass ihr jetzt auf den Streamingdiensten nicht mehr so zu finden seid, darauf auswirkt, dass mehr Leute zu den Konzerten kommen würden?

Lukas Maletzky: Wir wissen es nicht. Es gibt ja kaum Präzedenzfälle, zumindest keine, von denen wir wissen. Also schauen wir mal. Ich hoffe, es werden nicht weniger.

Ich hoffe auch. Danke euch!

Katharina Reiffenstuhl




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