„Ich möchte Resonanz erzeugen.“ – Daniel Riegler (Studio Dan) im Dialog mit Martin Schlögl

20 Jahre STUDIO DAN bedeuten 20 Jahre musikalische Hybridität zwischen Jazz und zeitgenössischer Musik, flexible Besetzungen vom Streichquartett bis zum Kammerorchester, eigenwillige Dramaturgien und eine starke Ensemblekultur.
Im folgenden Gespräch mit Ensemble-Leiter, Komponisten und Posaunisten DANIEL RIEGLER wird jedoch schnell klar: Ein wichtiger Teil dieser Arbeit ist die Musikvermittlung. Sie ist in der Arbeitsweise von STUDIO DAN deutlich spürbar. Nicht als Zusatzprogramm oder pädagogische Begleitmaßnahme, sondern als künstlerische Haltung, die sich durch viele Projekte des Ensembles zieht.
Das folgende Gespräch entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Vermittlung von Musik“ an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien unter der Leitung von MARTIN SCHLÖGL aus dem Fachbereich Musik im Dialog.

Wenn wir heute über Musikvermittlung sprechen: War das vor 20 Jahren, als du Studio Dan gegründet hast, schon ein Thema für dich?

Daniel Riegler: Als Begriff eigentlich nicht. Wir sind da eher hineingerutscht. 2005 wollte ich schlicht eine große Band gründen. Eine Formation mit vielen Musiker:innen, stilistisch offen, zwischen Jazz und zeitgenössischer Musik, mit einer gewissen Zappa-Sozialisation im Hintergrund. Ich hätte damals nie gedacht, dass das Ensemble einmal so lange bestehen würde, und schon gar nicht, dass Musikvermittlung so eine zentrale Rolle spielen würde.

Probe für das Käfigkonzert
Probe für das Käfigkonzert © Christopher Mavric

Und trotzdem ist sie heute aus eurer Arbeit nicht mehr wegzudenken.

Daniel Riegler: Ja. Unser erstes Projekt in diese Richtung haben wir ganz pragmatisch „Kinderkonzert“ genannt. Wir hatten kaum Budget und haben beschlossen: Wir spielen das, was wir ohnehin spielen, kürzen es, collagieren es und bauen eine Geschichte darum. Gemeinsam mit dem Regisseur Manfred Weissensteiner vom TaO! Graz entstand dann ein Musiktheaterstück, in dem die Band gegen den Dirigenten rebelliert.

Das hat erstaunlich gut funktioniert. Und da haben wir gemerkt: Man muss Musik nicht vereinfachen, um sie zugänglich zu machen.

Ihr habt später sogar Musik von Vinko Globokar für junges Publikum verwendet.

Daniel Riegler: Genau. Das ist eigentlich sehr komplexe, experimentelle Musik. Globokar selbst konnte sich kaum vorstellen, dass das für Kinder funktionieren kann und als er dann das Stück gesehen hat, war er begeistert von unserer Arbeit. Seine Stücke haben starke visuelle und performative Elemente. Wenn jemand mit der Posaune in einer Wasserschüssel spielt und es „blubbert“, dann ist das klanglich ein ernst gemeintes Experiment, aber es hat auch eine komische Seite.

Man darf beides zulassen. Die Ernsthaftigkeit und den Humor. Und gerade dieser Humor öffnet Türen.

Vermittlung beginnt bei der Programmierung

Viele verbinden Musikvermittlung vor allem mit Kinder- und Jugendprojekten. Aber bei euch geht das viel weiter.

Daniel Riegler: Für mich beginnt Vermittlung bei der Frage: Wie stelle ich ein Konzert zusammen? Wie spreche ich das Publikum an? Ich möchte Resonanz erzeugen. Nicht im Sinn von Anbiederung, sondern im Sinn von Verbindung.

Ein Beispiel ist unser Abo-Zyklus im MuTh. Vor jedem Konzert gibt es das „Amuse-Gueule“. Das Publikum sitzt mitten im Ensemble auf der Bühne. Wir spielen Ausschnitte, erklären Strukturen, zeigen Partituren, beantworten Fragen. Manche erleben zum ersten Mal, wie so eine Partitur aussieht.

Es ist ein riesiger Unterschied, ob man mitten im Klang sitzt oder im Saal. Wenn man einmal im Ensemble gesessen ist, hört man das Konzert danach anders.

Das kann ich bestätigen. Man fühlt sich als Mitwisser. Wenn eine Passage wiederkommt, ist die Aufmerksamkeit im Publikum eine andere.

Daniel Riegler: Genau. Und das ist für mich schon Musikvermittlung. Man schafft Nähe. Man gibt Einblick in Prozesse. Man öffnet einen Raum, ohne die Kunst zu reduzieren.

Studio Dan ZONK!?!! 2022, NikHummer
Studio Dan ZONK!?!! 2022 (c) NikHummer

Der öffentliche Raum als Erfahrungsraum

Mit „ZONK!?!!“ seid ihr noch einen Schritt weiter gegangen. Raus aus dem Konzertsaal, hinein in den öffentlichen Raum. Wie kam es dazu?

Daniel Riegler: Ja, das war im Rahmen eines Fördercalls der Stadt Wien. Ursprünglich hieß das Projekt „Virus“, weil wir uns im öffentlichen Raum ausbreiten wollten. Dann kam Corona, also mussten wir umbenennen und auch umdenken.

Wir haben im 20. Bezirk Interventionen gemacht: unter Brücken, in Unterführungen, an überdachten Plätzen. Gespielt haben wir u.a. Musik von Steve Reich, Giacinto Scelsi, James Tenney, also Werke, die im klassischen Konzertbetrieb schon als speziell gelten.

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Von großer Neugier bis zu völliger Ignoranz. Und Ignoranz ist fast unangenehmer als Ablehnung. Wenn Menschen vorbeigehen und dich nicht einmal wahrnehmen.

Aber es gab auch intensive Begegnungen. Gespräche mit Anwohner:innen, Kinder, die stehen bleiben, Menschen, die fragen: „Was ist das?“

Das Abschlusskonzert war Terry Rileys „In C“ im Allerheiligenpark. Zwischen Picknickdecken, spielenden Kindern und Alltagsgeräuschen. Kein abgetrennter Bühnenraum, sondern ein geteilter Raum. Auch das kann Vermittlung sein.

Ensemblekultur als Voraussetzung

Liegt dieses besondere Klima bei euch auch daran, dass viele schon lange Teil des Ensembles sind und ihr es trotz der Größe schafft, eine enge Verbindung aufrechtzuerhalten?

Daniel Riegler: Das hat sicher viel damit zu tun, dass sich dieses Ensemble über viele Jahre hinweg organisch entwickelt hat. Natürlich sitzen nicht seit 2005 exakt dieselben Leute im Ensemble, von den Gründungsmitgliedern sind heute noch drei oder vier dabei. Trotzdem haben wir eine sehr geringe Fluktuation. Es ist also nicht so wie bei manchen Projektensembles, wo je nach Verfügbarkeit ständig durchgewechselt wird.

Bei uns spielen viele schon lange zusammen. Man kennt sich, man vertraut einander und trotzdem ist es immer ein professioneller Job. Gerade diese Mischung macht, glaube ich, den Unterschied. Obwohl wir formal ein Ensemble sind und auch eine gewisse Größe haben, schaffen wir es, eine fast bandmäßige Verbindung aufrechtzuerhalten.

Umso schöner ist es natürlich zu hören, dass das auch nach außen spürbar ist, denn genauso empfinden wir es selbst auch.

Wie aufgeschlossen sind die einzelnen Mitglieder dem Thema Musikvermittlung gegenüber?

Daniel Riegler: Grundsätzlich sind die meisten von uns dem Thema Musikvermittlung sehr offen gegenüber. Viele schätzen gerade Projekte wie Musiktheaterproduktionen, bei denen wir nicht nur spielen, sondern auch performativ auf der Bühne gefordert sind. Nur ganz wenige sagen bei einzelnen Formaten, dass es nicht ganz ihr Ding ist.

Wenn es darum geht, neue Räume zu bespielen oder mitten ins Publikum zu gehen, ziehen eigentlich immer alle mit. Wir haben schon an den unterschiedlichsten Orten und unter ungewöhnlichen Bedingungen gespielt. Solche gemeinsamen Erfahrungen stärken den Zusammenhalt und wirken sich auch auf unser Musizieren aus.

Eine Haltung nach dem Motto: „Ich spiele nur meinen Part und alles andere interessiert mich nicht“ gibt es bei uns eigentlich nicht. Dafür sind wir als Ensemble insgesamt zu offen und zu sehr auf gemeinsames Gestalten ausgerichtet.

Musikvermittlung und Kulturpolitik

Im weiteren Verlauf des Gesprächs lesen wir einen Auszug aus dem Vorwort von Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zur Publikation Turning Social (hg. v. Axel Petri-Preis / Annette Ziegenmeyer, Bielefeld: transcript Verlag 2025):

“The question of participation in the cultural life of our city is, for me, one of the central challenges of Vienna’s cultural policy, for which I have been responsible since 2018. With the slogan ‘Culture for All’, a vision has been formulated that provides us with orientation both now and in the future, and further determines our cultural policy decisions. All institutions, organisations, associations and initiatives face the task of communicating what they have to offer, in order to build bridges to both known and yet unknown audiences. Once considered more of an accessory, mediation formats today belong to the programme of every institution.

In our day and age, when democracies are increasingly exposed to erosion, and populist, nationalist currents are undermining the cohesion of societies, it is of great importance and value for us to explore the profound questions inherent in social-transformative music mediation and to use the power of music as something for everyone.”
Veronica Kaup-Hasler

Ich empfinde das als starken kulturpolitischen Rückhalt. Musikvermittlung wird nicht mehr als „Beipackzettel“ gesehen.

Daniel Riegler: Ja, und das ist wichtig. Früher wurde man teilweise belächelt, wenn man für junges Publikum gearbeitet hat. Inzwischen wird anerkannt, dass Vermittlung ein eigenständiges professionelles Feld ist. Ich glaube wirklich, dass jede Form der Vermittlung komplexer Inhalte eine Art Präventionsarbeit ist. Wenn Menschen lernen, differenziert zuzuhören, Ambivalenzen auszuhalten, sich auf Unbekanntes einzulassen – dann stärkt das auch eine demokratische Gesellschaft.

Mit dem STELLA*25 in der Kategorie Musik ausgezeichnet: "Es ist Zeit" mit Musik von Oxana Omelchuk, gespielt vom Studio Dan
“Es ist Zeit” mit Musik von Oxana Omelchuk, gespielt vom Studio Dan © Clemens Nestroy

Ein offenes Feld

Das Schöne an Musikvermittlung ist, dass sie kein klar abgegrenztes, vollständig definiertes Feld ist. Gerade, weil noch nicht alles festgeschrieben oder fertig gedacht ist, eröffnet sie viel Raum für Kreativität. Man kann „out of the box“ arbeiten, neue Formate entwickeln und eigene Zugänge finden, ohne sich in einem starren Rahmen bewegen zu müssen.

Daniel Riegler: Genau. Hoffentlich bleibt das so. Sobald man sie vollständig normiert, verliert sie an Lebendigkeit. Gerade weil das Feld offen ist, kann man neue Formate entwickeln: Konzertformate ohne Pause, Bühnenräume ohne klare Trennung, Parkkonzerte, Musiktheater für junges Publikum, Gesprächssituationen mitten im Ensemble. Man muss den Konzertbetrieb immer wieder neu denken. Und das ist eigentlich eine wunderbare Aufgabe, der wir uns gerne stellen.

Martin Schlögl

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Termine:

Es ist Zeit
26. und 27. März 2026, 10:30 Uhr
28. und 29. März 2026, 15:30 Uhr
Dschungel Wien

Sonnensittich
Freitag, 10. April 2026, 18:30 Uhr, Wiener Konzerthaus
Mittwoch, 15. April 2026, Musikforum Viktring

You Better Listen! Licht
Donnerstag, 30. April 2026, 18:15 Uhr: Amuse-Guele, 19:30 Uhr: Konzert
Das MuTh, Wien

How is Your Bird?
28. und 29. Mai 2026, 10:30 Uhr
Samstag, 30. Mai 2026, 15:30 Uhr
Sonntag, 31. Mai 2026, 11:00 Uhr
Dschungel Wien

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Links:
Studio Dan
Studio Dan (music austria Musikdatenbank)