Harfenistin ELISABETH PLANK möchte das Repertoire für ihr Instrument erweitert sehen und zeigt dies auch auf ihrer neuen CD „chimaera“, die am 6. Juni herauskommt. Wie sie sowohl an unbekannte Werke bekannter Komponist:innen oder an neu komponierte Werke herangeht, darüber sprach Elisabeth Plank im Gespräch mit Theresa Steininger.
Sie vertreten den Anspruch, Harfenrepertoire neu zu denken und zu überdenken. Inwiefern?
Elisabeth Plank: Ich versuche natürlich einerseits gegen das Klischee zu spielen, das Leute oft im Kopf haben, wenn von der Harfe die Rede ist. Also weg von der Assoziation mit Engeln und Kitsch. Zusätzlich bin ich auch kein Fan davon, dass viele Harfenisten und Harfenistinnen sagen, unser Repertoire ist so klein, so dass wir uns mit Arrangements behelfen müssen. Man kann es auch andersherum sehen: Es werden immer nur dieselben Standardwerke gespielt plus ein paar Arrangements von Klavierwerken. Dem möchte ich etwas entgegensetzen. Denn tatsächlich ist unser Repertoire riesengroß. Ich sage dabei nicht, dass alles wertvoll ist, was je für Harfe geschrieben wurde. Aber es ist genug da, das man entdecken kann. Bevor ich mich mit Arrangements begnüge, möchte ich einerseits lieber in der Historie nach Werken suchen, bei denen es sich lohnt, sie hervorzuholen. Und andererseits möchte ich lieber, dass neue Musik komponiert wird, die zeigt, was die Harfe kann und die ihre Möglichkeiten wirklich ausnutzt.
Inwiefern bezeichnen Sie selbst Ihr Repertoire als unkonventionell?
Elisabeth Plank: Dabei kommt die Frage auf, ob nicht für Leute, die sich nur wenig mit der Harfe beschäftigen, jegliches Repertoire für dieses Instrument unkonventionell scheint. Aber natürlich geht das bei mir noch darüber hinaus: Wenn man ein Standardkonzertprogramm für Harfe mit einem Programm von mir vergleicht, sind da kaum Überschneidungen zu erkennen – eben, weil ich mich sehr bemühe, Unbekanntes zu bringen. Wenn es sich um Komponisten oder Komponistinnen handelt, die viele Harfenistinnen und Harfenisten gerne spielen, dann nehme ich eben nicht das eine Stück für mein Konzert, das alle spielen. Sondern ich versuche ein Stück von ihm oder ihr zu entdecken, das weniger bekannt oder unbekannt ist. Das ist es, was mich reizt. Und wenn es sich um jemanden aus der Historie handelt, der derzeit wenig gespielt wird, stöbere ich gerne nach Werken und mache mich auf die Suche nach dem Grund dafür. Vielleicht war es nur Pech oder aber vielleicht ist die Musik wirklich nicht wertvoll.
Auf ihrer neuen CD „chimaera“ präsentieren Sie zeitgenössische Werke. Wie haben Sie hier ausgewählt?
Elisabeth Plank: Generell ist es mir, wenn ich zeitgenössische Musik spiele, sehr wichtig, dass hier instrumentenspezifisch komponiert wurde, ja, dass jemand versucht hat, das Instrument wirklich zu erkunden und zu verstehen – und dass nicht einfach für Klavier komponiert und „für Harfe“ draufgeschrieben wurde. Wenn sich Komponistinnen und Komponisten mit dem Klang und der Klangsprache auseinandersetzen, ist das eine Arbeit, in der er oder sie und ich uns ergänzen. Ich versuche gerne zu erklären, warum und wie etwas gut klingt auf der Harfe. Ich gebe mich nicht mit dem einfachen Spielen dessen, was in den Noten steht, zufrieden. Sondern wenn ich mit Komponistinnen und Komponisten arbeite, versuche ich, dass wir gemeinsam dorthin kommen, dass das Endprodukt dem entspricht, was er oder sie damit sagen wollte. Und um das einschätzen zu lernen, hilft auch die Beschäftigung damit, warum ein altes Stück lange nicht gespielt wurde und ob es Sinn ergibt, es einzustudieren.
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„Durch die Videos möchte ich zeigen, wie interessant die Werke sein können – und damit zeitgenössische Musik auch zugänglicher machen.“
Wie haben Sie sich für just diese Werke von Konstantia Gourzi, Wolfram Wagner, Pier Damiano Peretti, Arturo Fuentes, Carolina Noguera und Monika Stadler, die sich nun auf Ihrer CD finden, entschieden?
Elisabeth Plank: Tatsächlich war mein Gedanke, dass ich auf die rund elf Jahre zurückblicken möchte, in denen ich mit verschiedensten Komponisten und Komponistinnen zusammengearbeitet habe. Nun wollte ich auf einer CD einmal dokumentieren, was hier in gemeinsamer Arbeit entstanden ist. Alle aufgenommenen Stücke wurden noch nie auf CD veröffentlicht. Gleichzeitig war es mir wichtig, dass ich dafür nicht gleich die sozusagen „allerschrägsten“ Kompositionen nehme, auch um zu zeigen, wie flexibel und vielseitig Musikstile im 21. Jahrhundert sind. Ich wollte aber nicht nur einfach ein Best-of bringen, das wäre mir zu simpel gewesen. Ich wollte – wie auch in meinen Konzertprogrammen – einen roten Faden kreieren. Den habe ich – ausgehend von dem Anliegen, zu zeigen, wie Harfe heute wahrgenommen wird und welche Ausdrucksmöglichkeiten es gibt – in der Frage der Identität gefunden. Ich habe Stücke gewählt, die sich mit der Herkunft beschäftigen, sei es, weil ein Ursprungsland vorkommt oder ein spezifischer Umgang mit der kulturellen Sprache, die sich dann in der Tonsprache widerspiegelt. Deswegen auch der Name des Albums „chimaera“: Es geht um die vielen verschiedenen Teile, die unsere Identität ausmachen. Es war mir auch wichtig, dass ich, ähnlich wie in meinen Auftritten, etwas an zugehörigen Informationen vermittle. Es gibt deswegen Werkeinführungsvideos, in denen ich mit den Komponistinnen und Komponisten spreche: über ihre Vision von Musik, ihren Kompositionsprozess und natürlich über das betreffende Stück. Ich möchte die Hörerinnen und Hörer wissen lassen, welche Inspiration hinter einer Komposition steckt, und auch auf spezielle Effekte hinweisen. Ich kann ja schlecht in jedes Wohnzimmer gehen und bitten, diesem oder jenem Stück eine Chance zu geben. Aber durch die Videos möchte ich zeigen, wie interessant die Werke sein können – und damit zeitgenössische Musik auch zugänglicher machen.
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Wenn Sie mit Komponisten und Komponistinnen zusammenarbeiten, was sind da beispielsweise wichtige Tipps von Ihnen?
Elisabeth Plank: Sehr oft tritt man an mich heran und bittet mich um Feedback und Unterstützung. Viele Komponistinnen und Komponisten schrecken ja zunächst vor der Komplexität der Harfe zurück. Es freut mich, wenn sich jemand für das Instrument begeistert und verstehen möchte, wie es spieltechnisch funktioniert. Das beginnt damit, dass ich vorschlage, dass sie oder er sich selbst an die Harfe setzt und ausprobiert, wie das Instrument funktioniert. Ich finde es wichtig, dass sie oder er versteht, welche Klangmöglichkeiten es gibt. Denn gerade bei der Harfe gibt es unterschiedliche Klangregionen, wobei jeder Bereich andere akustische Eigenschaften hat. Da geht es um Fragen, wie durchdringend der Klang ist, welche Lautstärke möglich ist und welche Klarheit erreicht werden kann. Im nächsten Schritt schicken sie mir Skizzen und Ideen und wir versuchen, zu verstehen, wie das, was sie wollen und meinen, in Klang übersetzbar wäre.
Möchten Sie sich dabei auch als Co-Komponistin bezeichnen?
Elisabeth Plank: Ich arbeite zum Teil mit und meine Handschrift verbirgt sich oft in den Stücken, aber ich sage natürlich nichts zu Strukturen oder Melodien, also nein, ich bin nicht als Co-Komponistin zu nennen. Vielmehr möchte ich Hilfe anbieten, vor allem auch, um zu vermitteln, wenn etwas nicht so klingt, wie es die Grundintention war. Ich schlage vor, welche Effekte verwendet werden können, um das zu erreichen, und sage schon mal: Bitte schreib es nicht so … Also: Bei der klanglichen Vision habe ich schon immer wieder mitgemischt, aber nicht bei der Gesamtkomposition.

Inwiefern befruchten sich in Ihrer Arbeit Tradition und Innovation?
Elisabeth Plank: Durch meine Beschäftigung mit wenig bekannten Werken und mit der historischen Doppelpedalharfe lese ich natürlich auch viele historische Schulen und Traktate. Hier kommt ein Reichtum an Wissen zutage, den wir gar nicht mehr verwenden. Gleichzeitig habe ich aber bemerkt, dass mich dieses Wissen auch in Bezug auf die alltägliche Praxis und auch auf zeitgenössische Musik weiterbringt. Ich finde also, man sollte in beide Richtungen schauen. Denn nur, wenn man weiß, wo man herkommt, kann man auch wissen, wohin man gehen möchte.
Sie waren nun zwei Jahre lang NASOM-Künstlerin. Wie waren Ihre Erfahrungen?
Elisabeth Plank: Ich fand spannend, was sich durch dieses Programm alles ergeben hat. Durch NASOM bietet sich die Chance, dass auch ungewöhnlichere Ensembles und Instrumente in den Vordergrund kommen. Natürlich gibt es bei dem Programm auch die üblichen Besetzungen, aber es ist schön, dass auch etwas ausgewählt wird, das nicht so oft auf den Bühnen anzutreffen ist. Gleichzeitig ist NASOM auch eine Art Qualitätssiegel. Wenn man mit diesem kommt, wissen Veranstalter schon im Vorfeld, dass man hohe Qualität mitbringt. Diese Rückendeckung empfand ich als sehr hilfreich. Und man kann als eine Art Botschafterin der Musik wirken.
„Die Leute sind ja generell offen für Neues, aber man muss es ihnen einfach mal anbieten.“
Sie nennen sich generell Botschafterin Ihres Instruments. Was schließt das für Sie mit ein?
Elisabeth Plank: Ich versuche immer, Leute davon zu überzeugen, meinem Instrument eine Chance zu geben. Die Harfe gehört zu den Orchideeninstrumenten, die nicht so oft auf Bühnen zu erleben sind, die aber so viele interessante Klänge und so viel spannendes Repertoire zu bieten haben. Wenn ich weiß, dass auf einem Festival, auf das ich eingeladen bin, zum ersten Mal ein Harfenrecital auf dem Programm steht, wähle ich Programme aus, die eine große Bandbreite an Stilen und Klängen abdecken. Und ich moderiere auch gerne und erkläre ganz erst einmal banal, wie mein Instrument funktioniert, was mit den Füßen passiert, woher welcher Klang kommt. So etwas hilft, die Harfe nachhaltig zu verankern und neue Zielgruppen zu gewinnen. Die Leute sind ja generell offen für Neues, aber man muss es ihnen einfach mal anbieten. Im Ganzen möchte ich in all meinen Bestrebungen vermitteln, dass die Harfe einfach ein tolles Instrument ist und es sich auszahlt, sie noch öfter auf vielen Bühnen zu haben.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Theresa Steininger
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Termine:
Solo recital – album release
Donnerstag, 12. Juni, 2025, 19:30 Uhr
Radiokulturhaus Wien
Solo recital – Paris
Donnerstag, 26. Juni, 2025, 20:00 Uhr
L’Instrumentarium Paris
Solo recital – London
Dienstag, 1. Juli 2025, 19:30 Uhr
Salvi Music London
Vienna Harp Days – Eröffnungskonzert
Samstag, 12. Juli 2025, 18:30 Uhr
Musikgymnasium Wien
Konzert mit Christine Icart und Elisabeth Plank
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Links:
Elisabeth Plank
Elisabeth Plank (music austria Musikdatenbank)
chimaera: Genuin (Labelwebsite)
chimaera: Stramingmöglichkeiten