„Ich möchte, dass sich Leute gehört und verstanden fühlen“ – Diemarcha im MICA – Interview

Die Sängerin DIEMARCHA erzählt mit ihren Liedern teils ganz persönliche Geschichten aus ihrem Leben. Ihr Musikstil zeichnet sich durch Indie-Pop-Sound und deutsche Texte aus. Die Mittzwanzigerin lebt nun schon seit etwas mehr als zwei Jahren in der österreichischen Hauptstadt und war zuvor unter anderem in Innsbruck zu Hause. Im Interview mit Ylva Hintersteiner spricht sie über ihr Leben in Wien, darüber, wie leicht es ihr fällt, persönliche Erfahrungen durch die Musik zu teilen, und welche Auswirkungen Social Media auf unser Leben hat.

Eine klassische Einstiegsfrage – wie bist du auf den Namen „Diemarcha“ gekommen?

Diemarcha: Eigentlich heiße ich Michèle, aber meine Eltern sind Ukrainer und haben mir von Geburt an den Spitznamen Mascha gegeben. Als ich dreizehn war, habe ich in Deutschland gelebt, und meine damalige beste Freundin war bei mir zu Besuch. Sie hat den Namen mit „r“, also „Marcha“, verstanden – und das ist dann einfach hängengeblieben. Ab da war ich „Die Marcha“. Diesen Namen habe ich dann auch für Instagram übernommen. Als es später um einen Künstlernamen ging, lag „Diemarcha“ auf der Hand.

Ein Bild der Sängerin Diemarcha auf einer Wiese vor einer weißen Leinwand.
Diemarcha © Jan Zawlawski

Woher kommt dein Interesse an Musik – hast du einen musikalischen Hintergrund?

Diemarcha: Eigentlich überhaupt nicht. Meine Familie ist sehr unmusikalisch. Mit sechzehn habe ich auf einer Berghütte gearbeitet, zusammen mit ein paar Argentiniern, und dort habe ich zum ersten Mal meine Leidenschaft für Musik entdeckt. Sie haben jeden Abend auf der Gitarre gejammt und gesungen, und mir hat das extrem viel Spaß gemacht. Danach hatte ich eine Zeit lang wieder wenig Bezug zur Musik, aber während Corona habe ich extrem viel Musik gehört. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich dachte: Es wäre echt cool, eigene Lieder zu machen. Also habe ich mir die App GarageBand heruntergeladen, mich mit Kabelkopfhörern aufs Bett gesetzt und einfach angefangen, Songs aufzunehmen. Rückblickend waren die echt schlecht (lacht). Aber ich hatte so viel Selbstbewusstsein, dass ich die Lieder sofort auf Instagram und SoundCloud hochgeladen habe. Heute sehe ich schon eine Vision in meinen Songs – man versteht sie, wenn man ihnen eine Chance gibt. Aber richtig gut sind sie trotzdem nicht.

„Kein Mensch erwartet von dir, dass das was du gerade machst, gut sein muss, AUßER du selbst.”

Wie ist das heute?

Diemarcha: Es ist ein stetiges Learning by Doing. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich mir denke: „Es ist immer noch nicht da, wo ich hinmöchte.” Gleichzeitig bin ich aber so viel weiter, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Es ist ein riesiger Lernprozess. Ich bin auch überhaupt nicht perfektionistisch mir gegenüber und erwarte das auch von niemandem. Kein Mensch erwartet von dir, dass das, was du gerade machst, gut sein muss – außer du selbst. Das ist auch etwas, das ich mit meiner Musik vermitteln möchte.

Du beschreibst deine Musik als „kaputt, aber auf eine schöne Art“ – wie wichtig ist es dir, auch Imperfektionen in der Musik zuzulassen?

Diemarcha: Ich finde, genau das macht sie schön. Das Genre Jazz zum Beispiel besteht ja nur aus Imperfektionen – also aus zufälligen Schönheiten. Ich finde es toll, wenn man in der Musik einen Entwicklungsprozess hören kann. Wenn alles perfekt ist, genauso, wie man es erwartet, wirkt das auf mich ein wenig suspekt. Da fehlt mir die Tiefe, die eigene Handschrift. Musik ist etwas sehr Persönliches – da gehören Fehler einfach dazu. Ich bin der Meinung, dass man Fehler auch zulassen sollte, denn daraus können oft die schönsten Dinge entstehen.

Es gibt gleichzeitig kein besseres Kompliment, als jemand der die Sprache nicht spricht und trotzdem sagt – der Song ist schön.

Du sprichst mehrere Sprachen – warum hast du dich entschieden, deine Lieder auf Deutsch zu schreiben?

Diemarcha: Ich konnte mich auf Deutsch immer sehr gut artikulieren – was interessant ist, weil es die Sprache ist, die ich am spätesten in meinem Leben gelernt habe. Aber ich fand Deutsch schon immer eine wunderschöne Sprache und habe auch viel Musik auf Deutsch gehört – Provinz, Cro, Bilderbuch. Obwohl ich die Texte damals noch nicht so gut verstanden habe, fand ich sie immer wunderschön. Irgendwann habe ich angefangen, meine Gedichte auf Deutsch zu schreiben. Die Frage, in welcher Sprache ich Musik machen möchte, hat sich eigentlich nie wirklich gestellt – es hat sich einfach richtig angefühlt und fühlt sich immer noch richtig an. Ich mag auch die Intimität, dass meine Lieder vor allem im deutschsprachigen Raum verstanden werden. Gleichzeitig gibt es für mich kein schöneres Kompliment, als wenn jemand, der die Sprache nicht spricht, trotzdem sagt: Der Song ist schön.

Diemarcha: Ein schwieriges Thema. Ich bin vor zwei Jahren sehr impulsiv nach Wien gezogen. Die Stadt war nicht immer gut zu mir – eigentlich sogar ziemlich gemein. Sie hat mich nicht aufgefangen. Aber das war auch wichtig, weil ich dadurch so viel lernen konnte, so viele Menschen getroffen und so viele neue Facetten an mir selbst entdeckt habe. Ohne Wien wäre das nicht möglich gewesen. Die Stadt war eine Art Spiegelbild von mir selbst. Es war ein Schlag ins Gesicht, mit der Realität konfrontiert zu werden, aber genau das hat mir gezeigt, dass ich mich zusammenreißen muss.

Ich bin oft umgezogen, aber kein Umzug hat mich so sehr geprägt wie der nach Wien. Vielleicht liegt das auch daran, dass es meine erste Großstadt war und ich mit Anfang zwanzig hierhergekommen bin. Das ist ein sehr fragiles Alter. Man sagt zwar, dass man mit achtzehn erwachsen ist, aber das stimmt nicht. Ich wurde in diese große Welt hineingeworfen – mit vielen Versprechungen und vielen falschen Freunden. Ich habe immer an das Gute in Menschen geglaubt und konnte mir nicht vorstellen, dass jemand böse Absichten haben könnte. Doch da wurde ich eines Besseren belehrt.

Nicht die Wiener Kultur hat mich geprägt, sondern die Menschen, die hier leben. Aber es gibt hier auch unglaublich viele tolle, wunderbare Menschen. Für jedes einzelne Kennenlernen bin ich dankbar.

Ein Schwarz-Weiß Bild der Musikerin Diemarcha auf einer großen Stiege in der Nacht.
Diemarcha © Jan Zaslawski

Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich zurück in eine kleinere Stadt – aber nur mit den richtigen Leuten.”

Dein erster Stopp in Österreich war ja nicht Wien, sondern Innsbruck – geht dir hin und wieder die kleinere Stadt ab?

Diemarcha: Ich liebe kleine Städte. Früher war ich immer so – die große Stadt, die ist es. Aber jetzt bin ich eher so – nein, dass stimmt gar nicht. Wenn man mit dem richtigen Mindset hinzieht, ist die Kleinstadt schon sehr idyllisch. Die Tage sind länger, weil man nicht eine halbe Stunde hin und her mit der U-Bahn unterwegs ist, die Nächte sind ruhiger, weil die Clubs nicht bis sechs offen habe oder man einfach generell die Zeit anders verbringt. Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich zurück in eine kleinere Stadt – aber nur mit den richtigen Leuten. Ich bin schon noch ab und zu in Innsbruck, weil meine beiden besten Freunde dort wohnen. Ein Luxusgut, dass viele unterschätzen ist Stille und die findet man dort. Aber auch anderswo. Meine Eltern wohnen gerade im Norden Europas und dort ist nur Natur, Strand und Stille. Es ist wichtig auch einmal runter zu kommen und zu erleben, was Langeweile ist, gerade für jemanden der immer nur in einer Großstadt ist.

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Deine aktuelle Single „Ich vermisse dich nicht“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte – wie viel eigene Lebenserfahrung fließt in deine Musik ein?

Diemarcha: Viele Künstler:innen haben eine Art Künstlerpersona – ich nicht. Meine Musik ist für mich wie ein Tagebucheintrag. So läuft auch mein Songwriting-Prozess ab: Ich schaue in meine Notizen, die im Grunde mein Tagebuch sind, und überlege, worüber ich schreiben könnte. Alles ist sehr persönlich. Trotzdem gibt es Themen, über die ich niemals singen könnte, weil ich sie nicht einmal aufschreiben kann – sie wären einfach zu privat.

Fällt es dir leicht, in deinen Liedern so ehrlich zu sein?

Diemarcha: Ja! Ich bin ein ziemlich offenes Buch. Ich glaube, jeder hatte schon einmal diesen Moment, in dem er sich von einem Song richtig verstanden gefühlt hat. Man hört eine Zeile, die genau ins Herz trifft, oder es kommen einem die Tränen, weil man sich denkt: Ich bin nicht allein mit diesem Mist.

So habe ich Musik immer wahrgenommen, und diese Emotionalität wollte ich auch in meinen eigenen Liedern beibehalten – nicht nur für mich selbst als Ventil, sondern auch für andere Menschen. Ich mache Musik zwar in erster Linie für mich selbst, aber der Grund, warum ich sie veröffentliche, ist, anderen zu sagen: „Du bist nicht allein”. Ich möchte, dass sich Menschen verstanden und gehört fühlen – das ist meine wichtigste Intention dahinter.

Die Künstlerin Diemarcha auf einer Wiese vor einer weißen Leinwand im Dunkeln, aber beleuchtet durch einen Spot-Scheinwerfer
Diemarcha © Jan Zaslawski

„Für mich ist Glück, Akzeptanz.”

Hast du einen Ratschlag für Menschen, die sich mit deiner Musik identifizieren?

Diemarcha: Absolut! Ich weiß, wie es ist, wenn es einem schlecht geht. Ich kenne schwere Zeiten – auch wenn ich natürlich privilegiert bin. Aber ich bin der lebende Beweis dafür, dass alles besser werden kann, wenn dein Herz am richtigen Platz ist. Reden ist so wichtig – mit Hilfsstellen, aber auch mit Freunden. Ein 15-minütiges Gespräch mit einer Person, die es gut mit dir meint, kann deine Sicht auf die Dinge komplett verändern.

Und: Gebt Menschen eine Chance. Heute haben viele so genaue Vorstellungen davon, wie jemand sein muss – zum Beispiel, dass er cool genug sein soll. Ich war nie cool genug. Besonders in der Schule, als ich noch kein Deutsch konnte, war ich von einer tiefen Einsamkeit geprägt. Ich will nicht, dass es anderen genauso geht. Man sollte anderen ihren Platz lassen und ihnen ihre Erfolge gönnen.

Welchen Einfluss hat Wien als Kulturstadt auf dich als Künstlerin und deine Kunst?

Für mich bedeutet Glück vor allem Akzeptanz. So viele Menschen stehen sich selbst im Weg. Dabei gibt es so viele schöne Momente – zum Beispiel den Sonnenuntergang in Wien an der Donau anzuschauen. Es hilft, positiver zu sein und auch die kleinen Dinge im Leben wertzuschätzen.

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Inwiefern fließt der aktuelle Zeitgeist mit Themen wie Social Media in deine Musik ein?

Diemarcha: Ich lasse die Unsicherheiten, die Social Media mit sich bringt, in meine Musik einfließen – dieses Gefühl, ständig mit dem einen Prozent konfrontiert zu sein, das scheinbar alles im Leben richtig gemacht hat. Man weiß, dass Social Media fake ist. Man weiß, dass viele nur durch Zufall – etwa durch ein virales TikTok – berühmt geworden sind. Und trotzdem fühlen wir uns immer wieder nicht gut genug.

Das betrifft auch Schönheitsideale, perfekte Beziehungen oder Ernährungstrends. Es ist eine Flut an Informationen, und am Ende hat man ständig das Gefühl, alles falsch zu machen. Meine Mama hat mal zu mir gesagt, dass sie am meisten Mitleid mit meiner Generation hat, weil sie sich nicht vorstellen kann, wie es ist, mit so viel Druck aufzuwachsen. Uns geht es so gut, dass wir viel zu viel Zeit haben, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen – und dann kommt auch noch dieser konstante Druck von Du bist nicht gut genug.

Ich kenne so viele Menschen, die unzufrieden mit sich selbst sind, obwohl sie großartige Dinge tun. Ich habe diese Momente auch – wenn ich mir denke: Das ist alles nicht gut genug. Aber dann rufe ich meine Mama an, und sie sagt zu mir: „Atme durch, es ist gut, was du machst”. Und das hilft.

Auf einigen früheren Singles hast du mit anderen Musiker:innen zusammengearbeitet – wie laufen diese Kollaborationen ab?

Diemarcha: Ich liebe es, mit anderen Musiker:innen zusammenzuarbeiten, aber mir ist eine persönliche Verbindung dabei sehr wichtig. Ich freue mich trotzdem immer, wenn Leute auf mich zukommen und nach einer Zusammenarbeit fragen. Meistens entstehen Kollaborationen ganz spontan – man lernt sich kennen und landet dann irgendwann zusammen im Studio. Für mich spielen Spontanität und Flexibilität dabei eine große Rolle.

Die Sängerin Diemarcha auf einer Wiese
Diemarcha © Jan Zawlawski

Wie wichtig ist dir das Live-Spielen – gerade mit so persönlichen Geschichten?

Diemarcha: Auch das war für mich ein reines Learning by Doing. Es hat sich langsam entwickelt, bis ich jetzt meinen Gitarristen und meinen DJ habe. Aber grundsätzlich macht mir das Live-Spielen extrem viel Spaß – vor allem, weil ich mit jedem Auftritt etwas dazulerne. Mittlerweile habe ich ein viel besseres Gefühl dafür, wie ein guter Auftritt aussehen sollte. Als Frau muss man sich auf der Bühne oft durchsetzen, um ernst genommen zu werden. Aber genau das macht mir Spaß – und weil meine Lieder so persönlich sind, erzähle ich manchmal die Geschichten dahinter und bringe damit die Leute zum Lachen.

Wo geht deine musikalische Reise hin? Was kann man von Diemarcha noch erwarten?

Diemarcha: Ich weiß es nicht genau – aber ich werde auf jeden Fall weiterhin Musik machen. Ich habe auch Lust, mehr an visuellen Projekten zu arbeiten. Ein Album ist derzeit nicht geplant – das würde erst Sinn machen, wenn ich als Künstlerin größer bin. Vielleicht starte ich erstmal mit einer EP. Und natürlich werde ich weiter quatschen und von meiner Musik erzählen (lacht).

Vielen lieben Dank für das nette Gespräch!

Ylva Hintersteiner

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