Der kroatische Produzent NINSKI ist seit einiger Zeit in Graz stationiert. Mit Remixes für internationale Größen wie BILLIE EILISH und Kollaborationen mit MusikerInnen wie LUNA MAY hat es der junge Soundtüftler zu Bekanntheit gebracht. Für seine im November in Eigenregie veröffentlichte Debüt-EP „Ocean View: Desire“ kollaborierte GRGUR RAIČ erneut mit Sängern aus England und den USA. Der junge Produzent sprach mit Shilla Strelka darüber, vor welche Herausforderungen ihn Live-Auftritte und diese Kollaborationen quer über den Globus stellen und dass er dennoch großes Interesse hat, mit der lokalen Szene zu arbeiten und das Grazer Netzwerk auszubauen.
Haben Sie eine klassische Musikausbildung hinter sich?
Grgur Raič: Musikunterricht hatte ich auf der Violine und dem Saxofon. Klavier und Gitarre bringe ich mir derzeit selbst bei. Wenn man einmal den Dreh raushat und weiß, wie man das Üben angehen soll, kann man Instrumente recht schnell lernen.
Wirkt das auf Ihre elektronische Musikproduktion zurück?
Grgur Raič: Mit dem Produzieren und Komponieren habe ich mit 19 angefangen. Als ich dann als Produzent gut genug war, war es mir auch möglich, meine Kenntnisse der klassischen Musik mit meiner Leidenschaft zum Hip-Hop und zur elektronischen Musik zu verbinden. Was dabei herausgekommen ist, kann man auf dieser EP hören.
Auf der Platte finden sich viele Instrumental-Parts. Haben Sie die selbst eingespielt?
Grgur Raič: Ich habe zwar versucht, die Gitarren selbst aufzunehmen, aber das hat mich dann doch nicht zufriedengestellt. Aber mein Kollege Matthias Ronck war von Anfang an eine große Hilfe, wenn es darum ging, die Songs zu realisieren.
Ihr Sound ist sehr slick produziert und scheint sich an den Großen der Branche zu orientieren. Haben Sie Vorbilder?
Grgur Raič: Elektronische Produzentinnen und Produzenten wie Mura Masa, Louis The Child und Flume haben mich musikalisch sehr geprägt. Viele meiner Lieder sind im elektronischen Pop zu Hause, das Hip-Hop-Element kommt von früher.
Die Musiker, mit denen Sie für Ihre EP zusammengearbeitet haben, sind nicht in Österreich stationiert. Thai Mason wohnt in Birmingham, Malik Elijah in Maryland, Wylen in Massachusetts. Können Sie mir verraten, wie der Arbeitsprozess in so einem Fall aussieht?
Grgur Raič: Es läuft sehr viel übers Internet. Anfangs habe ich fast alle Musiker über SoundCloud oder Instagram gefunden. Aber auch Labels setzen mich mit Sängern oder Rappern in Kontakt. Malik Elijah wurde mir von „Soave“, einem niederländisches Label, bei dem ich ein paar Songs veröffentlicht habe, vorgestellt.
Die Leute für die neue EP habe ich fast alle über meinen Kumpel Lui Peng gefunden. Er ist ein Sänger aus England und hat dort auch ein Studio. Diese ganze Internetkommunikation funktioniert zwar gut, aber direkt mit dem Musiker im Studio sitzen, ist natürlich etwas ganz anderes. Es macht einfach mehr Sinn und vor allem Spaß – ein besseres Produkt kommt dann meistens auch raus.
„Die Leute auf der EP habe ich noch nie getroffen. Ziemlich verrückt, dass das trotzdem hinhaut.“

Haben Sie diese Musiker denn jemals getroffen?
Grgur Raič: Die Leute auf der EP habe ich noch nie getroffen. Ziemlich verrückt, dass das trotzdem hinhaut.
Wird da viel hin- und hergeschickt, bis man ein Ergebnis hat?
Grgur Raič: Für meine Ninski-Lieder ist das meiste über E-Mail und Skype passiert. Meistens läuft es so, dass ich ein Instrumental produziere und schon ein Thema für das Lied habe. Ich erkläre dem Sänger oder Rapper dann, in welche Richtung die Lyrics gehen sollen. Dann machen die ihr Ding. Passt etwas nicht, geht das öfter hin und her. Sobald die Vocals sitzen, schau ich mir das Instrumental noch mal an und mache den Song fertig. Die letzte Phase kann dann etwas dauern. Manchmal überarbeite ich ganze Stellen im Lied.
Live-Auftritte sind sicher auch schwer realisierbar. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?
Grgur Raič: Viele elektronische Musikerinnen und Musiker haben vorgezeigt, wie man Live-Shows hinlegen kann, obwohl man eher als Produzent arbeitet. Es gibt einige Möglichkeiten, wie man das angehen kann. Mura Masa zum Beispiel, der auch mit vielen verschiedenen Vokalistinnen und Vokalisten arbeitet, bringt meistens zwei, drei Vokalistinnen und Vokalisten mit, die den Gesang anderer Sängerinnen und Sänger sowie Rapperinnen und Rapper übernehmen. Er spielt auch selbst Gitarre und Drums. Natürlich kann man das auch wie eine Band gestalten, in der jede bzw. jeder einen Teil des Stückes übernimmt. Ich persönlich orientiere mich sehr an diesem Beispiel und arbeite nun auch an einem ersten Live-Set, das ich 2019 realisieren möchte.
Das Internet bietet eine unendliche Fülle an potenziellen Kollaborateurinnen und Kollaborateuren. Arbeiten Sie auch mit Musikerinnen und Musikern vor Ort?
Grgur Raič: Für die neue EP ist viel übers Internet gelaufen. Aber ich produziere und nehme auch Musik für lokale Musikerinnen und Musiker auf. Es gibt hier gute Rapperinnen und Rapper, mit denen ich arbeite, und es gibt den Plan, da auch etwas rauszubringen.
Es ist so, dass in meiner Stadt eher deutschsprachiger Rap im Vordergrund steht. Ich habe niemanden gefunden, der auf Englisch rappt und wie Thai Mason oder Malik Elijah meine Ideen umsetzen kann. Sobald ich jemanden in meiner Umgebung finde, der das ebenso draufhat, werde ich natürlich auch mit ihr bzw. ihm arbeiten! Es ist auch nicht so, dass ich mich nur auf englischen Rap oder Gesang einschränken möchte.
Gibt es schon Nummern mit deutschen Texten?
Grgur Raič: Ich plane ein deutschsprachiges Projekt, kann aber noch nicht sagen, wann es die ersten Tracks zu hören gibt. Ich möchte auf jeden Fall noch ein paar Songs aufnehmen, bevor das an die Öffentlichkeit geht.
Dabei müsste nicht unbedingt die elektronische Produktion im Vordergrund stehen, sondern der kollaborative Ansatz. Es würde eher darum gehen, die talentierten Rapperinnen und Rapper sowie Sängerinnen und Sänger in meiner Stadt vorzustellen, die noch niemand zuvor gehört hat. Es gibt viel zu viele davon.
„Mein eigenes Studio ist aber eher ein Schlafzimmer, in dem eine Menge Instrumente, Studiolautsprecher und ein PC stehen. Funktionieren tut es trotzdem.“

Gibt es in Graz eine Szene für diesen Sound?
Grgur Raič: Ich finde hier immer mehr Produzentinnen und Produzenten, die in eine ähnliche Richtung gehen! Es gibt richtig viele Musikerinnen und Musiker hier, die einen guten Sound haben. Das reicht von Drum ’n’ Bass über deutschsprachigen Rap bis zu Future Bass. Man muss die Leute nur ein bisschen motivieren und ihnen zeigen, dass vieles von zu Hause aus gemacht werden kann.
Durch Live-Shows hat sich auch ein Netzwerk aufgebaut, das sich mittlerweile ausgeweitet hat. Wir haben hier ein paar Studios, in denen wir die Songs produzieren und machen auch Recordings von lokalen und internationalen Musikerinnen und Musikern. Mein eigenes Studio ist aber eher ein Schlafzimmer, in dem eine Menge Instrumente, Studiolautsprecher und ein PC stehen. Funktionieren tut es trotzdem.
Wäre es ein Wunsch von Ihnen, mit nur einer Sängerin oder einem Sänger ein Album zu produzieren? Wie Sie es jetzt anlegen, stehen Sie als Produzent mehr im Vordergrund. Sind solche Überlegungen relevant für Sie?
Grgur Raič: Natürlich würde ich das sehr gerne machen! Einer meiner Lieblingssänger ist Wylen. Mit ihm habe ich den Song „Old Times“ und andere Songs produziert, die noch erscheinen werden. Auch die anderen Vokalisten auf der EP werden bei weiteren Projekten dabei sein. Wenn ich es irgendwie schaffe, mit ihnen auch noch eine Tour auf die Beine zu stellen, wäre alles gut. Einfacher ist es natürlich, jemanden in der unmittelbaren Umgebung zu finden. Es wäre nicht nur praktisch, um ein Album aufzunehmen, sondern auch für Liveshows. Mal schauen, was sich in der Zukunft ergibt.
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Haben Sie jemals überlegt, Graz gegen eine andere Stadt einzutauschen, oder ist der Produktionsort in Zeiten des Internets sowieso irrelevant?
Grgur Raič: Viel Arbeit und das richtige Werkzeug machen es mir und meinen Jungs auch in Graz möglich, Lieder zu schreiben und zu produzieren, die mit den Großen der Branche mithalten können. Ein eigener Sound kommt auch immer mit. Aus Graz wegzugehen wäre trotzdem ein kluger Schritt und ein bisschen die Welt erkunden würde auch nicht schaden. Wien, Berlin oder London wäre dann doch richtig interessant, weil man dort einfach eine Menge Labels und Studios zur Verfügung hat. Zurzeit funktioniert es aber so, wie es ist.
„Ein bissChen eintönig ist es in Graz manchmal schon. Da verliert man sich schnell in Träumereien.“
Sind gesellschaftspolitische Themen relevant für Sie oder möchten Sie das lieber von Ihrer Musik abkoppeln?
Grgur Raič: Für dieses Projekt ist es mir mehr darum gegangen, Themen anzusprechen, die mich persönlich beschäftigen. Allzu gesellschaftskritisch ist das Projekt nicht, es thematisiert eher Alltägliches und die Probleme, denen ich mich gegenübersehe. Zum Beispiel die Frage, was du tun sollst, nachdem du die Schule abgeschlossen hast und auf einmal dastehst, ohne zu wissen, was du die nächsten zehn Jahre machen wirst. Es geht um Freundschaften, die man vernachlässigt hat, und gescheiterte Erwartungen an die Zukunft. Ich mache Musik auch, um mich selbst zu motivieren. Ein bisschen eintönig ist es in Graz manchmal schon. Da verliert man sich schnell in Träumereien. Die EP ist voll davon.
Sie haben Facebook, Instagram, Twitter und Spotify. Ich schätze mal, dass Sie sich um all diese Channels persönlich kümmern. Wie viel Professionalität benötigt es, um als Musikerin bzw. Musiker voranzukommen?
Grgur Raič: Ich mache so gut wie alle Social-Media-Arbeiten selbst. Das Artwork kommt von meiner Schwester. Ich habe eine ungefähre Idee, wie alles aussehen soll, und sie setzt das dann um. Die Promotion und das Branding sind recht zeitaufwendig. Ich möchte das in Zukunft auf jeden Fall abgeben. Diese Social-Media-Arbeit lenkt zu sehr vom Musizieren ab.
Fühlt man sich als lokaler Producer manchmal erdrückt von der medialen Präsenz eines Yung Hurn oder Lex Lugner, einer Mavi Phoenix und Konsortinnen und Konsorten?
Grgur Raič: Ach nein, die machen ihr eigenes Ding. Aber interessieren würde mich deren Arbeitsprozess schon und ich würde auch gerne mal als Produzent in diese Szene reinkommen. Für die Ninski-Songs würde der Stil aber nicht passen.
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Der Track „Puppets“, der in Zusammenarbeit mit Luna May entstanden ist, hat beinahe eine halbe Million Clicks. Haben Sie eine Erklärung dafür oder Tipps für Musikerkolleginnen und -kollegen?
Grgur Raič: Die Produktion muss sauber klingen! Wenn das einmal stimmt, interessieren sich die Labels, Promoterinnen und Promoter gleich viel mehr. Auch viele E-Mails zu senden und mit Leuten zu reden gehört dazu. Es geht nicht einfach nur darum, Werbung zu machen, sondern auch darum, mit anderen Musikerinnen und Musikern zu kollaborieren und sich mit Leuten zu verbinden. Mit etwas Glück interessiert sich dann ein Label dafür und hilft einem mit der Promotion. So wie im Fall von „Puppets“, das beim Indie-Verlag „Soave“ herausgekommen ist. Bei der neuen EP habe ich mich aber dazu entschieden, sie selbst zu veröffentlichen. Grund dafür war die Freiheit, alles selbst zeitlich planen zu können. Ich habe mir das Datum selbst aussuchen können, und Last-Minute-Änderungen waren so auch möglich. Es war zwar mehr Arbeit, aber ich konnte meine Ideen besser umsetzen.
Sind Sie auch in anderen Projekten aktiv?
Grgur Raič: Das kann ich so leicht nicht beantworten. Ich arbeite als Produzent abseits meiner eigenen Musik auch an anderen Projekten. Dort lerne ich unterschiedliche Möglichkeiten kennen, Konzepte zu realisieren. Ich fühle mich Ninski zwar verbunden, aber das bin auch nicht zur Gänze ich. Es ist nur ein Teil von mir. Die EP spiegelt den Zustand wider, in dem ich die Lieder geschrieben habe. Vielleicht werde ich später mehr von mir in diesem Projekt verwirklichen können.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Shilla Strelka
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