„ICH KENNE DIE SUCHE NACH ECHTHEIT UND AUTHENTIZITÄT“ – SIBYLLE KEFER IM MICA-INTERVIEW

„ma wü vü“ ist das neue, siebte Studioalbum von SIBYLLE KEFER, in dem sie ihre ganz eigene musikalische und sprachliche Welt zwischen Songwriting, Pop, Jazz und Dialekt erkundet und mit Reflexion und Direktheit verbindet. Gemeinsam mit dem Produzenten MARTIN SIEWERT hat sie 14 tiefgründige Stücke in kraftvollen, vielseitigen Arrangements gestaltet, die sich mit Lebensthemen und gesellschaftlichen Fragen beschäftigen. Während Teile des Albums mit ihrer Band aufgenommen wurden, zu der u.a. die Multiinstrumentalistin ANNA TROPPER gehört, ist auch der 2025 verstorbene Akkordeonist WALTHER SOYKA darauf zu hören. Bekannt geworden ist Sibylle Kefer mit den AUSSEER HARDBRADLERN, in den letzten Jahren war sie in diversen Projekten von ERNST MOLDEN  (z.B. „Ernst Molden und das Frauenorchester“) sowohl im Studio als auch live sehr aktiv. „ma wü vü“ führt die künstlerische Entwicklung von SIBYLLE KEFER, für die sie bereits große Anerkennung bei Publikum und Kritik erhalten hat, konsequent fort.

Mir gefällt dein neues Album „ma wü vü“ sehr gut, auch wegen der feinen, detailreichen Produktion. Du hast auch schon auf deinem letzten Album „hoid“ mit Produzent Martin Siewert zusammengearbeitet. Wie funktioniert eure Kooperation?

Sibylle Kefer:  Das Schöne an unserem Teamwork ist, dass ich das Gefühl habe, es basiert auf Wertschätzung und einer Begegnung auf Augenhöhe, obwohl sich Martin mit der Technik und im Studio viel besser auskennt als ich. Über die Jahre habe ich aber auch viel über Produktion dazu gelernt. Durch Sixtus Preiss, bei dem ich einige Fortbildungen gemacht habe, bin ich dann zu Martin gekommen. Mir war wichtig, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der meine Musik schätzt und das auch gut aushält, wenn man an Sachen länger herumfeilt. Die Produktion eines neuen Albums dauert bei mir immer relativ lange, weil die finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind.

Sind alle Songs von „ma wü vü“ im Studio von Siewert produziert worden?

Sibylle Kefer:  Nein, nicht alle. Mit Ausnahme der fünf Bandlieder habe ich alles zuhause aufgenommen – sowohl in Wien als auch in Bad Goisern. Das Produzieren macht mir ja Spaß. Mit den fortgeschrittenen Arrangements bin ich zu Martin ins Studio gegangen, um sie ihm zum Mischen zu übergeben, oder um gemeinsam daran weiterzuarbeiten. Bei vier Songs habe ich mir zugetraut, die Mischung selbst zu übernehmen, prinzipiell habe ich die Lieder aber gerne in Martins Hände gelegt. Er ist ein unglaublich kompetenter und empathischer Musiker und hat die Musik mit seinem Können und seinem musikalischen Gespür so bereichert. Dass Walther (Soyka) auf meinem Album zu hören ist, empfinde ich auch als ganz besonderes Geschenk. Ihn habe ich bei sich zuhause aufgenommen mit seinem eigenen Equipment. Die fünf Bandlieder haben Chris und Sarah im Studio bei Martin aufgenommen. Die Vorproduktion hatte ich bereits, sie haben dazu gespielt. Anna war leider krank, und hat uns ihre selbst aufgenommenen Spuren nachgeschickt. Und Martin hat teilweise dann noch Gitarre, E-Gitarre oder Electronics beigesteuert; und ich manchmal noch Chöre und Alt-Querflöten. Gemischt wurden diese Lieder alle von Martin. Ich habe davor das meiste editiert.

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„ICH WERDE GERNE 50 JAHRE ALT, ABER ICH MERKE, DASS DAS ALTER ES MIT SICH BRINGT, DASS MAN ALS FRAU IN DER GESELLSCHAFT NOCH UNSICHTBARER WIRD“

Du feierst in Kürze Geburtstag und wirst fünfzig Jahre alt. Was bedeutet das für dich?

Sibylle Kefer: Mit dem Alter an sich habe ich überhaupt kein Problem. Ich werde gerne 50 Jahre alt, aber ich merke, dass das Alter es mit sich bringt, dass man als Frau in der Gesellschaft noch unsichtbarer wird. Wer wartet heute darauf, eine 50-jährige Frau auf der Bühne zu sehen? Für einen Veranstalter ist das wahrscheinlich nicht sehr lukrativ. Allgemein wird es immer schwieriger Auftritte zu kriegen. Und was heißt das dann für mich persönlich – dass ich darum kämpfe oder diese Situation einfach so hinnehme? Was ist das für eine gesellschaftliche Spiegelung bzw. gleichzeitig welche Projektionen spielen da eine Rolle? Dieses Thema beschäftigt mich sehr. Es gibt sehr wenige Frauen meines Alters, die noch auf der Bühne stehen. Und ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass meine Generation keine gute Qualität abliefern kann. Ich glaube, es liegt eher daran, dass wir nicht die gleichen Chancen hatten und haben. Ich finde es wichtig, dieses Thema nach außen zu tragen, aufzuzeigen und klar zu benennen.

Wie entstehen bei dir neue Songs? Was inspiriert dich dazu?

Sibylle Kefer: Das kann ganz viel Verschiedenes sein, aber z.B. oft durch ein Thema, das mich sehr beschäftigt.  Etwas von der Weltpolitik, was ich überhaupt nicht aushalten oder einordnen kann und was der Reflexion bedarf. Dann setze ich mich hin, mache Musik oder schreibe einen Text, das kommt darauf an. Wenn mich Gefühle zu überfluten drohen bietet die Musik eine nonverbale Affektregulation, eine Ebene der Ausdrucksform, die Sprache so nicht kann. Lieder sind für mich eine Art etwas Bestimmtes auszudrücken bzw. zu verarbeiten. Ich muss auch nicht dauernd was Neues schreiben. Manchmal gibt es Pausen, da habe ich so meine Phasen. Aber meistens nach einer Pause habe ich dann wieder Lust etwas Neues zu machen. Irgendwie ist das einfach meines: Lieder schreiben und Musik machen.

Bild der Liedermacherin Sibylle Kefer
Sibylle Kefer © Christoph Neubacher-Kefer

Gibt es Songs die recht schnell fertig sind und andere, die eine längere Entwicklung durchmachen?

Sibylle Kefer:  Es gibt verschiedene Arten, wie Lieder bei mir entstehen. Entweder nehme ich die Gitarre oder ich setze mich zum Klavier und es entsteht ein analoger Prozess. Oder ich ziehe mich mit dem Computer zurück und beginne einen kreativen Prozess direkt in meinem Musikprogramm.

Im März wirst du das neue Album „ma wü vü“ im Porgy&Bess live präsentieren. Was ist da geplant?

Sibylle Kefer: Das Konzert im Porgy & Bess am 6. März soll eine richtige Party werden, wo ich meinen 50er feiere, im Anschluss lade ich zur Session ein. Manche Songs sind dafür da, auf der LP bzw. der CD gehört zu werden. Welche Lieder wir live spielen werden, verrate ich noch nicht.

„NATÜRLICH KANN MAN EIN ALBUM IN EINEM BESTIMMTEN STIL MACHEN, ICH DEFINIERE MEINE  MUSIK ABER NICHT ÜBER EINE GENREZUORDNUNG“

Manche deiner früheren Alben waren vom Sound her eher in Richtung Singer/Songwriter angelegt, das neue Album „ma wü vü“ ist stilistisch vielseitiger und verbindet unterschiedliche musikalische  Richtungen wie Songwriting, Pop, Jazz und Dialekt. Wie kam es dazu?

Sibylle Kefer: Ich finde Musik ist so groß und da muss ich mich nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen wie z.B. Singer/Songwriter oder im Gegensatz dazu eine größere Produktionen mit vielen technischen Finessen. Natürlich kann man ein Album in einem bestimmten Stil machen, ich definiere meine Musik aber nicht über eine Genrezuordnung.

Kannst du bitte auf die Texte von ein bis zwei Songs des neuen Albums näher eingehen?

Sibylle Kefer: Bei der ersten Single „komfortzone“ beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Zuschreibungen beim polarisierenden Thema Klimawandel. “diamantn” beschreibt den Prozess der Verarbeitung unschöner Erfahrungen, den Umgang damit sowie deren Einordnung in ein immer noch patriarchales Gefüge unserer Gesellschaft.

In punkto patriarchalisches Gefüge in der Gesellschaft – was meinst du genau damit?

Sibylle Kefer: Der Gedanke ist, dass, auch wenn ich auf gewisse Strukturen draufkomme oder  erkenne, worum es da gehen könnte, sich deswegen noch lange nichts ändert. Beim letzten Album kam ich ja irgendwann zu dem Punkt, wo ich wie im Albumtitel gesagt hab “hoid“ – dann ist es halt so. Jetzt bin ich aber wieder ein paar Jahre älter geworden, in der Sache mit den patriarchalischen Strukturen hat sich wenig  getan. Meine Kinder werden jetzt groß und kommen in ein Alter, wo sie auf einer ganz anderen Ebene damit konfrontiert werden. Das sind Sachen, die mich früher selbst betroffen haben. Die Frage die mich beschäftig ist, wie kann ich bestimmte Muster stoppen? Wie gehe ich damit um, wenn sich bei diesem Thema über die Jahre nur sehr wenig bewegt?

Kommen wir auf das Stück „Diamantn“ zurück – wie ist der Song mit diesem Thema gekoppelt?

Sibylle Kefer: Das Lied ist eine Art Selbstfürsorge und eine Form von Heilung, auch wenn´s die äußeren Umstände in einer Situation nicht unbedingt hergeben. Es geht darum, gut auf sich zu schauen, und vielleicht schaue ich dadurch auch gut auf jemand anderen. Darum war „Diamantn“ als Single eine Art Vorbote für das Album. Die Stimmung des Songs ist freundlich und reflektierend, aber natürlich steckt da auch irgendwo etwas sehr Trauriges drinnen. Weil da ist schon ein Cut drinnen, im Sinn von wenn Sachen halt so sind wie sie sind, und sich nicht ändern lassen, das fühlt sich kalt an. Wichtig ist es aber, in das Problem eintauchen, es zu erkennen, dann aber wieder auszusteigen. Die Erkenntnis, die man gewinnt, ist vielleicht bitter und tut weh, aber man steigt wieder aus, ändert die Perspektive und verweilt nicht in diesem Gefühl. Man nimmt es mit und orientiert sich neu. Das ist zumindest die Idee und das Angebot dieses Liedes und vielleicht des ganzen Albums.

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Zu dem Song „des irre on dir bist du“ ist ein tolles Video in Schwarz-Weiß entstanden – wie kam es dazu?

Sibylle Kefer: Eigentlich hatten Regisseurin Mirjam Unger und ich schon beim letzten Album „hoid“ vereinbart, dass wir gemeinsam ein Video produzieren. Irgendwie hat sich das damals aber nicht ergeben, für das neue Album hat es jetzt gepasst. Es war für mich irrsinnig bereichernd, jemanden zu haben, der mich an der Hand nimmt und sagt: “Das machen wir jetzt einfach.” Ein ganzes tolles Team war beim Dreh dabei – von der besten Kamerafrau on earth über die leiwande Visagistin, der ursuperen Kostümbildnerin und mehreren unglaublichen  Helferleins bis zum Baby Paula und dem super Tänzer Theo. Alle haben voll unterstützt! Ihnen allen, voran Mirjam bin ich unendlich dankbar und empfinde es als tolles Beispiel für Frauensolidarität.

Ich habe den Eindruck dass du von Album zu Album immer stärker zu deinem künstlerischen Ich  findest. Siehst du das auch so?

Sibylle Kefer: Ich kenne die Suche nach Echtheit und Authentizität, hatte aber immer das Gefühl, dass ich eigentlich immer wusste, in welche musikalische Richtung es für mich gehen sollte. Eher war es so, dass ich Druck von außen spürte durch das Drängen in bestimmte Kategorien oder Zuschreibungen. Ich kenne Versuche von außen, so in die Produktion eingreifen zu wollen, dass es nach etwas Bestimmtem klingt. Unter anderem auch deshalb habe ich mir im Laufe der Jahre die Fähigkeit, selbst produzieren zu lernen stetig versucht zu verbessern. Und – ich habe das Gefühl, einen wirklich guten Arbeitspartner in Martin Siewert gefunden zu haben. Der Kampf darum, was es ist, das mich ausmacht, ist heute nicht mehr so stark.

„ES GAB LIEDER VON MIR IN ENGLISCH, ANDERE WAREN IN HOCHDEUTSCH UND MANCHE WAREN IM DIALEKT. IN SICH ALS GANZES WAR DAS FÜR MICH ABER IMMER STIMMIG“

Kannst du diese Thematik noch genauer erklären?

Sibylle Kefer: Ich hatte z.B. auch immer Schwierigkeiten, wenn es geheißen hat, ich soll mich beim Singen für eine Sprache entscheiden, weil ich das Gefühl hatte, dass das nicht notwendig war. Es gab Lieder von mir in Englisch, andere waren Hochdeutsch und manche waren im Dialekt. In sich als Ganzes war das für mich aber immer stimmig.

Einer der Höhepunkte des Albums ist für mich der letzte Track „Holy Shit“ mit seinem treibenden Beat bzw. dem minimalistischen gehaltenen Text. Was gibt es darüber zu erzählen?

Sibylle Kefer:  „Holy Shit“ habe ich sozusagen nachgeschossen, als das Album eigentlich schon fertig war. Da ist es mir durch eine sich bereits mehrmals wiederholende Situation wirklich schlecht  gegangen und ich hatte das Gefühl: Es reicht jetzt! Da ist etwas eindeutig strukturell bedingt und ich stecke mittendrin.” Ich steckte sozusagen auch in diesem Gefühl  der Hilflosigkeit fest und dachte mir: Was kann ich tun? Was würde ich einem Gegenüber in der Musiktherapie anbieten? Und dann ging es ganz schnell. Ich setzte mich zu den Instrumenten und dem Computer und der Song hat sich quasi von selbst geschrieben! Ich habe ihn auch gleich gemischt, weil ich voll Freude hatte, ihn oft zu hören. Es war ein sehr heilsamer und ganz schneller Prozess. Das fertige Stück hat mir voll getaugt und deshalb wollte ich unbedingt, dass es noch auf das Album mit drauf kommt.

Was ist für dich als Musikerin die größte Herausforderung?

Sibylle Kefer: Da gibt es vieles, das ist nicht nur eine Sache. Das Dranbleiben. Das Sichtbar-Sein als Musikerin, weil die Sichtbarkeit bzw. auch die Hörbarkeit ermöglicht eigentlich alles andere. In erster Linie bräuchte ich Strukturen, die ermöglichen, dass ich in der Musik in Österreich einen fixen Platz habe. Es gibt nämlich genug Platz für uns alle, da bin ich ganz sicher. Trotzdem wird das so aber nicht gelebt in dieser Musikbranche. Eine große Herausforderung als Musikerin ist es, immer wieder die finanziellen Mittel zu schaffen, das man überhaupt weitermachen kann.

Danke für das Gespräch!

Robert Fischer

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Sibylle Kefer live:
06.03.26 – Porgy & Bess, Wien, Albumpräsentation
15.04.26 – Hildegard, Kirchdorf an der Krems
29.04.26 – ARGEkultur, Salzburg

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Links:
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