Zwischen Euphorie und Melancholie, Kitsch und Grunge, Kontrollverlust und Konzept bewegt sich die Welt von BINARY_BOY. Mitten drin: CHRISTOPH HUMER, Ideengeber und Protagonist des Bandprojekts. Auf der neuen EP „Manic Depression“ (VÖ: 18.9. Bei Tape Capitol Music) treffen persönliche Umbrüche und alte Beziehungen auf gesellschaftliche Korsette und jede Menge musikalische Gegensätze. Im Interview spricht HUMER über Kurt Cobain und männliche Rollenbilder, Chaos als Arbeitsprinzip, emotionale Wellenbäder und darüber, wie ein eskalierter Abend im Café Savoy plötzlich zum Song wird.
Ich habe eure EP heute vor dem Gespräch ein paar Mal durchgehört und hatte direkt so eine 2000er-Alternative-Rock-Nostalgie. Wie bist du zu dem Sound gekommen, den ihr als Band habt?
Christoph Humer: Ich bin extrem von Nirvana geprägt. Das hat sich damals ehrlich gesagt so eingebrannt. Mit 13 habe ich begonnen, Nirvana intensiv zu hören. Nach ein paar Jahren ist diese Intensität irgendwann gewichen, teilweise habe ich sie vielleicht sogar ein Jahr lang gar nicht gehört. Aber das Mindset bleibt. Und diese Figur Kurt Cobain, dieses hohe Maß an Authentizität und die Ideale, die er nach außen hin eigentlich unintendiert gezeigt hat. Er war eben nicht derjenige, der gesagt hat: „Ich zeige mich als queer-feministisch“ oder „Ich zeige mich als Mensch, dem Gleichheit wichtig ist“, sondern er war es einfach. Und es war ihm egal, ob das verbal über ihn so vermittelt wird.
Also nicht dieses so genannte Virtue Signaling, das heute oft betrieben wird.
Christoph Humer: Genau. Diese ganze Erscheinung, dieses Non-Ego-mäßige als Frontperson. Und wenn du nach dem Sound fragst: diese Rauheit in der Stimme und mit den Emotionen bis zum Anschlag nach vorne zu gehen. In gewissen Passagen wirklich an die edge zu gelangen. Aber auch diese Lauter-Leiser-Dynamik von Nirvana war immer sehr inspirierend!
Das ist mir beim Hören am Computer auch visuell aufgefallen: Man sieht an der Wellenform richtig, wie eure Songs stellenweise zurückgehen und leiser werden.
Christoph Humer: Ja. Und wenn man von Nirvana weggeht, gibt es natürlich noch andere Bands, vielleicht kommen wir da auch noch dazu. Jedenfalls hat sich bei mir schon in der Jugend und Pubertät eine Linie durchgesetzt: Es klingt oft sehr dramatisch. Wir haben das immer „dramatisch, yet not kitschig“ genannt. Ich habe das Gefühl, dass das auch von vielen so rezipiert werden könnte.
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Ich bin eigentlich ein großer Fan von Kitsch, gerade in Rock- und Metalmusik. Ich mag dieses Übertriebene und Dramatische sehr gerne. Denn was heißt Kitsch überhaupt?
Christoph Humer: Ich glaube, durch Kurt Cobains öffentliches Wirken ist bei mir tatsächlich so eine Anti-Mainstream-Haltung entstanden, weshalb ich mich Kitsch lange verwehrt habe. Über die Jahre bin ich dann aber doch dort hingekommen. Vielleicht hat Bilderbuch auch etwas damit zu tun. Als ich sie mit den ersten zwei Alben kennengelernt habe – speziell als Oberösterreicher, glaube ich –, hat uns das in der Jugend recht gut gefallen. Und die haben das für jemanden wie mich, der sich im Grunge verankert gesehen hat, auf einmal ermöglicht: Es darf kitschig sein, es darf dramatisch sein, es darf auch von den Gesten her ausladend werden. Und das ist eigentlich cool. Das hat einiges befreit, glaube ich.
Gerade in Szenen „härterer“ Musik finde ich die Ambivalenz spannend: Einerseits gibt es dieses betont Harte, andererseits ist die Musik oft extrem emotional und eigentlich ziemlich kitschig. Nur würden sich das viele Fans wahrscheinlich nicht eingestehen.
Christoph Humer: Was sehr schade ist. Das ist ein ganz großes Thema, über das es sich zu sprechen lohnt, aber das wahrscheinlich den Rahmen von heute sprengt. Wobei man gerne da hineindriften könnte, ich bin dafür offen! Es geht ja auch darum, welche Korsette dadurch entstehen und wie Cis-Männer glauben, sein oder aussehen zu müssen.
„ES WÄRE SO SCHÖN, WENN SICH CIS-MÄNNER STATTDDESSEN VEREINEN WÜRDEN, UM ETWAS ANDERES IN DEN MAINSTREAM ZU BRINGEN: LASS DIR DEINE GEFÜHLE.“
Und gleichzeitig gibt es Strukturen, die genau dieses Ausbrechen erschweren.
Christoph Humer: Gerade in ländlicheren Gebieten gibt es Strukturen, die es schwieriger machen können, von solchen Rollenbildern abzuweichen. Das ist nicht als Bashing gemeint, sondern ergibt rein strukturell Sinn: Es gibt weniger Leute, gewisse Strukturen sind stärker, und es gibt mehr Judgment, wenn du etwas anders machst. Wenn Meinungsträger sagen: „So ist es“, und eine Person macht es anders, ist es gleich weird. Dann wird es sehr schwer, sich so zu zeigen, wie man sich fühlt, oder überhaupt zu explorieren, wer man eigentlich ist.
Gleichzeitig scheinen traditionellere Rollenbilder gerade wieder stärker im Mainstream anzukommen. Woher kommt diese Rückbesinnung deiner Meinung nach?
Christoph Humer: Ich glaube – mit der Sichtweise und dem Wissen, das mir bisher im Leben zur Verfügung steht –, dass sich Cis-Männer teilweise wieder stärker abkapseln. Das sieht man unter anderem im rechten Milieu, aber nicht nur dort, das ist eher das Extrem. Ich nehme wahr, dass dahinter eine Verlustangst steckt: die Angst, nicht mehr der Prinz über allem zu sein. Wobei ich nicht weiß, was man da zu verlieren hat. Ich finde, man hat schon sehr viel verloren, wenn es beispielsweise einen Gender-Pay-Gap gibt und man hier sitzt und sagt: „Ja, ich verdiene sicherlich mehr als eine weiblich gelesene Person.“ Das ist eher etwas, wofür man sich schämen kann. Es wäre so schön, wenn sich Cis-Männer stattdessen vereinen würden, um etwas anderes in den Mainstream zu bringen: Lass dir deine Gefühle. Hab die Gefühle, die du hast. Gefühle können dann entstehen, wenn man sich sicher eingebettet fühlt.
Kurze Brücke zurück zur EP: Was ist die Hintergrundgeschichte der einzelnen Songs, und warum hast du genau diese vier für die EP zusammengestellt?
Christoph Humer: Die vier Songs wirken teilweise fast wahllos zusammengewürfelt, und das spiegelt eigentlich wider, wie sie im Jänner entstanden sind. Ich hatte einfach extrem Lust auf Output, darauf, Kunst zu machen und etwas zu veröffentlichen. Bei „Manic Depression“ war die Motivation, genau dieses Gefühl einzufangen. Ich wollte mich treiben lassen wie ein kleines Kind in der Soundkiste. Dafür habe ich bewusst teilweise komplett weirde Sachen zusammengebaut und mir erst on the way überlegt, wie das miteinander Sinn ergibt. Mir macht konzeptuelles Arbeiten total Spaß. Ich habe also versucht, Chaos mit Konzept zusammenzuführen und darin trotzdem eine Linie zu finden. Mit dem Risiko, dass es am Ende einfach eine völlig zusammengewürfelte Chaos-EP wird. Aber selbst dann hätte sie ihr Ziel erfüllt: wie ein kleines Kind herumzuirren und einfach irgendetwas zu tun.
Ich finde „Chaos mit Konzept“ eine ziemlich schöne Theorie. Darin steckt das Manische. Aber wo ist die Depression?
Christoph Humer: Das ist eine Hendrix-Referenz. Da kann ich gerne darauf eingehen. Ich schalte nur kurz mein Handy auf stumm. Jetzt hat nämlich genau die Person angerufen, die Protagonistin im ersten Song ist!
Ah, witzig.
Christoph Humer: Dazu sage ich gleich etwas. Tatsächlich ist es am Ende des Tages, vor allem in dieser Reihenfolge der Songs, ein bewusstes Wellental, das aus diesem Chaos entstanden ist.
Okay, verstehe. Aber nochmal zu meiner Frage zurück: Wo findet sich darin die Depression?
Christoph Humer: Die Depression beginnt schon im ersten Song, „Love Is Light“, glaube ich, und kehrt bei „Mathilda“ wieder. In „Secret Lovers“, dem zweiten Song, ist sie unterschwellig massiv stark vorhanden, nämlich textuell. Bei „Skandal im Savoy“ ist sie etwas entkoppelter von den anderen drei Songs. Der Übergang vom happy zum schrägen Sound kippt gegen Ende in eine Traurigkeit, eine Melancholie – dort, wo es dann so leise wird. Auch der Text des dritten Songs bewegt sich in diesem Zwischenraum, in einer – ich sage jetzt einmal „crazy“, auch wenn das nicht das ideale Wort ist – Entrücktheit. Bei „Mathilda“ werden die starken melancholischen Gefühle dann ganz offensichtlich und offen ausgesprochen und musikalisch genauso untermalt. Das ist diese Fahrt: vom traurig klingenden „Love Is Light“ hoch zu dem sehr happy klingenden „Secret Lovers“, und dann geht es wieder ein bisschen runter. Ich kann da recht viel dazu erzählen.
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Bitte, hau raus! Was ist die Story?
Christoph Humer: Thematisch sind die Songs extrem nahe beieinander. Ich versuche einmal, bei diesen vier Songs die Ebenen zu zeigen, die ich mir jeweils in ihrem Zusammenhang gedacht habe: Der erste Song ist „Love Is Light“ – „I’m so weak and blind, cannot fit you right because I don’t see your dreams.“ Der Inhalt ist, nennen wir es einmal, autobiografisch. Wobei autobiografisch so klingt, als wäre ich eine bekannte Person. Aber du weißt, was ich meine: Es kommt von mir selbst. Der Song markiert einen Schlusspunkt. Heute vor fünf Jahren ist eine lange, zehnjährige Beziehung auseinandergegangen. Das war für mich ein Wendepunkt, um zu hinterfragen, wie ich als Person bin, wie ich mich verhalte und wie ich meine eigenen Träume beiseiteschiebe. Dazu gehört auch der Traum des Musikmachens. Ich wollte eigentlich den puren Fokus darauf legen, war aber in einem Leistungsprinzip gefangen. Somit ist der erste Song ein Sorry Letter an die Person, die gerade angerufen hat.
Die Person, die gerade angerufen hat, ist also deine Ex-Freundin?
Christoph Humer: Genau, ja.
Das gibt dem Song noch einmal eine schöne Backstory.
Christoph Humer: Ja. Ich hatte letztens ein lustiges Telefonat mit ihr, weil sie gerade recht viel Stress hat. Ich habe gesagt: „Hey, jetzt kommt ein Love Song über dich und mich.“ Sie hat dann irgendeinen lustigen Kommentar zum Cover gemacht, wo der Hund drauf ist, den wir quasi gemeinsam hatten. Der Song ist ein Sorry Letter dafür, dass ich ihre Träume nicht gesehen habe, weil ich so vereinnahmt von meinem eigenen Lebensstress war. Gleichzeitig habe ich auch meine eigenen Träume nicht richtig gesehen. Dadurch war ich in der Beziehung sicherlich nicht gut zu ihr und somit auch nicht zu uns. Heute kann ich einfach nur sagen: High Five an ihren jetzigen Freund. Das ist die beste Person, die ich jemals als Partner in Crime kennengelernt habe!
Der Song ist allerdings schon vor ein paar Jahren entstanden und passt heute trotzdem noch gut zu unserer Freundschaft. Wenn ich da singe „still adore you baby, still enjoy you maybe“, funktioniert das für mich noch immer, weil es heute eine freundschaftliche Liebe ist.
„DIESE KOMBINATION AUS TEILWEISE MEGA HAPPY, FAST DANCEY MUSIK UND EXTREM TRAURIGEN LYRICS HAT MEIN DAMALIGES GEFÜHL PERFEKT EINGEFANGEN.“
Wie hängt deine persönliche Geschichte mit der Figur binary_boy und dem Konzept hinter dem Projekt zusammen?
Christoph Humer: Diese Trennung vor fünf Jahren ist historisch der Startpunkt: ein Auftauchen aus dem Wasser, ein An-die-Oberfläche-Kommen und Bewusstwerden. Eigentlich ist das auch der Punkt, um den es bei binary_boy geht. binary_boy ist eine fiktive Persona, die in binären Denkmustern gefangen ist und daran kaputtgeht. Sie hat keine Chance, sich individuell zu entfalten, und leidet dadurch psychisch und körperlich. Dahinter steht die Idee, binäre Denkkorsette in allen Lebenslagen aufzubrechen. Gleichzeitig ist es die Geschichte einer Person, die an diesen Korsetten zerbricht. „Love Is Light“ markiert diesen Startpunkt des Aufwachens. „Secret Lovers“ führt dann zu einem viel aktuelleren Zeitpunkt in meinem Leben und zu dem Gefühl hinter „Manic Depression“. Ich kam damals aus einer zwölfmonatigen Bildungskarenz und war danach noch drei Monate arbeitslos. Obwohl ich extrovertiert bin, habe ich zum ersten Mal sehr viel Zeit allein verbracht und gemerkt, in welche gedanklichen Tiefen man dabei kommen kann. Davor waren immer Vollzeitarbeit, Band, Konzerte, Networking-Events und Partys und auf einmal war das alles weg.
Dazu kamen gegen Ende des Jahres einige private Tiefschläge. Zu Weihnachten gab es eine Situation, die einen Tiefpunkt markiert hat. Danach bin ich ins Auto gestiegen, habe zwischen meinen CDs eine Greatest-Hits-CD von Hendrix gefunden und „Manic Depression“ gehört. Diese Kombination aus teilweise mega happy, fast dancey Musik und extrem traurigen Lyrics hat mein damaliges Gefühl perfekt eingefangen.
Bei „Secret Lovers“ ist dieser Kontrast zwischen dem fast übertrieben fröhlichen Sound und den düsteren Lyrics besonders stark. Was steckt hinter dem Song?
Christoph Humer: „Secret Lovers“ klingt größtenteils happy. „Na-na-na-na-na-na-na“ – so geht das irgendwie die ganze Zeit. Er bedient eigentlich alle Regeln der Kunst, um einen ein bisschen post-punkigen Happy Song zu machen. Ursprünglich ging es lyrisch tatsächlich um eine Secret Love. Beim Schreiben habe ich den Text aber verworfen und stattdessen ein privates Dilemma verarbeitet, das ich zu Beginn des Jahres hatte. Da heißt es: „Mom stirbt in meinen Armen, hier lass deine Zukunft hinter dir, du nimmst dein Wellenbad, ein Pulsschlag bleibt noch.“
Dieses Wellenbad ist für mich eine Summary der letzten fünf Jahre: Man verlässt das alte Leben – in meinem Fall dieses Leistungsprinzip – und sagt: Ich probiere alles. Musik war schon immer mein großes Ding, aber auch in anderen Bereichen habe ich mich von Korsetten befreit. Gleichzeitig kann man in dieser Entgrenzung auch Einsamkeit finden. Und „ein Pulsschlag bleibt“ beschreibt diese Erschöpfung nach privaten Tiefschlägen. Später heißt es: „Papa stirbt in seinem Bad“ und „Es war ein wunderschöner Tag und irgendwen hast du vermisst.“ Das ist für mich ein Song über diese Tristesse, über das Gefühl: Hä, ich stehe vor einer Wand. Und gleichzeitig ist da diese Happiness.
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Bei „Skandal im Savoy“ steckt hinter dem Titel dagegen eine ziemlich konkrete Geschichte, oder?
Christoph Humer: Voll. Ich hatte an dem Tag eine Demo beziehungsweise eine Idee, an der ich weiterarbeiten wollte. Dann war ich mit jemandem auf einem Date im Café Savoy und wir haben dort eine ziemliche Eskalation erlebt. Eine Frau hat ein Bierglas gegen diesen riesigen Spiegel an der Wand geschmissen. Danach war darin ein perfekt kreisrundes Loch, und wir haben uns nur gedacht: Wie ist das möglich? Ich fand diese Aggression im öffentlichen Raum spannend, gerade weil sie von einer Frau ausging, und gleichzeitig diese perfekte Form, die dabei entstanden ist. Danach ist alles Mögliche passiert: Sie hat Geschirr runtergeschmissen, die Polizei kam, zwischendurch war sie wieder ganz freundlich. Dann hat sie einen Polizisten mit einer Wasserflasche geschlagen, wurde zu Boden gebracht und in Handschellen gelegt. Ältere Ehepaare saßen zitternd da, und mein Date war auf der Toilette und kam kaum mehr raus, weil alles von der Polizei blockiert war. Es war wirklich wild. Es gibt sogar Fotos von diesem Loch im Spiegel.
Im Song wollte ich dieses Verhalten ins Rampenlicht stellen und mich damit solidarisieren: „Skandal im Savoy, let me be your maniac boy. Du bist am Overreagieren, lass uns das gemeinsam tanzen. Skandal im Savoy, let me be your maniac girl. Du bist am Unterkühlen, lass uns das gemeinsam fühlen.“ Bei diesen Extremen gibt es immer das Angebot: Hey, I’m with you. Du bist nicht allein darin. Für mich geht es darum, psychische Störungsbilder zu normalisieren und auf dieselbe Ebene zu stellen wie Menschen, die sich scheinbar „normal“ benehmen.
Gerade weibliche Wut wird schnell pathologisiert, während männliche Wut oft anders erklärt wird.
Christoph Humer: Genau. In dem Song geht es deshalb vor allem um dieses Normalisieren und darum, zu sagen: Hey, wir sind alle gleich, das macht keinen Unterschied. Musikalisch geht „Skandal im Savoy“ in eine schräge Richtung. Der Song hat noch etwas von diesem Happy-Vibe von „Secret Lovers“, arbeitet aber viel stärker mit Brüchen. Ich habe die Songs zum ersten Mal quasi im Alleingang geschrieben, weil die Band in dieser Phase wenig Zeit hatte, gemeinsam daran zu arbeiten. Dabei habe ich entdeckt, wie aufregend es ist, viel stärker ins Detail zu gehen. Am Ende kippt der Song ins Melancholische. Diese einkehrende Ruhe spiegelt auch den melancholischen Background der Protagonistin wider und ist vom Vibe her die Überleitung zu „Mathilda“.
Hat der Name Matilda eine persönliche Bedeutung für dich?
Christoph Humer: Ja. Ich habe sogar extra nachgefragt, ob ich den Namen verwenden darf. Matilda ist die Tochter meiner Ex-Freundin, und der Song basiert, sagen wir einmal, auf zwei Geschichten. Meine Ex-Freundin hat mir erzählt, dass ihre Tochter oft sehr nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe verlangt und sie versucht, ihr davon so viel wie möglich zu geben. Mir hat es leid getan, dass Mathilda dieses Gefühl überhaupt hat, auch wenn dieses Bedürfnis nach Zuneigung als Kind natürlich ist. Das hat mich an meine eigene Kindheit erinnert und daran, wie dort die Frage nach Zuneigung beantwortet wurde. Gleichzeitig musste ich an die Kindheit meiner Ex-Freundin denken, von der sie mir später viel erzählt hat. Beim Schreiben hatte ich dadurch eigentlich Mitgefühl für uns alle drei. Der letzte Song ist damit quasi an uns drei adressiert.
„WAS MIT EXTREM GEFÄLLT, SIND DIE UNTERSCHIEDLICHEN PERSÖNLICHKEITEN IN DER BAND“
Wie ist aktuell dein Verhältnis zu den anderen Bandmitgliedern, und wie arbeitet ihr zusammen?
Christoph Humer: Wir haben 2022 zu viert gestartet, und innerhalb von ein, zwei Monaten war es wie eine Familie. Wir haben zweimal die Woche geprobt und zusätzlich viel Freizeit miteinander verbracht – es war extrem intensiv. Ich bin sehr ambitioniert und habe von Anfang an kommuniziert, wohin ich mit dem Projekt möchte. Nach zwei Jahren hat sich herausgestellt, dass unser Keyboarder und Schlagzeuger diese Vision nicht mehr teilen. Es wurde mehr Arbeit, dazu kamen mehr Konzertangebote und Support-Shows im Ausland. Nach ungefähr zwei Monaten Gesprächen haben die beiden entschieden zu gehen, wollten aber, dass das Projekt mit den Ambitionen, die David und ich haben, weiter besteht. Dann kamen zwei neue Mitglieder dazu, und seitdem ist es anders. Wir sehen uns viel seltener. Ich fand die frühere Dynamik extrem schön, aber im Nachhinein war sie vielleicht auch ein bisschen ein Traumbild.
Letztlich gab es ja Gründe, warum es in dieser Konstellation nicht weitergehen konnte!

Christoph Humer: Voll. Es wäre nicht weiterführbar gewesen. Seitdem haben wir uns auch musikalisch weiterentwickelt, weil die beiden neuen Mitglieder ganz andere Sounds und Spielweisen mitbringen. Was mir extrem gefällt, sind die unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Band. Eine Person ist relativ in sich gekehrt, und ich finde es schön, sagen zu können: Genau so, wie du bist, bist du das Beste, was man sich für die Band wünschen kann. Mit der anderen Person war es wiederum ein Match Made in Heaven. Ich finde es spannend, wie in so einem intensiven Projekt völlig unterschiedliche Persönlichkeiten zusammenkommen. Mittlerweile wachsen wir immer stärker zusammen, obwohl am Anfang teilweise noch eine gewisse Zurückhaltung da war.
Christoph Humer: Ja. Bei uns war es in der ersten Konstellation einfach wirklich wie eine intensive Verliebtheit, weil man die ganze Zeit miteinander verbringt. Aber irgendwann merkst du: Hey, bei manchen Sachen sind wir doch kein Match in dieser Beziehung. Das heißt nicht, dass die Liebe nicht wahr war. Aber wir haben uns im besten Einvernehmen getrennt. Die beiden helfen uns bei Konzerten teilweise noch mit Songs aus, da ist immer noch voller Support.
Gab es bei der Entstehung der EP einen Moment, der für dich besonders herausfordernd war?
Christoph Humer: Ich habe daraus gelernt, dass wir uns in Zukunft öfter treffen müssen, um die Songs einzuarbeiten und möglichst gut vorbereitet zu sein. Dieses Mal hatten wir einen totalen Zeitmangel und haben es auf Biegen und Brechen durchgedrückt. Beim Songwriting konnte ich viel selbst übernehmen, aber das Einproben kann ich den anderen natürlich nicht abnehmen. Dann war ich beim Einsingen im Studio auch noch krank. Während dieser vier Tage bin ich teilweise ohne Stimme aufgewacht und konnte kaum sprechen. Bei der nächsten Produktion möchte ich mir also für alle Elemente so viel Zeit nehmen, wie es braucht, und im Zweifel weitere Studiotage buchen. Dieses Mal war alles ziemlich durchgetaktet, auch wegen der nicht optimalen Vorbereitung. Das hat sich bis zum Mix gezogen, bei dem noch viel anzumerken war, und mich ziemlich gestresst. Irgendwann habe ich gesagt: Nein, ich will, dass das gut ist. Also habe ich noch einmal extrem viel Arbeit investiert, statt gewisse Dinge einfach zu akzeptieren. Das war schon ein kleiner pain in den letzten Monaten. Jetzt bin ich dafür umso glücklicher, dass alles gut über die Bühne gegangen ist.
Apropos Bühne: Auf welchen Song freust du dich live am meisten?
Christoph Humer: Auf „Skandal im Savoy“. Der Song hat eine heftige Energie. Dieses Gitarrenriff mit den Pitches und dann der Bass dazu – da ist so wenig Anschlag auf der Saite, und daraus entfaltet sich dieses Riff. Das ist ein extrem cooles Gefühl. Auch mit den ganzen Stops und der Dynamik. Auf dieser EP haben wir im Vergleich zu früher viel stärker mit Dynamik und kleinen Details gearbeitet. Ich freue mich darauf, das live rüberzubringen.
Gibt es zum Abschluss noch etwas zur EP, über das wir bisher nicht gesprochen haben?
Christoph Humer: Vielleicht noch ein letzter Satz zu „Mathilda“: Da geht es mir primär um frühkindliche Bindung und darum, die Wichtigkeit von Care-Arbeit und Elternarbeit beziehungsweise allgemein von Menschen hervorzuheben, die in der Erziehung tätig sind. Das rundet dieses Wellenbad der EP mit „Now and then wanna come home“ noch einmal ab. Was auch immer „home“ dann sein kann – also dieser Heimatbegriff.
Heimat kann ja auch eine Person sein. Gerade für Kinder entsteht dieses Gefühl von Zuhause stark durch die Menschen, die für sie da sind.
Christoph Humer: Das lässt mich sogar perfekt mit einem Teaser für das Album abschließen. Da wird ein Song zu diesem Thema kommen, vielleicht sogar mit dem Titel „Heimat ist kein Ort“. Basierend auf der Masterarbeit einer Germanistin, die über Heimatverlust schreibt, und der Literatur, die es dazu gibt.
Dann freue ich mich auf das nächste Gespräch, wenn es so weit ist! Danke dir für deine Zeit!
Christoph Humer: Danke dir!
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Die EP-Release-Show zu „Manic Depression“ findet am 25.9. im Chelsea in Wien statt.
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Ania Gleich
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