Bild Ulrich Drechsler
Ulrich Drechsler (c) Daniel Shaked

„ICH HABE MIR MEINE EIGENE MUSIK-LEGOKISTE GEBAUT“ – ULI DRECHSLER IM MICA-INTERVIEW

CARAMEL, das jüngste Projekt von ULI DRECHSLER, ist Teil einer größeren Idee: unter der Dachmarke LIMINAL ZONE werden in den nächsten Monaten und Jahren weitere Veröffentlichungen folgen, den Anfang macht eben nun CARAMEL. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt ULI DRECHSLER, warum er sich musikalisch nie auf ein Genre festlegen lassen wollte, worauf er bei der Auswahl seiner künstlerischen MitstreiterInnen geachtet hat und welche ihn Klänge interessieren.

Deine aktuelle Veröffentlichung unter dem Bandnamen Caramel ist Teil eines größeren Projektes, an dem MusikerInnen und KünstlerInnen aus verschiedenen Bereich beteiligt sind. Welche Anordnung hast du dir zurecht gelegt?

Albumcover “Caramel”

Uli Drechsler: Ich habe in den letzten 20 Jahren sehr viel verschiedene Musik gemacht, angefangen mit Café Drechsler, Jazz, Elektronik, Filmmusik und so weiter. Es war immer mein Wunsch all das, was ich mache, komprimierter zu präsentieren. Bisher war es immer so, dass ich ein Projekt gemacht habe, das nach ein oder zwei Jahren wieder zerfallen ist. Jetzt habe ich die Plattform Liminal Zone geschaffen.

Was passiert auf dieser Plattform?

Uli Drechsler: Auf Liminal Zone sind in den letzten dreieinhalb Jahren parallel zueinander drei voneinander unabhängige Projekte entstanden. Caramel, das nun als erstes veröffentlicht wird, hat am meisten Bezug zu Jazz, Weltmusik und Neoklassizismus. Azure ist ein Trip-Hop-Projekt, dazu werden wir im Herbst 2020 eine EP veröffentlichen und nächstes Jahr kommt dann Chrome, das ist ein Streichensemble mit Live-Elektronik. Das ist sehr von Filmmusik inspiriert. All das ist in einem riesigen Baukasten-System angelegt, sodass man die Projekte miteinander kombinieren kann. Ich habe mir meine eigene Musik-Lego-Kiste gebaut. Denn mich hat immer interessiert, mich nicht auf ein Genre festzulegen, sondern mir von überall das Beste zu holen.

Wenn die drei Projekte so flexibel sind und die MusikerInnen untereinander wechseln: ist die Musik live nur mittels Improvisation umsetzbar?

Uli Drechsler: Ich habe noch nie so viel Musik geschrieben wie in den letzten Jahren, ich bin jetzt bei rund 700 bis 800 Partitur-Seiten angelangt. Einfach durch die musikalischen Einflüsse, die mich interessieren, ist die Musik sehr klar strukturiert. Es gibt auch die Idee in zwei, drei Jahren ein großes Orchester zu machen, da wird dann alles miteinander kombiniert. Die Grundidee ist mit allem, was mir Spaß macht, so flexibel wie möglich arbeiten zu können. Für die Vorbereitung habe ich mir viel Zeit genommen, die Idee entstand schon vor 5 Jahren, mit der Komposition habe ich vor dreieinhalb Jahren begonnen.

Gab es schon Live-Umsetzungen?

Uli Drechsler: Wir haben im Supersense und im Musikverein zwischen Herbst 2018 und Sommer 2019 Testkonzerte gespielt, um zu schauen, wie die Musik live funktioniert und wie die MusikerInnen untereinander harmonieren. In regelmäßigen Abständen werden wir jetzt Veröffentlichungen herausbringen und mit allen drei Einzelprojekten Aktivitäten setzen.

In den Jahren der Vorbereitung hast du sicher auch viel mit organisatorischen Aufgaben zu tun gehabt. Wie stemmst du das und wie war der Beginn?

Uli Drechsler: Ich bin eine Super-Organisations-Schlampe! (lacht) Nein, ich kann gut organisieren, das verdanke ich wahrscheinlich meiner deutschen Herkunft. Ich lege bei jedem Projekt ziemlich schnell eine klare Struktur fest: wo will ich hin, was kostet es, welchen Nutzen hat man? Das klingt etwas kaufmännisch, aber das muss es auch sein, weil man sonst große Gefahr läuft, auf die Schnauze zu fallen. Das ist mir auch schon ein paar Mal passiert.

Wie viele Menschen sind aktuell bei Liminal Zone beteiligt?

Uli Drechsler: Etwa 15 MusikerInnen, ein Grafikbüro, ein Fotograf, ein Filmer, jetzt sind wir gerade dabei, verschiedene Visual-Konzepte zu erarbeiten. Es ist ein genreübergreifendes Gesamtkunstwerk.

Bild Ulrich Drechsler & Band
Ulrich Drechsler / Caramel (c) Daniel Shaked

Dein Teil ist natürlich die Musik und wie ich weiß, bist du immer auf der Suche nach Klängen und somit ein Klangforscher. Wann interessiert dich ein Klang?

Uli Drechsler: Wenn ich ihn spüre, das ist ganz einfach. Als Musikerhörer definiere ich mich über die Kinästhetik, wenn ich als Hörer eine Gänsehaut kriege oder emotional erreicht werde, dann weiß ich: das ist etwas für mich. Ich höre mir wirklich alles an, von Jazz bis Elektronik und Weltmusik. Immer, wenn mir etwas gefällt, auch wenn das nur ein Ton oder ein Intervall ist, hole ich mir davon eine Idee. Der Klang transportiert die Emotion. Der Klang transportiert das, was Musik als universelle Sprache spürbar und hörbar macht. Und es ist auch der kleinste musikalische Nenner: egal ob das eine Symphonie ist, oder eine Rock- oder Jazzband. Es geht immer um den Klang. Darüber habe ich mich viel mit dem tollen norwegischen Pianisten Tord Gustavsen unterhalten, der auch so ein Klangsucher ist. An guten Abenden setzt er sich hin, drückt eine Taste und du hast das Gefühl, da ist alles drinnen. Weil das so intensiv und authentisch ist. Mich hat immer folgendes interessiert: ich will die Menschen auf emotionaler Ebene authentisch berühren und dazu braucht es nicht viel.

„Momentan ist die Filmmusik für mich die neue Klassik“

Nicht nur Musik klingt, sondern auch Worte können musikalisch eingesetzt werden. Wie kam es, dass du Yasmo in das Projekt Caramel eingebunden hast?

Uli Drechsler: Yasmo hat beim letzten Album von Café Drechsler einen Track beigesteuert und das fand ich großartig. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich sie nicht, muss ich zu meiner Schande gestehen. Dann kam relativ schnell die Idee, dass ich bei Caramel gerne zwei Vokalistinnen dabei haben möchte: zum einen Özlem Bulut, die Koloratursopran singt, das ist sehr spannend. Nonverbal, also keine Wort. Und Yasmo rezitiert. Ich habe ihr ein paar Ideen gegeben, wovon die Stücke handeln und sie hat die Rezitative geschrieben. Dabei habe ich ihr vollkommen freie Hand gelassen.

Weil du schon das Stichwort Filmmusik genannt hast: ich habe beim Anhören der Caramel-CD an den Film “Caro Diario” von Nanni Moretti gedacht, die Musik dazu ist das unter anderem das Köln-Konzert von Keith Jarrett. Was sagst du zu dieser Assoziation?

Uli Drechsler: Eine meiner Hauptinspirationsquellen ist Film und Filmmusik. Ich gehe begeistert ins Kino und schaue mir alles mögliche an, auch den größten Schwachsinn. Momentan ist die Filmmusik für mich die neue Klassik. Wenn man an Komponisten wie Ólafur Arnalds, Max Richter, Daniel Pemberton oder John Williams denkt, die werden gerade überall gefeiert. Vollkommen zu recht, da ist mit der Filmmusik ein eigenes Konzert-Genre in den letzten 10 bis 20 Jahren entstanden. Ich finde es spannend, wie in der Filmmusik die Stilistiken auf das Wildeste durcheinander gemischt werden. Pop mit Klassik, Jazz, Rock und Elektronik. Das ist toll und dient immer dazu die Dramaturgie eines Filmes zu unterstützen. Filmmusik stellt sich nie in den Vordergrund, das finde ich besonders toll. Das habe ich für meine eigene Musik auch übernommen: ich will den Leuten eine Geschichte erzählen, aber sie sollen ihre eigene Fantasie beflügeln lassen.

„Jede Form von Kunst hat einen Unterhaltungsauftrag, das Publikum will unterhalten werden“

Du hast ja in den letzten Jahren auch Live-Musik zu klassischen Stummfilmen wie „Nosferatu“ gemacht. Denkst du das Publikum mit, wenn du deine Musik machst oder nicht?

Uli Drechsler: Doch, immer. Ich weiß, dass viele meiner KollegInnen das nicht gerne hören. Ich sehe das so: jede Form von Kunst hat einen Unterhaltungsauftrag, das Publikum will unterhalten werden, ich habe ziemlich schnell realisiert, dass es nicht mehr alltäglich ist, dass die Menschen heute in ein Konzert, eine Ausstellung oder eine Lesung gehen. Nichts ist einfacher als Abends vor dem Fernseher auf der Couch beim Fußball einzuschlafen. Aber es gibt die paar, die abends in ein Konzert gehen, um etwas Neues kennen zu lernen und sich inspirieren zu lassen. Die Gratwanderung besteht darin, dass man die Menschen nicht mit zu viel Information überfordert und ihnen auf der anderen Seite einen schönen Abend mit einem qualitativ hohen Angebot bereitet. Dieser Grad ist sehr fein.

Abschließend noch einmal zum Beginn von Liminal Zone: von Null weg so ein großes Projekt zu starten, ist ein selbst aufgetürmter riesiger Berg, vor dem man steht. Wie hast du das erlebt?

Uli Drechsler: Das ist eine gute Frage. Dazu habe ich gerade ein Konzept für Workshops geschrieben. Meine Grundeinstellung zum Musikmachen ist: ich bin nicht Musiker, um meiner selbst willen. Sondern ich liebe es, Menschen mit Musik etwas Gutes zu tun. Daraus ist ein großer Idealismus entstanden und die Begeisterung, mich nicht auf alt Bewährtem auszuruhen, sondern mich immer wieder neu zu erfinden. Für mich war es immer wichtig, darauf zu achten: was möchte ich jetzt erzählen? Was für ein Mensch bin ich jetzt? Liminal Zone ist ein riesengroßes Ding, ich stelle es täglich in Frage, weil es ein unglaublicher organisatorischer Aufwand ist. Aber es ist ein Traum von mir, den ich habe: mir mein eigenes Musik-Universum zu schaffen. So ist es das wirklich wert, da alle Energie hinein zu stecken, zu der ich fähig bin.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

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