Bild Don’t Go
Don’t Go (c) Gabriel Hyden

„Es ist an der Zeit, dass man mehr Frauen in allen Bereichen der Musik sieht“ – DON’T GO im mica-Interview

DON’T GO sind NINA JUKIĆ und ALEXANDER FORSTNER. Nachdem das Ehepaar und Künstlerduo 2016 seine Debüt-EP „Dark Country“ veröffentlicht hat, legt es nun mit zwei Singles auf „Seayou Records“ nach. Die Stücke vereinen differenzierten Pop mit innovativen Klangexperimenten. Sie führen zurück zur Arbeit mit SOPHIE LINDINGER von LEYYA und zu Ängsten der Millennials, mäandern zwischen positiver Wehmut im perfekten Loop und existentieller Dystopie im Inneren des AKW ZWENTENDORF. Und sie stellen sich die Frage nach der Sichtbarkeit von Frauen im Musikbetrieb. Christoph Benkeser führte das Gespräch.

Wisst ihr, was Google als Erstes anzeigt, wenn man nach „Don’t Go“ sucht? 

Alexander Forstner: Den Song von Yazoo, oder? Vor einem unserer Gigs hat ein DJ fünfmal dieses Lied gespielt. Da wurde mir bewusst, dass unser Name schwierig zu finden sein könnte – aber nicht mehr lange [lacht]. 

Nina Jukić: Der Name ist nicht sehr catchy, bedeutet uns aber viel. Als ich noch in Kroatien gelebt habe, führten Alexander und ich eine Fernbeziehung. „Don’t go“ bestimmte unsere Abschiede.

Ihr habt 2016 eure Debüt-EP veröffentlicht, Gigs im In- und Ausland gespielt – jetzt sind zwei Singles bei „Seayou Records“ erschienen.

Nina Jukić: Don’t Go existiert seit 2014 – unseren ersten Gig haben wir in unserem Grätzl am Meidlinger Markt gespielt. Letztes Jahr haben wir uns darauf fokussiert, neue Songs aufzunehmen, anstatt live zu spielen, auch weil ich schwanger war. Im November 2019 haben wir „Maybe We’re Just Getting Younger“, unsere erste Single, bei „Seayou Records“ veröffentlicht. Einen Monat später kam unsere Tochter auf die Welt. Es war ein sehr gutes Jahr.

„Für mich ist es inspirierend, mit einer Frau zusammenzuarbeiten, die so viel von Musikproduktion versteht […]“

Eure neuen Singles hat Sophie Lindinger mitproduziert.

Nina Jukić: Ich habe Sophie Lindinger [Leyya, My Ugly Clementine; Anm.] 2018 beim „Music Production Workshop“ der Intertonale in Scheibbs kennengelernt, den sie zusammen mit Marco Kleebauer geleitet hat. Ich habe dort an der Demo für „What If“ gearbeitet. Sophie hat der Song sehr gefallen. Ich war beeindruckt von ihrem Wissen und habe viel von ihr gelernt. Wir haben damals jemandem gesucht, der mit uns unser Album produziert, also haben wir sie gefragt. Wir haben uns sofort gut verstanden – auf musikalischer, aber auch menschlicher Ebene. Für mich ist es inspirierend, mit einer Frau zusammenzuarbeiten, die so viel von Musikproduktion versteht, ihren eigenen Zugang hat, aber doch auf das Gegenüber eingeht und darauf aus ist, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Ihr geht damit auch die Frage der Sichtbarkeit von Frauen in der Musik an. 

Nina Jukić: Das Ziel muss Gleichberechtigung sein. Das fängt damit an, wen man auf der Bühne sieht, hört aber nicht dort auf. Besonders die technische Seite der Musik ist noch immer stark von Männern dominiert. Es gibt aber immer mehr Frauen, die sich mit Musikproduktion und Tontechnik beschäftigen – sie müssen sichtbarer werden. Ich bin ohne entsprechende Vorbilder aufgewachsen. Mich selbstbewusst in diesem „Boys Club“ zu bewegen, war für mich schwierig. Der Moment, in dem ich realisierte, dass ich auf Augenhöhe mit Tontechnikern über mein Equipment, DI-Boxen und andere technische Fragen sprechen kann, hat mich aber bestärkt. 

Alexander Forstner: Wir haben bereits für unsere erste EP „Dark Country“ neben Matija Vojvodić mit der Produzentin Ksenija Ladić zusammengearbeitet. Auch für unsere zukünftigen Liveshows hätten wir gerne, dass eine Frau am Mischpult steht. Es ist an der Zeit, dass man mehr Frauen in allen Bereichen der Musik sieht. Auf der Bühne, im Studio oder an der Technik.

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Don’t Go (c) Gabriel Hyden

„Es braucht kein fancy Equipment, um einen leiwanden Sound zu schaffen.“

Die Musik von Don’t Go ist sehr reduziert. Auf „What If“ liegt der Fokus auf Ninas Stimme und deren Bearbeitung, Stimmschnipsel flirren als Melodiefragmente herum.

Nina Jukić: Das entstand aus einem Prozess des Experimentierens. Mit der eigenen Stimme zu arbeiten, sie zu modulieren, zu zerschneiden und auf einem Midi-Keyboard wie ein Instrument neu zusammenzusetzen, war für mich sehr spannend. Im Rahmen des Workshops war das wie eine Schularbeit – Sophie und Marco haben gezeigt, wie man selbst gemachte Field Recordings als Samples nutzen kann. Auf „What If“ sind deswegen viele Spuren, die ich in Scheibbs erarbeitet habe. Der Hi-Hat-Sound ist zum Beispiel der Klang eines Kugelschreibers.

Alexander Forstner: Feinheiten haben wir dann zusammen ausgearbeitet. Das Vibraphon ist so ein Detail, das einen akustischen Kontrast in dem Song schafft. Das ist bei Sophie und Marco interessant, sie schaffen es oft, mit einfachen Mitteln sehr kreative musikalische Lösungen zu finden. Es braucht es kein fancy Equipment, um einen leiwanden Sound zu schaffen.

Welche musikalischen Ideen fließen in eure Arbeit ein?

Nina Jukić: Ganz verschiedene. Ich bin ein Radiohead-Fan und eine klassisch ausgebildete Pianistin. Als Teenager war ich verrückt nach Grunge und heute singe ich auch in einer Swing-Band. In den letzten Jahren höre ich mehr R ‘n’ B, Hip-Hop und Neo-Soul; von Beyoncé und Solange über Hiatus Kaiyote zur neuseeländischen Singer-Songwriterin Kimbra – das sind alles starke Frauen. Kimbra inspiriert mich besonders mit ihrer Kreativität als Produzentin und ihrer Musikalität und Feinfühligkeit als Performerin. Ich mag diese Grenze zwischen Pop und Experiment.

Alexander Forstner: Ich höre viel Musik, die auf Loops basiert. Minimal-Music-Komponisten wie Steve Reich und Terry Riley haben mich geprägt, weil sie in ihren Werken den Willen transportieren, repetitive Elemente über ganze Stücke durchlaufen zu lassen, ohne dass es für mich langweilig wird. Die Band Battles schlägt da in eine ähnliche Kerbe.

„Wir lernen mit Fehlern umzugehen und integrieren sie.“

Da lassen sich Parallelen zu den Loops in eurer Musik ziehen, oder?

Nina Jukić: Das Loopen passiert bei uns einerseits aus einer Pragmatik heraus. Wir sind zu zweit – die Arbeit mit Loops ist gerade in der Live-Situation praktisch. Andererseits wollen wir ganz bewusst mit minimalen Motiven spielen und daraus Songs basteln. „Maybe We’re Just Getting Younger“ beginnt mit einem simplen Piano-Motiv, das sich durch das ganze Stück durchzieht. Es ist immer da, auch wenn man es nicht immer wahrnimmt. Solche Verfahren können der Musik eine nicht narrative, lineare Qualität wie bei Minimal Music oder Hip-Hop, geben.

Alexander Forstner: Es ist ein Austesten, wie weit man mit einem minimalen Set-up im Prozess des Produzierens gehen kann. Auf der Bühne sind wir damit bereits an Grenzen gestoßen. Aber ich mag das Risiko. Im schlimmsten Fall geht das Konzert schief.

Nina Jukić: Das ist schon passiert. Wir lernen mit Fehlern umzugehen und integrieren sie.

In der Ankündigung zu „What If“ schreibt ihr, dass sich der Song inhaltlich auf Ängste bezieht. Sie seien „ein ständiger Begleiter, ohne den man sich eigenartig fühlt.“ Welche Ängste sprecht ihr an?

Nina Jukić: Mich erfasst manchmal das Gefühl, dass ich im Leben stecken bleibe, obwohl die Zeit viel zu schnell vorbeigeht. Ich weiß, dass das nur in meinem Kopf ist, aber manchmal steigert sich dieses Gefühl zu einem Druck, der mich nicht loslässt – wie auch an dem Tag, an dem ich „What If“ geschrieben habe. Wenn das passiert, schwirren in meinem Kopf zu viele Gedanken über die Zukunft oder die Vergangenheit herum. Deshalb setze ich mich mittlerweile mit Achtsamkeit auseinander und mache Yoga. Das hilft.

Alexander Forstner: Mit Loops zu arbeiten, ergibt in dieser Hinsicht viel Sinn, besonders in einer Live-Situation. Man muss im Moment sein, weil die Wiederholung das unmittelbare Dasein bedingt.

Gleichzeitig ist das Gefühl der Angst immer auch eine Reaktion auf eine Gefahr, kann sowohl passive Verletzlichkeit als auch aktive Ermächtigung auslösen. Wie legst du das aus? 

Nina Jukić: Verletzlichkeit kann Ermächtigung schaffen. Ich versuche, mich dem Gefühl zu stellen, indem ich nicht mehr dagegen ankämpfe. Das klingt paradox, aber die Akzeptanz macht es leichter, weil es befreiend für mich ist, wenn ich sage, dass ich Angst habe. Ich muss mich nicht mehr verstellen und kann das Gefühl annehmen, es einfach mal beobachten und negative Gedanken nicht gleich als Wahrheit interpretieren. Als Mutter sehe ich es auch als Verantwortung meiner Tochter gegenüber, daran zu arbeiten.

„Wir wollten einen dystopischen Hintergrund zu einem positiven Titel.“

Ihr setzt eurer Musik starke visuelle Kontrastpunkte gegenüber. Das Video zu „Maybe We’re Just Getting Younger“ stammt aus dem AKW Zwentendorf, einem Mahnmal der Vergangenheit, das wie aus der Zeit gefallen scheint. Wie war der Dreh an diesem Ort?

Alexander Forstner: Wir wollten einen dystopischen Hintergrund zu einem positiven Titel. Die Idee mit dem Kraftwerk war Zufall. Unser Regisseur, der Filmemacher Gabriel Hyden, hat ein Fernsehinterview mit einem Betreiber gesehen, der sich um die Instandhaltung des Gebäudes kümmert. Hyden war von dem Ort fasziniert, ich habe daraufhin den Kontakt hergestellt. Im Kraftwerk finden zwar wöchentlich Führungen statt und man kann es als Location mieten, aber ansonsten passiert dort aber nicht viel. Der Drehort war perfekt, um einen Kontrast zum Song zu setzen. Gabriel Hyden mit seinem Gespür für Stimmungen hat sie visuell eingefangen.

Nina Jukić: Außerdem schwingt die Geschichte des Atomkraftwerks mit. Es ging nie in Betrieb – trotzdem überkommt einem dort ein komisches Gefühl. Man merkt das im Video. Sehr viele Räume sind zugänglich, wir konnten uns austoben. Dazu kommt, dass Gabriel ein genialer Inline-Skater ist. Er ist um die alten Computerkästen herumgekreiselt, hat Kamerafahrten gemacht. Das war ein Wahnsinn.

Kommt in diesem Jahr ein Album von Don’t Go?

Alexander Forstner: Wir haben die meisten Songs schon aufgenommen und werden uns nun an die Detailarbeit und das Mixing machen. Hoffentlich ist die Corona-Krise bald wieder vorbei und wir können wieder live spielen. Und im Herbst kommt das Album.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

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You Tube-Konzert Lenon & Don’t Go
25.03.2020 ab 20h
https://www.youtube.com/user/SeayouRecords

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