„ICH HABE MICH SEHR SCHNELL IN DIE MUSIK, IN WIEN VERLIEBT“ – ALIOSHA BIZ IM MICA-INTERVIEW

Heuer erscheint das erste Album des Violinisten ALIOSHA BIZ: Jürgen Plank hat mit Biz über die brasilianischen Einflüsse auf „In gebrochenem Wienerisch“ genauso gesprochen wie über die Mehrsprachigkeit der Sängerin CHRISTIANE BEINL. Das Album gibt einen Überblick über die Karriere des Musikers, die im Jahr 1989 begonnen hat, denn seit damals lebt der gebürtige Moskauer in Wien. Inzwischen ist Biz auch als DJ und Kabarettist unterwegs, im Herbst ist er mehrmals mit dem Programm „Ortstaxe“ im Kabarett Niedermair zu sehen. Das Album „In gebrochenem Wienerisch“ versammelt Wienerlieder wie die „Reblaus“ oder die „Telefonbuchpolka“ von GEORG KREISLER, auch HERMANN LEOPOLDI ist vertreten. Außerdem erzählt ALIOSHA BIZ, warum er im Sommer zu einem Konzert von NENA gehen wird.

Wie bist du zur Violine gekommen?

Aliosha Biz: Die Kindheit ist fast schon nebensächlich. Wie du weißt, komme ich aus der Sowjetunion und dort hatte kein Kind einen eigenen Wunsch zu haben. Sondern die Eltern haben entschieden, welches Instrument man lernt. Aber ich habe die Wahl trotzdem nie bereut.

Deine Wiener Großmutter Minna Brand ist einst vor den Nationalsozialisten nach Russland geflohen. Sie kommt auch im Booklet des Albums vor. Inwiefern war Wien für dich in deiner Kindheit präsent?

Aliosha Biz: Sie hat mir die Liebe zur Stadt Wien geschenkt. Als wir noch in der Sowjetunion gelebt haben, hat man gar nicht so viel über Wien gesprochen. Als schlagartig die Perestroika-Zeit begonnen hat, die Übergangszeit zwischen der kommunistischen und der jetzigen Diktatur, hat sie mir viel erzählt und ich habe mir gedacht: so, jetzt fahre ich nach Wien.

Hat deine Großmutter mit dir Deutsch gesprochen?

Aliosha Biz: Das leider nicht. Ich habe in Wien aber sehr schnell Deutsch gelernt. Ich bin in ein Studentenheim eingezogen und so musste ich sehr schnell lernen. In dieser Zeit habe ich gelernt, österreichische Dialekte zu unterscheiden.

Wie ist dein musikalischer Weg in Wien weiter gegangen?

Aliosha Biz: Ich habe mich sehr schnell in die Musik, in Wien verliebt. Das allererste Wienerlied, das ich gehört habe, war von Hans Moser: „Der Pepionkel und die Annatant“. Und ich habe mir gedacht: Wahnsinn, das geht mitten ins Herz. Da nuschelt ein Typ etwas, aber jedes Wort passt trotzdem zur Melodie-Führung, die im Hintergrund mit den Geigen fährt. Moser erzählt einfach eine Geschichte, jedes Wienerlied ist sozusagen storytelling und ein kleines Universum. Das ist faszinierend.

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Ist dir entgegengekommen, dass die Melancholie des Wienerliedes auch in Musik aus Osteuropa zu finden ist?

Aliosha Biz: Ja, selbstverständlich. Wien liegt nicht umsonst so nahe am Osten und ist das Tor zum Osten. Österreich war immer schon ein multikulturelles Land, in dem ja viele Teile des heutigen Ost-Europa enthalten sind. Und die Quintessenz ist in Wien.

Dein Weg nach Wien war somit gar nicht so ungewöhnlich?

Aliosha Biz: Genau, gar nicht so ungewöhnlich wie man annehmen können.

„FÜR IRGENDETWAS WAR DIESE PANDEMIE GUT: ICH HABE MIR BEIGEBRACHT, KABARETTIST UND DJ ZU SEIN“

Wien war stets ein musikalisches Zentrum. In den 1990er-Jahren war hier nach dem Fall des Eisernen Vorhanges auch musikalisch vieles möglich: es gab etwa einen Hype um elektronische Musik aus Wien. Wie hast du die Stadt damals musikalisch erlebt?

Aliosha Biz: Das hat mich sofort mitgenommen. Ich habe die Aufnahmeprüfung an der Musikuniversität gemacht, mein klassischer Weg ging also weiter. Dann habe ich aber gesehen, dass es außerhalb des klassischen Musikzirkus sehr viel anderes gibt. Ich bin in den Musikverein und ins Konzerthaus gegangen und war fasziniert. Aber dann bin ich zu einem Konzert mit improvisierter Musik gegangen, ich weiß das noch genau: das war Abdullah Ibrahimim Reigen. Und da ist etwas mit mir geschehen: ich habe gesehen, dass diese Musiker noch mehr Spaß beim Spielen haben. Und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht versucht hätte, auch in dieser musikalischen Welt Fuß zu fassen. Gott sei Dank habe ich diesen Sprung gewagt.

Hast du einen Bezug zu elektronischer Musik entwickelt?

Aliosha Biz: Die elektronische Musik ist interessant. Am Anfang in Wien habe ich gedacht: improvisierte Musik und Worldmusic ist schön und gut, ich werde immer nur lebendige, akustische Musik machen. Eine interessante Episode ist: ich bin mal zufällig im Flugzeug neben Michael Dell von Dell Computers gesessen und er hat gemeint: ihr Musiker, ihr werdet bald alles mit Computern machen. Und ich habe gesagt: Mr. Dell, ich werde immer nur akustische Musik machen. Dieses Gespräch hat im Jahr 1996 stattgefunden. Als ich noch nicht wusste, wie man einen Computer einschaltet. Michael Dell hat zu mir gesagt: wir reden in zehn Jahren nochmals. Und er hat Recht behalten.

Dann bin ich auch mit ganz tollen hier ansässigen Elektronikmusikern wie Vlado Dzihanoder Stani Vanavon DELADAP zusammengekommen. Ich war als akustischer Geiger dabei, aber das waren ganz tolle Erfahrungen mit elektronischer Musik, durch die ich viel gelernt habe. Auf diesem Weg bin ich zum DJing gekommen, das habe ich mir dann endgültig während der Pandemie beigebracht. Für irgendetwas war diese Pandemie gut: da hatte man Zeit, sich etwas beizubringen. Ich habe mir beigebracht, Kabarettist und DJ zu sein. Natürlich kann ich mit den großen Profi-DJs niemals konkurrieren, aber ich habe einen Spezial-Schmäh dabei, denn zur Musik, die ich auflege, spiele ich Geige live dazu.

Damit zur ersten CD, auf der wirklich dein Name steht. Ich habe sie als Dokument gehört, das deine ersten 35 Jahre in Wien und die Begegnungen mit Musiker:innen aus verschiedenen Welten abbildet.

Aliosha Biz: Ja, genau. Das Album ist eine Weltreise, ohne Wien verlassen zu müssen. Und es ist eine Bilanz. Es gibt viele CDs, auf denen mein Name draufsteht, im Name DOBREK BISTRO, ist natürlich auch mein Name versteckt, aber das neue Album ist quasi ein persönlicher Moment.

Bild Aliosha Biz
Aliosha Biz © Aliosha Biz

Mehrmals beziehst du dich auf deinem Album auf Hermann Leopoldi, er war einer der ersten Musik-Stars in Österreich und musste wie deine Großmutter vor den Nationalsozialisten fliehen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er nach Wien zurück und konnte an seine früheren Erfolge anschließen. Wie nimmst du ihn wahr?

Aliosha Biz: Hermann Leopoldiist eine große Inspiration. Im Jahr 1993 habe ich mit LAKIS & ACHWACH ein Konzert in Schwechat gespielt. Dieses Konzert hat Sandra Kreisler moderiert und beim gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert – ich liebe dieses Zusammensitzen – hat Sandra Kreisler mir eine CD ihres Vaters Georg in die Hand gedrückt und gesagt: du bist ein lustiger Typ und experimentierst mit Sprache, hör’ dir das an. Ich habe die CD gehört und war fasziniert und ab diesem Moment hat mich ein Floh gestochen: Kabarettist sein zu wollen. Es hat danach noch rund 30 Jahre gedauert, bis ich so weit war. Bald danach kam für mich auch Hermann Leopoldidazu, denn er war für Georg Kreisler eine Inspiration. Diese beiden vereinen für mich Comedy und Musik auf höchstem Niveau. Diese beiden Welten sind miteinander verflochten und die eine ist ohne die andere nicht vorstellbar.

„DAS LIED „LEUCHTTURM“ WAR DRAUF UND IN DEM MOMENT, IN DEM ICH ES GEHÖRT HABE, HABE ICH GEDACHT, DASS BALD ALLES ANDERS SEIN WIRD“

Ein Song auf der Platte sticht heraus, weil er von NENA stammt. Du coverst aber nicht „99 Luftballons“, das ein Lied über Friede, Krieg und die letzte Phase des Kalten Krieges und insofern auch ein Wendelied ist. Wieso hast du „Leuchtturm“ ausgewählt?

Aliosha Biz: Dazu gibt es eine ganz konkrete Geschichte: im Jahr 1985 hat jemand eine 4-Stunden-Videokasette mit einem Mitschnitt von MTV mitgebracht. Das Lied „Leuchtturm“ war drauf und in dem Moment, in dem ich es gehört habe, habe ich gedacht, dass bald alles anders sein wird. Ich erinnere mich noch an dieses Gänsehaut-Feeling als das Lied gelaufen ist. NENA singt: Ich geh’ mit dir wohin du willst, auch bis ans Ende dieser Welt. Ich freue mich schon so auf das Konzert von NENA heuer in Grafenegg, ich habe schon die Karten. Vielleicht komme ich dazu, ihr diese Geschichte zu erzählen.

Und du hast ja immer wieder mit brasilianischen Musiker:innen gespielt, etwa mit Alegre Corrêa.

Aliosha Biz: Ja, ich habe viel mit brasilianischen Musiker:innen gearbeitet und ich war schon als Kind sehr von Südamerika fasziniert. Südamerika ist toll und so weit abseits von allen anderen Regionen. Ein Gemisch aus europäischen und afrikanischen Einflüssen und dazu noch die Ureinwohner:innen. In Südamerika ist alles in einem Klangkosmos fokussiert, nicht umsonst ist brasilianische Musik so erfolgreich, weil das einfach eine so tolle Mischung ist.

Abgesehen vom Stück „Leuchtturm“ und dem brasilianischem Stück habe ich dein Album als nostalgisch wahrgenommen. Es blickt zurück in ein altes Wien, das es aber noch gibt.

Aliosha Biz: Ich habe gar nicht so dieses Gefühl. Wenn du das so sagst, muss ich es nochmals gegenhören. Nostalgisch ist das Album für mich nicht. „Das kleine Cafe in Hernals“ ist vielleicht nostalgisch, das Album endet damit, es endet nostalgisch. Was ist Nostalgie? Es ist das Vermissen von etwas, was in der Vergangenheit liegt. Wenn man den griechischen Urbegriff – der besteht aus den Worten nostos und algos hernimmt, bedeutet er das Vermissen der Heimat. Auch im Russischen ist nostalgiya ausschließlich das Vermissen der Heimat. Auf Deutsch muss ich immer kurz nachdenken, was gemeint ist, nämlich etwas zu vermissen, was in der Vergangenheit liegt.

In der Vergangenheit liegt auch ein Telefonbuch, denn Telefonbücher gibt es heute fast gar nicht mehr. Du hast die „Telefonbuchpolka“ von Georg Kreisler eingespielt.

Aliosha Biz: Das Lied ist aber nicht nostalgisch. Nostalgisch ist das Moskau-Lied von Bulat Okudschawa über den Trolley-Bus, das ist im russischen, griechischen und deutschsprachigen Sinne nostalgisch. Das Land ist auch bedingt durch den Krieg in weiter Ferne für mich. Vielleicht werde ich nie mehr dorthin zurückkehren. Und diese Trolley-Busse wurden abgeschafft, jetzt gibt es nur mehr Busse und die U-Bahn. Und die Welt, die diese großen russischen Liedermacher wie Okudschawaoder Vysotsky besingen, die gibt es nicht mehr und die wird es nie wieder geben. Und das ist natürlich nostalgisch.

Die Sängerin Christiane Beinl singt auf deinem Album in verschiedenen Sprachen, neben Wienerisch auch auf Portugiesisch und Russisch.

Aliosha Biz: Sie singt in neun Sprachen, sie ist eine großartige, intellektuelle, belesene, interessierte, tolle Super-Frau. Eine Power-Woman. Portugiesisch spricht sie praktisch ohne Akzent, die anderen Sprachen hat sie sich angeeignet, sogar Arabisch und Türkisch.

Alegre Corrêa war auch fasziniert von Wien, sein liebster musikalischer Partner war Karl Hodina. Dem Karl Hodina habe ich zu seinem 75. Geburtstag sein Lied über die Kirschen geschenkt, in russischer Sprache.

Wie hat das dem Hodina gefallen?

Aliosha Biz: Er hat es geliebt.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Live:
14.08.2025: Theater am Spittelberg, Wien, 19:30h
16.08.2025: Forum Alpbach
06.09.2025: „Ortstaxe“, Kabarett Niedermair, Wien, 19:30h

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