„Ich habe mich – hallo Eskapismus! – auf die positiven Seiten konzentriert“ – PETER ZIRBS im mica-Interview

PETER ZIRBS liebt das Dunkle und beschreibt sich selbst als einen „Meister des Eskapismus“, trotzdem heißt die aktuelle EP „On A Beautiful Day“ (Fabrique Records). Der Release ist ein Plädoyer dafür, die Gedanken nicht zu sehr in irgendwelchen Fantasiewelten zu ertränken, und sucht dabei nach den schönen Aspekten im Melancholischen und umgekehrt. Der Produzent und Multiinstrumentalist PETER ZIRBS sprach mit Ada Karlbauer über die Konfrontation mit inneren Dämonen, Black Spots, den Soundtrack-zur-Krise-Stempel und den Wunsch, sich das Visionäre auf die zerfledderten Fahnen zu heften.

„I’m the stranger in front of your door
I’m the finger on your trigger
I’m the fire that burns your heart
I’m the shadow that brings you darkness
I’m the bill that you can’t pay
I’m the black spot on a beautiful day“ 

„Der schöne Tag wird immer schöner, je länger er vorbei ist.“

Im Track „On a Beautiful Day“ werden die dunklen Ränder eines schönen Tages besungen. Woher rührt diese Faszination für die dunklen Stellen des vermeintlich Schönen? 

Peter Zirbs: In diesem konkreten Fall war es so, dass es mir mental tatsächlich nicht besonders gut gegangen ist – während draußen die Vögel zwitscherten und die Sonne schien. Natürlich bemerkt man rasch, dass der schöne Tag zu einem guten Teil aus einem selbst erwächst. Und auch, dass man aus seiner Haut manchmal nicht rauskann. Ich habe zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich das Negative in mir gespürt und habe versucht, es in Worte zu fassen. Danach ging es mir wirklich deutlich besser.

Cover On A Beautiful Day
Cover “On A Beautiful Day”

Die Faszination beruht darauf, dass es den schönen Tag so eigentlich gar nicht gibt und dass dieser ohne die negativen Elemente auch gar nicht möglich wäre. Oft wird der Tag erst im Licht der Vergangenheit schön: Wenn etwas nicht mehr da ist, fällt einem auf, wie sehr man es geschätzt hat. Der schöne Tag wird immer schöner, je länger er vorbei ist. Und zum Glück hat die menschliche Psyche die Angewohnheit, sich eher an die positiven Momente zu erinnern – bis die Erinnerung an die „Black Spots“ immer mehr verblasst. Mit dem Song habe ich mir für diese schwarzen Flecke einen Reminder an mich selbst geschickt.

Auch die Track-Titel erzählen wortlose Geschichten angefangen von der Zerstreuung über den großen Blackout bis hin zur Intensivstation („Intensive Care Unit“). Welche Gedanken lagen diesem Narrativ ursprünglich zugrunde?

Peter Zirbs: Eskapismus ist ein sehr persönliches Thema von mir, ich bin Meister in dieser Disziplin. Das hat zwar durchaus auch Vorteile, weil man mit Eskapismus auch in bedrohlichen oder nahezu traumatischen Situationen überleben kann. Er hat aber leider auch seine Schattenseiten: Wer sich nie mit den unangenehmen Themen oder Begebenheiten auseinandersetzt, kann sie nur schwerlich verarbeiten und überwinden. Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist eigentlich die ganze EP eine Art Reminder für mich, nicht allzu sehr in Fantasiewelten zu flüchten, sondern mich mit dem Unangenehmen auseinanderzusetzen. Allerdings ziemlich romantisch verpackt, damit es nicht zu sehr wehtut. Und die Intensivstation ist wohl einer der Orte, an denen man sich Gedanken macht über das, was einem wirklich wichtig ist. Und es ist ein Ort, an dem Überlebenswillen und leider gelegentlich auch Abschied zusammentreffen.

Wie verläuft der musikalische Arbeitsprozess?

Peter Zirbs: Ich versuche, mich von meinem Gefühl leiten zu lassen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Ich verbringe die Zeit allein im Studio und gehe sehr oft von Klavierakkorden aus. Wenn mich die wirklich packen und etwas in mir auslösen – auch noch am nächsten Tag! –, dann kann eigentlich schon kaum mehr etwas schiefgehen. Natürlich kann man Tracks und Songs auch vortrefflich kaputtproduzieren; das versuche ich zu vermeiden. Klappt aber nicht immer! Ich habe auch nie einen Text im Vorfeld, die schreibe ich eigentlich fast immer in den Minuten vor der Aufnahme. Oft geistert mir zwar in den Tagen davor schon irgendetwas schemenhaft durch den Kopf und lässt mich nicht schlafen, aber niedergeschrieben und ausprobiert wird es immer erst bei den Vocal Recordings. Das schlägt sich zwar ein wenig auf die Qualität, weil es mehr oder weniger ungeprobt ist, dafür bleibt es aber frisch und real.

Bild Peter ZirbsPeter Zirbs, 750 px, 2020
Peter Zirbs (c) Peter Draxl

„Ich wünschte, ich könnte mir das Visionäre auf die zerflederten Fahnen heften.“

Ein Track heißt „Locked in“ und wurde vor dem Lockdown geschrieben. Visionär oder Zufall?

Peter Zirbs: Ich wünschte, ich könnte mir das Visionäre auf die zerflederten Fahnen heften. Es wäre aber gelogen, denn der Song beruht auf einem alten Interview mit der Sängerin Nico, die den meisten Menschen von der ersten Platte von Velvet Underground ein Begriff sein dürfte. Sie hat sich zwei Jahre in einer Pariser Altbauwohnung eingesperrt; Dealer haben ihr das Heroin gebracht, von dem sie abhängig war. Sie meinte, so wolle nicht raus, weil sie ohnehin alles habe, was sie brauche. Dass der Song zu der Quarantänezeit fertig und veröffentlicht wurde, war eine Fügung des Schicksals. Aber auch ich habe die Ruhe und Introvertiertheit der Quarantäne genossen – natürlich ist mir klar, dass das für sehr viele Menschen überhaupt nicht lustig war. Ich habe mich – hallo Eskapismus! – auf die positiven Seiten konzentriert. Und etwas zu viel getrunken.

Auf der EP treffen existenzialistische Textpassagen auf eingängige Melodien und Beats, stets mit einem melancholischen Nachklang. Was gefällt dir an Melancholie als Ausdrucksform?

Peter Zirbs: Seit ich denken kann, habe ich ein Faible für melancholische Songs. Andererseits finde ich es für mich nicht befriedigend, wenn Text und Musik exakt das Gleiche ausdrücken. Ich brauche das Glatteis, auf das ich geführt werde. Und es steckt ja auch tatsächlich viel Positives darin, das Dunkle zu erkennen, die Traurigkeit zuzulassen und sich den Dämonen zu stellen. Deshalb kann ein auf den ersten Blick todtrauriger Song durchaus etwas Schönes und Motivierendes haben. Und Gegensätze ergeben ein kompletteres Bild, als wenn man das Licht nur auf eine Seite der Medaille wirft. 

Dein Sound wurde einmal mit dem Album „Low“ von David Bowie verglichen, ist an dem Vergleich noch etwas dran?

Peter Zirbs: Ich bin seit meiner Jugend ganz großer Fan von Mr. Bowie und er hat mir vielleicht sogar gelegentlich das Leben gerettet – weil Tracks wie „Warszawa“ und viele, viele andere auch sich wie ein wärmender Mantel um deine Seele legen können. Und man weiß: Man ist nicht allein, da geht es offenbar noch jemanden so ähnlich wie einem. Und er hat so viel experimentiert und dazwischen noch haufenweise unvergängliche Songs rausgehaut. Nebenbei auch noch Geschlechterklischees persifliert und zerschlagen – was kann man sich mehr wünschen? Den Vergleich habe ich mit Freuden angenommen; wohl wissend, dass ich in diesem Leben noch nicht mal einen Bruchteil von dem schaffen werde, was Bowie geschaffen hat. Aber ich bleibe weiterhin dran.

Im Musikvideo zur Single „Wasted“ sieht man Manuel Rubeys Gesicht frontal in die Kamera blicken, er durchläuft dabei verschiedenste Emotionen und Realitäten. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Peter Zirbs: Wie so oft: Glück. Ich hatte Manuel ein paar Monate davor kennengelernt und abgesehen davon, dass wir uns sofort schwer sympathisch waren, erzählte er mir, dass er ein großer Fan von meinem Song „Let’s Fail“ ist. Irgendwie klang auch durch, dass er gerne mal in einem Musikvideo mitspielen will, wenn es eine Herausforderung für ihn ist. Als der Fabrique-Records-Labelboss und Regisseur Michael Martinek bei ihm anfragte, kam prompt das Ja. Der erste Dreh musste allerdings wegen Quarantäne und Reisebeschränkungen abgesagt werden. Wir hatten nämlich einen tollen Berliner Kameramann angefragt. Wir haben das aber nach dieser Phase tatsächlich umsetzen können – mit dem Kameramann! Ich freue mich immer noch sehr darüber.  In dem Song geht es um Abschied, und zwar sowohl von Menschen als auch von Gewohnheiten. Manuel spielt so einen möglichen Prozess in Echtzeit durch.

In Zeiten wie diesen werden Alben gerne als „Soundtrack zur Krise“ abgestempelt. Wie verhielt es sich mit „On A Beautiful Day“?

Peter Zirbs: Es gibt ja eigentlich immer irgendwo eine Krise, wenn man die Augen nur weit genug aufmacht: Klima, Hunger, Politik – der Mensch ist ein Gfrast zu seinesgleichen. Daher ist entweder jeder meiner Songs ein Soundtrack zur Krise – oder eben keiner. Aber klar hat mich Covid-19 beeinflusst und zum Nachdenken angeregt. Aber ich schätze, ohne Pandemie wäre es vermutlich auch nicht viel anders ausgefallen.

Welche Perspektiven gibt es für Musikerinnen und Musiker angesichts der aktuellen Umstände?

Peter Zirbs: Natürlich ist der momentane Zustand für alle Kunst- und Kulturschaffenden und viele andere Branchen eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Ich plädiere dennoch dafür, dass man neue Wege findet – siehe Streaming-Gigs und die vielen mehr oder weniger originellen Skype-Musikvideos. Und das ist erst der Anfang. Songs werden immer ihre Berechtigung haben, da gibt es schon mal keine Einschränkung. Streaming-Gigs werden ein immer wichtigerer Teil des Live-Geschehens werden, weil sie echte Live-Musik auch in die entlegensten Winkel der Welt transportieren können. Moderne Popularmusik ist in den Jahrzehnten ihres Bestehens immer gravierenden Wechseln ausgesetzt gewesen – nun steht nach der digitalen Revolution ein weiteres neues Zeitalter an.

Was machst du on a beautiful day?

Peter Zirbs: Mit Freundinnen und Freunden auf einer kleinen griechischen Insel sitzen, ins Meer schauen, herumtollen, Musik machen, Kaffee trinken und am Abend eine kleine Party steigen zu lassen. Und guten Lesestoff dabeihaben. Und wahrscheinlich auch mal weinen. Entweder vor Glück – oder weil mir ein schwarzer Fleck an diesem wunderschönen Tag aufgefallen ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ada Karlbauer

 

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