„Ich habe keine Lust mehr, mich stilistisch einzuengen“ – LYLIT im mica-Interview

LYLIT ist eine Musikerin, die ihre Seele auf der Zunge trägt. Sie verschreibt sich vollends ihren Kompositionen und trägt diese mit einer Hingabe vor, die sich tief in’s Herz bohrt. Auf ihrem neuen Album „Her“ (SYRONA; VÖ: 30.01.) kombiniert sie intime Klavier-Kompositionen mit ihrer unverwechselbaren Stimme und klassischen Streicher-Arrangements. Im Gespräch mit Clemens Engert spricht Eva Klampfer, wie Lylit wirklich heißt, über das Aufbrechen des gewohnten Songwriting-Prozesses, ihre Zeit in den USA und ihre Arbeit als Filmkomponistin.

Dein neues Album „Her“ wirkt etwas reduzierter als frühere Produktionen. Die Arrangements sind eigentlich hauptsächlich auf Klavier, Streicher und Stimme beschränkt. Lief auch der Entstehungsprozess etwas anders ab als bei früheren Veröffentlichungen?

LYLIT: Ja, früher habe ich eigentlich immer alles allein geschrieben. Für dieses Album wollte ich aber bewusst etwas Reduzierteres machen – mit Klavier und Stimme im Zentrum. Deshalb war mir die Zusammenarbeit mit Kristian Nekrasov so wichtig. Er ist Schauspielcoach aus Berlin und ich habe ihn während meiner Zeit in den USA kennengelernt.
Kristian hat mir vorgeschlagen, dieses Mal mit den Lyrics zu beginnen, also den Text vor der Musik zu schreiben. Das war für mich komplett neu, weil ich sonst immer aus der Improvisation heraus arbeite. Ich habe ihm die Texte immer wieder geschickt, er hat Feedback dazu gegeben, und irgendwann hatte ich genug Material. Erst dann habe ich begonnen, die Musik zu schreiben.
Am Ende ist Kristian nach Wien gekommen, und wir haben wirklich jeden einzelnen Satz noch einmal überarbeitet und genau überprüft, ob Musik und Lyrics tatsächlich kohärent sind.  Das war ein sehr intensiver Prozess.

„Ich wollte etwas machen, das sich intimer anfühlt.“

Ist es nicht eine extreme Umstellung, wenn man gewohnt ist, die Musik vor dem Text zu komponieren, dass man den Prozess dann umdreht?

LYLIT: Ich war anfangs ehrlich gesagt ziemlich skeptisch. Aber der Text bekommt dadurch natürlich eine viel höhere Gewichtung. Kristian hat immer gesagt: Wenn der Inhalt einmal da ist, kommt die Musik von selbst. Auch habe ich bewusst versucht, so pur wie möglich zu singen – damit wirklich nichts vom Inhalt ablenkt.

Die Reduziertheit der Arrangements hat zur Folge, dass die Musik besonders eindringlich klingt und einen hohen emotionalen Gehalt hat.

LYLIT: Ich wollte etwas machen, das sich intimer anfühlt – im Wesentlichen Klavier und Stimme. Ich war nie wirklich der Typ für „Easy-Listening“-Musik. Schon als Kind habe ich Mahler und Brahms gehört – nicht, weil’s der Etikette entsprach, sondern weil mich Schwere und Intensität in der Musik immer angezogen haben. Wenn mich etwas aufgewühlt hat, habe ich mich ans Klavier gesetzt und improvisiert.

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Deine Songs wirken eigentlich nie repetitiv und vorhersehbar, sondern sind voller unerwarteter Wendungen und interessanter Akkord-Wechsel. Kommt da dein Jazz-Background im Spiel?

LYLIT: Vielleicht. Ich höre generell eher Musik abseits des Mainstreams. Ich habe schon das Gefühl, dass das neue Album ein Pop-Album ist, aber die Formen sind viel freier. Ich hatte einfach überhaupt keine Lust mehr, mich stilistisch einzuengen. Das hat natürlich auch seinen Preis, weil die Musik für Radios zum Beispiel schwerer einzuordnen ist. Aber ich wollte meine Ideen nicht mehr komprimieren – darauf habe ich schlicht keine Lust mehr.

„Irgendwann habe ich nicht mehr gewusst, wer ich eigentlich bin.“

War dir das früher noch wichtiger, gewissen Formen oder Stilen zu entsprechen?

LYLIT: Gerade während meiner Zeit in den USA (Anmerkung der Red.: Lylit war von 2009 bis 2015 bei Kedar Massenburg, dem CEO von Motown Records, unter Vertrag) war das ein großes Thema. Für den Produzenten, mit dem ich damals gearbeitet habe, war ich nicht kommerziell genug. Also habe ich versucht, mich stilistisch in seine gewünschte Richtung zu bewegen – und irgendwann habe ich nicht mehr gewusst, wer ich eigentlich bin. Das wollte ich auf keinen Fall noch einmal erleben.

Ist es eine logistische Herausforderung, die neuen Songs live genauso umzusetzen wie sie am Album sind, also inklusive der Streicherarrangements?

LYLIT: Die Idealvorstellung wäre natürlich, ein so großes Budget zu haben, dass man immer alle mitnehmen kann – aber das geht sich leider nicht aus. Am häufigsten trete ich mit meinen zwei Sängerinnen auf. Wenn alles passt, kommt auch das Streichquartett dazu. Manchmal spiele ich aber auch ganz solo.

„Wenn ich als Filmkomponistin arbeite, sehe ich mich eher im Dienst des Bildes und der Stimmung des Films.“

Deine neue Single heißt „My Body“. Kannst du kurz erzählen, worum es in diesem Song geht?

LYLIT: Der Song handelt von einem Übergriff. Es ist ein Teil meiner eigenen Geschichte und leider auch etwas, das hunderttausenden anderen Menschen passiert. Mir war wichtig, dass das Stück etwas Befreiendes hat – es geht darum, sich die eigene Autonomie zurückzuholen.

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Du arbeitest auch als Filmkomponistin und hast 2023 für deine Arbeit für den Film „Eismayer“ sowohl den österreichischen Filmpreis als auch eine Romy bekommen. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit als Filmkomponistin von der für Lylit? Hast du da eine andere Herangehensweise?

LYLIT: Wenn ich als Filmkomponistin arbeite, sehe ich mich eher im Dienst des Bildes und der Stimmung des Films. Am schönsten ist es, wenn ich – so wie bei „Eismayer“ – viele Freiheiten bekomme. David Wagner wollte ganz bewusst genau die Atmosphäre meiner Musik. Es war also kompositorisch vollkommen meine Welt, aber es ging nicht um mich, und ich musste auch nicht singen. Das hatte auf der kreativen Ebene etwas sehr Befreiendes für mich- da sind gewisse Blockaden einfach wegfallen.

Worauf dürfen sich die Lylit-Fans im Jahr 2026 freuen?

LYLIT: Wir werden auf Tour sein und eine Reihe von Konzerten spielen. Außerdem gibt es noch ein, zwei andere Projekte. Eines davon ist eine Zusammenarbeit mit der klassischen Pianistin Maria Radutu. Wir spielen im Duo: Ich singe meine eigenen Lieder, und sie hat dazu jeweils klassische Pendants, die meiner Komposition in der Emotionalität ähnlich sind, ausgewählt. Präsentieren werden wir das Ganze am 17. Februar im Muth in Wien.

Vielen Dank für das Gespräch!

Clemens Engert

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Live-Termine:
17.02.2026 – LYLIT X Maria Radutu @ Muth, Wien
04.03.2026 –
Cinema Premier of „A Life In Color“ @ Votiv Kino, Wien (Score by LYLIT)
13.03.2026 – LYLIT + BGV @ Stromboli, Hall in Tirol
10.04.2026 – LYLIT + BGV + Strings @ Spielboden, Dornbirn
28.04.2026 – LYLIT Orgelkonzert @ Radiokulturhaus, Wien
08.05.2026 – LYLIT X Benny Omerzell @ Konzerthaus, Wien

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Links:
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SYRONA