„Ich habe gedacht, dass ich sterbe” – CARO FUX im mica-Interview

Caro Fux ist der neue Stern am Dialekt-Pop-Himmel.  „Wunderschei“ hieß ihre erste Single, die davon handelt, wie es ist, sich selbst wiederzufinden. Es folgten „Foiobst“, „Taugt net“ und „Aff im Kopf“. Allen diesen Songs gemeinsam ist, dass sie authentisch sind, weil sie die Geschichten von Caro Putzgruber aka Caro Fux erzählen und dadurch anderen Mut machen sollen, „Grenzen zu überschreiten und sich selbst treu zu bleiben“. Mit dem mica sprach die steirische Musikerin über das Burnout, das sie zum Schreiben brachte, über Zeiten, in denen sie so fertig war, dass sie nicht einmal mehr aufstehen konnte, und über Musik, die direkt vom Herzen kommt.

Auf deiner Homepage lautet der erste Satz, den man unter der Rubrik „Bio“ liest: „Die Welt musste für mich erst mal stillstehen, damit ich mich selbst wieder hören konnte.” Du warst zunächst Lehrerin und hast erst über Umwege zur Musik gefunden. Stimmt das?

Caro Fux: Ja. Ich habe in Graz Lehramt studiert und dann fünf Jahre als Volkschullehrerin gearbeitet. Wahrscheinlich habe ich schon in der Ausbildung gemerkt, dass das eigentlich nicht mein Ding ist. Aber damals war vorrangig, dass es ein sicherer Job ist, und ich Kinder per se gut leiden kann. Also habe ich mir nicht weiter darüber Gedanken gemacht. Am Anfang versuchst du sowieso nur einmal zu überleben, weil dich die Ausbildung ja nicht wirklich darauf vorbereitet, was dich da erwartet. Eine Zeit lang hat es gut funktioniert, aber der Punkt kam irgendwann, an dem ich zu hinterfragen begann, was ich da eigentlich tue. Und dann habe ich gemerkt, dass das Schulsystem an vielen Ecken und Ende nicht mehr stimmig ist für die heutige Zeit und die Kinder, die heute zur Schule gehen.

Inwiefern?

Caro Fux: Da geht es gar nicht mal so um die Inhalte, die wir den Kindern beibringen. Dass sie lesen schreiben und rechnen lernen müssen, verstehe ich und da stehe ich auch voll dahinter. Dafür ist die Volksschule da. Aber es bräuchte ein Fach, in dem es um die Persönlichkeitsentfaltung der Kinder geht, wie man mit Stärken und Schwächen umgeht, wie man sie in ihren Stärken fördern kann. Und mehr Soziales. Das passt überhaupt nicht mehr. Es wird überhaupt nicht darauf geachtet, was vom Kind kommt, sondern es geht nur darum, was man dem Kind draufdrücken kann. Mit dem kann ich halt gar nicht.

Das heißt, du hast erst einmal das gemacht, was alle machen, bei denen es im Job hakt: Weitermachen, bis es irgendwann einen gewaltigen Schnalzer tut.

Caro Fux: Genau. Bei mir ging es von heute auf morgen. Etwa ein halbes Jahr schon hatte ich gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt, konnte es aber nicht greifen. Es war mir nicht klar, was los ist. Ich kannte das Gefühl nicht und tat so, als wäre alles in Ordnung. Ich habe dann immer schlechter geschlafen und keine Erholungsphasen mehr gehabt. Selbst da habe ich es aber immer noch nicht gecheckt. Statt mich zurückzunehmen und runter vom Gas zu gehen, hab ich noch mehr draufgedrückt. An einem Skiwochenende war es dann so weit. Nachdem ich am Samstag die beste Party meines Lebens gehabt hatte, packte ich Sonntag früh meine Sachen, ging zum Auto und fing plötzlich unvermittelt zu weinen an. Die anderen haben mich angeschaut und wahrscheinlich erst einmal gedacht, ich hätte einen Moralischen bekommen. Aber das war eine astreine Panikattacke. Ich habe geweint und gedacht, dass ich sterbe. Alles war schwarz. Dann fuhren wir heim und dort brach ich dann völlig zusammen.

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Wie ging es weiter?

Caro Fux: Eine Woche bin ich überhaupt nicht aus dem Bett gekommen, bin nur gelegen, konnte aber nicht schlafen. Mein Körper war woanders. Dann habe ich mich ins Krankenhaus einweisen lassen, weil ich sonst durchgedreht wäre: „Gebt mir bitte Schlaftabletten, ich komme nicht mehr runter!“ Da wurde mir dann gesagt: „Sie haben eine Erschöpfungsdepression“. Das hörst du und denkst: „Okay, und was jetzt?“ Im Grunde war es mir ja egal, wie das Ding heißt. Es war einfach furchtbar und ich wollte, dass es weggeht. Bis es mir wieder ganz gut ging, dauerte es ein ganzes Jahr. Das erste halbe Jahr war das schlimmste. Nach zwei Wochen ging ich wieder arbeiten.

Keine gute Idee, oder?

Caro Fux: Nein. Die Ärztin hielt es für keine gute Idee und wollte es mir auch verbieten. Und sie hatte recht. Da ging es dann erst richtig bergab und ich habe ein halbes Jahr gebraucht, bis sich die erste kleine Besserung einstellte. Sehr zäh war das.

War da schon die Musik im Hinterkopf oder hattest du erst mal genug mit dir selbst zu tun?

Caro Fux: Nein, so weit war ich noch nicht. Das halbe Jahr habe ich erst einmal gebraucht, um halbwegs zu mir zu finden, weil ich körperlich so fertig war. Ich konnte kaum eine Runde ums Haus drehen. Mein Bruder kam oft und wollte, dass ich aufstehe. Ich konnte aber nicht. Wie ein in sich zusammengefallener Sack. Lange wollte ich gar nicht in mein altes Leben zurück. Aber darüber nachdenken, was ich jetzt machen sollte, konnte ich nicht. Im Herbst ging ich dann wieder in die Schule zurück und bekam einen Rückfall. Da war ich dann so weit, dass ich den Rat meiner Ärztin, auf Reha zu fahren, befolgte. Ab da ging es bergauf.

Was gab den Ausschlag?

Caro Fux: Eine ganz tolle Musiktherapeutin, die selbst ein Burnout durchlebt hatte, dadurch ihr Leben änderte und Therapeutin wurde. Bei ihr war ich in Einzeltherapie, in der sich herausstellte, dass ich was verändern musste.
„Aber wie?“ fragte ich.
„Wie wäre es einfach zu kündigen?“ erwiderte sie.
„Das geht nicht.“
„Wieso nicht? Was ist das Problem?“
In etwa so verlief der Dialog, der den Anstoß gab, zu kündigen. Und ab dem Moment, in dem ich gekündigt hatte, ging es mir besser. Das war ein Befreiungsschlag.

Porträtbild der Musikerin Caro Fux
Caro Fux © Nicole Seiser

Aber was kommt danach? Was kommt nach dem Befreiungsschlag?

Caro Fux: Das war ein Prozess. Es waren zwei Erlebnisse, die mich auf den Weg gebracht haben, Musik zu machen. Während der Depression hat mir eine Freundin einen Podcast von Robert Petz geschickt – ein Psychologe und Autor, der Bücher darüber geschrieben hat, wie man sein Leben verändert. „Wer bist du, wenn alles um dich herum zerbricht?“ fragt er darin, und dieser Satz ist bei mir so hängen geblieben, dass ich mich tatsächlich gefragt habe, wer ich bin. Zu der Zeit ist ja nicht nur mein Job weggefallen, sondern auch privat passte es nicht mehr. Es waren alle Lebensbereiche betroffen. Buchstäblich alles um mich herum ist zerbrochen, was mir allerdings die Möglichkeit gab, alles so neu aufzubauen, dass es zu mir passt.

Ich war sehr im Außen unterwegs und habe ein Leben geführt, das nach außen sehr solide gewirkt, mir aber nicht entsprochen hat. Durch den Satz von Petz kam die Neugierde auf und ich verspürte Aufwind für die Suche danach, wer ich bin und was ich machen möchte. Der zweite große Punkt war: Ich wollte wissen, warum ich in dieses Burnout reingerutscht bin. Warum habe ich so viel gearbeitet?

Ist das nicht meistens eine schleichende Entwicklung?

Caro Fux: Ja, aber irgendwo, dachte ich, muss doch der Punkt gewesen sein, an dem es anfing, in die falsche Richtung zu laufen. In der Zeit, in der es mir nicht gut ging, habe ich dann eine Freundin getroffen, die schwerstbehinderte Menschen pflegt. Wir glauben ja immer, etwas leisten zu müssen, um etwas wert zu sein. Wir definieren uns über Leistung. Und dann rutscht man in den ungesunden Rhythmus, immer mehr leisten zu wollen, weil man sich ja dadurch gut fühlt, Anerkennung bekommt. Im Grunde genommen aber macht man sich kaputt. Die Freundin erzählte mir, dass sie einen achtzehnjährigen Burschen pflegt, der so schwerbehindert ist, dass er im Grunde genommen nur atmet. Er kann nichts machen, nicht reden, nichts leisten. und trotzdem hat er seinen Wert auf dieser Welt. Ohne Leistung. Das hat mich tief getroffen und nachgewirkt, weil ich eingesehen habe, sehr lang meinen Wert nur über Leistung definiert zu haben. Mehr arbeiten, mehr tun, mehr bringen, um sich gut fühlen zu können. Auf der Reha habe ich dann sehr viel Tagebuch geschrieben, und irgendwann kam der Satz: „Du bist wunderschei“. Das wurde mein erster Song.

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Du bist also durchs Texten zur Musik gekommen, indem du dir die Sachen einfach von der Seele geschrieben hast? Wann kam die Idee, aus dieser einen Zeile einen Song zu machen?

Caro Fux: Als die erste Zeile da war, hab´ ich noch nicht drüber nachgedacht, einen Song draus zu machen. Erst zuhause, in der Zeit, in der ich nicht mehr arbeitete, hab´ ich überlegt, was ich machen könnte. Zuerst habe ich einen Job als Kellnerin auf einer Almhütte angenommen. Ich wollte nicht mehr in die Schule zurück, aber auch nicht für immer in der Gastro bleiben.

Gesungen habe ich schon immer, seit ich ein Kind bin und später sehr lange auf Hochzeiten. Dann war dieses „Wunderschei“ da und die Melodie zur Zeile kam beim Duschen aus mir raus. Ich war zu der Zeit sehr empfänglich für alles, was aus mir rauskam. Dann hat sich das immer mehr aufgebaut, und ich habe innerhalb einer Woche den Song geschrieben.

Auf einmal hatte ich ihn fertig und gedacht: Wie arg ist das? Vielleicht ist das ja mein Ding. Vielleicht ist das mein Weg? Dann begab ich mich auf die Suche nach einem Produzenten und die Reise fing an.

War die Reise kompliziert?

Bild der Musikerin Caro Fux
Caro Fux © Nicole Seiser

Caro Fux: Nein, eigentlich ist mir alles sehr leichtgefallen.

Weil du gleich die richtigen Leute getroffen hast?

Caro Fux: Ja, den Roman Steinkogler z.B. Dem habe ich ein Demo geschickt, und er hat meine Stimme sofort cool gefunden. Dann ist es einfach relativ gut losgegangen. Ich habe jetzt zwar erst meine vierte Single releast, aber es tun sich schon einige Dinge. Es macht mir großen Spaß.

Kommt auch ein Album?

Caro Fux: Wir schreiben schon daran, und, ja, ich würde schon gerne ein Album machen.

Wen meinst du mit „wir“?

Caro Fux: Seit Februar bin ich im Verlag Schedler. Und dadurch haben sich intensive Songwriting-Sessions mit Songwritern von Schedler ergeben, etwa mit Tamara und Richie aus Berlin. Es macht großen Spaß, mit ihnen an Songideen zu tüfteln und das in die richtige Richtung zu bringen. Die holen so viel aus mir raus. Und ich kann durch das Schreiben von Songs mein Leben verarbeiten. Das ist meine Therapie.

Wie würdest du deine Musik eigentlich beschreiben? Pop-Songs im Dialekt?

Caro Fux: Das kann man nicht beschreiben. Das ist ein Gefühl. Ich kann das nicht in Worte fassen. Ich kann nur sagen, ob sich etwas gut oder nicht gut anfühlt. Wie klingt Caro Fux und was will sie sagen? Das ist ein Prozess.

Hast du gleich im Dialekt zu schreiben begonnen oder hat sich das erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert?

Caro Fux: Ich habe schon auch überlegt, ob ich auf Englisch oder Hochdeutsch schreiben soll, aber es geht einfach nicht. Das, was direkt von meinem Herzen kommt, ist im Dialekt, weil ich so aufgewachsen bin. Wenn ich tiefe Emotion ausrücken will, dann kommt das automatisch im Dialekt.

Birgit Denk trat als deine Mentorin in Erscheinung. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Caro Fux: Der Verein MuFa (Musik für alle) von Tina Ruprechter hat ein Mentoring-Programm ins Leben gerufen. Man konnte sich im Herbst für fünf Mentoring-Plätze bewerben. Einen davon habe ich bekommen, und Birgit Denk war ein halbes Jahr lang meine Mentorin. D.h. ich habe ein halbes Jahr mit ihr arbeiten dürfen.

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Wie war die Zusammenarbeit?

Caro Fux: Ich ziehe meinen Hut vor ihr. Die ist schon so lange in diesem Spiel und macht einfach ihr Ding. Ich finde seltsam, dass sie nicht mehr in den Fokus gerückt wird. Und sie interessiert sich eben auch für die Jungen. Im Dezember gibt Birgit immer Weihnachtskonzerte. Auf dem nächsten werde ich mit ihr singen. Darauf freue ich mich ganz besonders.

Wenn du sagst, dass die Musik deine Therapie ist, leuchtet das besonders beim ersten Song „Wunderschei“ und seinem Thema ein. Aber du erschließt schon auch andere Themenkreise, in „Aff´ im Kopf“, der aktuelle Single, zum Beispiel, geht es um das Bedürfnis nach ehrlichem Dialog. Wie kams dazu?

Caro Fux: Das Lied ist durch meine Oma entstanden. Die ist 86 Jahre alt, und ich liebe sie über alles. Sie hat wie manch andere aber auch die Angewohnheit, über jemanden ausführlich zu reden, den ich nicht kenne, die „Urstrumpftant` aus Dschibuti“ sozusagen. Das ist ihr aber egal, sie redet einfach weiter. Die eine ist gerade auf Kur, der andere kriegt ein neues Knie, wieder eine andere lebt jetzt in Scheidung. Und ich saß mal am Küchentisch, mein Kopf hatte sich einfach abgeschaltet, ich kriegte nichts mehr mit, sondern war in meine eigene Welt abgedriftet. Plötzlich kommt da dieser Affe mit seiner Schelle und schlägt sie, und es war sofort klar, dass das ein Song werden muss. Er ist dann in der ersten Songwriting-Session entstanden. Der Song war binnen kürzester Zeit geschrieben. Die Leute, mit denen ich arbeite, haben gut im Gefühl, was funktionieren kann und was nicht. Der Song ist lustig, aber hat schon auch einen ernsten Hintergrund, weil man doch oft über etwas anderes reden will. Man will wissen, wie es dem Gegenüber geht, welche Probleme es gibt. Ich ertappe mich oft selbst dabei, dass ich mit Freundinnen einfach irgendwas rede, statt in die Tiefe zu gehen.

Du bist auch in den sozialen Medien sehr präsent, und das Musik-Business ist bekanntlich nicht das einfachste. Wie gefährlich ist es für jemanden, der ein Burnout hatte, sich da zu viel zu involvieren und quasi ins nächste Burnout zu schlittern?

Caro Fux: Das Eis ist schon dünn. Ich merke das auch immer wieder, aber was ich jetzt spüre ist: Dadurch, dass ich das schon erlebt habe, sind meine Antennen empfindlicher geworden und die Warnsignale schneller da. Mir wird schneller bewusst, dass ich vom Gas runtergehen und Vorsicht walten lassen muss. Ich versuche mir meine Energie besser einzuteilen und auch mal an mich zu denken, Erholungsphasen und Dinge nur für mich einzuplanen. Und ich spüre ganz generell, dass mir dieses Musikprojekt viel Energie gibt. Ich arbeite, und die Arbeit gibt mir Energie zurück. Das habe ich in der Schule zuletzt nicht mehr gespürt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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Im Herbst kommt die nächste Single von Caro Fux. Wer nicht so lange warten will, kann sie zu folgenden Terminen live erleben: https://www.carofux.at/live

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Links:
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