Die GESANGSKAPELLE HERMANN kann man mittlerweile als echte musikalische Institution bezeichnen. Die fünfköpfige Truppe aus Oberösterreich hat dazu beigetragen, dass Vokalmusik hierzulande in den letzten Jahren eine Art Renaissance erleben durfte, wobei sie sich nicht als klassische A-cappella-Gruppe verstehen will – und dem kann man nur zustimmen, wenn man sich ihr neues Album „SEHR SOGAR“ (Omdrom; VÖ: 13.9.) anhört. Die GESANGSKAPELLE HERMANN hat längst ihren ganz eigenen Stil gefunden, der Einflüsse aus verschiedensten Richtungen vereint und einen ganz eigenen Charakter besitzt. Die neuen Songs wissen mit viel Abwechslung zu überzeugen, sie verbreiten gute Stimmung und laden ein, sich auch einmal der guten Laune hinzugeben. Im Interview mit Michael Ternai sprechen BERNHARD HÖCHTEL und SIMON SCHARINGER über das Selbstbewusstsein, das sie im Laufe der Jahre entwickelt haben, welchen Einfluss es auf ihre Musik hat und wie stark ihre Motivation, Musik zu machen, weiterhin ausgeprägt ist.
Ihr seid seit mehr als 10 Jahren aktiv und habt in dieser Zeit mehrere Alben veröffentlicht, mit denen ihr viel unterwegs wart. Mit „SEHR SOGAR” erscheint nun euer fünftes Album. Hättet ihr euch zu Beginn eurer Karriere vorstellen können, dass die Gesangskapelle Hermann ein so erfolgreiches und langlebiges Projekt wird?
Simon Scharinger: Nein, überhaupt nicht. Es hat auf jeden Fall nicht mit dieser Intention angefangen.
Bernhard Höchtel: Die Gesangskapelle begann gewissermaßen als Experiment von mir. Damals studierte ich Komposition und versuchte, zwei, drei Stücke für ein Männergesangsquartett zu schreiben. Zu dieser Zeit hörte ich viel romantische Vokalmusik, die ich einfach schön fand. Allerdings zweifelte ich daran, ob die Texte noch zeitgemäß waren. Ich fragte mich, was ein Kunstlied im Hier und Jetzt bedeuten könnte, insbesondere in Bezug auf die Texte. Da mir die Mundart und der Dialekt sprachlich am nächsten lagen, wollte ich das Kunstlied mit Dialekttexten in die Gegenwart holen. Also fragte ich ein paar Leute, von denen ich wusste, dass sie singen können, und mit ihnen begann ich, die Stücke zu proben. Wir haben das Ganze zuerst zwei, drei Jahre lang unterm Radar, eigentlich nur für uns gemacht – was im Nachhinein gut war, weil dieses Ausprobieren im geschützten Rahmen doch das Selbstbewusstsein anwachsen ließ. Wären wir früher rausgegangen, hätten uns vielleicht Kritik oder eine negative Publikumsreaktion viel zu sehr aus der Bahn geworfen.
In Folge hat einfach eines das andere ergeben und jetzt sind wir da. Und wir haben das Gefühl, dass es so auch die nächsten zehn Jahre weitergehen kann.
Ihr habe alle einen unterschiedlichen musikalischen Backround. Was ist es, dass ihr gerade eure Stimmen als Instrument auserkoren habt?
Simon Scharinger: A cappella ist immer noch so eine Bezeichnung, die über allem, was wir tun, schwebt – obwohl mittlerweile ja auch Instrumente Eingang in unseren Sound gefunden haben. Das spannende am Begriff a cappella ist vielleicht, dass sich viele unterschiedliche Musikstile unter dieser Genrebezeichnung versammeln und wir so viel Unterschiedliches in unsere Musik einfließen lassen können; das macht das ganze quasi unerschöpflich. Wir können jazzige Sachen singen, Volksmusikalisches zitieren, ins Poppige gehen, da gibt es keine Limits. Und auch textlich haben wir mit fünf schreibenden Individuen fünf komplett unterschiedliche Zugänge und es wird dadurch echt facettenreich.
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Bernhard Höchtel: Was unsere musikalischen Hintergründe betrifft, würde ich sagen, dass das Singen unser gemeinsamer Nenner ist. Jeder von uns kommt aus einer etwas anderen Richtung. Ich zum Beispiel komme stark aus der Jazz- und experimentellen Ecke, während andere in der Band eher aus dem Indie-Bereich stammen. Wieder andere fühlen sich der elektronischen Musik zugehörig. Das bedeutet, wir haben viele Einflüsse und hören auch sehr unterschiedliche Musik. Dadurch können wir immer wieder Ausflüge in ganz verschiedene Stilrichtungen machen – natürlich angepasst an unsere Besetzung und auf unsere eigene Art.
Simon Scharinger: Deshalb sind wir jetzt auch nicht mehr strikt auf a cappella festgelegt. Wenn wir das Gefühl haben, dass ein Song eine Gitarre braucht, dann setzen wir sie einfach ein und halten nicht starr an diesem Begriff fest.
Bernhard Höchtel: Wir möchten nicht als a cappella-Band wahrgenommen werden, sondern einfach als Band.
Auf jeden Fall habt ihr über die Jahre euren Stil verfeinert. Eure musikalische Sprache ist unverkennbar. Auch auf eurem neuen Album „SEHR SOGAR“. Vielleicht einmal die Frage, was bedeutet der Titel, was wollt ihr mit ihm aussagen?
Simon Scharinger: Wir haben wirklich lange am Titel gefeilt und überlegt – mehrere Wochen lang. Im Grunde ist der Titel als eine Art Witz gemeint. Wenn man jemanden fragt, ob es ihm gut geht und er mit ‘sehr sogar’ antwortet, setzt er mit dieser Antwort noch eins drauf, ein i-Tüpfelchen. Ich glaube, dass nicht viel mehr hinter dem Titel steckt, als dass er süffig klingt und sich irgendwie leicht anfühlt.
Bernhard Höchtel: Man könnte vielleicht sagen, es klingt nach „Mehr davon“. Der Titel vermittelt irgendwie eine Aufbruchstimmung, finde ich …
Simon Scharinger: SEHR SOGAR!
(Beide lachen)
Bernhard Höchtel: … etwas Lebensbejahendes, das in der heutigen Zeit sehr notwendig ist, weil sich viele Dinge momentan destruktiv und traurig anfühlen – sei es innen- oder außenpolitisch. Der Titel ist sicherlich ein Statement dafür, dass es nicht zu spät ist und dass jeder etwas bewirken kann. Wir können einander zuhören, aufeinander achten und einfach nett zueinander sein. Damit macht man die Welt schon ein bisschen besser.
Empfandet ihr bei diesem Album so einen inneren Drang, mit etwas Positivem den aktuell alles bestimmenden Themen zu begegnen?
Bernhard Höchtel: Vielleicht. Ich finde, Mut zu machen, ist immer gut. Man tut das ja auch für sich selbst. Man muss sich selbst motivieren, an das Gute zu glauben, weiterzumachen und versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen. Ich denke, darum geht es auch in den Texten der neuen Songs. Wir sprechen Probleme an, bieten aber auch Lösungen oder weisen darauf hin, dass nicht alles so bleiben muss.
Simon Scharinger: Allerdings machen wir das nie auf eine belehrende Art. Ich glaube, wir eröffnen vielmehr Gesprächsräume. Es fühlt sich nicht so an, als würden wir unserem Publikum Vorträge halten. Stattdessen versuchen wir, die Menschen dazu zu animieren, gemeinsam über die Dinge zu sprechen, die Angst machen und Sorgen bereiten, und gemeinsam zu lachen.
Humor und Selbstironie scheinen schon ein sehr starker Faktor in eurer Musik, in euren Texten zu sein.
Bernhard Höchtel: So sind wir einfach. Das passiert uns einfach. Das, was unsere Liveshows ausmacht, ist, dass wir zwischen den Songs hauptsächlich Witze auf unsere Kosten machen. Es entwickeln sich zwischen uns einfach Gespräche, die sich die Leute gerne anhören.
Simon Scharinger: Eigentlich müssten wir diese Gespräche einmal auf eine CD bannen, denn die Musik ist ja eigentlich nur der halbe Kuchen. Der ganze Kuchen ist eigentlich das gesamte Ding, das wir machen, wie wir performen, wie wir unsere Musik darbieten usw.
Bernhard Höchtel: Und wir nehmen uns von der Kritik selber auch nicht aus. Wir sind Teil des Ganzen und beziehen uns schon stark auch auf unser eigenes Handeln. Es sind nicht immer nur die anderen, die etwas falsch machen.
Inwieweit hattet ihr von Anfang an eine konkrete Vorstellung, in welche musikalische Richtung ihr euch bewegen wolltet?
Bernhard Höchtel: Einen musikalischen Masterplan gab es nicht. Die Stücke sind nach und nach entstanden, manche sogar sehr spät. „Wos i dir wünsch“ zum Beispiel haben wir, bevor wir es aufgenommen haben, noch nie gemeinsam gesungen. Normalerweise kristallisiert sich nach drei oder vier Songs ein bestimmter Vibe heraus, den wir dann irgendwie weiterverfolgen. Da die Musik stark von mir kommt, hängt die Richtung und Stimmung der Stücke natürlich auch damit zusammen, in welcher Stimmung ich bin oder welche Musik ich gerade höre.
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Wie schon erwähnt, gibt es euch mittlerweile mehr als 10 Jahre. Inwieweit geht ihr heute entspannter, vielleicht auch routinierter an eine Albumproduktion?
Bernhard Höchtel: Dass bei uns irgendetwas zur Routine geworden ist, würde ich nicht sagen. Wir haben damals ziemlich dilettantisch als Greenhorns angefangen und unsere erste Platte in einem WG-Zimmer eines Freundes an zwei Tagen aufgenommen. Dementsprechend klingt sie auch. An der neuen Platte haben wir anderthalb Jahre in einem eigenen Studio gearbeitet. Zum ersten Mal haben wir alles selbst aufgenommen und produziert. Unterstützt wurden wir dabei von Hanibal Scheutz, der von außen ein super Helfer war. Diese Zeit und der Aufwand zeigen, wie hoch unsere Motivation ist – so groß wie nie zuvor. Wir haben wirklich hart gearbeitet, einige Sackgassen durchlaufen und unglaublich viel gelernt. Das hat uns enorm weitergebracht. Deshalb klingt diese Platte auch besser als jede andere, die wir vorher gemacht haben. Auf ihr sind mehr musikalische Ideen, Details und Spielereien zu finden als auf all unseren vorherigen Veröffentlichungen. Musikalisch gesehen sind wir also sicher nicht abgeklärt und machen nicht einfach Business as usual. Ganz im Gegenteil.
Simon Scharinger: Ich glaube, die Routine zeigt sich bei uns darin, dass wir weniger Angst und Scheu davor haben, etwas auszuprobieren und neue Wege einzuschlagen.
Bernhard Höchtel: Wir haben uns einfach mehr Selbstbewusstsein erarbeitet. Auf eine gewisse Art und Weise sind wir tatsächlich sehr erfolgsverwöhnt. Viele Leute kommen zu unseren Konzerten und mögen das, was wir tun. Das macht uns als Band natürlich stark. Du traust dich mehr, etwas auszuprobieren, was wiederum die Grenzen des musikalisch Machbaren immer weiter verschiebt. Das ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass wir das schon so viele Jahre machen.
Simon Scharinger: Ich finde es spannend, dass bei uns Routine nicht mit Abgeklärtheit einhergeht, sondern damit, dass die Dinge aufregender werden. Man traut sich mehr, auch zu streiten und die Dinge auszudiskutieren. Insofern ist es nicht Routine im Sinne von einfacher, sondern eher Routine im Sinne von unerschütterlicher, in dem, was wir machen.
Bernhard Höchtel: Wenn wir jetzt anfangen würden, immer dieselben Platten nur mit anderen Worten zu machen, dann wäre das Projekt eh irgendwie tot. Soweit würden wir es ungern kommen lassen.

Ihr habt Hanibal Scheutz erwähnt. Wie war es mit ihm zusammenzuarbeiten? Welchen Einfluss hatte er?
Bernhard Höchtel: Die Zusammenarbeit mit ihm begann bereits bei unserem letzten Album und hatte einen riesigen Impact auf uns. Obwohl er mit a cappella-Gesang eigentlich nichts zu tun hat, ist er ein sehr geschätzter Musiker, der uns richtig Feuer gegeben hat. Er hat uns sofort darauf hingewiesen, wenn etwas nicht gut gegroovt hat oder noch nicht cool genug klang, hat uns viele wertvolle Ratschläge gegeben.
Was die Verwendung von Instrumenten betrifft, so hat das damals mit ihm
begonnen. Das hat unser musikalisches Niveau sicher auf ein neues Level
gehoben. Wir haben auch selbst viel daraus gelernt, insbesondere darüber, wie wir gemeinsam Musik machen. Davon profitieren wir nach wie vor.
Die Songs des neuen Albums sind stilistisch sehr vielfältig. Das Schöne ist, dass wirklich kein Song wie der andere klingt. Die einzige Klammer, die alles zusammenfast, sind eure Stimmen.
Simon Scharinger: Das Befreiende an unserer Art, Musik zu machen, ist, dass wir nicht den Zwang haben, alles in ein bestimmtes Schema zu pressen. Stattdessen können wir für jede Idee offen sein. Es kam schon vor, dass Hanibal uns mitten in der Nacht voller kindlicher Freude ein File geschickt hat und meinte: „So müssen wir das machen.“
Um ein bisschen mehr auf Hanibal einzugehen: Er ist wie ein großes Kind, voller Begeisterung, und er zeigt uns das auch. Er versteht es wunderbar, uns die Richtung zu weisen.
Bernhard Höchtel: Er ist ein Produzent im besten Sinne. Er hat eine extrem ansteckende positive Energie und zeigt einen unglaublichen Enthusiasmus, was Musik betrifft. So einen Menschen mit an Bord zu haben, tut richtig gut.
Die Musik hat also bei euch einen ganz besonderen Stellenwert, was ja bei anderen A-capella-Gruppierungen ja eher nicht so ist. Dort liegt der Fokus zumeist auf den Texten.
Simon Scharinger: Eigentlich hatten wir immer schon wenig gemein mit dem, was man unter a cappella versteht – auch inhaltlich. Unsere Texte waren zu lustig, die Auftritte zu nahe am Musikkabarett. Wie gesagt, vielleicht waren wir für eine kurze Zeit wirklich eine a cappella-Gruppe, ohne es bewusst zu wollen. Heute verstehen wir uns jedoch definitiv als Band.
Bernhard Höchtel: Wir werden auf jeden Fall auf immer weniger A-capella-Festivals eingeladen.
Weil du gerade Musikkabarett erwähnt hast. Welche Rolle übernimmt Kabarett in eurer Musik?
Bernhard Höchtel: Wir hatten eigentlich nie wirklich vor, in diese Richtung zu gehen. Es ist am Anfang eigentlich mehr aus der Not entstanden, weil wir damals noch zu wenige Nummern hatten, um eine ganze Konzertlänge gestalten zu können. Daher haben wir begonnen – ganz am Anfang war es eher ausnahmslos ich – zwischen den Songs zu reden, quasi von einem zum anderen überzuleiten, indem wir unter anderem unsere Gedanken zu den Songs geteilt oder über uns oder den Ort, an dem wir gerade waren, gesprochen haben. Irgendwann hat sich das dann verselbstständigt, so dass mittlerweile alle von uns reden. Ich muss sagen, dass ich es irrsinnig gern habe, wenn sich eine Künstlerin oder ein Künstler auf der Bühne so nahbar gibt. Und natürlich passiert das Ganze bei uns auf eine etwas überspitzte Art und Weise. Wir präsentieren auf der Bühne eine überzeichnete Form von Menschen, die wir privat sind.
Simon Scharinger: Und dadurch weichen wir stark von dem ab, wie eine a cappella-Band normalerweise performt. Bei uns ist nicht alles von vornherein genau abgesprochen, wir gehen schon das Risiko ein, dass manche Dinge schiefgehen könnten. Das passiert aber fast nie, und wenn es doch einmal vorkommt, fängt uns das Publikum auf, und wir lachen gemeinsam darüber. Was den kabarettistischen und humorvollen Umgang mit Inhalten betrifft, halte ich diesen einfach für facettenreicher und dichter als alles andere. Ich mag es, wenn man ein bisschen um die Ecke denkt, jemanden überrascht und nicht alles perfekt präsentiert.
Herzlichen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Gesangskapelle Hermann live
20.09. Stadtsaal, Wien
21.09. Alter Schlachthof, Wels
27.09. Stadtsaal, Vöcklabruck
05.10. Kino Ternitz, Ternitz
18.10. Altes Theater, Steyr
19.10. Kulturwerkstatt, Kammgarn Hard
01.11. Orpheum Extra, Graz
8./9.11. Bauhof, Ottensheim
25./26.11. Theater am Spittelberg, Wien
06.12. Theater am Spittelberg, Wien
07.12. Local-Bühne, Freistadt
19.12. Stadttheater, Bruck an der Leitha
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