JIMMY ZUREK – ehemals JIMMY AND THE CARCASSETTES, nun DEFJIM – veröffentlicht nach einjähriger intensiver Arbeit Anfang September sein Erstlingswerk „A White Shark Called Blues“ (Vienna Wildstyle Recordings). Das Album erzählt eine durchgehende Geschichte von einem jungen Mann, der mit den Wahnsinnigkeiten der westlichen Welt nicht zurecht kommt. Es beginnt in seiner frühen Pubertät und endet mit der Planung eines Selbstmordatentats, wobei nicht klar ist, ob sich der Protagonist wirklich in die Luft sprengen wird. JIMMY ZUREK selbst bezeichnet sein Projekt als feministische Hip Hop Punkband. Der Wiener über seine musikalischen Vorbilder, die akribische Arbeit an seinem Debüt und den mangelnden politischen Inhalt in der heutigen Undergroundmusik. Das Interview führte Michael Ternai.
Was beim Durchhören Ihres Albums sofort auffällt, ist die stilistische Breite der Songs. Woher stammen Ihre Einflüsse. Lassen die sich benennen?
Jimmy Zurek: Ich glaube, jeder ist auf eine gewisse Art beeinflusst. Das ist normal. Bei mir war es vor allem der Hip-Hop und Punk, die mich doch stark geprägt haben. Und da waren es die Beastie Boys, Death Grips, Jonwayne, Tyler The Creator und Mykki Blanco die einen großen Einfluss auf mich ausgeübt haben. Im Jazz waren es Sachen von Peter Brötzmann und Mats Gustafsson, die mir sehr gefallen haben. Im Punk waren es Leute und Bands wie Jello Biafra, die Dead Kennedys und Sonic Youth. Ich glaube auch, dass etwas von Nine Inch Niles – die ich ganz, ganz früher einmal gehört habe – in meiner Musik mitschwingt, wobei vielleicht eher unterbewusst. Die Einflüsse sind also doch sehr breit gefächert.
Wie lange haben Sie an dem Album gearbeitet?
Jimmy Zurek: Ich würde sagen: über ein Jahr. Wobei es zunächst – vor allem ganz zu Beginn – doch in eine rockigere Richtung ging. Man höre sich nur die EP an. Die musikalische Ausrichtung hat sich im Laufe der Zeit aber doch ein wenig geändert. Der Punkrock ist zwar immer nach da, aber der elektronische und hip-hop Anteil haben sich doch deutlich erhöht.
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„Mit einer halben Sache wollte ich mich auf keinen Fall zufrieden geben.“
Sie sprechen es gerade an. Der Sound hat sich im Vergleich zur EP deutlich gewandelt. War das eine bewusste Entscheidung oder hat sich dies einfach so ergeben?
Jimmy Zurek: Das war eigentlich etwas komisch. Ich habe eigentlich immer schon einen sehr konkreten Sound im Kopf gehabt. Nur war es für mich lange nicht so leicht, diesen wirklich so hinzubekommen. Aber ich glaube, dass ich den Dreh jetzt wirklich heraushabe und weiß, an welchen Schrauben ich drehen muss. So gesehen bin ich mit dem Album, wie es geworden ist, wirklich zufrieden. Ich wollte, dass auf meinem Debüt alles passt. Mit einer halben Sache wollte ich mich auf keinen Fall zufrieden geben. Die Nummern sollten etwas Spezielles haben, das hinhören lässt. Wir – mein Produzent Umberto Gollini und ich – haben uns daher viel Zeit gelassen, die Dinge im Detail auszuarbeiten. Das hat schon bei den Intros angefangen, an denen wir lange und intensiv herumgefeilt haben. Sie sind essenziell, weil sie immer auch beschreiben, worum es in den Nummern geht.
Sie geben bei manchen Nummern in richtiger Punkmanier ordentlich Gas. Man hört in diesen eine gewisse Grundaggression durch. Ist diese von den Texten her vorgegeben?
Jimmy Zurek: Ja, in gewisser Weise schon. Wobei ich selbst kein aggressiver Mensch bin, wobei das manche vielleicht glauben. Ich bin jemand, der immer gleich sagt, was er sich denkt. Und es gibt viele Sachen, über die man sich aufregen kann und muss. Da halte ich mich an Martin Luther King jr., der mal gesagt hat: Our lives begin to end the day we become silent about things that matter. Ich tue das aber nicht auf eine jähzornige oder cholerische Art. Ich lasse meinen Frust immer raus, wodurch ich auch – glaube ich – generell ein sehr entspannter Mensch bin. Vielleicht ist es auch mehr Wut als Aggression, die ich ausdrücke. Ich schreibe politische Songs über Missstände, die mich stören und deren Wahnsinn ich einfach nicht begreifen kann und die einfach nicht notwendig wären.
Man hört dem Album an, dass Sie sich nicht zurückgenommen haben. Ist die Distanz zum Mainstreamsound bewusst gesetzt?
Jimmy Zurek: Ja, definitiv. Es war für mich immer ein ganz wichtiger Punkt, keinerlei Kompromisse einzugehen. Meine Songs sollten extrem politisch sein und waren daher auch nie darauf ausgerichtet, im Radio gespielt zu werden. Sie sollten diese Radikalität haben, die sie nun auch haben. Das Schwammige gibt es sowieso überall anderswo zu hören. Ich glaube, es ist manchmal auch wichtig, Statements abzugeben.
Inwieweit haben Ihre Tätigkeiten als Maler und Autor Einfluss auf Ihr musikalisches Schaffen?
Jimmy Zurek: Natürlich spielt das eine Rolle. Ich denke, man hat als bildender Künstler oder auch als Textschreiber sicher eine etwas andere Sicht auf die Dinge. Ich denke, diese verschiedenen Perspektiven sind auch ganz nützlich und wichtig dafür, etwas Neuwertiges zu kreieren.
„Es geht mir darum, Geschichten zu erzählen.“
Wie viel Zeit nehmen die Texte bei Ihnen in Anspruch?
Jimmy Zurek: Auf jeden Fall viel weniger als die Musik. Es gibt schon Texte, für die ich länger brauche, weil ich sie öfter umschreibe. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Texte, die einfach nur aus mir rausfließen und sofort da sind. Bei denen weiß ich recht schnell, was sie als Inhalt haben sollen und wie der Refrain zu klingen hat. Es geht mir darum, Geschichten zu erzählen. Wie zum Beispiel bei „All Power To The People“. Ausgangspunkt war eine Geschichte, die ich in einem Zeitungsartikel gelesen habe. Da ging es um einen Bauern, der in der Nähe von New York sich und seine 50 Kühe erschossen hat, weil er sich und die Tiere nicht mehr ernähren konnte. Der Protagonist aus dem Song liest genau diesen Zeitungsartikel und macht sich dann auf, um einen Aufstand zu organisieren. In dem Song geht es einfach darum, dass es oft nur sehr wenig braucht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Wer textlich für mich wichtig ist beziehungsweise war, ist Heiner Müller, der sehr viele Revolutionsstücke geschrieben hat. Es ist vor allem seine Art, wie er Dinge auf den Punkt bringt, die mich bei diesem Song inspiriert hat.
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Denken Sie nicht, dass mehr politischer Inhalt in den Songs der heutigen Zeit nicht schlecht wäre?
Jimmy Zurek: Es kommt drauf an. Kann man politische Texte in der Popmusik verlangen? Da reicht eine simple Textzeile ohne größere Tiefe. Und mehr muss es auch nicht sein. Die Popmusik hat die Möglichkeit, oberflächlich zu sein – und das ist okay. Bei Undergroundmusik – die nicht unbedingt im Radio landen muss – dagegen finde ich, dass es schon sehr wichtig wäre. Der Hip-Hop zum Beispiel hatte einmal eine politische Aussage, was heute immer weniger der Fall ist. Jetzt wird fast ausschließlich nur noch darüber gerappt, wie viele Frauen man hat, welchen tollen Schmuck man trägt und welche dicken Autos man fährt. Grundsätzlich würde ich schon sagen, dass etwas mehr politischer Inhalt gut wäre.
Sie haben vor dem Interview erwähnt, dass Sie Vater zweier Kinder sind. Hat sich Ihr Blick auf die Jugend eigentlich verändert, nachdem Sie in diese Rolle geschlüpft sind?
Jimmy Zurek: Nein, Jugendkultur hat mich immer schon interessiert, schon lange bevor meine Kinder zur Welt kamen. Ich habe mich immer schon extrem viel mit diesem Thema beschäftigt. Vor allem auch mit dem Kommen und Gehen dieser. Meine Generation ist noch mit Punks, Teds oder Rockabilies aufgewachsen. Solche Strömungen sind komplett verschwunden. Es gibt heute vielleicht noch ein paar Emos. Aber selbst dieser Begriff sagt heute eigentlich kaum mehr etwas aus, schon gar nichts Politisches. Früher hast du dich sehr stark politisch damit identifiziert, was du gehört hast. Hast du Dead Kennedys gehört, war eigentlich klar, wo du stehst. Das ist eigentlich verschwunden. Ich versuche zu analysieren, warum das so ist. Wenn ich Jugendlichen die Frage stelle, wie sie eigentlich auf Musik stoßen, dann kommen sie in der Regel eh irgendwie selbst drauf, dass sie die Musik und deren Bedeutung nicht einordnen können. „Ist das jetzt Hip-Hop oder House? Ich weiß es nicht.“ Ich habe immer schon beobachtet, wie sich die Jugendkultur verändert hat. Mich interessiert, wie sich Jugendliche Musik heute reinziehen. Auch weil diese Entwicklung schließlich ja uns auch betrifft. Die kommt ja auf uns zu und deshalb sollte sie uns auch interessieren.
Haben Sie eigentlich eine richtige Band im Rücken, mit der Sie auf der Bühne performen?
Jimmy Zurek: Ja, ich stehe mit Audiodevice auf der Bühne. Er ist eigentlich DJ und Tontechniker in der Grellen Forelle und im Porgy & Bess. Aber er ist auch ein sehr guter Schlagzeuger. Ich bin über Wolfgang Schlögl auf ihn gekommen, der ihn mir empfohlen hat. Und ja, die Zusammenarbeit funktioniert bestens. Manchmal – sofern er verfügbar ist – ist auch Wolfgang Möstl (Mile Me Deaf, Sex Jams) mit von der Partie. Ich habe meine Songs schon so angelegt, dass sie live auch ohne sein Zutun gespielt werden können, nur muss man schon sagen, dass er – wenn er mit auf der Bühne steht – ein unglaublicher Bonus ist. Das hat sich beim letztjährigen Popfest Wien gezeigt. Vor allem bezüglich der Show. Aktuell plane ich auch noch, Umberto Gollini für die elektronischen Parts reinzunehmen. Mal schauen, ob das was wird. Ich selbst spiele Trompete, Saxofon und Gitarre live.
Zum Abschluss: Warum der Namenswechsel von Jimmy And The Car Cassettes zu Defjim?
Jimmy Zurek: Ganz einfach. Es gibt in Österreich eine Band, die sich Jimmy and the Goofballs nennt. Das heißt, wenn man „Jimmy and the …“ googelt, dann überkreuzen sich die zwei Bandnamen. Jimmy And The Car Cassettes gab es zwar schon länger und ich hätte der Band auch einen Brief schreiben können, aber das war mir dann zu blöd. Jetzt bin ich über den Namenswechsel eigentlich ganz froh. DefJim ist kurz und klingt irgendwie gut. Darüber hinaus lässt er auch Assoziationen mit dem bekannten amerikanischen Label “Def Jam“ zu. Dieses Label hat ja einst auch einmal die verschiedensten Musikstile – Hardcore, Metal, Hip-Hop – zusammengeführt. Und das passiert in gewissem Sinne ja auch bei uns.
Danke für das Interview.
Michael Ternai
Fotos 1,3 DefJim (c) Bengt Stiller
Foto 2 DefJim (c) Elsa Okazaki