„Es ist einen Minenfeld, durch das ich mich bewege“, sagt Sohn. Im Februar gab er in Wien Interviews für sein Debütalbum „Tremors“, das in Kürze über 4AD weltweit erscheinen wird. Es ist der Erstling des elektronischen Singer/Songwriters – und auch wieder nicht. Der aus England kommende und seit Jahren in Wien lebene Musiker ist nicht vom Himmel gefallen, er verfügt über eine Vergangenheit. Über die spricht er heute aber nicht mehr unbedingt gern. Warum das so ist, erklärt der Mann, der auch als Songwriter und Produzent für andere Künstler gerade einen enormen Lauf hat, im Gespräch mit Sebastian Fasthuber.
Wie wurde Sohn geboren?
Sohn: Es war eine Reaktion darauf, wo ich vor etwa eineinhalb Jahren gestanden bin. Kein guter Ort. Die Geburtsstunde setze ich an, als ich zwei Songs geschrieben habe. Damals wusste ich zwar noch nicht, dass aus ihnen Sohn entstehen würde. Aber diese Songs wurden schon aus dem Wunsch heraus geschrieben, jemand Anderer zu sein. Als ich mich dann entschied, einen Neustart zu machen, geschah das, weil es Dinge an mir gab, die ich nicht mochte. Dasselbe galt für die Musik, die ich bis dahin gemacht hatte. Ich wollte meine musikalischen Energien bündeln, mich auf weniger Ideen konzentrieren – dafür aber stärkere Ideen. Als Sohn will ich weniger sagen, aber auf eine viel aussagekräftigere Weise. Und das hat auch mich verändert. Ich würde sagen, ich bin heute ein ganz anderer Mensch als noch vor eineinhalb Jahren.
Die Sohn-Songs sind zwar streng genommen nicht minimalistisch, im Vergleich zu der Musik, die du früher gemacht hast, aber eigentlich schon. Weniger ist mehr.
Sohn: Ja. Am Anfang musste ich mich ein bisschen dazu zwingen, aber mittlerweile habe ich diese Arbeitsweise verinnerlicht. Es ist ganz natürlich geworden. Zu Beginn war es eine große Sache. Denn worum geht es? Darum, mehr Vertrauen in die Stärke deiner Ideen zu haben. Je weniger du an deine Ideen glaubst, umso mehr Ideen und Elemente stopfst du in einen Song hinein. Das war lange Zeit mein Problem.
Die mysteriöse Aura, mit der Sohn daherkommt, und das Aussparen der eigenen musikalischen Vergangenheit in der Künstlerbiografie wirkt auf den ersten Blick geheimniskrämerisch. Ist das erwünscht?
Sohn: Nein, darum geht es nicht. Ich will nichts verstecken. Ich will aber auch nicht, dass irgendetwas von der Musik, die ich jetzt mache, ablenkt. Es gibt eine neue Wahrheit. Für mich ist das, was ich vor Sohn gemacht habe, heute irrelevant. Vielleicht denke ich mir in fünf oder zehn Jahre: Alles war Teil meiner musikalischen Evolution und persönlichen Veränderung. Jetzt aber fühlt es sich so an, als hätten meine Vergangenheit und meine Gegenwart nichts miteinander zu tun. Wenn ich über die Vergangenheit rede, erscheint sie mir fremd. Es ist geradezu so, als wäre das damals nicht ich gewesen. Seltsam, aber so ist es.
Warum der Name Sohn?
Sohn: Zunächst war es mir wichtig, dass es ein kurzes Wort ist. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon ein paar Songs geschrieben und wusste, dass der Name kein Projektname sein sollte, sondern mein Name. Wichtig war auch der Klang des Wortes. Es klingt sanft. Zudem spricht auch für Sohn, dass man aufgrund des Namens nicht sagen kann, wie die Musik klingt. Es könnte Metal sein oder Techno. Bei einem neugeborenen Sohn kann man ja auch noch nicht sagen, wie er sich einmal entwickeln wird. Es ist einfach die Bezeichnung für einen neuen Menschen. Und damit sind wir beim letzten Grund: Ich wollte auch ausdrücken, dass ich ein Sohn meines früheren Ichs bin.
Du hast das Entstehen der zwei ersten Sohn-Songs angesprochen. Was ist da passiert?
Sohn: Der erste Song war „The Wheel“. „I died a week ago“ heißt es im Text, was in dem Moment sehr zutreffend war. Als nächstes kam „Oscillate“. Ich wusste sofort, dass ich Neuland betreten hatte. Ich begann gerade mit einem neuen Manager zu arbeiten, einem alten Freund aus London. Ich spielte ihm die Songs vor, sie gefielen ihm. Er wollte eine EP herausbringen, woraus schließlich die „The Wheel“-EP wurde. Ihm gefiel aber auch die Idee, die ersten zwei Songs gleich auf Soundcloud zu stellen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch gar keinen Namen. Für Sohn entschieden habe ich mich erst sechs Stunden, bevor die Songs online gingen. Mein Manager wollte sehen, wie die Reaktionen sind, um bestimmen zu können, wie sich das Projekt weiterentwickeln soll. Überraschenderweise gab es sehr viel sehr gutes Feedback. Und so ging alles viel schneller geplant. Zwei Wochen später folgte der nächste Song und dann die EP.
Sohn verdichtet sehr viele Einflüsse: modernen R’n’B, Dubstep, Ambient, Electronica. War das alles gleich in der Mischung vorhanden?
Sohn: Ja. Ich habe musikalisch einen großen Sprung gemacht, seitdem ich Synthesizer und Drumcomputer als echte Instrumente verwende. Der Unterschied ist, dass die Musik nicht mehr mit Software produziert, sondern gespielt wird. Ich arbeite mit Sounds, die ich in dem Moment erzeuge. Das Tolle ist, dass man dadurch viel spontaner arbeitet. Man plant nicht mehr groß, sondern spielt einfach. Und wenn einem etwas gefällt, drückt man schnell auf „Aufnahme“. Das Dubstep-Element entsteht durch einen alten Synthesizer und seine Filter. Dubstep-Produzenten verwenden dafür meist Software, ich mache es mit dem Synthesizer – so wie früher zum Beispiel Kraftwerk.
Live geht es nicht darum, die Songs in der Form, auf der sie auf dem Album erscheinen, zu reproduzieren. Sie entwickeln ein Eigenleben.
Sohn: Und das fühlt sich großartig an. Ich bin früher nicht so gern live aufgetreten, jetzt liebe ich es. Es sind keine Shows mehr, sondern Konzerte, bei denen ich gemeinsam mit zwei anderen Musikern etwas live erzeuge – man könnte sagen: zum Leben erwecke. Es geht sehr stark darum, darauf zu reagieren, was die anderen spielen, welche Frequenzbereiche sie abdecken und welche sie freilassen. Wenn man gut aufeinander eingespielt ist, kann man erstaunliche Stimmungen und Energien erschaffen. Diese basieren darauf, was man in dem Moment fühlt. Das ist unmöglich, wenn man mit Software arbeitet.
Die Songs sind live viel länger als auf dem Album, wo sie die typische Popsong-Länge haben.
Sohn: Ja, dreieinhalb Minuten sind es bei den meisten. Live können es schon fünf oder sechs Minuten werden. Wir dehnen sie gerne aus, um die Atmosphäre des jeweiligen Songs auch wirklich in den Raum reinzubekommen. Die besten Konzerte sind für mich die, bei denen alle ihre Augen geschlossen haben und komplett in der Musik versunken sind. Manchmal tanzen auch Leute, aber es ist nicht die Art von Tanz, wo man mit anderen Leuten kommuniziert. Eher eine introvertierte Form von Tanz. (Lacht) Ich will, dass die Leute meine Musik auf eine introvertierte Art genießen. Das ist wohl auch der Grund, warum viele Stoner sehr auf meine Musik ansprechen. Die glauben, dass ich ein großer Kiffer bin, was überhaupt nicht zutrifft. Das kommt einfach so aus mir raus.
Musikhören als solipsistischer Akt?
Sohn: Warum nicht? Für mich ist das perfekt. Ich bin glücklich, wenn jemand mit einer Gruppe von fünf Leuten zum Konzert geht und sich nachher denkt: Ich hatte ein paar Momente nur für mich.
Eines hat sich seit deinem früheren Projekt nicht verändert: Im Herzen bist du immer noch ein Singer/Songwriter, nicht?
Sohn: Das ist wahrscheinlich wahr. Die Emotionen, die in meiner Musik rauskommen, lasse ich im echten Leben weniger zu. Würde ich keine Songs schreien, würden sie wohl ganz drin bleiben.
Interessant ist, dass sich mit dem neuen Projekt alles gewandelt hat. Du hast eine erstaunliche Glückssträhne, seitdem du Sohn bist.
Sohn: Das hat aber viel mit meiner eigenen Einstellung und mit meinem Verhalten zu tun. Da hat sich einiges grundlegend verändert. Ich kann jetzt ein bisschen besser mit Kritik umgehen und höre mir an, was die Leute über meine Musik denken, weil ich über mehr Selbstbewusstsein verfüge. Es geht mir heute viel besser als vor zwei Jahren, weil ich meine Umwelt nicht mehr ignoriere. Ich kann zuhören, wenn wir jemand zur richtigen Zeit einen Ratschlag gibt. Ich bin eine stärkere Persönlichkeit.
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Es dauerte eine Zeit lang, bis 4AD als Label feststand und sich dein Team gefunden hatte. Wie hast du diese Dinge entschieden?
Sohn: Mit meinem Manager. Er kennt mich schon sehr lang und weiß daher, was ich wirklich will, wozu ich bereit bin und wozu nicht. Und zum Glück ist er sehr gut vernetzt in London. Die besten Leute, die wir für das Projekt haben wollten, haben wir auch bekommen. Wir haben ein sehr kleines, aber für Sohn perfektes Team.
Wichtig ist auch die Präsentation von Sohn. Du willst ja kein durchschnittlicher Popstar sein. Lieber versteckst du dein Gesicht oder trittst fast im Dunkeln auf.
Sohn: Du musst eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie du dich dem Publikum präsentierst. Konsequent sein, darum geht es. Am leichtesten gelingt das, wenn man sich so präsentiert, wie man ist. Ich verkleide mich nicht, der Performance-Faktor bei Sohn ist gleich null. Das bin ich. Früher war es das Gegenteil: Damals war ich nicht der, den ich auf der Bühne darstellte. Aber ich wollte unbedingt, dass die Welt glaubt, dieser Typ sei ich.
Du hast inzwischen auch eine Karriere als Songwriter und Produzent für andere Künstler gestartet.
Sohn: Im Momente habe ich tatsächlich zwei Karrieren gleichzeitig. Ich habe Banks produziert. Dann habe ich die Hälfte des Albums von Kwabs gemacht, einem wirklich erstaunlichen Sänger. Ich bin auch gerade erst aus L.A. zurückgekehrt. Die letzten drei Wochen habe ich nichts anderes getan, als für andere zu schreiben oder sie zu produzieren. Da wird noch eine Menge kommen. Gestern war der Rückflug, heute gebe ich in Wien Interviews, morgen in Berlin. Das ist schon verrückt. Aber noch verrückter wäre es, nicht zuzugreifen, wenn sich einem großartige Gelegenheiten bieten. Ich kann mit tollen Leuten zusammenarbeiten. Dieser Kwabs zum Beispiel wird bald ein Superstar sein. Es ist eine sehr privilegierte Situation.
Wie ist es so, in ein großes Studio in L.A. reinzuspazieren?
Sohn: Es hilft definitiv, dass ich jetzt selbstbewusster bin. (Lacht) Ich bringe immer meinen Juno-Synthesizer, meine Drum-Computer und meinen alten Laptop mit. Es ist ein bisschen lächerlich, wenn man damit in einem Riesenstudio aufkreuzt. Überall hängen Platin-Schallplatten. Das Mischpult hat 64 Kanäle. Aber das ist mir egal. Ich lasse mir einen Kaffeetisch geben, auf dem ich meinen Laptop aufstelle, und frage, wo ich mich einstöpseln kann. Okay, ich gebe zu, dass ich am Anfang schon etwas eingeschüchtert war. Aber das hat sich schnell gelegt. Die Leute holen mich ja, weil sie meine Arbeit schätzen und etwas von mir wollen.
Ist Wien überhaupt noch deine Homebase?
Sohn: Ich war in den letzten vier Monaten ungefähr zwei Wochen da. Aber es ist immer wieder schön zurückzukommen. Hier habe ich meine Ruhe und kann mich von den verrückten Erfahrungen, die ich anderswo mache, erholen. Ich war zuletzt sehr viel in L.A. Einige Leute haben mir schon gesagt, ich soll hinziehen. Aber das wäre das Letzte, was mir einfallen würde. Es ist immer wieder toll, von dort abzuhauen. Wenn ich dort leben würde, würde ich ständig arbeiten. Mir ist es auch so schon passiert, dass ich an einem Tag zwei Sessions mit verschiedenen Künstlern hatte. Man darf es nicht übertreiben, sonst fließen einem schnell alle eigenständigen Ideen ab.