Vor ihrem Namen macht das hochschulige Wörtchen interdisziplinär tatsächlich Sinn. Da tupft HYEJI NAM Farben aufs Textgeröll, dort tapst sie nackert durchs Mumok. Zuletzt lässt sie für das Wiener Label tender matter den Computer plätschern oder keuchen und stöhnen. Dennoch: „Meistens glaube ich, es ist nicht genug, niemals gut genug”, sagt Nam.
Sie erzählt von ihrer Kindheit in Seoul. In der südkoreanischen Hauptstadt wächst sie in den 1990ern auf. Ihre Mutter ist klassische Sängerin, spielt Klavier. Zu Hause sei viel ernste Musik gelaufen, sagt Nam. Als sie elf ist, zieht ihre Familie für eineinhalb Jahre nach Neuseeland. Eine Zeit, an die sich Nam gut erinnere. Schließlich habe sich dort viel für sie verändert.

In der neuen Schule gibt es einen Chor samt Orchester. Alle haben sich dort ständig kreativ ausgedrückt, sagt Nam. „Eine intensive Erfahrung, weil Musik davor immer etwas Strenges für mich war.” Der Zugang zum Ausdruck endet mit ihrer Rückkehr nach Seoul. Dort sei man in der Schule mit so viel Druck konfrontiert, dass alles der Leistung untergeordnet werde. „Damit konnte ich nach dieser Erfahrung nicht mehr umgehen. Also habe ich aufgehört, zu reden.”
Über die Kunstklasse auf den Jakobsweg
Nam zieht sich zurück. Bleibt still. Und öffnet ihren Mund erst, als sie auf die Highschool kommt. Dort habe jemand einen Chor gegründet – der Moment, in dem sie sich wieder ausdrücken will. Die „persönliche Befreiung” sei ihr allerdings erst auf der Uni gelungen, so Nam. Sie schreibt sich für Bildende Kunst ein, will malen, merkt aber bald: Die Klasse passt nicht, die Interessen gehen auseinander.
Statt sich erneut zurückzuziehen, drängt Nam nach außen. Eine Freundin erzählt ihr von „dieser Route in Europa, wo man durch verschiedene Städte geht und es schön ist.” Kurz darauf bucht Nam einen Flug nach Paris, landet in Spanien, wandert den Jakobsweg. Wer dort einmal war, weiß: Man trifft Leute, die zwar nie dasselbe finden, aber Ähnliches suchen. Auch Nam sagt: „Über den Jakobsweg bin ich nach Berlin gekommen.”
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Dass Nam in den späten 2010ern nach Wien gezogen ist, hat andere Gründe. Sie schafft es in die Angewandten-Klasse von Ashley Hans Scheirl. „Großartig” sei das gewesen, sagt Nam. Schließlich habe das familiäre Aufeinandertreffen von Altersgruppen und Interessen in der Klasse spielplatzähnliche Szenarien hervorgebracht.
Außerdem habe ihr Scheirl ein Buch empfohlen, eines mit Bildern von Körperteilen und sexuellen Tabus, so Nam. Dass diese Themen noch krasser sein konnten, als ihre damaligen Gedanken jemals waren, habe sie überrascht. Dennoch, das Buch sei zu arg gewesen, sie habe es bis heute nie wieder aufgeschlagen. Eine neue Perspektive aber blieb.
Achtung, Spielwiese!
Ob sie als Performancekünstlerin auftritt oder singend in riesigen Schwimmreifen Musik aufführt – Nam will sich „nicht auf einen festen Rahmen” beschränken. Viele ihrer Arbeiten seien „traumähnlich”, sie „verschwimmen”, so Nam. Mit einer EP und einem Album auf dem Wiener Label tender matter bewege sie sich so auf einer „Spielwiese” – gerade weil sie die Magie der Technologie bewahren will.
Musik müsse schließlich Spaß machen. Deshalb probiert Nam viel aus; pfeift ins Mikrofon und ihr Laptop macht Wassergeräusche draus; spielt Klavier und lässt kratzend-kehlige Sounds entstehen. In diesen Experimenten schwinge ein kindlicher, naiver Gedanke mit, sagt sie. Einer, der viel Zeit benötige. Und dazu führe, dass sie selten zufrieden ist. „Weil es eben wirklich nie genug ist”, so Nam.
Christoph Benkeser
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Links:
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Hyeji Nam (Neutone)
