„Heute ist das eine wunderbare, lebendige Szene – und sie hält sich durch Zusammenhalt, nicht durch Konkurrenz.“ – Sigrid Horn und Ernst Molden im Mica-Interview

Der Musikmarkt jagt von Trend zu Trend, und Sichtbarkeit wird zum Hauptanliegen vieler Musikschaffender. Wer hier nach Beständigkeit und Sinn sucht, findet sie überraschend oft in der österreichischen Dialektmusik – einer Szene, die auf große Aufmerksamkeit pfeift und stattdessen Nähe, Sprache und Verbundenheit in den Mittelpunkt rückt.
Diese Musik entschleunigt, sie fordert Konzentration – und sie belohnt sie mit Tiefe. Wer hinhört, entdeckt zwischen den Worten Landschaften, Lebenserfahrungen und eine Form von Wahrhaftigkeit, die in der Musikwelt selten geworden ist.
Wenn dann zwei so prägnante Stimmen wie Sigrid Horn und Ernst Molden aufeinandertreffen, entsteht etwas Besonderes. Ihr gemeinsames Album „Kuaz vuan Weda“
verbindet Mostviertel und Erdberg, Ukulele und Gitarre, Dialekt und Folk – und vor allem eine stille, selbstverständliche künstlerische Nähe. Im Gespräch mit Dominik Beyer erzählen die beiden von Sprache und Herkunft – und davon, wie Protest auch in der Musik als verbindendes Werkzeug seinen Platz finden kann.

Ihr singt beide im Dialekt. Ist das für euch eher Trotz, Liebe – oder einfach das Natürlichste der Welt?

Sigrid Horn: Für mich sind es alle drei Dinge. Ich habe sehr früh gemerkt, dass das meine Sprache ist. Ich habe mal versucht, auf Hochdeutsch zu schreiben, da war ich vielleicht sechzehn – das hat sich einfach falsch angefühlt. Wenn ich im Dialekt schreibe, weiß ich, ich mache alles richtig für mich selbst. Das gibt mir Freiheit und Sicherheit zugleich.

Bild von Sigrid Horn und Ernst Molden
Sigrid Horn & Ernst Molden © Daniela Matejschek

Ernst Molden: Ich hab vor dreißig Jahren angefangen, Lieder auf Hochdeutsch zu schreiben – sechs Alben lang. Das war Mitte der 90er, als Dialektmusik in Österreich nicht gerade am Höhepunkt war. Ich hab mich damals am Hellerschen Kunstlied orientiert, bis mir Willi Resetarits 2007 geraten hat, ein wienerisches Lied zu schreiben. Da ist mir der Knopf aufgegangen – Wienerisch ist biegsam, formbar, voller Vokale und Rhythmus. Musikalisch funktioniert es einfach besser. Und mit jedem Album fühle ich mich wohler in meiner Sprache.
Mein Dialekt ist aber längst ein Kunst-Dialekt – der fußt im Wienerischen, erfindet aber auch eigene Wendungen. Ähnlich wie bei der Sigrid: Ihr Mostviertlerisch transformiert sich in etwas Eigenes. Wenn man über Jahre in einer Sprache schreibt, wird sie ein künstlerisches Medium.

In euren Liedern steckt viel Erde, viel Natur – Äpfel, Rüben, Vogelsalat. Wie schafft ihr es, dass das nie nach Heimattümelei klingt, sondern echt bleibt?

Ernst Molden: Ein Drittel der Songs stammt von Sigrid, ein Drittel von mir, ein Drittel haben wir gemeinsam geschrieben. Oft haben wir uns Themen gegeben – „Vogalsalod“ war zum Beispiel ein Auftrag von Sigrid an mich. 

Sigrid Horn: Wir sind beide ziemliche Naturliebhaber. Ich lebe im Mostviertel, Ernst flüchtet gerne ins Waldviertel. Wir mögen Orte, wo nichts ist außer Wald, Felder, Pflanzen – das erdet uns.

Seid ihr privat auch so geerdet wie das Album vermuten lässt?

Ernst Molden: Ich würde mich gar nicht als geerdet bezeichnen – eher als suchend. Sobald sich ein Gefühl der Erdung einstellt, werde ich unruhig. Aber wenn ich zur Ruhe komme, dann im Wald oder am Wasser. Das sind Orte, die in meinen Bildern auftauchen. Vieles auf dem Album ist aus der Perspektive des „On-the-Road“-Seins – von der B666 bis zu den Feldern und Nebeln, die man beim Fahren sieht.

„Wir sind in den Liedern daheim.“ – Sigrid Horn

Sigrid Horn: Ich bin am Land aufgewachsen und habe dann in Wien gelebt. Jetzt zieht es mich wieder raus. Wenn ich länger am Land bin, sehne ich mich nach der Stadt – und umgekehrt. Ich glaube, dieses Dazwischen prägt uns beide. Wir sind in den Liedern daheim.

Ernst Molden: Genau. Wenn man irgendwo auf einer Bühne steht, ist das der Ort, an dem man zu Hause ist. Abseits der Erde steckt aber auch viel Bewegung und Unruhe in dem Album.

Sigrid Horn: Die Unruhe ist Teil von uns – und auch Teil der Zeit. Ich liebe das Dazwischensein. Am liebsten schreibe ich im Zug. Alles verändert sich: die Natur, das Klima, die Gesellschaft. Das merkt man überall.

„Die Natur ist ja auch nicht mehr geerdet.“ – Ernst Molden

Ernst Molden: Die Natur ist ja auch nicht mehr geerdet. Und der Wind weht auch durchs Album. Ja, die Unruhe ist nicht nur in uns. Sie ist auch draußen. Wir halten uns kurz an einem Grasbüschel fest, bevor wir wieder weiterziehen. 

Eure Texte sind in erster Linie poetisch. Die Kritik ist, wenn überhaupt, sehr subtil. Wie wichtig ist euch das „Gegen den Strom“ sein?

Sigrid Horn: Es ist nie absichtlich. Ich schreibe über Dinge, die mich beschäftigen – persönlich oder gesellschaftlich. Wenn dabei ein Lied entsteht, das Menschen zum Nachdenken bringt, ist das schön. Ich glaube, Lieder sollten Gesprächsanlässe schaffen, keine Moralkeulen schwingen.

Ernst Molden: Wir wollten mit diesem Album kein Statement abgeben, sondern einfach miteinander Musik machen. Aber natürlich leben wir in einer Zeit großer Umbrüche – in Natur, Politik und Gesellschaft. Das schwingt automatisch mit. Ich schreibe auch nie, um die Welt zu verbessern, sondern weil mir in einem Moment ein Lied fehlt, das ausdrückt, was ich empfinde.
Und trotzdem steckt da oft mehr drin, als man auf den ersten Blick hört – etwa Bedrohung, Verlust, Flucht. Ich nenne das feinstoffliche Themen. Man spürt sie, auch wenn sie nicht ausgesprochen werden. Wenn man sich das Lied „Mea“ anhört, bekommt man das sogar sehr deutlich mit. Eine multiple Bedrohung von allen Seiten. Nur nicht tagespolitisch ausgesprochen.

Sigrid Horn: Die Texte sind einfach geflossen. Man spürt, wenn er fertig ist. 

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Ernst Molden: Und oft sieht man erst nachher, was noch mitschwingt. Spannend war für mich auch Sigrids Auftrag, ein Lied über Kaulquappen zu schreiben – und dabei bin ich draufgekommen, dass Kaulquappen außer mit dem Schwanz zu zittern eigentlich nichts können. Doch dann stößt man auf die Metamorphose, die von einem scheinbaren Tod als Wasserwesen zu einem scheinbar neuen Leben als Amphibium führt.

Da wirds dann philosophisch. Sogar metaphysisch…

Ernst Molden: Ja sehr. Wobei ich das rein deskriptiv angelegt hab. 

Also nicht von Richard David Precht inspiriert? 😉

Ernst Molden: Sicher nicht. 

Sigrid Horn: Die Liebe zu Amphibien teilen wir beide.

Sigrid, du warst als Protestsongcontest-Gewinnerin aber auch schon einmal weniger subtil unterwegs. Wie viel Protest verträgt eine Gesellschaft, die immer gespaltener wirkt?

Sigrid Horn: Ich hab mich nie hingesetzt mit dem Vorsatz: „Jetzt schreibe ich einen Protestsong.“ Ich schreibe Lieder über Themen, die mich aufregen – im positiven wie im negativen Sinn. Das kann etwas sehr Persönliches sein, oder etwas Politisches. Ich glaube, was eine Gesellschaft wirklich braucht, sind Lieder, die Menschen dazu bringen, miteinander zu reden.

„Das machen Sigrids Lieder großartig – sie tragen gesellschaftliche Beobachtungen in sich, aber ohne den moralischen Zeigefinger.“ – Ernst Molden

Bei „Baun“ ist mir das gelungen: Es geht um den Widerstand gegen ein Einkaufszentrum am Ortsrand – und das Thema verbindet Menschen, egal welchen Background oder welche politische Haltung sie haben. So ein Lied öffnet Gespräche, ohne jemanden anzugreifen. Das ist mir wichtig.

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Ernst Molden: Das finde ich schön. Protest ist oft am stärksten, wenn er nicht plakativ ist. Wenn man Themen so erzählt, dass sie berühren, nicht belehren. Das macht Sigrids Lieder großartig – sie tragen gesellschaftliche Beobachtungen in sich, aber ohne den moralischen Zeigefinger.

Spürt ihr vielleicht in der Musikszene selbst schon eine gewisse Spaltung? 

Ernst Molden: Ich habe früher als Schriftsteller gearbeitet und die Literaturszene als sehr anstrengend erlebt – viel Konkurrenz, wenig Zusammenhalt. In der Musik empfinde ich das anders. Da habe ich schnell gemerkt: Die meisten gönnen einander etwas, helfen sich, laden sich gegenseitig ein. Natürlich gibt es Leute, mit denen man weniger zu tun hat, aber grundsätzlich ist da viel mehr Solidarität. Jeder schaut, dass er über die Runden kommt, aber auf eine redliche Art.

Sigrid Horn: Ich habe das ähnlich erlebt. Ich bin in einer Ecke der Szene gelandet, wo es wenig Ellbogen gibt und man sich gegenseitig wirklich unterstützt. Das empfinde ich als großes Glück.

„Heute ist das eine wunderbare, lebendige Szene – und sie hält sich durch Zusammenhalt, nicht durch Konkurrenz.“ – Ernst Molden

Ernst Molden: Unsere Agentur (Medienmanufaktur; Anm.) ist eben keine Genre-Agentur, sondern ein Sammelbecken ganz verschiedener Künstler:innen. Man begegnet sich mit Respekt, man interessiert sich füreinander – und genau das macht für mich die Qualität dieser Szene aus. Als ich Mitte der 90er angefangen habe, gab es diese Vielfalt noch nicht. Heute ist das eine wunderbare, lebendige Szene – und sie hält sich durch Zusammenhalt, nicht durch Konkurrenz.

Also eine durchwegs positive Entwicklung der Wiener Lied Szene!

Ernst Molden: Der Begriff Wiener Lied ist mir eigentlich fremd – aber Dialektmusik lebt. In den 1990ern war es undenkbar, auf Deutsch oder gar Wienerisch zu singen. Ich hatte damals eine Band: Teufel und der Rest der Götter. Sony Music wollte die Songs mit viel Geld und noch mehr Keyboards auffetten. Doch dann kam plötzlich das Dogma von Bogdan Roščić bei Ö3: keine deutschsprachige Musik aus Österreich mehr. Das ist dann richtig gefloppt.

Ich habe weitergemacht – für die paar Leute, die zu meinen Konzerten kamen, und für meine Frau. Erst Jahre später hat sich das Klima geändert, und plötzlich war wieder Platz für diese Sprache, für Dialekt, für Eigenheit. Heute gibt es eine große, vielfältige Szene: von den Strottern und dem Kollegium Kalksburg, die seit damals existieren, bis zu den jungen Stimmen wie Sigrid Horn, Anna Mabo oder Anna Buchegger. Und das ist wunderbar. Auch bei Esrap oder Raf Camora sehe ich Wienerische Musik. Es geht um die Sprache – das ist der Schmäh, die Lässigkeit und die Flapsigkeit.

In Anbetracht der multiplen Bedrohungen unserer nahen Zukunft – vor welchen „Unwettern“ fürchtet ihr euch gerade am meisten?

Ernst Molden: Am meisten davor, dass das Unwetter die Menschheit spaltet. Dass wir verlernen, menschlich zu bleiben. Wir können das nur gemeinsam überstehen – mit Zuwendung und Offenheit.

Sigrid Horn: Ja, und indem wir nicht aufhören, zu sagen, was wichtig ist. Auch wenn’s manchmal weh tut.

Vielen herzlichen Dank für das Interview

Dominik Beyer

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Sigrid Horn & Ernst Molden live
12/11/2025 Wien, Stadtsaal, Tickets
26/11/2025 Salzburg, ARGEKultur
, Tickets

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Links:
Sigrid Horn
Ernst Molden
Bader Molden Recordings