Greifer: Neue Musik für 3 Zithern

Die Zither. Ein Saiteninstrument, das geschlagen oder gezupft für alpenländische Volksmusik schlechthin steht. Weit gefehlt aber, wer denkt, dass das traditionelle Instrumentarium, das in den letzten beiden Jahrhunderten zahlreiche bauliche Veränderungen durchgemacht hat, nur zu idyllischen und plakativen Volksmusikmelodien in Dur fähig ist. Schon seit geraumer Zeit arbeiten  Reinhilde Gamper, Leopold Hurt und Martin Mallaun daran, einen Sinneswandel in Bezug auf das einschlägig konnotierte Instrument herbeizuführen und legen nun eine neue CD vor, auf der sie der Zither ein neues Image verpassen. Und dieses ist vielfältig wie das Instrument selbst, wie man an Werken von Manuela Kerer, Burkhard Stangl, Burkhard Friedrich und Helga Pogatschar herausfinden kann.

Mit „spavalda“, dem italienischen Wort für „Draufgänger“, überschreibt Manuela Kerer den ersten Satz ihrer Zitherkomposition „solitudine vaga“: Kratzende Geräusche wechseln mit hellen Tönen wie auch mit dumpfen Clustern und zeigen somit schon eine gewaltige Bandbreite der Möglichkeiten, in der die drei Instrumente agieren. Diese Unterschiedlichkeit drückt für Kerer aber auch eine gewisse Einsamkeit aus, denn obwohl die drei Instrumente gleichzeitig spielen, finden sie in ihrer musikalischen Gestaltung nicht zusammen. Sie unterschiedlichen Formen des Alleinseins sind es auch, die das gesamte Werk durchziehen – in ihren negativen Ausprägungen ebenso wie in ihren positiven, etwa wenn man sich auf sich selbst besinnt. Dies kann man nicht nur in den langsamen Passagen bei Kerer, sondern auch wunderbar bei Burkhard Stangls „Mellow (My Feldman)“. Der Name ist in diesem Fall Programm: Kurze Passagen werden wiederholt und geben genug Zeit, um dem langsamen Verebben der einmal angezupften Saiten nachzuspüren und so den Klang der Zither mit ihren leichten Schwerbungen zu erforschen.

Ganz anders hingegen der „(D)evil song“ von Burkhard Friedrich, der ganz andere Saiten aufzieht, elektronisch verstärkt nämlich klingt der auf die Zither aufgezogene Stahl ähnlich einer E-Gitarre, womit der Inbegriff alpenländischer Musik in die Gefilde von Heavy Metal und Drones vordringt. Denn nicht am Schönklang ist Friedrich interessiert, vielmehr möchte er der Zither bisher Unentdeckte entlocken. Und dabei dürfen auch die sonst nicht gewünschten Nebengeräusche in den Vordergrund treten. Wenn es nicht die Volksmusik ist, dürfte die erste Assoziation mit der Zither vermutlich auf die Filmmusik zum „Dritten Mann“ fallen. Den Anfängen dieser eingängigen Melodie macht sich Helga Pogatschar zunutze und kombiniert diese mit den Gedanken von Befragten, die ihre Erinnerungen an den Filmklassiker kundtun – dass es sich dabei um den gleichen Gegenstand handelt, könnte man bei den äußerst abweichenden Beschreibungen beinahe vergessen, und so zeigt das Stück in immer wieder humorvoller Weise, wie die Sicht jedes einzelnen sich doch drastisch von der der anderen unterscheidet.

Mit diesen heterogenen Herangehensweisen an den Umgang mit der Zither darf man nur hoffen, dass sich die Beteiligten weiterhin auf die Suche nach neuer Literatur für das vielfältige Instrument begeben und die Bandbreite stetig erweitern. (dw)
 

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