Sie lassen sich vom Chaos in Kunst, Wissenschaft und Philosophie inspirieren und haben es sogar in ihren Namen aufgenommen: Die Mitglieder des CHAOS STRING QUARTET. Gegründet 2019 in Wien zeichnet sich das Ensemble durch originelle Repertoire-Auswahl und viel Platz für Improvisation aus. Die Debüt-CD wurde hoch gelobt und für den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ nominiert. Im Februar 2025 sind sie beim impuls Festival in Graz vertreten. Susanne Schäffer und Eszter Kruchió, die beiden Violinistinnen des Quartetts, zu dem auch Sara Marzadori und Bas Jongen gehören, sprechen im Interview Theresa Steininger über die Bedeutung des Chaos für Ihre Programmwahl, die Rolle der Improvisation in ihren Konzerten und den Anspruch, dass Kammermusik „nicht immer todernst“ sein muss.
Wie kamen Sie auf den Namen Chaos String Quartet?
Susanne Schäffer: Wir hatten in einem Buch von Vito Mancuso das Zitat gelesen, dass Chaos plus Logos gleich Pathos ist. Das hat uns sehr gefallen. In der Folge haben wir uns eingelesen in verschiedene Chaos-Abhandlungen, beispielsweise auch in der griechischen Mythologie, wo ja alles aus dem Chaos entstand. Und wir haben uns auch dazu informiert, was Chaos in der Physik bedeutet. An all diesen wissenschaftlichen Betrachtungen hat uns gut gefallen, dass die kleinste Veränderung stets etwas Großes bewirken kann. Das versuchen wir nun in jedes Konzert mitzunehmen. Wir haben immer als Ziel vor Augen, dass eine Kleinigkeit große Unterschiede machen kann.
Eszter Kruchió: „Chaos plus Logos ist Pathos“ bedeutet für uns auch, dass man sowohl das kreative, schöpferische Chaos als auch die ordnende Vernunft braucht, um etwas hervorzubringen und Gefühle auszulösen. Gerade durch die Kombination von beiden, von Herz und Hirn, kann man Leidenschaft hervorrufen. Das ist im Leben so – und beim Musizieren.
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Manche bezeichnen die Kombinationen, die Sie in Ihren Konzerten spielen, als ungewöhnlich. Wie sehen Sie das?
Eszter Kruchió: Ungewöhnlich in dem Sinn, dass wir eigentlich vom Frühbarock bis zu heutiger Musik alles spielen, auch aus jener Zeit, in der es eigentlich noch gar keine Streichquartette gab. Wir wollen uns nicht reinzwängen lassen in Schubladen oder Grenzen. So haben wir auch schon Schubert-Lieder für unsere Besetzung arrangiert, einfach aus Liebe zu diesen.
Susanne Schäffer: Eine Freundin hat einmal gesagt: „Bei euch weiß man nie, was passieren wird, wenn ihr auf die Bühne kommt, denn ihr macht es spannend und nicht vorhersehbar.“ Und bis jetzt hatten wir mit diesem Konzept immer Erfolg. Wir schrecken auch nicht davor zurück, das Konstrukt des klassischen Konzerts einmal aufzubrechen, ob mit Überleitungen, ob mit Konzepten, in denen ein Thema genau beleuchtet wird. Manchmal kommt auch Gestisches und Theatralisches dazu. Wir sind offen für Neues – und das zeichnet uns auch aus.
Eszter Kruchió: Wir versuchen die Unmittelbarkeit der Kammermusik wieder zu entdecken. Es geht nicht darum, alten, weißen Männern mit Bauch bei etwas zuzuhören, das man nur versteht, wenn man ein Studium der Musikwissenschaft hat, provokant gesagt. Kammermusik soll mit uns zu tun haben. Sie ist die direkteste und intimste Form, Musik zu machen, mit ihr kann man viel näher ans Publikum dran als etwa im Orchester. Man kann wirklich etwas bewegen in den Zuhörerinnen und Zuhörern.
Welche Rolle spielt die Improvisation dabei?
Eszter Kruchió: Improvisation ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit geworden. Und wir haben auch ein tatsächliches Chaos-Programm kreiert, in dem es Überleitungen zwischen Stücken gibt, die improvisiert sind. Für das Beethoven Fest Bonn haben wir inszenierte Improvisationen zum Opus 131 gemacht. Hier haben wir mit dem Klangkünstler Samu Gryllus zusammengearbeitet. Generell scheuen wir nicht davor zurück, auch die Spontaneität außerhalb der Werke zu suchen, die wir mit Hingabe lernen. Improvisation ist somit schon eine Art Trademark für uns geworden.
Susanne Schäffer: Jede und jeder von uns hat Wünsche, was wir spielen sollen, und wir versuchen allem eine Chance zu geben und kreativ zu sein. Bei der Improvisation reagieren wir auf das Publikum – und das Publikum kann gerne auch reagieren. Wir freuen uns sogar, wenn etwas aus dem Zuschauerraum kommt.
Eszter Kruchió: Außerdem ist Humor für uns sehr wichtig. Und dieser muss im Moment entstehen und darf nicht forciert werden. Menschen lachen nun einmal gerne und sind dankbar, wenn beispielweise eine humorvolle Zugabe kommt. Kammermusik muss nicht immer todernst sein.
Inwiefern spielen – siehe Chaos – Wissenschaft und Philosophie in Ihre Programmplanung hinein?
Susanne Schäffer: Wir versuchen immer wieder mal auch Programme aufzustellen, die spartenübergreifend sind. Dabei wollen wir in Zukunft auch mit der Wissenschaft zusammenarbeiten. Außerdem studiert unser Cellist Bas Jongen selbst Physik.
Eszter Kruchió: Für uns ist die Überzeugung ganz wichtig, dass es uns nicht nur darum geht, etwas perfekt einzustudieren und dem Publikum sozusagen einen vorgebackenen Kuchen zu servieren. Sondern wir wollen bewusst wirklich offen sein für die Spontaneität im Moment – und nähern uns dadurch dem Chaos an. Gleich am Beginn unserer Zeit als Streichquartett stand die Große Fuge von Ludwig van Beethoven – ein Stück, das so komplex ist, dass es gerade deshalb manchmal chaotisch wirkt. Und das, obwohl Beethoven es sehr exakt konstruiert hat. Jeder Ton hat einen Grund dort zu sein, wo er ist. Aber man kann die Ordnung nicht immer wahrnehmen. Vor einem halben Jahr haben wir György Ligetis zweites Streichquartett in unser Repertoire eingefügt, zu dem er ja sehr von Mathematik und Physik inspiriert wurde und in dem er bewusst Chaos komponiert, beispielsweise mit übereinander gelagerten Rhythmen. Wir spielen auch eigene Arrangements von Werken, die mit Chaos zu tun haben, so unter anderen die Vorstellung des Chaos aus Haydns „Schöpfung“. Wenn also das Chaos in unsere Konzerte hineinspielt, hat das immer eine dramaturgische Begründung.
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Auf Ihrer Debüt-CD haben Sie Werke von Haydn, Ligeti und Fanny Hensel vereint. Wie kam es zu dieser Kombination?
Eszter Kruchió: Die Grundidee war eine vielleicht etwas langweilige: Dass wir eine große Palette an Stücken aus verschiedenen Epochen zeigen wollten, die uns nahestehen. Ligeti war für uns ein Fixpunkt, sein erstes Streichquartett hat uns lange begleitet und wir haben damit viele Wettbewerbe bestritten. Wir haben seine musikalische Sprache sehr lieben gelernt. Haydn steht uns auch besonders nahe, besonders der letzte Satz dieser Fuge, die ganz still beginnt und dann Ja zum Leben sagt. Ligeti hat Haydn sehr verehrt und wenn er nicht mehr weiterwusste, hat er bei Haydn nachgeschaut, wie dieser kompositorische Probleme gelöst hat. Daher passt die Verbindung. Mit Fanny Hensel wollten wir die romantische Schublade aufmachen und auch eine Frau ins CD-Programm mit aufnehmen. Ihr Quartett zeigt eine sehr interessante Metamorphose, die sich durch alle Sätze zieht, denn sie spielt hier damit, dass das Werk zwar in Es-Dur steht, aber erst spät wirklich da hinkommt. Das fanden wir eine schöne Verbindung zu Ligeti. Und wir denken, dass wir mit dieser CD erst mal eine gute Visitkarte für uns haben.
Sie haben mehrere Preise gewonnen, darunter beim ARD Musikwettbewerb München, dem Internationalen Streichquartettwettbewerb in Bordeaux, der Bartók World Competition Budapest und den Premio Rimbotti in Italien sowie dem Joseph-Haydn-Kammermusikwettbewerb in Wien – wie wichtig waren diese für das Vorankommen?
Susanne Schäffer: Wir haben bei den Vorbereitungen jeweils viel Repertoire gelernt – und viel darüber, was im Musikbusiness wichtig ist. Das waren bereichernde Erfahrungen. Preise helfen natürlich, schneller auf größere Bühnen zu gelangen. Und man wird rascher bekannt. Wir erleben oft, dass jemand zu uns sagt: Ich habe euch im Radio oder bei diesem oder jenem Wettbewerb gehört, auch wenn es schon mehrere Jahre her ist. Preise haben nun mal eine ziemlich große Reichweite.
Sie sind derzeit BBC Radio 3 New Generation Artists – was bedeutet das für Sie?
Susanne Schäffer: Auch dadurch haben wir viele Möglichkeiten für Konzerte erhalten und mehr Bekanntheit erlangt, da alle durch die BBC organisierten Konzerte vom Radio mitgeschnitten und später ausgestrahlt werden.
Eszter Kruchió: Gleichzeitig möchte ich festhalten: Uns ist wichtig, auch zu den Leuten zu gehen. So gerne wir in schönen Sälen spielen, liegt uns viel daran, dann auch wieder in einer Schule aufzutreten, wo wir auf Kinder treffen, die sonst vielleicht nicht mit Klassik in Berührung kommen.
Ende Dezember geht offiziell die Förderung durch NASOM zu Ende, das Nachwuchsprogramm „The New Austrian Sound of Music“, bei dem junge Musiker Unterstützung durch Österreichische Kulturforen, Botschaften und Generalkonsulate erhalten und beispielsweise an ausländische Festivalveranstalter empfohlen und zu Konzerten eingeladen werden. Wie fällt Ihr Resümee hier aus?
Susanne Schäffer: Wir haben durch NASOM an vielen tollen Orten gespielt, auch eine Mexiko-Tournee kam dadurch zustanden, Reisekosten oder Unterkunft wurden übernommen. Wir hatten Konzerte in vielen Kulturforen und bei anderen Veranstaltern, die unterstützt wurden, ob in Berlin, Mailand, Brüssel, Budapest, Athen oder in den USA. Zwar läuft die offizielle NASOM-Zeit aus, in der wir Unterstützung bekommen, aber sie wird dennoch weitergehen. Auch unsere kommende China-Tournee wird durch eine Kooperation mit dem Kulturforum in Peking ermöglicht.
Eszter Kruchió: Es heißt, einmal NASOM-Künstler, immer NASOM-Künstler. Es war sehr hilfreich, dass wir in vielen Kulturforen spielen konnten und Unterstützung erhielten, wenn es um Reisekosten ging. Gleichzeitig kamen wir auch in Kontakt mit lokalen Festivals, die uns, hätten sie die Kosten tragen müssen, wahrscheinlich nicht angefragt hätten. So haben wir beispielsweise in Ottawa/Kanada und in Mexiko gespielt. Es war für uns sehr hilfreich, dass wir auf diese Art auch Kontakte außerhalb der diplomatischen Welt knüpfen konnten.
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Was braucht es, damit jungen Streichquartetten in Österreich selbst noch mehr unter die Arme gegriffen wird?
Eszter Kruchió: Es wäre gut, wenn junge Ensembles in mehr Konzertstätten als Highlights präsentiert würden. Es gibt viele Reihen für junge Solisten, aber wenige für Quartette. Beispielsweise wäre es schön, wenn wir mehr Vor-Konzerte geben könnten, um präsenter zu sein. Und auch im Rundfunk würde ich mir mehr Präsenz wünschen.
Susanne Schäffer: Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis man uns hierzulande auf dem Radar hatte. Dass wir uns kurz vor Corona gegründet hatten, hat natürlich auch nicht gerade geholfen. Während wir in Europa schon viel unterwegs waren, hielt sich das hierzulande in Grenzen. Aber selbst, wenn es eine gewisse Anlaufzeit gebraucht hat, sieht die Zukunft nun auch in Österreich gut aus für uns.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Theresa Steininger
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Termine:
Dienstag, 18. Februar 2025, 19:00 Uhr
impuls Festival, MUMUTH . György-Ligeti-Saal, Lichtenfelsgasse 14, 8010 Graz
Mittwoch, 26. Februar 2025, 17:00 Uhr
impuls Festival, TiP . Theater im Palais, Leonhardstraße 19, 8010 Graz
3×4 . String Quartets – mit Chaos String Quartet, Kandinsky Quartet und Quatuor Diotima
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Links:
Chaos String Quartet
Chaos String Quartet (mica-Datenbank)
