Nach den Prog-Rock-Teenagern von “Klockwerk Orange” und der Gold-Schatztruhen-Compilation “Schnitzelbeat Volume 1 – I Love You, Baby!” taucht Digatone erneut in weitere bisher scheinbar unkartografierte Gefilde der österreichischen Musikgeschichte ein und widmet sich nun einer Kostbarkeit der Filmmusik: Gerhard Heinz’ Soundtrack zu Eddy Sallers “Geissel des Fleisches” (1965).
Denkt man an Filmmusik und Österreich, die auch über die Landesgrenzen eine gewisse Fan-Basis hat, so fällt einem eigentlich nur “Der Dritte Mann” ein. Anton Karas’ Zitherspiel ist wohl der einzige Soundtrack eines österreichischen Films, der es zu weltweiter Bekanntheit gebracht hat. Daneben gibt es zwar unzählige Melodien aus den Heimat- und Schlagerfilmen der 1950er und 1960er – zu internationaler Bekanntheit (jenseits des deutschsprachigen Raums) haben es dabei jedoch die wenigsten gebracht.
Ein in diesem Zusammenhang auch vollkommen unbekannter Name ist hingegen jener von Gerhard Heinz, obwohl seine Kompositionen in (fast) allen Film-Genres und Bereichen seit den 1960ern zu finden sind.
Der Komponist und Musiker Gerhard Heinz wurde 1927 in Wien geboren. Nachdem er 1950 Mitglied im Orchester von Horst Winter war, folgten daraufhin vier Jahre als Kapellmeister im Wiener “Moulin Rouge” (einer sicherlich nicht schlechten Schule für spätere Filmsoundtracks in Sachen Soft-Sex-Filmchen). Ab 1958 arbeitete er schließlich als Aufnahmeleiter der Wiener Filiale der Polydor – eine Tätigkeit, die ihn u.a. auch nach Frankreich, Italien und die USA brachte.

Zwar schreibt discogs, bezogen auf die von Gerhard Heinz vertonten Filme, dass es sich dabei hauptsächlich um “B and C movies in the category ‘Comedy’ or sleazy ‘Soft-Porn Action Thriller'” gehandelt habe, aber wie oft sind es gerade in diesen Film-Genres, die Soundtracks, die seit knapp 20 Jahren ein verstärktes Interesse und eine verspätete Würdigung erhalten. Und das bekanntlich international.
Wobei das Soundtrack-Werk auch hier schier unüberblickbar ist. An die 136 Filme vertone Heinz (Motto: “Für jeden Film den passenden Sound” – und das waren pro Jahr mindestens sechs bis sieben Filme). Dazu gehören zwischen Wien und München produzierte Soft-Sex-Filme wie Josefine Mutzenbacher” (1970), “Die nackte Gräfin” (1969), “Die Schönen Wilden von Ibiza” (1980), “Ehepaar sucht Gleichgesinntes” (1969), “Sex auf Rädern” (1972) sowie “Griechische Feigen” (Sigi Götz, 1976) für dessen Soundtrack Heinz in in Hong Kong sogar Platin erhielt. Neben Regisseuren wie Franz Antel und Otto Retzer arbeitete er jedoch auch mit Exploitation-Zampanos wie Jess Franco (berühmt-berüchtigt u.a. für seinen Sexploitation-Klassiker (“Vampyros Lesbos”, 1970) zusammen und lieferte dabei die Soundtracks für einschlägig betitelte Euro-Trash-Sexploitation-Filme wie ”Die Säge des Todes” (1980), “Lotita am Scheideweg” (1980) sowie “Die nackten Superhexen vom Rio Amore” (1981) ab.

Mit der Veröffentlichung des Soundtracks zu “Geissel des Fleisches”, gedreht 1965 unter Regie des österreichischen Kinovisionärs Eddy Saller (bzw. des “österreichischen Russ Meyer” wie Saler international rezipiert wird), hat das junge, aber schon sehr verdienstvolle österreichische Wiederveröffentlichungslabel Digatone, nun die die erste Filmmusik die Gerhard Heinz in seinem eigenen Studio in Wien einspielte, endlich zugänglich gemacht.
Inspiriert von einem real passierten Mord an einer Ballerina in der Wiener Staatsoper drehte Saller ein Sex&Crime-Drama bester “Ösi-Exploitation”, das in seiner Radikalität zu der Zeit (vor allem in der mit Heimatkitsch zugekleisterten österreichischen Filmlandschaft) einzigartig war. Was sich nicht nur im internationalen Appeal der Musik, sondern auch in der Fotografie des Films wieder findet. Zwar ist es klar, dass es sich dabei um Wien handelt, aber Saller verzichtet bewusst auf optische Trademarks (Stephansdom, Riesenrad) und präsentiert Wien hingegen als ebenso internationale (wie anonyme) Großstadt (wozu die teilweise “hochdeutsche” Synchronisation ihr eigenes beiträgt).

Ebenso angekündigt ist aber schon von Seiten Digaton der zweite Soundtrack der Kollaboration Saller-Heinz, nämlich zum noch legendäreren Film “Schamlos” (1968), der gleich im Wiener Zuhälter/Kleinkriminellen-Milieu angesiedelt ist und zu dessen Höhepunkt sicher eine Kellerparty plus Performance der damaligen Otto Muehl-Kommune gehört.
Zwar wurde es nach 2003 etwas ruhiger um Gerhard Heinz, dennoch begannen weltweit Musikarchäologen auf das unfassbare Archiv von 40 Jahren aktiver Soundtrack-Produktion aufmerksam zu werden. Zwei Compilations deutscher Labels – “Melodies In Love : The Erotic World Of Gerhard Heinz” (Diggler Records 2003) sowie ”The Erotic & Painful Obsessions Of Jess Franco – 3 Scores By Gerhard Heinz” (All Score Media 2009) – gaben Mitte der Nullerjahre ansatzweise Einblick in sein Werkschaffen, im letzten Jahr begann schließlich fast schon ein Heinz-Run.
So veröffentlichte das deutsche Space-Disco-Reissue-Label Private Records unter dem Titel “Gerhard Heinz – Library Music” 2013 Synth-Disco aus seinem frühen Achtziger-Repertoire (Heinz arbeitete schon in den Fünfzigern mit einer damals supermodernen elektronischen Hammondorgel und war in den Siebzigern angeblich der erste österreichische Musiker, der sich einen Moog-Synthesizer zugelegt hat), und das amerikanisches Digital-Only-Label (JMP Music) veröffentlichte gleich ein iTunes-Package mit insgesamt 256 Songs. Auch weitere Soundtracks werden als Download-only angeboten. In ein paar
Monaten erscheint des Weiteren auf einem deutschen Label der Soundtrack zu “Insel der 1000 Freuden” (1978).
Präsentiert wird “Geißel des Fleisches” nun an (vorerst) zwei Terminen:
Fre, 13.06.2014
19 Uhr
Präsentation der LP “Geissel des Fleisches” mit Screening der Filme “Geissel
des Fleisches” und “Schamlos”
Cinematograph, Innsbruck
Fre, 20.06.2014
21 Uhr
Soundtrack-Release-Party “Geissel des Fleisches”
ACCORDIA Schallplatten Club #14
rhiz, Wien
Digatone Records
c/o Downtown Sound
Universitätsstrasse 5
6020 Innsbruck
Austria
Downloads Special:
Gerhard Heinz’ Geissel des Fleisches – Snipped Mix by DJ Zuzee
https://nextpreview.soundcloud.com/digatone/gerhard-heinz-geissel