Bild Andreas Berger
Andreas Berger (c) Chris Haring

„Für mich war es wichtig, die Musik fernab der Performances zu denken.“ – ANDREAS BERGER (LIQUID LOFT, GLIM) im mica-Interview

Mit „Work for Liquid Loft“ veröffentlicht ANDREAS BERGER ein auf 100 Stücke limitiertes Vinyl-Album auf VENTIL RECORDS. Er erweitert damit die 15-jährige Werkrückschau der Performance-Gruppe LIQUID LOFT, zu deren Gründungsmitglieder*innen er zählt. Im Rahmen der Buchpräsentation von LIQUID LOFT wird ANDREAS BERGER das Ambient-Album im Rahmen des heuer verschobenen impulstanz-Festivals am 10. Oktober 2020 im Odeon Theater vorstellen. Über die Anfänge auf der Bühne, jugendliche Pressefotos und die Möglichkeit einer neuen GLIM-Platte hat ANDREAS BERGER mit Michael Franz Woels und Christoph Benkeser gesprochen. 

Im Herbst erscheint als Werkschau der letzten Jahre von Liquid Loft das Buch „Shiny Shiny”, mit einem Download-Link zu Stücken von dir. Du erweiterst die Veröffentlichung durch eine limitierte Vinyl-Auflage auf Ventil Records. Ist das Album „Work for Liquid Loft“ eine eigenständige Sound-Arbeit oder eine Zusammenstellung bisheriger Stücke?

Andreas Berger: Ich habe jahrelang versucht, meine Sounds aus den Stücken als Stand-Alone-Werke zu hören. Das hat nie funktioniert, weil immer etwas gefehlt hat. Im Proberaum schneide ich aber glücklicherweise vieles mit. In einer Probe entstehen oft Momente, die niemals auf die Bühne kommen, bei denen ich aber spüre, dass es gut war, sie aufzunehmen. Dadurch liegt auf meinen Festplatten stundenlanges Material, das ich für diese Platte verwendet habe.

Wie arbeitest du mit dem bestehenden Material?

Andreas Berger: Ich habe mir daraus eine Art akustisches Baukastensystem kreiert. Ich habe sie zerhäckselt und neu zusammengebaut. Es ist also nichts, was ich exakt von der Musik eines Performance-Stücks übernommen habe. Die Sounds waren in dieser Form nie auf der Bühne. Wenn man die Stücke von Liquid Loft gut kennt, ließen sich Elemente wiederentdecken. Für mich war es aber wichtig, die Musik fernab der Performance zu denken.

Liquid Loft, Shiny shiny (c) Chris Haring
Liquid Loft, Shiny Shiny (c) Chris Haring

Das ist ein wichtiger Punkt. Ein wesentlicher Teil deiner Zusammenarbeitet mit Liquid Loft besteht in der Modulation und Synchronisations-Arbeit zwischen Bewegung, Sprache und Musik.

Andreas Berger: Für Liquid Loft habe ich die Musik nie alleine gemacht, sie ist gemeinsam im Proben- oder Live-Kontext entstanden und war für mich immer nur ein Bestandteil des Gesamtkonzeptes. Deshalb waren viele frühere Stücke nicht geeignet, um sie in den Kontext eines Albums zu stellen. Bei einigen späteren Arbeiten hat der Sound dann doch eine andere Dominanz bekommen, v. a. bei den Video-Stücken. Das Album ist ein Konglomerat aus Sounds der letzten fünf Jahre der Schaffensperiode mit Liquid Loft: vor allem aus „Candy’s Camouflage”, „Church of Ignorance” und „Stand-Alones”. Chris Haring hat vorgeschlagen, dass ich dem Buch einige Sound-Beispiele beisteuere. Das war für mich der Anreiz, mich neu mit dem Material auseinanderzusetzen. Es gab eine Deadline, deshalb war das Album innerhalb von vier oder fünf Wochen fertig. Ich habe es an Peter Kutin und Ursula Winterauer geschickt – der Rest hat sich verselbstständigt. 

Am 10. Oktober präsentierst du das Album im Rahmen des impulstanz-Festivals im Odeon Theater.  

Andreas Berger: Hoffentlich kann die Veranstaltung stattfinden. Wir haben während der letzten Monate durch den Totalausfall viel Geld verloren. Meine Rolle an diesem Abend ist aber nur als Sound-Intervention geplant. Es gibt ein Gespräch, die Buchpräsentation moderieren Dirk Stermann und Irmela Kästner. Ich werde nicht einmal auf der Bühne spielen. 

Das kommt dir entgegen, oder? Du hast einmal erwähnt, dass du deinen Part lieber hinter der Bühne umsetzt. 

Andreas Berger: Bei den ersten Stücken mit Liquid Loft war ich Teil der Inszenierung auf der Bühne. Das nahm einmal skurrile Ausmaße an. Wir spielten zum Beispiel im Spielboden in Vorarlberg. Am Ende des Stückes verschwand einer der Tänzer mit seinem Speaker in der Garderobe, während ich ihm die absurdesten Sounds zuspielte – „Huuääaahkschhhh!!!“. Natürlich haben die Leute gelacht, aber nicht über den abgegangenen Performer, sondern über den allein auf der Bühne sitzenden Soundmenschen. 250 Leute schauen dich an, ich wäre fast explodiert. 

Das hört sich lustig unangenehm an …  

Andreas Berger: In der Situation kannst du natürlich nicht aufhören. Ich musste weiter diese Sounds zuspielen, das hat sich aufgewiegelt. Ich habe über den Tänzer in der Garderobe gelacht und die haben über mich gelacht. Später habe ich einen guten Applaus bekommen. 

Weil das richtige Situationskomik war? 

Andreas Berger: Das waren die frühen Stücke. Die hatten schon eine besondere Komik. 

Am 10. Oktober präsentierst du jedenfalls das aktuelle Album „Work for Liquid Loft“ als Sound-Intervention im Odeon Theater. Wie lässt sich dieser große Raum akustisch bespielen? 

Andreas Berger: Ich mag das Odeon, wir haben dort schon die unterschiedlichsten Produktionen gespielt. Es lässt akustisch viel zu. Der Raum hat einen Nachhall. Live hat bisher aber alles funktioniert. Man kann die Raumtiefen nutzen, wenn man die Lautsprecher entweder hinter der Bühne oder in den Seitenschiffen des Odeons platziert. Mittlerweile haben sie im Odeon eine Bühne eingebaut. Ich denke, das gehört zur aktuellen Serapions Ensemble Produktion. Ich bin gespannt, wie das den Raum verändert.

„Die Stücke sind bewusst kurzgehalten. Man taucht kurz rein und das war´s dann auch wieder.“ 

In welche Richtung wird das Album stilistisch gehen? 

Andreas Berger: Es hat sicherlich einen Ambient-Charakter. Die Stücke sind aber bewusst kurzgehalten, man taucht kurz rein und das war’s dann auch wieder.

Stimmen setzt du oft im lautmalerischen Sinn ein. 

Andreas Berger: Ich arbeite gerne mit fehlerhaften Takes, Versprechern, unvollständigen Sätzen, absurden oder unverständlichen Inhalten usw. – dann fängt es an, interessant zu werden. Auf der Platte gibt es ein Stück mit dem Titel „Spiky Skin“. Es hat seinen Ursprung in einer sehr spontanen Aufnahme von Dong Uk Kim, einem koreanischen Tänzer des Ensembles. Man hört phantastische Wortkonstellationen. Diese Aufnahmen werden auch gerne von den anderen Performerinnen und Performern verwendet. Sie ist intern sehr gefragt. Insgesamt gibt es vier oder fünf Stimmen, die auf dem Album immer wieder zu hören, aber nicht unbedingt zu verstehen sind.

Die Information ist sekundär“, hast du in einem Interview in Bezug auf den Umgang mit Sprache gesagt.  

Andreas Berger: Bei mir zählt der Klang mehr als der Inhalt. Mir geht’s nicht ab, wenn ich mir etwas anhöre und dazu niemand was erzählt oder reimt. 

Bild Liquid Loft, bluemoon yousaw
Liquid Loft, bluemoon yousaw(c) Chris Haring

„Ich versuche, mich nicht vom Erzählten bezaubern zu lassen.“ 

Könnte man sagen, dass Sounds und das gesprochene Wörter von dir zerstört werden, um sie zu re-kontextualisieren?  

Andreas Berger: Ja und Nein. Das gesprochene Wort wird nicht zerstört, eher gestört vielleicht. Chris und ich haben einmal in Kostroma in Russland mit Tänzerinnen und Tänzern gearbeitet. Ich habe dort Sprachaufnahmen gemacht und wir hatten absolut keine Ahnung, was da gesagt wird. Ich habe diese Aufnahmen nach Gefühl und Sprachmelodie zu einer Collage zusammengestückelt. Die Leute, die es verstanden haben, haben später gesagt, dass sie noch nie so etwas absurdes gehört hätten. Sinn und Unsinn lagen eng beieinander. 

Wie ist das bei Sprachen, die du verstehst? 

Andreas Berger: Ich versuche, mich nicht vom Erzählten bezaubern zu lassen.

Gehen die Sound-Collagen mit einer Art Skizzen einher, die einen Moment festhalten? 

Andreas Berger: Allenfalls für mich, da ich mich meist an die Situationen erinnere, aus denen gewisse Teile entstanden sind. Im Idealfall baut sich der Hörer oder die Hörerin dann seine / ihre eigenen Bilder. Dass die Platte so klingt wie sie klingt, liegt zum Teil auch an Sachen, die ich mir zum Zeitpunkt der Albumproduktion oft angehört habe. Das Plattenlabel Vinyl on Demand hatte gerade die Alben von Zoviet France und von Two Daughters neu aufgelegt. Zwei Bands aus den 1980ern mit einer weirden Lo-Fi-Klangcharakteristik. Eine interessante Mischung aus Ethno-Elementen, Industrial Sounds, Drones und Fieldrecordings. Manche Stücke klingen, als hätte man sie mit dem Kassettenrekorder aufgenommen. 

Sprechen wir noch kurz über dein Solo-Projekt Glim. Wie ging das damals los? 

Andreas Berger: Die erste Platte [Music for Fieldrecordings, Anm.] habe ich 2003 ungezwungen gemacht. Ich hatte keine konkrete Idee, nur einen Laptop und ein paar Sound-Vorstellungen. Bei der zweiten [Aerial View Of Mode, Anm] habe ich meiner Meinung nach zu viel überlegt. 

Das ist ja oft eine Post-Debut-Frage, die sich Musikerinnen und Musiker stellen: Wie kommt man zu dieser Unbedarftheit, die am Anfang da war, zurück? 

Andreas Berger: Gar nicht. Während des Lockdowns war das Gefühl ein bisschen da, weil es mir egal war. Der Release auf Ventil wird ein Experiment. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich einen Ruf zu verspielen hätte. Die alten Glim-Sachen sind zu lange her. 

Abgesehen von der Musik für Liquid Loft hast du aber nie aufgehört, Stücke zu produzieren? 

Andreas Berger: Es gibt viele Skizzen auf zu vielen unterschiedlichen Festplatten, und mit sehr absurden Benennungen. Das führt zu Überraschungen. 

„Meine Sounds waren nicht dafür gemacht, sie lauter zu drehen. Es war intim gedacht.“

Niemand kann einen so sehr überraschen, wie man selbst? Außerdem entsteht bei dir vieles live … 

Andreas Berger: Was ich mit Glim damals auf Platte gemacht habe, konnte ich live nie umsetzen, weil ich oft in den falschen Clubs aufgetreten bin. Bei mir war jedes Geräusch, jedes Rauschen wichtig. Oft war die Bar lauter. Meine Sounds waren nicht dafür gemacht, sie lauter zu drehen. Es war intim gedacht.

Dein Sound braucht die Aufmerksamkeit, die bewusste Stille? 

Andreas Berger: Damals schon. Inzwischen bin ich in einer luxuriösen Situation: Ich sitze oft zwei Stunden in einem leeren Theater und kann für mich herumprobieren, während die anderen Pause machen.

Der Anspruch, live zu spielen, wäre aber noch da?

Andreas Berger: Wenn jemand anfragt und der Kontext passt, warum nicht? 

Kämen auch Kollaborationen wieder in Frage? 

Andreas Berger: Da bin ich nicht abgeneigt, falls sich was ergibt.

Herzlichen Dank für ein Gespräch!

Michael Franz Woels, Christoph Benkeser

 

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