„Für mich war es immer wichtig, dass meine Musik von allen Menschen verstanden werden kann.“ – NENAD VASILIC im mica-Interview

Seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten zählt Nenad Vasilic zu den markanten Stimmen des europäischen Jazz. Mit „Non-Artificial“ legt der Kontrabassist und Komponist nun sein 16. Album als Bandleader vor – eine Arbeit, die sich jeder Form von Oberflächlichkeit verweigert. Zwischen Jazz, Balkantradition, klassischer Klangsprache und Anklängen des Rock der 1970er-Jahre entfaltet sich ein warmer, lebendiger Bandsound, der ganz auf das unmittelbare musikalische Miteinander setzt. Im Interview mit Michael Ternai spricht Nenad Vasilic über seine Weigerung, in musikalischen Kategorien zu denken, über Musik als gemeinschaftliches Erlebnis und über die besondere Verbindung zwischen Publikum und Musiker:innen.

Du bist seit 25 Jahren im Geschäft und bringst mit „Non-Artificial“ jetzt dein 16. Album heraus. Wie hält man den kreativen Geist über so eine lange Zeit frisch und lebendig.

Nenad Vasilic: Zuallererst vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview. Ich freue mich sehr, mit Ihnen über das neue Album zu sprechen, und bedanke mich auch herzlich für die schönen Worte darüber, dass die Musik frisch und lebendig klingt. Das ist wirklich ein großes Kompliment für mich.

Ich glaube, der wichtigste Punkt ist, dass sich in meinem Leben gezeigt hat, dass Musik für mich keine Arbeit im klassischen Sinne ist, sondern eine echte Leidenschaft. Es ist eine Passion, die mich nie verlässt – der Wunsch, immer weiter zu forschen, verschiedene musikalische Genres zu erkunden und sich ständig weiterzuentwickeln. Für mich geht es darum, sich immer wieder selbst zu übertreffen und auf diesem Weg neue kreative Möglichkeiten zu entdecken.

Kreativität ist etwas, das wir alle in uns tragen. Sie zeigt sich in unterschiedlichen Formen, in verschiedenen Lebensphasen mal stärker, mal ruhiger – aber für mich ist sie etwas sehr Wichtiges und Wesentliches.

In diesem Jahr ist es mir gelungen, zwei Alben aufzunehmen. Das erste ist „Non Artificial“, das am 8. Mai erschienen ist. Außerdem bereite ich für das Ende des Jahres ein neues Solo-Kontrabass-Album vor – ich glaube, es wird mein viertes oder fünftes Soloalbum sein.

Dir gelingt es mit einem fast jedem Album, deine musikalische Sprache immer wieder neu zu erfinden. Ein jedes Album setzt von Stil her fast immer einen anderen musikalischen Akzent. Wie entscheidend ist für dich, kreativ nie Stil zu stehen.

Nenad Vasilic: Ich glaube, der Schlüssel liegt in einer Entscheidung, die ich schon sehr früh in meiner Karriere getroffen habe: mich nicht ausschließlich mit Jazz, Klassik oder nur einem bestimmten Stil wie Rock oder Heavy Metal zu beschäftigen. Bereits mit meiner ersten Band und dem Album „Folk Songs“ habe ich verstanden, wie wichtig es für mich ist, Musik nicht in Kategorien einzuteilen – also nicht nur als etwas Akademisches oder Museales zu betrachten, sondern als etwas Lebendiges mit unmittelbarer Ausdruckskraft.

Für mich bedeutet das, alles, was um mich herum geschieht, alles, was in mir passiert, alles, was mich musikalisch oder allgemein im Leben inspiriert – selbst Dinge, die mir vielleicht nicht gefallen – in meinen eigenen Ausdruck einfließen zu lassen.

In der Musikbranche werden Künstler oft sehr früh durch ein bestimmtes Label definiert, und dieses begleitet sie dann ihr ganzes Leben. So bekam auch ich schnell die Bezeichnung „Balkan-Jazz-Musiker“. Aber mich interessieren genauso moderner Jazz, alter Bebop, klassische Musik und frei improvisierte Musik. Ebenso faszinieren mich Rock, Heavy Metal und lateinamerikanische Musik.

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Natürlich spielt auch die Musik des Balkans eine sehr wichtige Rolle für mich – und zwar nicht nur aus einer bestimmten Region. Der Balkan ist unglaublich reich an unterschiedlichen musikalischen Traditionen und Ausdrucksformen. Ich versuche, diese musikalische „Sprache“ aus verschiedenen Regionen zu erforschen und sie dann mit Jazz, Heavy Metal, Rock oder meiner ganz persönlichen musikalischen Vision zu verbinden. Daraus kann etwas völlig Neues entstehen – eine neue musikalische Sprache, ein neuer Ausdruck.

Ich weiß nicht, in welchem Maß mir das gelingt, aber genau das ist meine Absicht. Es ist mir sehr wichtig, auf diesem Weg zu bleiben und zu versuchen, der Musik etwas Neues hinzuzufügen, anstatt einfach nur bestehende Genres zu kopieren.

„Non-Artificial“ wirkt musikalisch sehr ausgewogen. Es ist stilistisch vielfältig, klingt modern, verweist aber auf die klassische Tradition des Jazz. Würdest du sagen, dass „Non-Artificial“ vielleicht ein wenig eine Zusammenfassung deines bisherigen musikalischen Schaffens ist?

Nenad Vasilic: Ich glaube, dass jedes Album auf gewisse Weise eine Zusammenfassung oder ein Spiegel all dessen ist, was wir zuvor gemacht und erlebt haben – und so ist es auch bei „Non Artificial“. Zwischen zwei Alben gibt es immer eine Phase, in der sich Eindrücke, Erfahrungen und Ideen ansammeln: Dinge, die wir sehen, Menschen oder Situationen, denen wir begegnen, neue Inspirationen und musikalische Gedanken, die langsam in uns wachsen.

Deshalb kann ich sagen, dass jedes meiner Alben bisher immer auch ein Ausdruck dessen war, was mir musikalisch und persönlich seit dem vorherigen Album passiert ist.

„Non Artificial“ unterscheidet sich vielleicht insofern ein wenig, als manche Ideen dafür schon viel länger in mir gereift sind – länger als nur in der Zeit zwischen dem vorletzten und dem aktuellen Album. Zum Beispiel hatte ich schon lange den Wunsch, den Piccolo Bass in einen Bandkontext einzubringen und ihn mit dem Fender Rhodes zu kombinieren, weil beide Instrumente eine sehr ähnliche Klangfarbe besitzen. Außerdem wollte ich unbedingt wieder ein Schlagzeug in die Band integrieren – allerdings auf eine sehr frische und neue Art.

Ich denke, genau das macht den besonderen Charakter dieses Albums aus.

Der Titel „Non-Artificial“ lässt schon vermuten, dass ihr einzig den ungekünstelten organischen Bandsound in den Vordergrund rückt. Auf elektronische Hilfsmittel habt ihr ganz verzichtet.

Bild des Musikers Nenad Vasilic
Nenad Vasilic © Pressefoto

Nenad Vasilic: Ich glaube, es geht nicht darum, dass wir bewusst auf elektronische Hilfsmittel verzichten wollten, sondern darum, den Fokus klar auf die Zusammenarbeit zwischen Musikern in Echtzeit zu legen.

Das bedeutet: Musik gemeinsam zu lernen, neues Material auszuprobieren, auf Konzerten und Tourneen zu reifen und diese Erfahrung dann direkt im Studio in Echtzeit einzubringen. Genau dieser Prozess ist entscheidend.

Ich denke, moderne Trends – auch im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz – können diesen Aspekt nicht ersetzen. Es geht um den menschlichen Faktor und die Interaktion zwischen den Musikern: die Chemie im Raum, während gespielt wird, während neue Stücke entstehen. Jeder Musiker reagiert spontan auf das, was die anderen beitragen, und genau daraus entsteht etwas Vielschichtiges, das nur im Moment selbst existiert.

Das passiert ausschließlich im realen Zusammenspiel mit echten Menschen, mit kreativen Individuen, die unterschiedliche Hintergründe, Vorlieben und musikalische Einflüsse mitbringen. In unserem Fall kommt noch hinzu, dass wir sehr unterschiedliche Altersgruppen und Perspektiven haben: Vuk Vasilic und Samo Hude sind etwa 25 Jahre alt, der Schlagzeuger Peđa Milutinović ist 35, und ich bin 50. Dadurch haben wir jeweils ein sehr unterschiedliches Verständnis von Musik und der Welt insgesamt.

„Non Artificial“ bedeutet für mich genau das: dass wir in einer Zeit voller neuer Technologien und Trends nicht vergessen dürfen, dass der menschliche Faktor – diese kreative Entstehung aus dem Moment heraus – das eigentlich Magische ist. Es ist das, was uns Menschen, Homo sapiens, im Kern so besonders und einzigartig macht.

Das Schöne an dem Album ist, dass es, obwohl es musikalisch natürlich anspruchsvoll ist, sehr zugänglich gehalten ist. Auch weil Melodien und straighten Grooves viel Raum gelassen wird. Inwieweit war es Plan, die Musik dieses Mal genau in diese Richtung zu lenken. 

Nenad Vasilic: Für mich war es immer wichtig, dass meine Musik von allen Menschen verstanden werden kann – unabhängig davon, woher sie kommen oder welches musikalische Vorwissen sie haben. Sie soll in keinem Sinn elitär sein, außer vielleicht im kreativen Sinne: dass sie in Menschen den Wunsch weckt, besser zu werden als sie selbst waren, kreativer zu sein als gestern oder vorgestern.

Mir ist sehr wichtig, dass Menschen außerhalb der Musikszene nicht überfordert werden und nicht durch lange, überintellektualisierte Soli abgeschreckt werden. Gleichzeitig sollen diese Soli aber weiterhin musikalisch anspruchsvoll und der Komposition dienlich sein.

Ich glaube sehr stark daran, dass das Lied im Zentrum steht – dass sich alles darum versammelt: Musiker, Produzenten und Publikum. Ausdruck, Stil und Innovation sind wichtig, aber im Kern sind wir alle dazu da, dem Stück zu dienen, das auf die Bühne oder ins Studio gebracht wird.

Die Musik sollte nie nur für sich selbst existieren, sondern immer in Interaktion mit den Menschen stehen – unabhängig von Ausbildung, Herkunft oder musikalischem Hintergrund. Sie soll eine universelle Sprache haben, die jeder verstehen kann, wenn er oder sie sich darauf einlässt.

Vielleicht erklärt das auch meinen Zugang zu diesem Album. Ich denke aber, dass sich dieser Ansatz grundsätzlich durch alle meine Alben zieht. Egal wie komplex das ist, was in meinem Kopf während des Komponierens oder Aufnehmens passiert – es gibt immer den Wunsch, das mit möglichst vielen Menschen zu teilen, nicht nur mit einer kleinen Gruppe von Musikern, Jazz-Kennern oder Kritikern.

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Stilistisch deckt das Album einmal mehr eine große Breite ab. Welche musikalischen Haupteinflussquellen waren bei diesem Album besonders präsent. Heavy Rock dürfte wohl eine gewesen sein, wenn man die Nummer „Ufo“ betrachtet.

Nenad Vasilic: Wie ich bereits erwähnt habe, teile ich meine Ideen nicht in Genres ein. Ich habe mein ganzes Leben lang sehr unterschiedliche Musik gehört, und für mich haben sie alle etwas gemeinsam: Sie enthalten etwas Interessantes, Ehrliches, Persönliches, Tiefes und Menschliches – etwas, das aus menschlicher Suche, Emotion und innerem Drang entsteht.

Die Ideen in meinem Kopf sind daher nicht nach Stilrichtungen sortiert. Sie existieren einfach als Ideen. Ich kann zum Beispiel einen funky Groove im 7/8-Takt haben oder etwas in einem Duo-Setting mit Schlagzeug entwickeln, in dem ich verschiedene Stile und „musikalische Sprachen“ kombiniere – etwa akustischen Kontrabass mit modernem Drumming und unterschiedlichen Produktionswelten.

Es kann auch etwas wie ein „UFO“-Stück sein: in einem ungeraden oder ungewöhnlichen Rhythmus, der kaum Bezug zu Balkantraditionen hat, aber gleichzeitig eine gewisse melodische Linie im Sopran enthält, die daran erinnert. Im Kern kann die Inspiration aber genauso gut aus Rock oder Heavy Metal stammen, oder aus dem Hard Rock der 70er Jahre, mit dem ich selbst aufgewachsen bin.

Mir ist es also nicht wichtig, Ideen nach Stilrichtungen zu trennen. Ich übersetze sie einfach in Musik für ein bestimmtes Ensemble und bestimmte Musiker. So entsteht ein Gesamtbild aus sehr unterschiedlichen Farben, Ansätzen und Einflüssen.

Das ist aber nichts, was ich bewusst konstruiere – es ist eher ein natürlicher Prozess. Ich lasse einfach alles heraus, was sich in mir angesammelt hat: durch den Alltag, durch musikalische Forschung oder durch das Schreiben von Stücken für ein konkretes Album.

Du hast für das Album mit Samo Hude, Peda Milutinovic und Vuk Vasilic drei exzellente Musiker an deine seite geholt. Wie sehr gibt’s du als Bandleader ihnen konkrete Vorgaben, oder lässt du ihnen den Raum, in dem sie sich frei entfalten können.

Nenad Vasilic: Für dieses Album und generell für meine Arbeit im Bandkontext habe ich sehr bewusst mit den Musikern gearbeitet: Samo Hude, Vuk Vasilić und Peđa Milutinović.

Peđa kenne ich schon sehr lange. Er ist eine sehr wichtige Figur der serbischen Jazzszene – nicht nur im klassischen Jazz, sondern auch im Bereich des modernen Jazz und der Pop-Jazz-Szene.

Samo Hude war mein Student, als ich in Berlin unterrichtet habe. Dort habe ich einen jungen, sehr kreativen Musiker kennengelernt, der eine außergewöhnliche Denkweise und einen sehr interessanten Zugang zur Musik hat.

Und dann ist da noch Vuk Vasilić, mein Sohn, mit dem ich zum ersten Mal sowohl das Studio als auch die Bühne teile. Dieses Konzept mit zwei Bässen – wobei der Piccolo-Bass keine klassische Bassfunktion übernimmt, sondern als melodisches Instrument eingesetzt wird – sowie die Zusammenarbeit mit meinem Sohn ist etwas sehr Herausforderndes, aber gleichzeitig auch sehr bereicherndes und inspirierendes.

Mein Arbeitsprozess sieht so aus: Ich bringe eine klare Vorstellung mit, was ich mit den Stücken machen möchte. Gleichzeitig ist mir aber bewusst, dass ein Stück nur zu dem werden kann, was wir gemeinsam daraus entwickeln.

Der Grundgerüst der Musik – bestimmte Grooves, metrische Strukturen oder Phrasierungen – kommt oft von mir. Das ist der Ausgangspunkt, den ich den Musikern vermittle. Entscheidend ist dann aber, dass sie auf dieser Grundlage ihre eigene Perspektive einbringen.

Es ist mir sehr wichtig, dass die Musiker auf Basis meiner Idee nicht nur umsetzen, sondern die Musik an Orte führen, die ich selbst vielleicht nicht erwartet habe. Jeder gibt seinen persönlichen Beitrag, und genau durch diese Interaktion entsteht etwas Neues.

Manchmal entspricht das Ergebnis meiner ursprünglichen Vorstellung, manchmal entwickelt es sich in eine andere Richtung oder wird etwas ganz Eigenes. Am Ende entsteht daraus ein Album als Ganzes – ein kontinuierlicher Fluss zwischen allen Beteiligten, der in einer gemeinsamen kreativen Arbeit mündet.

Das Schöne an dem Album ist auch, dass man richtig spüren kann, wie viel Spaß du und deine Mitmusiker beim Einspielen hattet. Täuscht dieser Eindruck oder war es tatsächlich so?

Nenad Vasilic: Ich freue mich sehr, dass das wahrgenommen und auch erwähnt wird, weil ich glaube, dass genau darin der Kern unserer Arbeit liegt.

Ich bin überzeugt davon, dass man es sofort hört, wenn Musiker selbst keine Freude an dem haben, was sie tun, oder wenn es auf der Bühne nicht wirklich Spaß macht. Das Publikum spürt das unmittelbar – und das lässt sich nicht fälschen.

Der ganze Prozess, der zwischen Publikum und Musikern entsteht, ist für mich etwas Magisches – egal ob auf einem Album oder bei einem Konzert. Es beginnt immer mit einer Interaktion von der Bühne aus: zwischen den Musikern selbst, mit der Musik, mit dem Moment. Daraus entsteht etwas, das Menschen emotional erreicht, sie inspiriert und ihnen ein gutes Gefühl gibt.

Wenn Musiker sich kreativ frei fühlen, wenn sie Spaß an dem haben, was sie tun, wenn sie glücklich sind und diese „magische“ Qualität in sich aktivieren, dann entsteht genau dieser Moment, den das Publikum erkennt. Deshalb kommen die Menschen wieder zu Konzerten oder hören ein Album mehrfach.

Ich glaube, das ist letztlich entscheidend bei allem, was man tut: dass es natürlich ist, ohne Stress, ohne Druck und mit Freude passiert.

Ich hoffe, dass man auf allen meinen Alben hören kann, wie wichtig es uns ist, neue Musik zu schaffen – und wie viel Freude und Spaß wir dabeihaben. Ich glaube, genau das ist es, was uns als Musiker langfristig trägt.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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