Feinheiten, die den Unterschied ausmachen

Zum Programm der diesjährigen “Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik” Die “Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik” sind für MusikerInnen, KomponistInnen und KonzertbesucherInnen ein attraktiver Ort, um sich intensiv und fern ab eines zeitgeistigen Marketings neuen Strömungen in der aktuellen Musik zuzuwenden. Das auf drei Jahre angelegte Festivalprogramm von Alexander Moosbrugger geht Ende November in die Zielgerade und widmet sich unterschiedlichen Themenkreisen zu Zeitaspekten in der Musik. Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Musizieren und Komponieren mit reinen Stimmungen. Darüber hinaus finden Perspektivenwechsel auch in die jüngere Vergangenheit statt, um die Gegenwart in einem anderen Licht deuten zu können. Den Traum, Rituale und imaginiertes Theater thematisieren weitere Werke, die in Bludenz vom 25. bis 28. November teilweise erstmals zu hören sein werden. Der künstlerische Leiter Alexander Moosbrugger engagierte unter anderem die international erfolgreichen Ensembles “Phönix” aus Basel und “Cairn” aus Paris.

 Der Traum als imaginiertes Theater

 

Als Alexander Moosbrugger die künstlerische Leitung der “Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik” (btzm) im Jahr 2007 von Wolfram Schurig übernommen hat, stellte er den Begriff des “Zeitgemäßen” in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Darüber hinaus soll die Musik als Bühnensprache verstanden werden, die einer nicht realisierten Kammeroper gleicht oder Musik, die Traumgebilde herstellt und sie als solche wahrnehmen lässt. “Eine gediegene Kammeroper auf die Beine zu stellen, würde die Programmierung zusätzlicher Felder in der Musik ökonomisch ausschließen”, so der künstlerische Leiter. “Aus der Not eine Tugend gemacht ist das Szenische nun anderen Bereichen überschrieben. Die Werkmeister des Traums sind die großartigsten Theatermacher überhaupt. Was aus Resten des Erfahrenen entsteht, trägt eine vollständige Welt vor”, erklärt Alexander Moosbrugger und verweist damit auf Inhalte einiger Werke, die beim diesjährigen Festival gespielt werden. Anspielungen auf den Traum und szenische Erfahrungsebenen bergen sogar rituelle Aktionen in sich. Auch diesen Aspekten widmen sich Komponisten, die bei den “btzm” vertreten sind.

 

Perspektivenwechsel und Großformatiges

 

Eine wichtige Überlegung der Programmgestaltung von Alexander Moosbrugger sind die Querverweise der einzelnen Werke zueinander. Sie zeigen Zusammenhänge aus unterschiedlichen Zeiten und künstlerischen Perspektiven auf. Beispielsweise wird das Werk “De Natura Sonorum” von Bernard Parmegiani zwei ganz neuen Kompositionen gegenüber gestellt. Dazu korrespondiert der “Naturgesang mit Fröschen und Rotbauchunken” von Wolfgang von Schweinitz.

Außerdem wenden sich die beiden Komponisten Paul-Heinz Dittrich und Cornelis de Bondt großformatigen Kompositionen zu. Sie nehmen sich den Raum und die Zeit Traditionen in einem neuen Licht darzustellen, beispielsweise mit “Nacht-Musik nach Novalis” und “Grand Hotel”, einem Klavierstück. “Das Schreiben an dieser Ausführlichkeit für Klavier solo sozusagen innervierend übernachtete de Bondt in einem Grand Hotel südlich von Blois. Der abgenutzte rote Teppich, ein alter, lädierter Eichenkleiderschrank, braun-gelbliche Flüssigkeit, einem Wasserhahn aus Porzellan entronnen, die Erhabenheit, überhaupt das Gedächtnis von Zeiten, die ihn dort umgaben, erschienen de Bondt als beispiellos, als vollkommene Metapher für Tonalität”, kommentiert Alexander Moosbrugger.

 

 

Musik und Bildende Kunst

 

Andere Aspekte der Sinnlichkeit zeigen Jerome Comier und der bildende Künstler Raphael Thierry auf. Zum Werk “Vies silencieuses”, einer Sammlung von sieben Instrumentalstücken für Ensemble, die von elektroakustischen Zwischenspielen unterbrochen werden, agiert der Raphael Thierry an einem große Aktionstisch auf der Bühne. Das Licht wird von unten projiziert und mit einer Richtung versehen. Darüber erzeugt der Künstler Bilder, die auch ins Naturalistische gehen. Die ständige Modulation des Sandes, der Schatten sowie des Lichts bewirkt, dass man nicht klar erkennen kann, was die Erscheinung und was die Auslöschung des Ganzen ist.  Diese Bilder übersetzen die Musik als Bühnensprache.

 

Die Grundlagen der Natur

 

Reine Stimmung, die Naturtonreihe sowie Fragen zur Intonation werden auch als “Plainsound” bezeichnet. Diese Themen sind vor allem von Seiten der Aufführungspraxis Alter Musik in das Bewusstsein vieler MusikerInnen und ZuhörerInnen getreten. Nahezu alle Komponisten sind von diesen musiktheoretischen Inhalten berührt. Einige haben sich die physikalischen Gegebenheiten der Tonentstehung zur Grundlage ihres eigenen Schaffens gemacht. Mitunter wurden diese jedoch in der Vergangenheit als verharmlosende Spielereien mit der Tonalität unterschätzt und abqualifiziert. “Solche Sichtweisen werden bei den ,btzm’ etwa mit Werken von Wolfgang von Schweinitz revidiert”, ist Alexander Moosbrugger überzeugt. “Denn er geht in seinen Kompositionen von den Spezifika des Instruments aus und notiert penibel in reiner Stimmung.

 

 

Reine Stimmungen in der Alten und Neuen Musik

 

Die musikalische Herangehensweise an “Plainsound” ist auch für Alexander Moosbruggers eigenes künstlerisches Schaffen essentiell. “Reine, präzise Intonation gehört kompositorisch zum festen Ideensatz”, erzählt er. “Sie ist in meinen Arbeiten meist auf eingezäunte, zweidimensionale Inselgebilde angewandt und teilt Verweisungsmöglichkeiten, den Bauplan des Intendierten mit. Cent-Angaben definieren Temperatur und das Licht von Akkorden, ein Instrument kommt darüber anders zum Klingen. Der Klang wird potenziert. Ich finde, man würde viel verspielen, Gegebenheiten solcherart nicht auch explorativ anzugehen “, erklärt der Komponist.

Auch als Organist, der viel Alte Musik interpretiert, ist Alexander Moosbrugger ständig mit Intonationsfragen konfrontiert. Deshalb ist ihm dieses Thema auch wichtig, denn “es  ist eine respektvolle Geste an die Alten Meister, ein Verweis. Meist sind es ja Feinheiten, die den Unterschied ums Ganze ausmachen.”

 

Als Kurator und als Komponist präsent

 

Auf dem Programm der diesjährigen “btzm” steht auch eine Eigenkomposition. Das Werk ist so neu, dass es noch keinen Namen trägt. Kurz vor den Bludenzer Tagen wird es in Paris uraufgeführt und stellt den dritten Teil einer Werkgruppe dar, in der Alexander Moosbrugger mit Rhythmen und Metren des Sprachlichen arbeitet. Die Musiker sind angewiesen, innerlich einen Text zu rezitieren. Die natürliche Sprechweise dieses Textes wird parallel mit musikalischen Aktionen geführt und umgesetzt. Derart komplex angelegte Tonfortschreitungen lassen sich nur schwer notieren, doch sie bergen enorm viel Spielraum für kompositorische Verarbeitungen.

 

 

Frei von Marketingzwängen

 

Seit 2001 lebt Alexander Moosbrugger als freischaffender Organist und Komponist in Berlin. Da die Szene der zeitgenössischen Musik überschaubar ist, konnte er sich im Zusammenhang mit seinen Kuratorentätigkeiten für die “reihe 0” und nun für die “btzm” einen guten Überblick verschaffen. Selbstverständlich bekommt er zahlreiche Zusendungen und Konzertangebote sowohl von Musikern als auch von Komponisten. Der künstlerische Leiter geht jedoch in seiner Programmgestaltung stets werkimmanent und inhaltsbezogen vor. Jedes einzelne Werk, das in Bludenz zur Aufführung gelangt, ist genau an jenem Platz positioniert, wo es inhaltlich sinnvoll erscheint und Querverweise zu anderen Kompositionen aufzeigt. Deshalb bedient er sich sehr selten eingelangter Angebote, sondern geht aktiv auf Komponisten zu, deren Werke einen nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht haben. Oder er folgt einer inhaltlichen Spurensuche und bringt diese mit spezifischen Kompositionen zum Ausdruck.

Als Festivalleiter beobachtet er, dass sich MusikerInnen verstärkt für die aktuelle Musik interessieren. “Ob aus originärem Interesse oder ob Musik unserer Zeit als Nische für schnelle Engagements gesehen wird, scheint da und dort merkwürdig unentschieden zu sein”, gibt Alexander Moosbrugger zu bedenken. Aus vielen Gesprächen und Rückmeldungen weiß er jedoch, dass “viele Interpreten und KomponistInnen die ,btzm’ als feine, rare Perle wahrnehmen, erfrischend frei von externen Zwängen. Die ,btzm’ sind für Kunstschaffende ein Modell zugunsten der Sache, wie sie es in der Zukunft gesichert gesehen wünschten.”
Silvia Thurner

 

Nachweis: Kultur. Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur, Jg. 24, November 2009.
http://www.musikdokumentation-vorarlberg.at

Factbox:

Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik, Remise Bludenz, Vorarlberg

Mittwoch | 25. November 2009 | 20.00 Uhr?
Alex Buess: Neues Werk, UA?Knut Remond: Neues Werk, UA?Bernard Parmegiani: De Natura Sonorum für Tonband?
Ensemble Phoenix Basel??

Donnerstag | 26. November 2009 | 20.00 Uhr?
Cornelis de Bondt: Grand Hotel, ÖEA?Paul-Heinz Dittrich: Streichquartett III, Nacht-Musik nach Novalis?
Gerard Bouwhuis,
Piano?Sonar Quartett

Freitag | 27. November 2009 | 20.00 Uhr?
Werke von Frédéric Pattar, Ramon Lazkano, Philippe Leroux, Hector Parra, Alexander Moosbrugger und Salvatore Sciarrino
Ensemble Cairn Paris

Samstag, 28. November 2009, 18 Uhr
Ernstalbrecht Stiebler: Neues Stück für Violoncello solo (2009), UA
Wolfgang von Schweinitz: Plainsound-Litanei für Violoncello solo, op. 46 (2004), ÖEA
Wolfgang von Schweinitz: NATURGESANG mit Fröschen und Rotbauchunken, Live-digitale Klangeinspielung (Computermusik), op. 41 (2000), ÖEA
Agnieszka Dziubak, Violoncello

Samstag | 28. November 2009 | 20.00 Uhr?
Vies silencieuses von Jérôme Combier und Raphaël Thierry, ÖEA
Ensemble Cairn Paris

 

Fotos Alexander Moosgruber: Alexander Moosgruber
Fotos 2, 3, 4: Paphael Pierre