mica-Interview mit Platypus

Der Konzertzyklus von Platypus bei Wien Modern 2009 Wie mag wohl der Plural von Platypus lauten? – Platypusen? Platypusse? – Und was, bitte schön, ist eigentlich ein Platypus? – Dank der weltweiten Vernetzung findet man wenigstens rasch im Internet Rat, wenn einen selbst der gute alte Duden im Stich lässt: Also, Platypus ist zunächst einmal das englische Wort für Schnabeltier (weiters heißen so eine Käfergattung, eine US-amerikanische Rockband, ein Geduldspiel ein Wasserbehälter aus Polyethylen und außerdem auch noch ein Begriff aus der Internetwelt selbst). Wobei die wörtliche Übertragung aus dem Griechischen “Plattfuß” bedeutet. Damit wären wir auch wieder beim Eier legenden australischen Säugetier, das ja nun wirklich in Anbetracht der Schwimmhäute zwischen seinen Zehen mit scheinbar sehr flach ausgeprägten “Füßen” ausgestattet ist. Was wiederum gewisse Fragen hinsichtlich der Tatsache aufwirft, warum sich eine Vereinigung junger Musiker bzw. Komponisten ausgerechnet nach einem Wesen benennt, dass nur die wenigsten Europäer bislang leibhaftig erblickt haben dürften.  
Schnabeltiere und neue Musik

Da die ganze Geschichte hinter dieser Geschichte vermutlich einen mehrseitigen Artikel ergeben würde, beschränken wir uns also auf die Kürzestdefinition, die uns die Playtpus-Website liefert: “So wie auch das Schnabeltier eine formlose Kreatur (oder: eine ,Originalformkreatur’) ist, mit fast allem im Tierreich verwandt, nahm sich unser Verein vor, seine Tätigkeit nicht durch ästhetische Vorlieben eingrenzen zu lassen, und so erheben wir keinen Anspruch auf stilistische Konsistenz, denn darin sehen wir eine Garantie, für alle da zu sein und dies auch in Hinkunft bleiben.”

Blanke Fakten. Gegründet wurde Platypus erst 2006. “Erst”, weil es einigen Respekt abringt, wie sich diese Unternehmung so rasch einen wohl klingenden und in der “Szene” der zeitgenössischen Musik in Wien bestens bekannten Namen erarbeitet hat. Die gleichermaßen verrückt anmutende, wie vom Ergebnis her die meisten Beobachter überzeugende Idee, vielstündige Marathons mit neuer Musik zu veranstalten, sorgte für Aufmerksamkeit. Bereits dreimal. Ursprünglich dafür verantwortlich: die drei Herren Hannes Dufek, Fernando Riederer und Christoph W. Breidler. Mittlerweile besteht das Team nach Veränderungen und Erweiterungen bereits aus sieben Köpfen: Neben Dufek und Riederer sind dies Alexander Chernyshkov, Daniel Salecich, Tomasz Skweres, Simon Vosecek und Jaime Wolfson. Praktischerweise sind gleich mehrere dieser jungen Komponisten zugleich auch als Interpreten aktiv, die ihrerseits Stammmitglieder des vom Verein ins Leben gerufenen Ensemble Platypus sind. Anders als bei der exklusiven Männergesellschaft des Vereins besteht dieses größtenteils aus Damen wie Kaoko Amano, Sieglinde Größinger, Doris Nicoletti, Theresia Schmidinger, Marianna Oczkowska, Hibiki Oshima und Marie Yamanaka. Dass im Bereich der organisatorischen Arbeit keine Frauen beteiligt sind, liegt laut Hannes Dufek schlicht an der Tatsache, dass zwar viele junge Musikerinnen und Musiker die Idee von Platypus von Anfang an begrüßten, nur wenige jedoch auch bereit waren, sich aktiv einzubringen.

Wesentlich strikter wurde die Quote beim aktuellen Platypus-Projekt im Rahmen von Wien Modern 2009 eingehalten, bei dem in insgesamt drei Gesprächskonzerten in der Alten Schmiede an drei aufeinander folgenden Sonntagen jeweils ein Werk eines Komponisten und einer Komponistin vorgestellt wurden.

Szenenwechsel. Die Wohnung von Platypus-Mitglied Simon Vosecek an einem grauen Novemberfreitagmittag. Durch die Zimmerflucht schwirren beinahe ein Dutzend Musiker und Musikerinnen, Komponistinnen und Komponisten, einsame Klänge einer Bassklarinette und verführerische Küchendüfte. Auch wenn man diese Situation noch nicht gewohnt ist, erscheint sie einem doch als der ganz “normale” Platypus-Probenalltag, der schließlich mit einem gemütlich Mahl für alle Beteiligten belohnt wird. Schließlich finden sich am Tisch dann auch vier der in diesen Tagen bei den Schmiede-Konzerten Aufgeführten um über ihre jeweiligen Stücke und ihre Arbeit mit Platypus zu erzählen (Leah Muir und Jaime Wolfson, die bei diesem Termin nicht anwesend sein konnten, haben den Dialog mit dem Interviewer freundlicherweise via E-mail geführt).

Hannes Dufek, Mitbegründer von Platypus, wie ist euer jüngstes Projekt der Gesprächskonzerte im Rahmen von Wien Modern 2009 in der Alten Schmiede zustande gekommen?

Hannes Dufek: Das Projekt entstand als Fortsetzung unseres gemeinsam mit Wien Modern 2008 durchgeführten “Marathon III” und ist ein Ergebnis aus den Verhandlungen mit Wien Modern. Das Festival hat insgesamt sechs Aufträge vergeben, wobei die Auswahl durch Berno Odo Polzer (Wien modern) und Gerald Resch (Alte Schmiede) auch anhand von Mitschnitten unserer früheren Konzerte erfolgt ist. Es hat sich vielleicht eher aus “Zufall” so ergeben, dass nun einerseits drei Platypus-Mitglieder vertreten sind, andererseits drei Komponistinnen, die bereits in den Platypus-Marathons aufgeführt wurden.

 

 
Wie kam es zu Platypus, was war der gemeinsame Nenner für die Gruppe und was waren die bisherigen Projekte?

Dufek: Gegründet wurde Platypus 2006, wobei die Drehscheibe die Wiener Musikuniversität war. Dort hatten wir alle in irgendeiner Weise miteinander Berührung. 2007 gab es dann sowohl “Marathon I” als auch “Marathon II”, 2008 den dritten und für den 10. April 2010 ist der “Marathon IV” im Rahmen der Reihe “Im Lot” im Wiener Konzerthaus angesetzt. In Weiterentwicklung des bisherigen Musters wird es dabei vier Blöcke geben und dazwischen eine größere Pause, wodurch insgesamt der Marathoncharakter weiter betont wird.

Dein Stück “Große Musik” für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Tuba trägt einen “großen” Titel?

Dufek: Der Titel leitet sich von Lao-Tse ab, der sagte: “Die wahrhaft große Musik ist still.” – Was meinte er damit? Ich denke es geht da nicht etwa um leises Spielen, sondern ich sehe da eine Metapher für Naturvorgänge: Ebbe und Flut, die Mondzyklen, alles Leben – die Natur, die Menschheit als Ganzes. Und nun geht es darum, das in die Sprache der Musik umzusetzen, ohne dass man dabei einfach nur das Pfeifen des Windes imitiert –

Simon Vosecek (lachend): Er spricht wie ein Komponist!

Dufek: – sondern indem man es in eine Klangsprache übersetzt. Da gibt es viele Schichten von Bewegtheit rundherum und in der Mitte einen Ruhepunkt. In der Komposition ist das nacheinander angelegt.

Vosecek: Zuerst Wind, dann Ebbe?

Dufek: Nein. Es gibt viele Abschnitte, die wechseln, dann in der Mitte eben diese Ruhe. Die Spieler haben dabei auch zu sprechen und im Idealfall sollte bei einer Aufführung das Publikum auch laut Texte lesen. Das entspräche meiner Idee der Gesamtheit.

 

 
Neben der Uraufführung von Dufeks “Großer Musik” wurden im Konzert am 15. November die “Gedanken über das Tagebuch” für zwei Flöten, 2 Klarinetten, Viola, Schreibmaschine und Müll-Aktionen mit Verstärkung und Tonband von Jaime Wolfson programmiert. Auch Wolfson kam über die ursprünglichen Marathons zum nunmehrigen Auftrag:

Jaime Wolfson: Jeder von uns hat zumindest einmal ein Stück für den von Platypus organisierten Marathon für Junge KomponistInnen angemeldet und wurde vom Verein ausgewählt. So hatte Platypus eine Aufnahme von ungefähr 60 Komponisten und Komponistinnen. Die Aufnahmen wurden an Wien Modern und die Alte Schmiede geschickt, die dann ihre Wahl getroffen haben. Es wäre super wenn Wien Modern dieses Konzept  in den nächsten Jahren weiter verwirklichen würde!

Wie hat sich für dich die bisherige bzw. jetzige Arbeit mit Platypus gestaltet?

Wolfson: Ich bin selber Mitglied dieses Vereins und finde die Arbeit mit meinen Kollegen sehr schön und inspirierend. Dabei habe ich viel über Toleranz, Respekt und Offenheit gelernt. Die Arbeit solcher Gruppen ist – gerade in unserer Zeit – wirklich nötig und sollte auch die im Betrieb einflussreichen und mächtigen Menschen inspirieren!

Dein Stück folgt einer literarischen Vorlage?

Wolfson: Es handelt sich um Gedanken, die ich mir nach der Erzählung von Nikolai Gogols “Tagebuch eines Wahnsinnigen” gemacht habe. Was ist Realität? Wie individuell ist dieses Konzept? Was machen wir mit jemandem, der behauptet eine “andere” oder “unterschiedliche” Realität wahrzunehmen? – Meistens, genau wie im Buch, werden solche Menschen einfach “geschlagen” und (was war mit Jesus?!!) ausgelöscht!

Wie Wolfson hat auch Leah Muir, die sich unmittelbar nach der Uraufführung ihres Stücks HardBeat für Sopran, zwei Flöten und Violoncello bereits wieder in Berlin befand, ihr Gedanken per E-Mail übermittelt:

Leah Muir: Für dieses Stück wollte ich ein sehr klares Konzept herausarbeiten. Mir ist es wichtig gewesen, eine Struktur zu finden, die nicht nur für einen Musikfachmann verstehbar ist.

“Harter” Beat oder geht es in deiner Komposition doch auch ein bisschen ums Herz?

Muir: HardBeat ist eine Komposition aus Elektrokardiogrammen, die die Herzaktivität überwachen. Fünf verschiedene EKG’s werden präsentiert: vier vom erkrankten Herzen und eines von einem komplett normalen Herzen. Die das EKG beschreibende medizinische Fachsprache ist Teil des gesprochenen und gesungenen Texts, der in dem Werk zu hören ist.

Wie siehst du die Arbeit von Platypus, dessen Wirken für junge Komponisten?

Muir: Platypus ist ein wunderbarer Verein, und die Musiker die meinem Stück gespielt haben sind unglaublich talentiert. Platypus besteht zwar erst seit drei Jahren, aber sie haben in dieser Zeit unglaublich viel erreicht.

 

 
Gemeinsam mit Muirs Stück gelangte am 1. November auch Veronika Mayers fivehundredseventytwowestonefourone, leichter lesbar als “572 W 141” zur Uraufführung:

Veronika Mayer: Das Stück entstand im vergangenen Sommer in New York und der Titel bezeichnet meine erst Wohnadresse dort. Ich hatte die Reise bereits komplett geplant und gebucht – und in dieser Situation vom Auftrag erfahren. Nun saß ich da in New York und musste ein Stück schreiben. Das Stück spiegelt meine Situation: Ich war dort auf der Suche nach Ruhe, die aber unmöglich zu finden war. Ich drücke in der Musik das aus, was an Lärm und Geräuschen permanent auf mich einwirkte. In dieser Hinsicht ist das Stück sehr persönlich, weil es darstellt, wie es mir gegangen ist.

Dein Stück bezieht neben Klarinette, Bassklarinette, Violine und Violoncello auch eine Sopranstimme ein. Welche Texte legst du zugrunde?

Mayer: Der Text entstand aus der Situation und ist mehr sprechend gehalten. Es ist einfach eine Aufzählung verschiedenster Lärmwörter: helicopters, traffic, people, subway, air condition –

Vosecek: Was war mit den Helikoptern?

Mayer: Du sitzt im Central Park, in dieser Oase der Ruhe – und dann hörst du über dir die Hubschrauber dröhnen. Ich war hin- und hergerissen: Bleibe ich in meinem Zimmer und komponiere – oder stürze ich mich ins pulsierende Leben der Stadt!

Im mittleren der drei Konzerte konnte man am 8. November ein Stück der in Cambridge/Massachusetts lebenden Israelin Sivan Cohen-Elias hören. “The Cave” [Die Höhle, Anm.] für Flöte, Klarinette, Fagott und Violoncello folgt einem Gleichnis von Platon.

Sivan Cohen-Elias: Mir ging es um den Begriff der Wirklichkeit. Ist das, was wir sehen, das was wirklich existiert – oder nicht?! Das Stück ist wie ein Schwindel: Wir sind in einem Raum und alles kreist. Aber kreist es wirklich oder geschieht das nur in unserem Kopf? Das lässt durch Glissandi sehr schön darstellen. Alles, alle Gefühle im Leben sind durcheinander gemischt. Alles ist eigentlich völlig unwirklich. Von Anfang an wollte ich das Kreisen mehr auf Seitens des Tempos und der Dynamik gestalten und nicht durch die Noten selbst. Die dynamischen Wechsel ergeben die Energie des Kreisens. Das chaotische Element, das Atmen und Luftholen, Geräusche der Musiker, eine gewisse Art von Witz, das Gefühl der Verunsicherung: Alles das spiegelt die verschiedenen Gefühle im Leben und zusammen ergibt sich etwas, das eine Art surrealistisches Bild ist.

Gemeinsam mit “The Cave” erklang schließlich auch ein Stück von Simon Vosecek, “Pastorale” für Violoncello, Tuba und Fagott.

Violoncello, Tuba und Fagott – ich würde sagen diese Besetzung ist ziemlich hart?

Vosecek: War auch ein harter Kampf. Ich habe mir gedacht, das könnte interessant klingen. Auch hatte ich immer schon eine Affinität zu den tiefen Instrumenten. Es war ein Kampf, aber ich habe es – mit einer Woche Verspätung – geschafft.

Ein verdächtig idyllischer Titel?

Vosecek: Der Titel schwankt noch zwischen “Pastorale” und “Amputation”. Es geht um Assoziationen für den Zuhörer. Als “Pastorale” wäre es eine recht schräge Hirtenszene. Als Programmeinführung liegt ein eigenes Gedicht im Stil von Paulmichl zu Grunde, aber es gibt kein zwingendes Konzept. Ich war nicht in New York, habe kein EKG herangezogen, habe nicht Lao-Tse zitiert. Es ist einfach ein Stück. Man könnte sich eine Wiese vorstellen. Melodie ist sowieso verpönt. Ich habe mir gedacht, mach’ es ein bisserl melodisch, nenn’ es “Pastorale” – und das funktioniert schon.

Mayer: Da habe ich mir wesentlich schwerer getan. Bei meinem Stück kann durchaus jemand sagen: Da ist ja ein Dur-Dreiklang. Aber das war nicht meine Absicht.

Vosecek (lachend): Aber das ist schon in F-Dur, nicht?

Mayer: Ich erlebe Platypus sehr positiv, weil es mir Möglichkeiten verschafft, die ich außerhalb von Universität und Klassenabenden nur schwer finde.

Vosecek: Das ist auch das Ziel von Platypus.

Mayer: Ich war eine jener eingangs Zitierten, die sagte: Ja, macht’s das, aber ich will nichts organisieren. Ich bin sehr dankbar, dass es das gibt. Es ist immer perfekt organisiert und es funktioniert einfach alles!

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Ach ja, bleibt noch die Auflösung der Eingangsfrage. Tatsächlich gibt es gar keinen eindeutig definierten Plural von Platypus. Die Wissenschaft verwendet in der Regel die Formen “Platypuses” oder einfach “platypus”. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist auch das verbreitet, was unsere musikalischen Schnabeltiere für sich beanspruchen: Sie sind die Platypi.

Die ganze Wahrheit über Platypus ist jedenfalls nachzulesen auf www.platypus.or.at

http://www.platypus.or.at/