Mit „Still Awake“ (Fiakka Records) zeigt sich Christoh als Künstler, der Pop nicht an der Oberfläche behandelt, sondern als Raum für emotionale und gesellschaftliche Fragen. Über mehrere Jahre hinweg zwischen Studiosessions, Reisen und Songwriting-Camps entstanden, vereint das Album elektronische Produktionen, clubtaugliche Energie und eine spürbare persönliche Offenheit. Zwischen eingängigen Melodien, druckvollen Beats und experimentelleren Momenten entwickelt sich ein Sound, der unmittelbar funktioniert, gleichzeitig aber auch Tiefe zulässt. Im Interview mit Michael Ternai spricht Christoh über seine Motivation, wieder verstärkt als Musiker in Erscheinung zu treten, die Freude an der künstlerischen Freiheit und die Themen, die seine Songs prägen.
Wir haben uns ja vor gar nicht allzu langer Zeit schon einmal in deinem Studio im sechsten Bezirk für ein Interview getroffen. In den letzten Jahren bist du immer mehr in die Produzentenrolle hineingewachsen, hast dich dort weiterentwickelt und viele Produktionen für andere Künstler:innen gemacht. Du warst aber selbst immer auch Musiker. Wie stark war der innere Drang für dich, wieder auf deine ursprüngliche Seite zurückzuwechseln und ein eigenes Ding herauszubringen? War es dir wichtig, damit auch ein Statement zu setzen – nach dem Motto: Okay, ich bin als Musiker zurück?
Christoh: Ja, das kann man schon so sagen. Ich muss aber auch sagen, dass sich die Arbeit an dem Ganzen über drei Jahre gezogen hat. Und es war nicht so, dass ich permanent den Drang hatte, etwas Eigenes zu machen. Es gab durchaus Phasen, in denen ich mir gedacht habe, vielleicht lasse ich es einfach und veröffentliche das Ganze gar nicht. Im Nachhinein bin ich aber sehr, sehr froh, dass ich es gemacht habe und dass jetzt wieder ein eigenes Statement da ist. Ich habe dabei auch wieder gemerkt, wie erfrischend es sein kann, Musik einmal nur für mich selbst zu machen und nicht für andere – wo man ja oft auch Verantwortung für ein anderes Projekt übernimmt und bestimmte Ansprüche erfüllen muss. Bei meinem eigenen Projekt muss ich letztlich nur meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden. Und in diesem Fall bedeutete das vor allem, wieder einmal frei und kreativ arbeiten zu können.
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Inwiefern ist dir diese Freiheit abgegangen, so kreativ arbeiten zu können, wie du willst?
Christoh: Insofern, dass ich schon merke, dass man, wenn man für andere Musiker:innen produziert, eben nicht komplett freie Hand hat. In meinem Job geht es darum, den Leuten zu helfen, dorthin zu kommen, wo sie mit ihrer Kunst hinmöchten. Und da kann man natürlich nicht immer nur das machen, worauf man gerade Lust hat, sondern es sollte schon in das große Bild des Künstlers oder der Künstlerin passen. Umso schöner ist es dann, wenn du bei dir selbst wieder merkst: Hey, ich kann machen, was ich will. Das ist schon etwas Besonderes. Und eigentlich auch der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe, Musik zu machen.
Das Schöne an dem Album ist, dass es sehr abwechslungsreich und vielschichtig ist. Es gibt tanzbare Nummern genauso wie experimentellere Stücke – vor allem in Bezug auf die Soundarbeit. Ist dieses Zügel-Loslassen und einfach tun können, was man will, der Grund für diese große Vielfalt? Und inwieweit haben die drei Jahre, die es gedauert hat, das Album zu machen, zum Sound beigetragen?
Christoh: Sehr, sehr viel natürlich. Über drei Jahre tut sich einfach unglaublich viel. Man durchlebt unterschiedliche Stimmungen, entwickelt neue Interessen – auch musikalische Interessen oder Genreinteressen –, die man dann annimmt, ausprobiert und zulässt. Das war mir ganz wichtig. Es hat mir auch selbst wieder gezeigt, wie wichtig Zeit für Kunst manchmal ist. Manche Alben kann man eben nicht in einem Monat machen, sondern braucht einfach länger dafür. Und genau deswegen werden sie dann so, wie sie sind. Das hat alles seine Berechtigung und seinen Sinn. Dazu kommt auch, dass ich viele Stücke in anderen Städten initiiert habe, während ich dort mit anderen Menschen gearbeitet habe. Diese Einflüsse sind natürlich ebenfalls eingeflossen. Es war schön, all das, was ich über die Jahre von anderen mitgenommen habe, einfach einmal frei rauszulassen und zu machen, was sich gut und richtig anfühlt.
Der Aspekt, dass dieses Album an verschiedenen Orten geschrieben wurde und entstanden ist, ist auch sehr interessant. Manche Songs sind in Songwriting-Camps entstanden, also wirklich im Austausch mit anderen Leuten. Ist dieser Austausch etwas, das du als Musiker brauchst?
Christoh: Also, es war jetzt nicht so, dass auf diesen Camps das Songwriting direkt im Austausch mit anderen stattgefunden hat. Es war eher so, dass ich dort oft auch einmal einen freien Tag hatte, an dem ich für mich gearbeitet habe. Das heißt, ich habe diese Inspiration, die ich am Vortag bekommen habe, sozusagen direkt in etwas Eigenes umwandeln können.
Etwas, das mir bei diesem Album auch sehr wichtig war, ist, dass ich das Ding alleine durchziehe. Beim vorigen Album hatte ich auch Feature-Gäste. Dieses Mal keine – ganz einfach, weil ich mich komplett selbst auslassen wollte. Aber bald kommt dann auch wieder ein Feature-Song mit Elisa von Elis Noa. Ich liebe es schon auch, gemeinsam mit anderen zu arbeiten.
Wenn man musikalisch so viel zulässt und so in die Breite geht, wie behält man da den roten Faden bei?
Christoh: Über diesen roten Faden denke ich auch schon seit Jahren nach. Aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass jede Künstlerin und jeder Künstler, sobald sie oder er arbeitet, einen gewissen Fingerabdruck und Stempel hinterlässt. Wahrscheinlich würden die Songs einzeln betrachtet keinen roten Faden ergeben, aber dadurch, dass letztlich alles aus meiner Feder stammt, entsteht dieser rote Faden automatisch. Und natürlich gibt es Elemente, die ich immer wieder aufgreife und wiederkehren lasse, die das wahrscheinlich zusätzlich unterstützen. Aber ich habe im Laufe der Jahre für mich entdeckt: Der rote Faden spinnt sich von selbst.

Was man deiner Musik auch anhört, ist, dass hinter ihr – obwohl sie super unterhaltsam ist – sehr viel Kopfarbeit und Detailverliebtheit steckt. Wie sehr bist du eigentlich von Perfektionismus geleitet?
Christoh: Wegen dieses Perfektionismus ist es natürlich schon wichtig, die Songs irgendwann auch wirklich auf den Punkt zu bringen, weil auf dem Weg dorthin viele Stücke entstehen, die es am Ende dann doch nicht schaffen. Aber bis zu diesem Punkt, an dem ich weiß: Jetzt stimmt für mich alles, jetzt passt es, dauert es manchmal länger und manchmal geht es schneller. Manchmal ist ein Song auch sehr schnell da und man baut dann eher zu viel hinein, sodass man später wieder Dinge herausnehmen muss. Aber gerade bei diesem Album war mir das schon besonders wichtig. Wenn ich etwas nur für mich mache, dann soll es auch wirklich für mich passen und meinen Ansprüchen entsprechen.
Ein Soloalbum ist ja meistens auch sehr stark mit dem Persönlichen verbunden. Wie sehr ist das bei dir der Fall?
Christoh: Dadurch, dass sich das Ganze in dem Fall über drei Jahre gezogen hat, habe ich mir die Zeit für die Sessions, in denen ich für mich selbst geschrieben habe, ganz bewusst freigeschaufelt. Ich wusste dann: Okay, da und da habe ich einen Studiotag nur für mich. Dadurch war das natürlich immer sofort auch eine Verarbeitung oder ein Ventil für persönliche Themen. In den Songs stecken daher schon sehr viele persönliche Dinge.
Musik ist für dich also ein Weg, Dinge zu verarbeiten.
Christoh: Ja, auf jeden Fall. Persönliche Erlebnisse beziehungsweise emotionale Zustände. Es geht dabei nicht nur um konkrete Situationen wie: Ich treffe jemanden und gehe mit der Person etwas trinken. Es geht schon mehr in die Tiefe.
Das merkt man auch. Du könntest vermutlich ohne Probleme eine sehr eingängige Mainstream-Platte machen, machst das aber bewusst nicht. Du arbeitest schon auf einer anderen, tiefergehenden Ebene. Was sind denn die Themen, die dich beschäftigt haben? Wir leben ja in einer sehr ereignisreichen, leider nicht unbedingt positiven Zeit. Was geht dir da durch den Kopf?
Christoh: Gleich am Anfang gibt es mit „Hypnotized“ ein sehr plakatives Thema. In dem Song geht es um Burnout, mit dem ich selbst konfrontiert war. Das ist wahrscheinlich auch das direkteste Thema auf der Platte. Gerade in der Kreativwirtschaft kenne ich viele Leute, die das schon erlebt haben. Mir war es wichtig, das einmal festzuhalten. Darüber hinaus geht es aber auch um die Vielschichtigkeit von Gefühlen – darum, dass Emotionen selten nur in eine Richtung gehen. Ein weiteres Thema ist moderne Männlichkeit. Damit habe ich mich sehr viel beschäftigt, vor allem mit dem Zugang zu Emotionen. Man merkt dabei auch, wo man selbst steht, welche Vorbilder man hat und wie das eigene Umfeld damit umgeht. Ich finde es schön, dass darüber inzwischen immer mehr gesprochen wird. Ich stecke da selbst mittendrin und habe diese Gedanken natürlich auch ständig im Hinterkopf, wenn ich Songs schreibe.
Und dann gibt es auch einen Song über diese immer wiederkehrenden Reisen in das eigene Innere. Da gibt es viele Schichten, die einen tief hineinblicken lassen. Es ist jedes Mal wie eine neue Fahrt, die Zeit braucht – hinein und wieder hinaus. Ich habe das auch bewusst wie eine Reise beschrieben. In einem anderen Song geht es darum, wie schwer es manchmal ist, Dinge mitzuteilen, die vielleicht unangenehm sind und viel Überwindung kosten. Das sind die Themen, wenn man es auf den Punkt bringen will.
Wie sieht das persönlich für dich aus? Ein Soloalbum ist natürlich immer etwas Bedeutendes und Wichtiges für einen Künstler. Gleichzeitig kenne ich dich aber auch als jemanden, der durch seine Arbeit in vielen unterschiedlichen Projekten involviert ist und sehr viel produziert. Inwieweit ist dieses Album für dich Teil eines größeren Ganzen – also eine weitere Etappe in deiner Entwicklung als Musiker? Oder ist es eher eine Momentaufnahme, bei der du bewusst offenlässt, was in Zukunft passiert? Es muss ja nicht automatisch heißen, dass in zwei Jahren schon das nächste Soloalbum folgt.
Christoh: Nein, das heißt es nicht. Ich bin einfach richtig happy, dass das Album jetzt draußen ist. Ich habe lange nicht gewusst, ob es überhaupt noch dieses Jahr erscheint oder vielleicht erst nächstes. Umso schöner ist es jetzt, dass es da ist. Wann das nächste kommt, kann ich im Moment aber überhaupt nicht sagen.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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