Bild Parov Stelar
Parov Stelar (c) Jan Kohlrusch

„Es war die Geburtsstunde. Den Track wollte niemand haben” – PAROV STELAR im mica-Interview

Und wann ist deine Band beim COACELLA FESTIVAL aufgetreten? MARCUS FÜREDER alias PAROV STELAR hat das vor fünf Jahren erledigt. Auf dem Weg dorthin spielten BILLIE HOLIDAY, MARVIN GAYE und auch eine weltweite Rezession eine Rolle. 

Wie war Linz zur Jahrtausendwende? 

Marcus Füreder: Linz war ein sehr spannendes Pflaster. Im Underground ist wahnsinnig viel passiert, in der Stadtwerkstatt, in der Kapu. Als Produzent haben mich Drum’n’Bass, Techno, House geprägt. Ich habe den Sampler – einen Akai MPC 2000 – entdeckt. 

Wie ging der Unfall mit Billie Holiday vor sich her? 

Marcus Füreder: Ich habe mir auf einem Flohmarkt das zigste Billie-Holiday-Best-Of geleistet, sie war in schlechtem Zustand und ist hängen geblieben. Das war ein witziger Loop. Damit habe ich mich gespielt und einen Beat daruntergelegt. 

War das „Travelin All Alone”? 

Marcus Füreder: Es war etwas anderes. Ich weiss nicht mehr was. Das war der Startpunkt. 2004 ist dann aus „Travelin All Alone” von Billie Holiday „Kiss Kiss” geworden.

Ist dieser Track das Epizentrum von Electro Swing?

Marcus Füreder: Das würde ich behaupten. Es war die Geburtsstunde. Den Track wollte niemand haben. Es war House und doch Swing. Ich habe ihn selbst rausgebracht und das Feedback bekommen, der Schmäh war ganz lustig für eine Platte, aber beim nächsten Mal kannst ich das nicht wiederholen. Ich dachte, warum nicht. Swing ist ein weites Spektrum.

„Du hast nicht sofort eine in die Fresse gekriegt, wenn du etwas gemacht hast, was einem nicht gefallen hat.“

Was hat dich motiviert?

Marcus Füreder: Du siehst, dass die Leute das wollen. Es gab Myspace und die Verkaufszahlen. Du hast nicht sofort eine in die Fresse gekriegt [lacht], wenn du etwas gemacht hast, was einem nicht gefallen hat.

Anfangs konnte man Swing eher auf deinen EPs hören?

Marcus Füreder: Da hast du schon recht. Das Vinyl war für den DJ. Du hast ruhig einmal im Monat eine bringen können, dass die Leute etwas zum Auflegen im Club haben. Das Album war eine Werkschau, wie ein Buch schreiben, das war eine andere Story, die ich erzählen wollte.

Kanntest du TSC Forsythe vor seinem „Catgroove”-Video?

Marcus Füreder: Nein. Irgendwer hat das zufällig gesehen und gesagt, schau her, wie der lustig tanzt. Ich habe gesagt, das ist wirklich cool, wir haben das über unseren Kanal rausgespielt und plötzlich ist das durch die Decke gegangen.

In London waren große Hallen ohne Airplay voll. Wie?

Marcus Füreder: Ich habe keine Ahnung. Wir haben vor 12.000 Leuten in London gespielt ohne Radio. Wenn ein Ding viral funktioniert, dann brauchst du das gar nicht. Facebook hat anders funktioniert, du musstest keine Werbung schalten, damit du deine Fans erreichst, sondern hast sie einfach erreicht. Es ist natürlich erschwerend, dass du das wiederholst. Gerade wenn Veranstalter gesehen haben, sie müssen nicht viel Werbung machen. Das kann dir auf den Kopf fallen. Ist aber noch nicht wirklich passiert.

„Die Lil Hardin Armstrong hat den Song geschrieben, der war der Emanzipation der Frau gewidmet, nichts anderem.“

Hast du die Aufregung um „Booty Swing” verstanden?

Marcus Füreder: Überhaupt nicht. Es gab Rassismus-Vorwürfe, Parov Stelar ein Rassist. Die Lil Hardin Armstrong hat den Song geschrieben [Oriental Swing, Anm.], der war der Emanzipation der Frau gewidmet, nichts anderem. Sie war wirklich Vorreiterin und hat in dem Song beschrieben, die Indianer Squaw steht auf, geht aus dem Tipi raus und tanzt. Die Gipsy Dame hüpft aus dem Caravan und tanzt. Und dann hat es eine Textzeile gegeben: „in the land of fu manchu, all the girls know to do the Suzie Q, den Tanz. Jetzt hat jemand in Kanada aus einer chinesischen Community das als riesengroße Beleidigung aufgefasst. Fu Manchu ist eine fiktive Romanfigur, ein Bösewicht. Ich hätte also das Land China als Land der Bösewichte hingestellt. Das ging bis hin zur BBC und einem lebenslangen Einreiseverbot in China. Ich kann damit leben. Aber das war grotesk für mich.

Keep On Dancing“ hat aus anderen Gründen angeeckt?

Marcus Füreder: Es gibt immer wieder Zeiten, in denen ich mit Swing nichts zu erzählen habe. Ich wollte immer in unterschiedliche Richtungen gehen. Für diesen Song habe ich Soul aus der Motown Ära genommen [Marvin Gaye, Anm.]. Er ist elektronisch geworden, discoid. Das hat polarisiert. Viele haben sich abgewandt, haben mich beschimpft, was ich für einen Scheiss mache, das ist ja schon kommerziell. Aber auch das gehört zum Prozess einer Künstlerkarriere, dass du auf massiven Widerstand stößt. Es war erfolgreich. Und es hat beigetragen, dass ich mich freigespielt habe. Die Leute wissen, dass es auch etwas anderes geben kann von Parov Stelar.

Electro Swing“ hast du 2005 gegenüber einem Journalisten verwendet. Kannst du dich an das Interview erinnern?

Marcus Füreder: Vage. Ich glaube, es war in Paris. Ein Journalist hat gefragt, wie ich meinen Stil bezeichnen würde. Ich habe gesagt, das ist zwischen elektronischer Musik und Swing Musik. Call it Electroswing. Ich weiss nicht, ob das jemand schon vorhergesagt hat. Mir wäre nichts bekannt.

Hast du dich auch mit der Swing-Zeit beschäftigt?

Marcus Füreder: Jein. Mich hat nie das Pure so interessiert, sondern die Mischung. Die Serie Babylon Berlin hat mir sehr gefallen, weil sie in modernem Gewand daherkommt. Aber nur das Alte … diese Zeit ist vorbei. Ich möchte Qualitäten aus der Zeit mitnehmen.

„Die Musik war wild, ohne Regeln, da ist es abgegangen.“

Kennst du die Swing Kids im Deutschland der 1930er? Sie waren ja nicht unpolitisch?

Marcus Füreder: Das war sehr politisch. Sie sind als Gefahr gesehen und verboten worden. Das waren die ersten Raver, das war eine Revolution. Die Musik war wild, ohne Regeln, da ist es abgegangen. Das war eine coole Zeit wahrscheinlich in der ganzen Depression.

In den 1920ern gab es eine große Wirtschaftskrise. Und auch ab 2008. Ein wilder Zufall, oder?

Marcus Füreder: Es wiederholt sich. Ich glaube, wir stecken mitten in einer Depression. Nachtclubs sind verboten. Und ich merke einfach ein riesengroßes Verlangen von Menschen zu tanzen. Kunst hat viel Facetten. Die einen wollen in ihrer Kunst aufrütteln oder schockieren. Mein Anliegen ist, dass ich Menschen für zwei Stunden bei einem Konzert eine gute Zeit schenke, wo es vielleicht nicht darüber nachdenken, dass morgen der Kredit ausläuft, oder die Weltwirtschaft im Oasch ist.

Was war die bisher größte Show, Coachella, Pukkelpop?

Marcus Füreder: Da gab es viel Größere. Beim Fete de l’Humanite in Frankreich waren vor der Bühne 120.000 Leute. Das ist fast beängstigend. Coachella war auch riesengroß. Wir haben mehrere Shows mitgeschnitten. Unser Live-Album stammt vom Pukkelpop Festival, weil es die Stimmung am besten transportiert.

Wie früh kanntest „Get A Move Onvon Mr Scruff?

Marcus Füreder: Da sehe ich wenig Berührungspunkte. Mr Scruff hat sicher einen Song gesetzt, der am ehesten in die Richtung geht. Obwohl das Sample – „Bird’s Lament“ von Moondog – kein Swing ist.

Wie viele Terrabytes Samples hast du? Wie organisierst du das Material?

Marcus Füreder: Neben mir steht eine Truhe voll mit Festplatten. Und dann gibt es die Vinyls. Das reicht für die nächsten fünf Leben. Und ich bin völlig unorganisiert. Wenn aus einem Sample nichts wird, lege ich es weg, sonst bin ich nicht mehr frei. Ich begebe mich jedes Mal neu auf die Suche. Es gibt Schätze, die du nicht auf Itunes findest.

Ist das rechtefreie Musik?

Cover Voodoo Sonic
Cover “Voodoo Sonic”

Marcus Füreder: Für die Masteraufnahme gelten Schutzrechte meistens 75 Jahre lang ab Erstveröffentlichung. Ich habe versucht, das sehr akribisch zu verändern, dass man das Original vielleicht nicht mehr erkennen kann. Und ich habe es auf künstlerische Freiheit geschoben. Anders ist es, wenn du die Melodie klaust. Da schaltet sich die verlagliche Komponente ein.

Ein Q-Tip-Sample freizubekommen, hat ein Jahr gedauert. Hast du andere gar nicht frei bekommen?

Marcus Füreder: Das passiert immer wieder. Oft merkt man, die Verlage wollen sich die Arbeit nicht antun. Sie schicken eine Ansage, die du nicht annehmen kannst. Du würdest 0% bekommen, ganz egal wie du es verändert hast oder wie viel Anteil von dir ist. Wenn man einen Weg finden würde, wäre es eine Win-Win-Situation.

Wann setzt du Stimme ein? Und wie?

Marcus Füreder: Manchmal merke ich, das Instrumental so voll, mit Stimme wäre es überladen. Manchmal kannst du einen Song mit Stimme viel abgespeckter produzieren. Dann reichen ein paar Akkordlinien, ein schöner Groove. Vocals sind in unserem Hörverhalten immer das Wichtigste. Dann entscheide ich, geht es weiter oder nicht.

Wie wichtig sind die Text?

Marcus Füreder: Es geht meistens um Liebeskummer, ich bin verlassen worden, ich liebe dich so viel. Er ist nicht so wichtig. Mein primäres Ziel ist Entertainment, keine musikalische Erziehung oder eine Message. Ich habe auch viele Vocal-Samples so zerschnitten, dass sie keinen Sinn mehr ergeben haben. Da habe ich die kuriosesten Interpretationen von Fans gehört.

Arbeitest du immer alleine?

Marcus Füreder: Ich mache das ganz alleine. Ich könnte es mir auch nicht vorstellen, zu zweit im Kreativprozess zu sitzen, das würde mich nervös machen. Erst wenn ich weiss, ich möchte ein Instrument live haben, schicke ich das an die Jungs von der Band.

100% Arrangement und Komposition?

Marcus Füreder: Das kommt von mir. Ja.

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Voodoo Sonic“ von Parov Stelar ist bereits via Etage Noir erschienen. Teile des Interviews ist zuerst erschienen im Rahmen des Ö1 Lexikon österreichischer Popmusik.

 

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