„Es sind Lieder in kammermusikalischer Punk-Umsetzung […]“ – LOOSE LIPS SINK SHIPS im mica-Interview

Ungefähr im Jahr 2009 ist die Band LOOSE LIPS SINK SHIPS in Wien entstanden. Bald erscheint ein neues Album, obwohl ein Bandmitglied, MEAGHAN BURKE, inzwischen in New York lebt. Im Interview mit Jürgen Plank erzählten SIMON USATAY, DAVID SCHWEIGHART und WERNER KITZMÜLLER, wie die Band entstanden ist und warum künstlerische Freiheit zu den besten Ergebnissen führt.

Wie ist denn die Band Loose Lips Sink Ships entstanden?

Werner Kitzmüller: Wir haben einander über David kennengelernt. Dann gab es ein Werner-Kitzmüller-Konzert zu viert. Das hat uns getaugt und wir haben uns gesagt: „Machen wir doch eine Band.“

David, wie haben Sie diese Anfangsphase erlebt?

David Schweighart: Ich habe einfach am meisten in verschiedenen Projekten gespielt und dadurch Simon kennengelernt. Mit Meaghan Burke habe ich in einer anderen Band gespielt, bei Primordial Undermind. Ich habe mir gedacht, dass die Leute alle gut zusammenpassen würden.

Simon, warum wollten Sie in dieser Band spielen?

Simon Usaty: Weil es sich wirklich schnell herausgestellt hat, dass es Spaß macht und alles gut zusammenpasst. Nach diesem Werner-Kitzmüller-Konzert haben wir beschlossen, dass wir eine eigene Band gründen. Wir haben dann angefangen, Lieder aus unseren diversen Soloprojekten zuerst zu viert, dann zu fünft und schließlich zu sechst zu spielen. Das war cool, weil aus den Liedern etwas ganz anderes geworden ist.

Ist es jetzt auch noch so, dass Sie Lieder aus anderen Projekten nehmen und diese interpretieren?

Simon Usaty: Ja, wobei wir mittlerweile begonnen haben, auch Lieder nur für Loose Lips Sink Ships zu schreiben.

„Sich einzubringen habe ich erst durch Loose Lips Sink Ships gelernt“ 

Warum sind die Neuinterpretationen der bestehenden Stücke ganz anders?  

Simon Usaty: Weil alle, die bei Loose Lips mitspielen, ihre eigene Stimme, ihre eigene Interpretation mitbringen. Es muss auch nicht immer sein, dass derjenige, der das Lied geschrieben hat, es immer singt. Dadurch gewinnen die Lieder etwas ganz eigenes. 

David Schweighart: Cool an diesem Projekt ist, dass jeder eine eigenständige Stimme hat, aber alle in der Lage sind, sich unterzuordnen, weil alle wissen, wie es ist, selbst Dinge zu machen. Dadurch wird es sehr schnell sehr spannend. Das war am Anfang auch die spannende Sache daran, dass sich das sehr schnell sehr gut angefühlt hat.

Bild Loose Lips Sink Ships
Bild (c) Loose Lips Sink Ships

Werner, wie sehen Sie das?

Werner Kitzmüller: Ich habe erst durch Loose Lips Sink Ships gelernt, mich einzubringen. Denn davor habe ich ja nur allein Musik gemacht. Ich habe hier gelernt, mich einzuordnen.

„Mache, was du willst, dann kommen meistens die besten Sachen heraus“ 

Wie empfinden Sie das, wenn Sie ein Lied einbringen und dann erleben, was im Kollektiv daraus entsteht?

Werner Kitzmüller: Ich finde das total super, wenn jeder seinen Senf dazu gibt und wenn dann aus einem Lied, das ich allein zu Hause geschrieben habe, etwas Gemeinsames wird. Wenn es auf einmal sechsstimmig gesungen und instrumentiert wird. Ich finde, dass meine Musik besser wird, wenn mehrere Leute mitmachen. Es gibt Leute, die sagen gern zu der Person, die Cello spielt, was sie spielen soll. Ich sage eher: „Go for it. Go crazy for it. Mach, was du willst, dann kommen meistens die besten Sachen heraus.“

David Schweighart: So passiert es bei uns generell, es gibt selten den Punkt, dass einer den anderen sagt, wie die Musik zu sein hat. Wir kennen einander und man kann darauf vertrauen, dass es aufgeht, wenn man die Leute einfach machen lässt.

Kommt es vor, dass Sie Ideen bzw. Stücke verwerfen?

David Schweighart: Ich habe letztens darüber nachgedacht und habe erkannt, dass es noch nie eine Nummer gegeben hat, die jemand abgelehnt hat.

Werner Kitzmüller: Das stimmt.

Simon Usaty: Wir kennen natürlich die Musik, die die anderen jeweils machen, und wissen, dass wir geschmacklich gut zusammenpassen. Das muss nicht immer der Fall sein, aber uns gefällt immer, was die anderen einbringen. Natürlich arrangieren wir gemeinsam und wir reden darüber und probieren etwas aus, aber es war ganz selten der Fall, dass jemand betrübt nach Hause gehen musste. Wir können das Ego-Ding ziemlich gut abstellen.

Bild (c) Loose Lips Sing Ships
Bild (c) Loose Lips Sing Ships

Was ist bei dieser Band noch möglich?

Simon Usaty: Für mich ist es eine irrsinnige Entlastung, dass wir alle total gleichwertig sind. Und es war bei Loose Lips immer so, dass es total großartig geworden ist. Ich hatte noch bei keiner Band die Erfahrung, dass es mit so wenig Zeit, die wir zur Verfügung haben, immer großartig funktioniert. Wir proben dann vor einem Konzert einmal, das hätte ich mir vorher auch nie vorstellen können, dass das überhaupt geht.

Gibt es auch Proben, bei denen Meaghan Burke in New York sitzt und mit euch über Skype verbunden ist?

Werner Kitzmüller: Das würde sich mit der Latenz nicht ausgehen.

David Schweighart: Nein, wir proben miteinander, wenn sie da ist. Aber wir spielen und proben auch ohne sie. Das macht uns schon noch immer zu einem Kollektiv: Wir funktionieren zu zweit, zu dritt oder auch zu viert.

„Ich glaube, es funktioniert dann, wenn nicht einer das Projekt an sich reißen will“ 

Robert Forster von The Go-Betweens hat vor Kurzem im Akzent Theater gesagt, für ihn sei es wichtig gewesen, dass jeder in der Band für sich ein Star ist. Das hätte die Band so gut gemacht. Wie sehen Sie das? Ist das bei Ihnen nicht ähnlich?

David Schweighart: Ja, würde ich schon sagen. Da jeder für sich allein funktioniert und eine Bühnenperson ist und allein Songs schreibt und sie performt. Bei uns funktioniert das super, ich glaube, das ist genau einer der Faktoren, der dieses Projekt so spannend macht.

Albumcover Loose Lips Sink Ships
Albumcover “Loose Lips Sink Ships”

Werner Kitzmüller: Da wir Freunde sind, kommt bei uns kein Konkurrenzgedanke vor. Klar, ich habe so meine Komplexe mit meinen instrumentalen Fähigkeiten, wenn ich zum Beispiel zu David hinüberschaue, dann denke ich mir: „Ach Gott, ich bin so ein Loser.“ Aber wir ergänzen einander.

David Schweighart: Ich glaube, es funktioniert dann, wenn nicht einer das Projekt an sich reißen will.

Die Band gibt es seit rund acht Jahren. Wie fügt sich das aktuelle Album in die Bandgeschichte ein?

Simon Usaty: Es repräsentiert unsere Anfangsphase, weil es ein bisschen verspätet kommt. Es sind Lieder, mit denen wir begonnen haben. Es sind relativ frühe Sachen auf dem Album.

David Schweighart: Es ist ein Zeitdokument. Wir haben ja schon 2012 aufgenommen.

Werner Kitzmüller: Oder es ist ein Greatest-Hits-Album [lacht].

Warum ist das Album so lange liegen geblieben?

Werner Kitzmüller: Ich war in Berlin und Meaghan war nicht immer da und David hat viel zu tun.

David Schweighart: Mimu war in Paris.

Simon Usaty: Insofern haben wir immer wieder darüber geredet und haben lange nicht fixiert, wie wir das Album nun machen.

Wenn Sie jemandem die Musik von Loose Lips Sink Ships beschreiben müssten, der die Musik noch nicht kennt: Wie würden Sie die Musik beschreiben?

Simon Usaty: Ich glaube, Mimu hat für unsere Musik den Begriff „Biedermeier-Punk“ geprägt. Das finde ich sehr schön. Wir sprechen auch manchmal von „Pop in Kammermusik-Umsetzung“, weil wir nur akustische Instrumente verwenden und sich die Umsetzung in einem Salon ausgehen würde. Es sind Lieder in kammermusikalischer Punk-Umsetzung, weil es auch einen Chaosfaktor dabei gibt.

David Schweighart: Es gibt fünf Stimmen.

Wie wichtig sind die musikalischen Ausbrüche?

David Schweighart: Das ist vielleicht auch ein Alleinstellungsmerkmal unserer Musik, dass sie auch recht unbändig ist. Kammermusik lässt vermuten, dass es sehr brav daherkommt, und das ist es halt bei uns nicht.

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Gab es schon die Idee, nach New York zu gehen und dort mit Meaghan Burke zu spielen?

Werner Kitzmüller: Ja, klar. Dort möchten wir auch spielen.

Simon, welches Lied haben Sie zum aktuellen Album beigesteuert?

Simon Usaty: Von mir stammt die Nummer „Cost of living“, die ist schon davor auf einem Protestant-Work-Ethic-Album herausgekommen.

Wie sehen Sie Ihre Entwicklung in den letzten acht Jahren? Wo stehen Sie zurzeit?

David Schweighart: Fragen Sie das in einem halben Jahr noch einmal. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass viel mit der neuen Platte kommen wird. Dass sich auch die mediale Wahrnehmung verändern wird. Ich finde es super, wo wir sind. Wir haben uns einen ganz guten Background erspielt und können uns darauf verlassen, dass auch Leute zu unseren Konzerten kommen, wenn wir’s in die richtigen Kanäle hinausschreien. Ich hoffe, dass sich Leute für das neue Album interessieren, die uns davor noch nicht gekannt haben.

Was könnte auf Sie zukommen?

Simon Usaty: Komme, was kommen möge. Abgesehen vom aktuellen Album haben wir im Sommer schon das nächste Album aufgenommen und das hat auch gut funktioniert.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Links:
Loose Lips Sink Ships (Facebook)
Konkord Records