MAIIJA ist das Projekt der österreichischen Musikerin und Komponistin Marilies Jagsch, deren Stimme seit über 15 Jahren die Wiener Musikszene prägt. Nach zwei frühen Soloalben öffnete sie 2023 gemeinsam mit dem Produzenten Peter Paul Aufreiter (Hearts Hearts) unter dem Namen „Maiija“ ein neues Kapitel. Drei Jahre nach dem Debüt „I AM“ (Noise Appeal Records) erscheint nun das Album „WHAT IF“, das auf berührend persönliche Weise von Verwundbarkeit und Stärke erzählt, von Krankheit und Hoffnung, von Stillstand und Aufbruch – immer verknüpft mit der Frage nach kollektiver Verantwortung in einer unsicheren Gegenwart. Im Interview mit Clemens Engert spricht MAIIJA unter anderem über den Entstehungsprozess des neuen Albums, die Relevanz der Empathie und die Entscheidung, ihre chronische Erkrankung zu thematisieren.
Dein letztes Album „I am“ ist nach einer 13-jährigen Schaffenspause erschienen. „What If“ erscheint jetzt nur knapp drei Jahre später. Warum ging es dieses Mal wesentlich schneller?
MAIIJA: In den letzten Jahren habe ich der Musik wieder einen größeren Stellenwert in meinem Leben gegeben und andere Jobs bewusst zurückgestellt. Das war ein großer Schritt, der zwar viel Unsicherheit mit sich bringt, mir aber auch den Freiraum gegeben hat, den ich fürs Songwriting brauche. Außerdem ging der Produktionsprozess diesmal schneller, weil Peter Paul Aufreiter und ich mittlerweile ein gut eingespieltes Team sind.
War eure Herangehensweise ähnlich wie beim letzten Album oder habt ihr bewusst etwas anders gemacht?
MAIIJA: Wir versuchen, den Fokus darauf zu legen, was jeder einzelne Song braucht – unsere Herangehensweise unterscheidet sich also von Lied zu Lied. Bei der Single „Recover“ etwa hat Peter Paul die Arrangements geschrieben, bei anderen habe ich ihm fast fertig arrangiertes Material übergeben. Diese Stücke haben wir dann gemeinsam mit unserem Drummer Gernot Scheithauer und dem Cellisten Lukas Lauermann aufgenommen, deren Interpretationen und Ideen auch immer einen wichtigen Teil zum Gesamtklang beitragen.
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Was hat sich in den drei Jahren seit der Veröffentlichung von „I am“ alles getan?
MAIIJA: Abgesehen von vielen schönen Konzerten war vor allem 2025 ein besonderes Jahr für mich, weil ich dank eines Arbeitsstipendiums der Stadt Wien die Möglichkeit hatte, ein Jahr lang neue Stücke zu komponieren, die in eine experimentellere Richtung gehen. Außerdem arbeite ich aktuell am Soundtrack eines Films – ein Prozess, der mir unglaublich viel Freude macht. Zusätzlich zum Entstehungsprozess von „What if“ haben sich also auch sehr schöne Dinge entwickelt.
„Fragen zu stellen und Dinge nicht einfach als gegeben hinzunehmen, finde ich gerade in Zeiten wie diesen sehr wichtig.“
Ähnlich wie auf deinem letzten Album bilden die einzelnen Songtitel so etwas wie einen roten Faden. Alle Songtitel bestehen aus einem Wort und beschreiben ein Verb. Was hat es damit auf sich? Ist „What if“ ein Konzeptalbum?
MAIIJA: Die Songs sind sehr intuitiv entstanden und nicht in einem festen inhaltlichen Rahmen, deshalb würde ich „What if“ nicht als klassisches Konzeptalbum bezeichnen. Bei den Titeln ging es mir darum, den Albumtitel weiterzudenken. Mit der Frage „What if we …“ öffnet sich ein Raum, in dem wir sehen, was möglich wäre, wenn wir Verantwortung übernehmen, empathisch bleiben und gemeinsam handeln.
Fragen zu stellen und Dinge nicht einfach als gegeben hinzunehmen, finde ich gerade in Zeiten wie diesen sehr wichtig. Es muss nicht immer eindeutige Antworten geben, oft setzt schon der Prozess des Fragens Dinge in Bewegung.

Die Songs auf deinem neuen Album haben einen sehr kohärenten Vibe. Die Instrumentierungen sind alle sehr klar und eher reduziert und die Stimme steht stark im Vordergrund. Wolltest du bewusst ein sehr homogenes, Vocal-lastiges Album machen?
MAIIJA: Es freut mich zu hören, dass die Songs zusammen ein stimmiges Bild ergeben, das war auf jeden Fall unsere Intention. Das Jonglieren von Abwechslung und auch Gemeinsamkeiten zwischen den Liedern ist nicht immer eine einfache Aufgabe. Dass die Vocals im Zentrum stehen, wird wohl immer ein Merkmal meiner Musik sein, weil es mir so am besten gelingt, Geschichten zu erzählen und Emotionen zu vermitteln. Für die Aufnahmen habe ich mir dann noch gesangliche Unterstützung von The Zew und Oskar Mayböck geholt, die den Songs mit ihren Stimmen neue Facetten und zusätzliche Tiefe gegeben haben.
Wie läuft der Prozess des Songwritings und Recordings bei dir in der Regel ab: Bist du jemand, der sehr lange an Songs tüftelt oder willst du eher etwas schnell einfangen, solange es sich „frisch“ anfühlt?
MAIIJA: Die ersten Ideen entstehen meist schnell, aber bis die Arbeit an einem Song für mich wirklich abgeschlossen ist, vergehen oft mehrere Monate. Ich habe in vielen Fällen schon eine klare Vision – und dieser dann gerecht zu werden, ist oft ein weiter Weg.
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Du gehst sehr offen mit deiner Endometriose-Erkrankung um. Ist es dir wichtig, mehr Awareness für dieses Thema zu schaffen? Inwiefern verarbeitest du deine Erfahrungen mit der Krankheit in deiner Musik?
MAIIJA: Die Entscheidung, offen über meine Endometriose zu sprechen, war sehr schwer für mich. Mit einer chronischen Erkrankung ist man schnell mit Vorurteilen konfrontiert. Es besteht zum Beispiel die Gefahr, dass ich den nächsten Job nicht bekomme, weil man davon ausgeht, dass ich nicht leistungsfähig genug bin. Dabei sind alle von Endometriose Betroffenen, die ich bisher kennengelernt habe, wahnsinnig stark. Genau das greift der Song „Recover“ auf: den Wettlauf gegen den Schmerz, und wie hart es manchmal ist, nicht aufzugeben in einer Welt, in der Schmerzen von Frauen viel zu oft nicht ernst genommen werden. Endometriose ist sehr schlecht erforscht, weil die Krankheit Männer üblicherweise nicht betrifft. Daran muss sich etwas ändern.
„Ich finde, kreative Arbeit darf nicht entwertet werden, nur weil Algorithmen Inhalte reproduzieren oder imitieren können.“
Neben persönlichen Erfahrungen geht es auf „What If“ auch um das Gemeinsame, das kollektive Dasein und Bewusstsein.
MAIIJA: Ich erzähle nie ausschließlich persönliche Geschichten, gesellschaftliche Aspekte spielen immer eine wichtige Rolle. Auf „What if“ beschäftigen sich die Songs mit Themen wie Klimawandel und Zukunftssorgen sowie der Bedeutung von Empathie, Solidarität und Widerstand in Zeiten multipler Krisen.
Du bist jetzt schon seit langer Zeit ein Teil der österreichischen Musikszene. Was hat sich in dieser Zeit alles verändert?
MAIIJA: Eine positive Entwicklung ist auf jeden Fall, dass heute nicht mehr fast ausschließlich Männer auf der Bühne stehen. In Bezug auf Sexismus stagniert die Entwicklung meiner Meinung nach allerdings – viele strukturelle Probleme bestehen nach wie vor. Meine Gefühle dazu habe ich im Song „Defy“ verarbeitet.
Auch in der Förderlandschaft sind Veränderungen spürbar. Kürzungen treffen vor allem jene, die ohnehin schon weniger abgesichert sind: Musiker*innen und kleine Veranstalter*innen. Das wirkt sich langfristig auf Vielfalt, Fairness und die Zukunft der Szene aus und bereitet mir Sorgen.
Wie nimmst du die Entwicklungen rund um die Thematik „AI in der Musik“ wahr?
MAIIJA: Schwierig, weil sich ohne klare rechtliche Regulierungen die ohnehin schon prekäre Lebenssituation von Musiker*innen weiter verschlechtern wird. Ich finde, kreative Arbeit darf nicht entwertet werden, nur weil Algorithmen Inhalte reproduzieren oder imitieren können. Neue Tools zu nutzen kann spannend sein, sollte aber nicht auf Kosten von Urheber*innen und individueller künstlerischer Arbeit gehen.
Du trittst auch heuer wieder viel live auf. Spielst du nach wie vor gerne live?
MAIIJA: Ja, Live-Auftritte sind für mich definitiv ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Ich bin immer noch vor jedem Konzert sehr aufgeregt und hadere oft mit mir selbst, aber die Momente, in denen man spürt, dass der Funke aufs Publikum überspringt, geben mir sehr viel Kraft.
Vielen Dank für das Gespräch!
Clemens Engert
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Live-Termine:
18.02.2026 – Albumpräsentation – Radiokulturhaus, Wien
04.03.2026 – solo (mit Naked Lunch) – Milla, München, Deutschland
05.03.2026 – solo (mit Naked Lunch) – Merlin, Stuttgart, Deutschland
13.03.2026 – solo (mit Filiah & Ulrich Ida Zeppelin) – Stadtwerkstatt, Linz
20.03.2026 – solo (mit Sodl) – Röda, Steyr
10.04.2026 – KiK, Ried
11.04.2026 – Pavlan, Lustenau
16.04.2026 – Kino im Kesselhaus, Krems
27.06.2026 – Kulturhof, Villach
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Links:
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Noise Appeal Records
