„Es ist einfach sehr spannend, wenn man so starke Musiker:innen und Persönlichkeiten aufeinandertreffen lässt.“ – NIKI DOLP (OPEN JAZZ VIENNA) im mica-Interview

Das OPEN JAZZ VIENNA setzt auch 2026 wieder auf neue musikalische Konstellationen und stilistische Offenheit. An zwei Abenden (18. und 19. Juni) spannt das Festival den Bogen von energiegeladenen Clubsounds bis hin zu intimen Duo-Konstellationen, in denen Künstler:innen erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Zwischen hypnotischen Klangexperimenten, jungen österreichischen Stimmen und international besetzten Projekten entsteht ein Programm, das Vielfalt nicht nur abbildet, sondern aktiv zusammenführt. Im Interview mit Michael Ternai spricht Niki Dolp, Teil des Kurator:innen-Teams, über die kommende Ausgabe des Festivals, warum diese diesmal im Sommer stattfindet und das Ziel, ein neues Publikum zu erreichen. [mica-music austria verlost für die Club Night am 18.6. im Wiener Flucc 2×2 Karten. Bei Interesse bitte eine E-Mail an office@musicaustria.at; Betreff: Open Jazz Vienna]

Ich habe dich bzw. euch beide – dich und Marina Zettl – schon beim ersten Mal interviewt. Damals stand das Open Jazz Festival noch kurz vor seiner Premiere. Es war ein Festival, das an verschiedenen, teils ungewöhnlichen Locations stattgefunden hat – unter anderem sogar in einem Fahrradgeschäft. Bereits im vergangenen Jahr habt ihr das Festival ein wenig anders gestaltet, und jetzt schon wieder. Diesmal dauert das Festival zwei Tage: Ein Abend findet im Flucc statt, mit bereits etablierten Acts, die zum Teil sogar neue Alben präsentieren, der zweite Abend mit Duokonzerten geht im Radiokulturhaus über die Bühne.

Niki Dolp: Im Grunde sind die beiden Festivaltage jetzt im Juni der zweite Teil der zweiten Ausgabe, die bereits im vergangenen November mit zwei Terminen begonnen hat. Aber wir haben viel seit dem Beginn 2024 konzeptionell mitgenommen, wie z.B. die „First Contact“-Reihe. Bei der Premiere ließen wir Vertreter:innen aus Lyrik und Musik aufeinandertreffen, die sich davor noch nicht gekannt hatten. Jetzt sind es Musikerinnen und Musiker, die zum ersten Mal aufeinandertreffen und gemeinsam ein Programm entwickeln. Die Reihe ist damals auf sehr positive Resonanz gestoßen.

Auch die Club Night ist eine Idee, die aus 2024 stammt. Sie fand diesmal schon im November im Club Lucia in den U-Bahn-Bögen statt, jetzt geht sie in der Flucc Wanne über die Bühne. Das Konzept des Fahrradgeschäfts waren im November ebenfalls dabei – allerdings nicht an einem fixen Ort, sondern im Rahmen eines Walking-Konzerts. Es war immer schon unser Wunsch, im Sinne der Vernetzung und des Austauschs Musik an andere Orte zu bringen, in den öffentlichen Raum, etwa in ein Radgeschäft oder Buchgeschäft.

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Bei der Juni-Ausgabe ist das diesmal nicht dabei, weil wir das bereits im November umgesetzt haben, wie auch einen Meet-up im Loft und eben auch das Public Walking-Konzert. Jetzt finden am 18. Juni im Flucc die Club Night und am 19. Juni im Radiokulturhaus die DUO NIGHT mit dem „First Contact“-Konzertabend statt.

Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass ihr mit der Veranstaltung jetzt in den Sommer geht? Warum liegt diesmal nur ein halbes Jahr zwischen den beiden Ausgaben?

Niki Dolp: Wir wollten ein bisschen aus dem November rauskommen, der, was Veranstaltungen in Wien betrifft, schon sehr dicht ist. Es gibt zum Beispiel den Vienna Jazz Floor oder das Kick Jazz Festival. Außerdem fand ja auch das Jazzfest Wien meistens im Juli statt. Wir wollen es jetzt einmal probieren und schauen, was passiert. Zudem sehen wir die jetzige Veranstaltung als Teil der zweiten Ausgabe.

Der November und jetzt der Juni sind für uns eigentlich eins. Wir kommen also mit anderen Veranstaltungen nicht so in die Quere. Und wir sind natürlich extrem froh darüber, dass das Festival auch einmal in einer wärmeren Jahreszeit stattfindet. Das erzeugt gleich eine ganz andere Stimmung, ein ganz anderes Flair. Und es sind in dieser Zeit auch ganz andere Musiker:innen unterwegs. Wir haben zum Beispiel mit Anatole Muster einen sehr, sehr spannenden Musiker aus Großbritannien dabei. Solche Leute sind manchmal auch leichter zu bekommen, wenn sie danach vielleicht noch ein zweites Festival spielen.

Bild des Open Jazz Kuratorinnen Teams: Thomas Mauerhofer, Marina Zettl, Niki Dolp (c) Pressefoto
Das Open Jazz Vienna Kuratorinnen Team: Thomas Mauerhofer, Marina Zettl, Niki Dolp © Pressefoto

Was sich seit dem Beginn nicht verändert hat, ist die sehr offene musikalische Ausrichtung und der Wille, immer auch etwas Neues zu präsentieren – was vor allem das „First Contact“-Format garantiert. Ihr beschränkt euch dabei diesmal aber nicht nur auf stilistische Offenheit, sondern denkt das Konzept auch generationsübergreifend, wie unter anderem die Konstellation von Elena Schäfer und Christian Bakanic zeigt. Wie seid ihr auf die aktuellen „First Contact“-Protagonist:innen gekommen?

Niki Dolp: Es ist eigentlich genauso, wie du sagst. Wir wollten ein bisschen andere Zusammenstellungen suchen und tatsächlich Generationen miteinander mischen. Wir hören und schauen uns viel um und lernen dabei immer wieder sehr spannende Musik kennen – vor allem in Österreich.

Und so haben wir auch Elena Schäfer entdeckt. Aber wir haben schon auch bei den vorigen Ausgaben versucht, junge Leute einzubinden. So hat im vergangenen November etwa Katatropic, eine totale Newcomer-Band, gespielt. Oder auch Pia Denz. Und das ist wichtig. Ich kann mich noch erinnern, wie es für mich als jungen Musiker damals war und welche Bedeutung es hatte, einmal bei einem Festival spielen zu dürfen – einfach die Möglichkeit zu bekommen, sich zu präsentieren oder neue Leute kennenzulernen. Das ist für jede und jeden großartig. Und das ist auch irgendwie die Idee dahinter.

Bild der Sängerin und Musikerin Elena Schäfer
Elena Schaefer © Dino Rekanovic

Und dann natürlich immer passend zur jeweiligen Location. Zum Beispiel Viola Hammer und Philipp Nykrin – zweimal Tasteninstrumente, das ist natürlich auch cool im Radiokulturhaus. Im Flucc wäre das unmöglich, weil es dort kein Klavier gibt.

Im Radiokulturhaus freuen uns wir auch sehr auf das Duo Muthspiel/Rom, die zwar sonst auch miteinander spielen, aber nicht in Duo Besetzung.

Den „First Contact“-Konstellationen bleibt also völlig frei, was sie machen?

Niki Dolp: Die dürfen beziehungsweise sollen machen, was sie wollen. Und das funktioniert wahnsinnig gut, wie man schon im November sehen konnte. Das waren extrem tolle Konzerte. Es ist einfach sehr spannend, wenn man so starke Musiker:innen und Persönlichkeiten aufeinandertreffen lässt. Ich bin selbst schon extrem gespannt darauf, was dabei entsteht. Und ein paar der Formationen die bei OPEN JAZZ VIENNA zum ersten Mal aufeinandertrafen gibt es inzwischen als fixe Formation, was uns natürlich sehr freut.

Ihr seid im Juni, wie schon vor zwei Jahren, wieder im Flucc. Nun ist das Flucc nicht unbedingt eine klassische Jazzlocation. Wie waren da eure Erfahrungen? Birgt es nicht immer auch ein gewisses Risiko, so weit weg von den etablierten Spielstätten zu buchen?

Niki Dolp: Ja, das bleibt bis fast zum letzten Moment immer recht spannend, weil die Bereitschaft, sich im Vorverkauf Tickets zu sichern, eher gering ist. Das heißt, wir sind natürlich schon noch angespannt, wie das werden wird. Aber wir sind guter Dinge. Das letzte Mal war es jedenfalls der Wahnsinn – eine superlässige Stimmung. Ich glaube schon, dass es immer ein größeres Risiko bleibt, als wenn man in etablierten Jazzlocations veranstaltet. Aber genau darum geht es uns eigentlich auch: einen Mehrwert zu schaffen. Wir sind davon überzeugt, dass an solche Orte zwar Leute kommen, die ohnehin auch Jazz hören, aber eben vielleicht auch Menschen, die sonst keinen Zugang zur Jazzmusik hätten.

Es passiert übers Jahr verteilt in Sachen Jazz in Wien doch einiges. Neben eurem Festival sind auch andere neu entstanden, zum Beispiel das Festival DE/SEMBLE. Inwieweit beobachtest du, dass mit diesen neuen Jazzfestivals auch ein neues, jüngeres Publikum kommt?

Niki Dolp: Ich würde sagen, dass es bei uns eine schöne Mischung ist. Natürlich kommen zu den Konzerten viele Jazzfans. Aber ich denke, die braucht man auch als Basis. Und von dort aus kann man versuchen, neue Gruppen zu erreichen. Wenn man jetzt wirklich anfangen würde, völlig ins Blaue hinein zu buchen, dann wäre das, glaube ich, wahnsinnig schwer. Aber im Flucc funktioniert es gut. Bei der Club Night waren beim letzten Mal sehr viele junge Leute da.

Aber wie ist das jetzt für dich? Du bist mit dem Festival ja zum ersten Mal auch auf die andere Seite gewechselt – nämlich in die Rolle des Veranstalters. Du, Marina Zettl und Thomas Mauerhofer seid jetzt praktisch die treibenden Kräfte hinter dem Ganzen. Was habt ihr in den letzten zwei, drei Jahren gelernt? Musste die Vision, mit der ihr gestartet seid, im Laufe der Zeit angepasst oder verändert werden?

Niki Dolp: Klar. Es gibt viele externe Faktoren und Vorgaben, mit denen wir anfangs so nicht gerechnet haben. Dieses Gefühl, man hat eine Finanzierung und kann jetzt einfach loslegen, gibt es in der Realität nicht wirklich. Es ist vieles ein Kompromiss. Aber ich glaube, das ist auch ganz normal.

Und es ist natürlich auch ein Politikum. Veranstalter zu sein, ist definitiv ein politischer Job. Es gibt viele Faktoren, die letztlich beeinflussen, warum Dinge so aussehen, wie sie dann aussehen. Genau das macht es aber auch spannend.

Bild otherMother
otherMother © André Symann

Im Grunde ist alles ein bisschen Verhandlungssache. Und damit meine ich auch ganz praktische Dinge: Wer ist überhaupt auf Tour? Wer hat Zeit? Wann weiß man überhaupt, ob man das Festival umsetzen kann? Ein Jahr vorher? Ein halbes Jahr vorher? Das verändert natürlich ständig die Voraussetzungen.

Dann kommen noch inhaltliche Überlegungen dazu – etwa, dass man generationenübergreifend arbeiten möchte. Und plötzlich wird es kompliziert. Es ist ein bisschen wie Tetris. Am Ende muss man einfach das Gefühl haben, dass alles zusammen dem entspricht, was man selbst spannend und gut findet.

Vielleicht zum Abschluss: Worauf freust du dich bei dieser Ausgabe ganz besonders?

Niki Dolp: Ganz speziell wird definitiv der Abend im Radiokulturhaus sein. Der wird höchstwahrscheinlich – oder eigentlich so gut wie sicher – nie wieder genau so stattfinden. Darauf freue ich mich mit großer Spannung.

Die Club Night wird heuer sicher auch wieder großartig, weil sie einen schönen Rahmen schafft, in dem österreichische Acts – zum Beispiel otherMother, die dort ihren Release feiern, oder Schmack feat. Sophie Andlinger – gemeinsam mit internationalen Gästen an einem Abend auf derselben Bühne stehen. Das passiert viel zu selten. Und genau solche Abende zu gestalten, gibt der österreichischen Szene meiner Meinung nach auch jenes Standing, das sie verdient.

Spannend wird auch Anatole Muster. Er hat noch nie in Österreich gespielt und ist ein extrem spezieller Akkordeonist, der viel mit dem Computer arbeitet. Er spielt auch auf seinem Laptop, als wäre es ein Akkordeon oder Keyboard. Ich bin sehr gespannt, wie die Mischung dieser drei Bands funktionieren wird. Das wird sicher ebenfalls ein sehr erfüllender Abend.

Ich freue mich eigentlich auf alles. Ich kann und will gar nichts wirklich herauspicken. Ich freue mich einfach auf die Abende als Gesamterlebnis.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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OPEN JAZZ VIENNA

18. Juni CLUBNIGHT @ FLUCC Wanne, Praterstern 5, 1010 Wien

  • ALBUM RELEASE: otherMother – Arthur Fussy – Modular Synthesizer; Jul Dillier – Keys; Judith Schwarz – Drums
  • Schmack feat. Sophia Andlinger – Vocals; Patrick Pillichshammer – Drums; Tobias Woehrer – Bass; Philipp Wohofsky – Keyboards; Andi Holler – Saxophone
  • ÖSTERREICH-PREMIERE: Anatole Muster – Accordion, Vocals; Hugo Piper – Bass; King Ike-Elechi – Drums

19. Juni DUO NIGHT @ RKH, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien 

  • FIRST CONTACT: Viola Hammer & Phil Nykrin – Piano / Keyboard
  • FIRST CONTACT: Elena Schäfer & Christian Bakanic – Vocals / Piano / Accordion
  • FIRST CONTACT: Mario Rom & Wolfgang Muthspiel – Trumpet / Guitar

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