Ernst Ritsch (c) Peter Kogoj

„Es gibt sehr viele paradoxe Situationen” – ERNST RITSCH (VIENNA MUSIC INSTITUTE) im mica-Interview

Das VIENNA MUSIC INSTITUTE (VMI) ist ein Privatkonservatorium mit Öffentlichkeitsrecht und Hochschullehrgängen für zeitgenössisches Musikschaffen. Dessen organisatorischer und künstlerischer Leiter ERNST RITSCH sprach mit Markus Deisenberger über die Möglichkeiten, die eine unabhängige private Bildungseinrichtung bietet, aber auch über die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat.

Seit wann gibt es das VMI?

VMI Logo

Ernst Ritsch: Seit genau zwanzig Jahren. 1999 haben wir begonnen – zuerst relativ klein und mit einzelnen Studiengängen zu speziellen Instrumenten. Heute bieten wir für alle Instrumente verschiedenste Studiengänge an, darunter auch einige, die es nur bei uns gibt, wie etwa Songwriting und Creative Musicianship. Auch Kompositionspädagogik, die mittlerweile auch an verschiedenen Universitäten angeboten wird, haben wir als erste Bildungseinrichtung in Österreich entwickelt und eingeführt. In diesem Jahr haben wir einen neuen Studiengang für elektronische Musik und Sound-Design ausgearbeitet, der ab dem nächsten Studienjahr angeboten werden soll.

Gründungen wie diese passieren meist aus einem Mangel heraus, weil es etwas, was sich die Gründerinnen und Gründer wünschen, nicht gibt. War es im Fall des VMI auch solch ein nicht gedeckter Bedarf, den man decken wollte?

Ernst Ritsch: Das kommt auch dazu, ja. Im Prinzip braucht es aber zunächst einmal einen gewissen Idealismus. Man hat eine bestimmte Vorstellung von etwas und diese verbindet sich mit den Erfahrungen, die man beim eigenen Studium gesammelt hat. Ich selbst bin nach meinem Studium der Jazzgitarre, das ich an der Kunstuniversität Graz bei Harry Pepl absolviert hatte, in die USA gegangen und habe mir dort verschiedene Bildungseinrichtungen angesehen. Als ich zurück nach Österreich kam, entwickelte sich bald die Idee, ein Musikinstitut zu gründen, das sich ausschließlich der Jazz- und Popmusik widmet –  etwas, was es bis zu diesem Zeitpunkt in Österreich noch nicht gab. Aber frei nach Rilke: Man pflückt eine Blume und weiß noch nicht, was daraus wird. Dann entwickelt sich das Ganze und manchmal entsteht daraus ein Blumenstrauß. Jetzt, zwanzig Jahre später, ist es tatsächlich ein großer Betrieb.

„Die Systeme in unserem Land sind ja so beschaffen, dass es einem als Privatinstitution nicht gerade leicht gemacht wird.”

Gibt es einen Punkt, an dem der Idealismus an seine Grenzen stößt?

Ernst Ritsch: Im Prinzip kann man sagen, dass das fast tagtäglich der Fall ist. Die Systeme in unserem Land sind ja so beschaffen, dass es einem als Privatinstitution nicht gerade leicht gemacht wird.

Inwiefern?

Ernst Ritsch: In verschiedenster Hinsicht. Vor allem aber, weil von politischer Seite kein Interesse besteht, private Institutionen entsprechend zu unterstützen. Dabei liegen die Vorteile klar auf der Hand: Während staatliche Bildungseinrichtungen dem Land natürlich sehr viel Geld kosten, um diese Studienplätze anbieten zu können, machen private Bildungseinrichtungen dasselbe praktisch kostenlos. Mehr noch: Sie kurbeln die Wirtschaft an, indem sie Arbeits- und Studienplätze schaffen, in den Ausbau ihrer Institute oder die Anschaffung von Equipment investieren, Abgabenzahlungen an Finanzämter leisten und Ähnliches mehr. Es wäre wünschenswert, wenn diese Faktoren von der Bildungspolitik auch gesehen und mehr wertgeschätzt werden würden. Denn gäbe es keine privaten Bildungsinstitutionen, müssten alle Studierenden auf staatliche Bildungseinrichtungen ausweichen, um studieren zu können. Das würde sich natürlich auf das Budget auswirken und wäre vermutlich gar nicht finanzierbar.

Das heißt, die Gesamtsituation ist unbefriedigend?

Ernst Ritsch: Ja. Es gibt sehr viele paradoxe Situationen: Auf der einen Seite fließt sehr viel Geld in staatliche Institutionen und deren Verwaltungsapparate, auf der anderen Seite wird es nie genug sein. Das ist auch der eigentliche Grund dafür, weshalb an staatlichen Musikinstituten bereits bei den Theorieprüfungen ausgefiltert wird. Würde man alle, die sich um einen kostenlosen Studienplatz bewerben, zum praktischen Prüfungsteil einladen, wäre nämlich auch das nicht finanzierbar. Das wären Events, die zeitlich gar nicht mehr abzuhandeln wären. Dabei ist das theoretische Wissen oftmals nur bedingt aussagekräftig, wenn es darum geht, das kreative Potenzial von jungen Menschen festzustellen.

In England geht man ganz anders an die Sache heran, da gibt es ein intelligentes Darlehenssystem: Dadurch können sich Studierende aussuchen, ob sie an einer staatlichen oder privaten Bildungseinrichtung studieren wollen, weil sie zuerst einmal, hier wie dort, gar nichts bezahlen. Später, wenn sie dann im Erwerbsleben stehen, werden die angefallenen Studiengebühren, ähnlich wie bei der Lohnsteuer oder den Sozialabgaben, vom monatlichen Gehalt in Abzug gebracht. Deshalb funktionieren in England das staatliche und das private Bildungssystem sehr gut nebeneinander. Dort hat man längst erkannt, welch positiven Beitrag private Bildungseinrichtungen für das Land leisten.

Bei uns gibt es aus meiner Erfahrung heraus überhaupt kein Interesse, sich mit einer privaten Bildungsinstitution, die völlig auf sich gestellt ist und keinen Cent bekommt, auseinanderzusetzen. Weder bei der Politik noch bei den Behörden.

Sie bekommen wirklich keinen Cent vom Staat?

Ernst Ritsch: Keinen Cent, keine Unterstützung, kein Interesse, keine Kontaktaufnahme. Kein gar nichts.

Von Ihrer Seite, nehme ich jetzt an, wurde hingegen der Versuch gestartet, Kontakt mit der Politik aufzunehmen?

Ernst Ritsch: Ja, klar. Da wird man dann mit dem Satz, man unterstütze bereits die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, freundlich hinauskomplimentiert. Die MUK stellt auch so ein Paradoxon dar, weil sie ja in Wirklichkeit gar nicht privat ist, sondern mit öffentlichen Mitteln finanziert wird.

Eine der Hauptforderungen der Initiative „mitderstadtreden.at“ ist es, in der Kulturförderung ein System der Evaluierung einzuführen. Sonst werde das Geld immer nur unter jenen verteilt, die schon Geld bekommen, so die Protagonistinnen und Protagonisten, während sich neue Projekte, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen, schwertäten. Wäre so eine Evaluierung etwas, was Sie auch befürworten würden?

Ernst Ritsch: Absolut. Ich war auch bei Sitzungen der Initiative dabei. Da war es ein wenig problematisch, dass natürlich vorwiegend über die freie Musikszene geredet wurde und es als Problem erachtet wurde, jetzt auch noch die Bildungseinrichtungen reinzunehmen. Aber das ist an sich eine gute Sache. In Wirklichkeit sind die Personen, die bei uns ausgebildet werden, ja die nächste Generation an Musikerinnen und Musikern …

… die vielleicht auch in der freien Szene landen.

Ernst Ritsch: Die während des Studiums bereits in der freien Szene aktiv sind. Somit betrifft es genau jene Personen, über deren Zukunft in diesen Belangen heute geredet und entschieden wird. Die Musikszene ist ja völlig im Umbruch. Möchte man den Anschluss an die besten Ausbildungsformen im musikalischen Bereich nicht verlieren, darf man daher nicht nur am Status quo festhalten. Das klassische Musikstudium, wie ich es noch absolviert habe – das heißt, man lernt ein Instrument und versucht, möglichst virtuos zu spielen –, ist bis zu einem gewissen Grad überholt. Heutzutage geht es vermehrt auch um Songwriting, Musikproduktion, Musikwirtschaft, Selbstmanagement und Ähnliches.

„Die Musikszene ist ja völlig im Umbruch.”

Wir haben eine ganze Reihe von internationalen Partneruniversitäten, mit denen wir zum Teil in sehr engem Kontakt stehen. Da lässt sich zum Beispiel beobachten, dass man in Italien erst jetzt beginnt, die Popmusik in die Musikausbildung auf tertiärer Ebene zu integrieren, während gleichzeitig rückläufige Studierendenzahlen bei der Klassik festzustellen sind. In den USA und in Großbritannien wiederum hat man längst auf die Umbrüche in der Musikbranche reagiert und neue, innovative Bildungswege geöffnet.

Ein von Ihnen angebotener Lehrgang heißt „Creative Musicianship“ . Was genau ist das?

Ernst Ritsch: Das ist ein Kreativstudium mit übergreifenden Bereichen. Das heißt, die Ausbildung verbindet künstlerisch-musikalische Ausbildungsformen mit anderen Kreativitätsbereichen. Dazu zählt beispielsweise die projektorientierte Zusammenarbeit mit Songwriterinnen und Songwritern, Performance-Künstlerinnen und -Künstlern, Schauspielerinnen und Schauspielern, Tänzerinnen und Tänzern, Filmemacherinnen und Filmemachern, Musikproduzentinnen und -produzenten usw. Es ist eine Auseinandersetzung mit verschiedensten Sparten, die notwendig ist, um heutzutage in der Musikszene Fuß zu fassen.

Kann man die als Künstlerin bzw. Künstler überhaupt alle abdecken?

Ernst Ritsch: Nein, die kann man natürlich nicht alle abdecken, aber man kann Synergien nutzen und ein tieferes Verständnis von anderen Bereichen bekommen, um so neue, spannende Kunst zu schaffen. Damit ist es möglich, sich übergreifend zwischen den einzelnen Sparten zu bewegen, um bestenfalls sein eigenes kreatives Betätigungsfeld zu finden. Das ist ein wichtiger Aspekt: Wie arbeite ich mit Produzentinnen und Produzenten oder Tänzerinnen und Tänzern zusammen, wie dringe ich in neue Bereiche vor, wie agiere ich interdisziplinär etc.?

Das heißt, man schafft Anschlussstellen.

Ernst Ritsch: Genau. Zu anderen Leuten, anderen Projekten. Wir haben etwa Projekte mit Tänzerinnen und Tänzern, Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Poetry-Slammern organisiert. Das sind spannende Dinge, bei denen klassische Songwriterinnen und Songwriter zum Beispiel entdecken können, dass man auch anders ans Texten herangehen kann oder es bis dahin ungeahnte Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt. Daraus ergeben sich ganz neue Betätigungsfelder.

Sie haben bekannte Vortragende: Oliver Steger, Clemens Salesny, Chanda Rule. Wie kommen Sie zu denen?

Ernst Ritsch: In der Regel bewerben sich die Lehrenden. Wir sind stolz darauf, ein kompetentes, internationales Team zu haben. In unserem Team haben wir Dozentinnen und Dozenten, die zum Teil seit zwanzig Jahren am VMI unterrichten und mitunter wesentlich an den Entwicklungen der letzten Jahre beteiligt waren. Andererseits wiederum bringen Neuzugänge, wie zum Beispiel die aus den USA stammende Gisele Jackson frischen Spirit und Input in die VMI-Community.

Wie alt sind Ihre Studierenden im Schnitt?

Ernst Ritsch: Die Tendenz ist, dass sie immer jünger werden. Im Prinzip kommen die meisten nach der Matura zu uns. Zum Teil haben sie vorher schon eine andere Ausbildung gemacht, woanders reingeschnuppert und sich dann doch für die Musik entschieden. Das ist eine Gruppe, die dann schon ein bisschen älter ist. Im Schnitt sind die Studierenden aber zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahre alt.

Sie bieten sehr viele verschiedene Studienrichtungen an. Ich kann am VMI Bass lernen, aber auch Songwriting etc. Wie lang dauern die Studien und sind sie zertifiziert?

Ernst Ritsch: Die Studiengänge sind staatlich anerkannt und dauern zwischen sechs und acht Semestern. Nach der Absolvierung eines Studiums am VMI können die Absolventinnen und Absolventen direkt ins Masterstudium eintreten. Hierzu bieten wir verschiedene Möglichkeiten in Kooperation mit unseren internationalen Partnerschulen an. Grundsätzlich können unsere Absolventinnen und Absolventen aber natürlich auch an jeder anderen Universität ein Masterstudium absolvieren.

Außerdem nehmen wir auch am Erasmus-Programm teil. Ermöglicht wird dies durch die Verleihung der Erasmus-Charta durch die Europäische Kommission, die bestätigt hat, dass das VMI alle Erfordernisse der modernen Hochschulbildung erfüllt. So entsenden wir jedes Semester Studierende an verschiedene europäische Partneruniversitäten und empfangen im Gegenzug Gaststudierende, die ein oder zwei Erasmus-Semester bei uns studieren. Im Rahmen von „Erasmus+“ bieten sich aber auch für unsere Dozentinnen und Dozenten interessante Möglichkeiten zur Weiterbildung und zum Austausch mit internationalen Kolleginnen und Kollegen.

„Wir finanzieren uns ausschließlich über Studiengebühren, und das seit zwanzig Jahren.”

Kommen wir noch einmal zur Finanzierung: Wenn Sie keinen Cent an staatlicher Unterstützung bekommen, wie finanzieren Sie die Studiengänge?

Ernst Ritsch: Wir finanzieren uns ausschließlich über Studiengebühren, und das seit zwanzig Jahren. Die Studierenden zahlen zwischen 250 und 450 Euro pro Monat. Das ist im internationalen Vergleich noch relativ günstig. An privaten Institutionen können es schon einmal zwischen 600 und 700 Euro pro Monat werden.

Geht sich das gut aus oder ist es schwierig?

Ernst Ritsch: Es ist schwierig, weil wir die Gebühren möglichst gering halten möchten, damit sich die Studierenden das überhaupt leisten können. Diese können natürlich auch um Studienförderung ansuchen, wissen aber im Vorhinein nicht, ob sie die auch bekommen. Unser System läuft ja so, dass man zuerst einmal inskribiert und danach um Studienförderung ansucht. Es kann auch sein, dass man im ersten Jahr eine Studienförderung bekommt, im darauffolgenden Jahr aber nicht mehr, weil die Eltern vielleicht mehr verdienen. Eine schwierige Situation für die jungen Leute. Wir versuchen also mit aller Kraft, die Gebühren so gering wie möglich zu halten, damit sich die Studierenden das Studium durchgehend leisten können und den Studiengang nicht unterbrechen müssen, um durch Arbeit zu zusätzlichem Geld zu kommen. Das macht die Situation schwierig.

Lohnkosten, Lohnnebenkosten, Mieten – das alles muss durch Studiengebühren getragen werden. Wenn wir zum Beispiel ein neues Studio einrichten wollen, müssen wir schauen, wie wir das mit den Mitteln, die der laufende Betrieb übrig lässt, bewerkstelligen können.

Gibt es Zusammenarbeit mit staatlichen Einrichtungen?

Ernst Ritsch: Da würde ich mir das wünschen, was Stadtrat Oxonitsch im Jahr 2012, wenn ich mich recht erinnere, propagierte: den Zusammenschluss staatlicher und privater Bildungseinrichtungen. Das wäre etwas, was sehr viel Sinn machen würde. Es ist ja gar nicht unser Anliegen, in Konkurrenz zu staatlichen Bildungseinrichtungen zu stehen. Im Gegenteil: Es gibt sehr viele Überschneidungen, wo man sehr gut zusammenarbeiten könnte, wie zum Beispiel im Bereich der Pädagogikausbildung. Im Zuge dieser Ausbildung sind auch Hospitationen zu absolvieren. Um die Praxisorientierung zu fördern, sind wir irgendwann dazu übergegangen, die Studierenden direkt an Musikschulen hospitieren zu lassen. Das funktioniert auch in den Bundesländern sehr gut, nur in Wien werden wir immer wieder damit konfrontiert, dass wir für die Hospitationsstunden unserer Studierenden zahlen sollen, weil auch die MUK etwas zahlt.

Aber das ist ja eine staatliche Bildungseinrichtung, die auch Geld dafür bekommt.

Ernst Ritsch: Genau, das ist einfach eine Umverteilung. Bei uns würde dieses Geld aber aus den Studiengebühren kommen, also aus der Tasche der Studierenden, die somit für ihre Hospitationsstunden bezahlen müssten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 Markus Deisenberger

Links:
VMI – Vienna Music Insitute (Website)
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