
Georg Friedrich Haas jedenfalls sieht in Mozarts Eintragungen eine „wahre Fundgrube“. Doch der Werktitel verrät mehr, nämlich dass die Musik von Haas sich tatsächlich auf Mozarts Rondo bezieht, genauer, auf die Struktur seines achttaktigen Hauptthemas, das im Werk auch von den Violinen und dann wiederum vom Horn zitiert wird. Abgesehen von der Verehrung, die Mozart wohl von den meisten Komponisten nach ihm auch heute genießt, gibt es im Stil bei Haas durchaus eine Parallele zu einer Musik, die bei Kompositionen und Themen für das Horn vor der Entwicklung des modernen Ventilhorns einzig Töne aus der Naturtonreihe verwendete. In der intensiven Arbeit mit Obertonkonstellationen (spätestens seit „in vain“) erforschte der Komponist immer wieder den Klang als Komplex von schillernden Zwischenwerten.
In Salzburg waren seine Werke vielfach zu hören – erste Aufführungen gab es bei den Aspekte-Festivals in den 1980er Jahren, Markus Hinterhäuser hat Stücke von Haas vielfach aufs Programm gesetzt und er war es auch, der als Jurysprecher bei der Verleihung des Salzburger Musikpreises 2013 als ein wesentliches Kriterium für die Verleihung an ihn die Vielseitigkeit von Georg Friedrich Haas würdigte. Die Preisverleihung wird im März 2013 im Rahmen der Salzburg Biennale stattfinden.
Die hochkarätige Jury, die aktuell aus Markus Hinterhäuser, Claus Spahn und Pierre Laurent Aimard besteht, begründete ihre Entscheidung folgendermaßen: „Georg Friedrich Haas gehört heute zu den unverwechselbaren Persönlichkeiten unter den Komponisten der Gegenwart. Unabhängig von allen kompositorischen Moden hat er sich – menschlich still und künstlerisch unbeirrbar – über die Jahrzehnte seines Schaffens hinweg eine herausragende künstlerische Eigenständigkeit erarbeitet. (…) Seine Musik bewegt sich seitdem abseits der tradierten kompositorischen Pfade, ist hochelaboriert – und bleibt trotzdem für den Hörer auf unmittelbare Weise erfahrbar.“
Mit Mozart in einem Atemzug genannt zu werden, das hält der Preisträger selbst für überzogen. Doch im Anspruch, den er an Kunst stellt, wollte Haas durchaus Verbindungen zu Mozart gelten lassen: „Dass Kunst etwas ist, das immer wieder von Neuem geschaffen wird und von Neuem an die Grenzen gehen muss, und dass das ein Bestandteil des öffentlichen Interesses ist, das halte ich für sehr wertvoll“.
Mozart tat dies sicherlich auch, als er in Wien in seinen Lebensjahren gar nicht mehr so angesehen und gefragt war. Die vorletzte Mozart-Matinee mit dem Mozarteum Orchester Salzburg stand unter der Leitung des großen Michael Gielen, an den man auch dachte, als man in den Tagen zuvor Bernd Alois Zimmermanns einzige Oper in der Felsenreitschule erlebte, Michael Gielen war 1965 der Dirigent der Uraufführung von „Die Soldaten“in Frankfurt und einer seiner Assistenten hieß – Ingo Metzmacher. Gielen dirigierte zwei von Mozarts drei großen letzten Symphonien (die Es-Dur KV 543und die g-moll KV 550), die dieser in nur einigen Wochen zwischen Ende Juni und Anfang August 1787 in Wien komponiert hatte. Sie stehen übrigens in den gleichen Tonarten wie die drei ersten Pariser Symphonien Haydns, deren Partituren wenige Monate zuvor beim Wiener Verlag Artaria erschienen sind (C, g und Es). Er dirigierte auch, in Korrespondenz zum Werk von Haas, das Konzert für Horn und Orchester in D-Dur KV 412, das, wie man heute zu wissen glaubt, vermutlich erst im März 1791, also im letzten Lebensjahr Mozarts komponiert wurde. Als Konzert ist es nicht „vollständig“, sondern besteht aus zwei unabhängigen Konzertsätzen in Allegro- bzw. Rondoform. Das Schlussrondo enthält die komplette Hornstimme, doch die Streicherbegleitung ist nur bis Takt 40 niedergeschrieben, vermutlich wurde sie von dem Mozartschüler Franz Xaver Süßmayr eigenmächtig fertig komponiert (was man teilweise merkt). Jedenfalls ist die Hornstimme beider Sätze wunderbar virtuos, beide Sätze hat Mozart für den gleichen Hornisten geschrieben, der bereits die drei vorangegangenen Konzerte angeregt hatte. Joseph Leutgeb, der etliche Jahre lang in der Salzburger Hofkapelle wirkte, war Mozart schon seit seiner Kindheit in Salzburg bekannt, er zählte zu seiner Zeit zu den führenden Virtuosen des Instruments.
A te, bestia – oh, che stonatura (Für dich, Bestie – oh, welche Schinderei)
Wir wollen den Lesern der Musiknachrichten die Bemerkungen Mozarts in der Partitur, die im Programmheft abgedruckt sind, zumindest auszugsweise nicht vorenthalten. Die „Schinderei“ ist auch selbstironisch gemeint, es ist eine Arbeit, das Komponieren. Doch hauptsächlich ist es eine scherzhafte Anweisung für den Interpreten, er möge sich plagen: „Adagio – à lei Signor Asino (Herr Esel) … Corragio – e finisci gia? (schon fertig
?) … ah, che mi fa ridere – ajuto! respira un poco!, avanti, avanti … Ah Porco infame – oh come sei grazioso … ma intoni almeno una, Cazzo (so spiel doch wenigstens eine Note sauber, Schwanz…) …bravo, eviva! – e vieni seccarmi per la quarta (und kommst mich zum vierten Mal zu plagen), e Dio sia bendetto, per l’ultima volta –ah termina, ti prego (hör auf,ich bitte dich), anche bravura? bravo! Ah, trillo da beccone (nochmals Bravour? Bravo, oh, Bockstriller). Finisci? (fertig?) Grazia al ciel! – basta, basta.“ Solo-Solist war in Salzburg der Ungar Zoltán Mácsai.
Die Haas-Uraufführung dirigierte, wiewohl ausgewiesener Spezialist für Neue Musik, nicht Michael Gielen. Er überließ die Leitung des Mozarteumsorchesters dem Schweizer Titus Engel, der ebenfalls häufig bei führenden Ensembles für zeitgenössische Musik gastiert. Das Stück beginnt mit hellen Trillerfiguren der geteilten Violinen, zu denen allmählich auch die tiefen Streicher hinzutreten, aus diesem Klanggespinst kristallieren sich die Naturtonakkorde heraus, nach einem plötzlichen „Abreißen“ spielen nur die tiefen Stimmen leise, darüber schält sich das Thema des Mozart-Rondo heraus, angeführt vom ersten Horn. Es kommt immer mehr zur „Eintrübungen“, es beginnen Glissandi, immer mehr in die Höhe geschraubt und schließlich leise erlöschend.
Eine sehr kurze Komposition, wie immer bei Haas, wunderbar zu verfolgen, zu hören und alles andere als „schwer fasslich“, von einer Dramaturgie des Klanges erfüllt, die sich dem Hörer ganz unmittelbar und vor allem nonverbal erschließt. Viel Applaus beim Matineepublikum. Heinz Rögl
Georg Friedrich Haas: Astrid Ackermann