„EIGENE PROJEKTE BRAUCHEN ZEIT, UM ZU ATMEN.“ ‒ INA REBHANDL UND WINFRIED FADERL (INALIED) IM MICA-INTERVIEW

Die Musikerin und ehemalige Szenenbildnerin für Film INA REBHANDL lebt seit vier Jahren wieder in ihrer Geburtsstadt Steyr in Oberösterreich. Mit dem Studienkollegen (am VMI, Vienna Music Institute) und Steyrer WINFRIED FADERL (aktuell auch am Durchstarten mit der Band UNTERHIMMEL) hat INA REBHANDL sich zu dem Singer/Songwriterprojekt INALIED fusioniert. Im Dezember 2024 erschien nun die Debüt-EP „I siag di“. Michael Franz Woels hat das gesehen und die beiden in ihrer Heimatstadt auf ein Gespräch über künstlerische Freiheit bei der Anwendung von Redewendungen, über die Atemzeit von eigenen Projekten und den Eichenprozessionsspinner als Protestsong-Character gesprochen.

inalied ist ein neues Dialekt-Duo aus Oberösterreich. Ich war erstaunt, da ich dich Ina davor vor allem als Funk- und Soulsängerin – unter anderem in der Band BYRD – wahrgenommen habe. Du hast ja auch zum Beispiel mit Gisele Jackson gearbeitet, was hat dich nun textlich zur Mundart geführt?

Ina Rebhandl:
Winfried und ich haben gemeinsam in Wien studiert. Mein Lehrer in Wien war Willi Landl, der ja bekanntlich auch deutsche Texte schreibt und singt. Er hat mich auf ein Album von Hildegard Knef aufmerksam gemacht, auf dem sie Songs von Cole Porter ins Deutsche übersetzt. Ich fand diese Übersetzungen sehr pointiert und facettenreich, das hat mich inspiriert und vom Funk-Power-House weggeführt. So habe ich ausprobiert, welche Texte ich auf Deutsch schreiben könnte und mich langsam mit der Mundart als Songsprache angefreundet. Die Themenkreise mögen den englischen Texten, die ich davor gesungen habe, ähnlich sein. Aber ich kann meine eigenen Gefühle dadurch vertiefen und besser nuancieren. Ich kann Eigenheiten und Abstufungen von Dialekt-Wörtern verwenden, ein Beispiel wäre die Redensart: “Olle Dam laung”. Diese Redewendung kannte ich von meinem Opa.

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Winfried Faderl: Es ist eine unmittelbare Sprache, nicht so zerdacht und verkopft, eine Sprache, mit der man aufgewachsen ist und die man aus seiner Kindheit kennt.

„WORAUF ICH ZUM BEISPIEL WENIGER WERT LEGE IST DER REIM. ICH FÜHLE MICH SELBSTSICHER GENUG IN MEINER SPRACHE, UND MUSS DARAUF NICHT ZURÜCKGREIFEN.“

Ich habe von der Theorie gehört, dass der Dialekt mit seinen kurzen lautmalerischen Wörtern sich als eine Art von Arbeitssprache entwickelt hat, um schnell Kommandos oder ähnliches zu kommunizieren. Der Dialekt scheint somit auch ideal als effektive und emotionale “Arbeitssprache” in der Musik zu sein …

Ina Rebhandl:
Da ich nun wieder nach Steyr zurückgezogen bin, habe ich wieder zu dieser „Heimatsprache“ gefunden. In Wien ‒ und dort vor allem im Bereich von Filmproduktionen ‒ habe ich viel mit Menschen ‒ auch aus Deutschland ‒ zusammengearbeitet und mich darauf auch sprachlich eingestellt. Worauf ich zum Beispiel weniger Wert lege in meinen Liedern ist der Reim. Ich fühle mich selbstsicher genug in “meiner” Sprache, und muss darauf nicht zwingend zurückgreifen.

Wie ist dein Zugang, wie sind deine Hörgewohnheiten in Bezug auf Musik mit deutschen oder dialektalen Texten?

Winfried Faderl:
Ich höre verhältnismäßig wenig Musik in dieser Richtung, bezogen auf das Kontingent an Musik, dass ich insgesamt höre. Da ist dieses Genre eher in der Unterzahl. Aber in anderen Projekten, für die ich Texte schreibe, mache ich das auch eher in Mundart und kann diesen Zugang von Ina sehr gut nachvollziehen. Es fällt mir auch leichter.

Ist die Verständlichkeit dadurch nicht sehr regional begrenzt?

Winfried Faderl:
Das war gar nicht unser Anspruch, etwas Regionales, Lokalkoloritiges zu entwickeln. Das ist intuitiv so entstanden …

Ina Rebhandl: … und ich weiß gar nicht, ob es das wirklich ist. Es kann schon sein, dass man die Texte Wort für Wort nur wirklich dann versteht, wenn man hier aufgewachsen ist. Und ich glaub, dass ich manche Wörter oder Redewendungen auch falsch verwende, weil sie in meinem Kopf etwas anderes bedeuten.

Also auch eine gewisse “Kunstsprache”?

Ina Rebhandl:
Ja, wie der „Nuschelrock“ von Ariel Oehl – wie er ihn selbst bezeichnet – oder zum Beispiel auch die Phantasiesprache von Bon Iver. Die Message der Musik wird über das Gefühl transportiert, und da muss nicht jedes Wort verständlich sein.

Winfried Faderl: Ich traue mich dann nicht nachfragen, ob ich etwas richtig verstanden habe oder ob etwas so wirklich richtig verwendet wird (lacht).

Ina Rebhandl: Ein ganz neuer Song ist sogar auf Hochdeutsch passiert, als ich in einem Gedichtband geschmökert habe. Mir sind dann ein paar Wörter “entgegengesprungen”, und rund um diese Wörter habe ich dann unter Zuhilfenahme der Gitarre einen Song gebaut. Diesen dann wieder in Mundart rück zu überführen wäre vielleicht auch ein seltsamer und unnötiger sprachtechnischer Spagat. Musiker:innen sind ja generell müde von den Schubladisierungen. “Des muass ma si a ned duan lossn.” (Anm.: „Das muss man sich auch nicht gefallen lassen.“)

Wo ist da der Dialekt-Duden, wenn man ihn braucht (lacht)?

Winfried Faderl:
Es geht einfach darum, ob es sich richtig anfühlt, ob ein Song in diesem “Feel” entstanden ist.

Der Titel “Vom Zaudern und Zweifeln” hebt sich ja auch schon ab von den anderen Dialekt-Titeln der EP. Worauf bezieht sich dieser Titel?

Ina Rebhandl:
Es ist ein Lied über den Prozess des Musikmachens. Es war das erste Lied, dass entstanden ist in einer Phase, als ich auf das Zu-Bruch-Gehen eines größeren Bandprojektes, der Funkband BYRD, eine Antwort gesucht habe. Ich wollte alleine weiter machen, aber zum Glück ist mir Winni “in die Tür gelaufen”.

„ICH WAR AUF DER SUCHE NACH DEM, WAS MIR – UNABHÄNGIG DAVON, WAS MIR STIMMLICH ENTSPRICHT – LIEGT, UND SO FAND ICH DAS ERZÄHLEN VON KURZGESCHICHTEN IN FORM EINES LIEDES INTERESSANT.“

Jetzt kommt aber gleich die Sprüche-Polizei ‒ neben der Jazz-Polizei sehr gefürchtet ‒ und spricht eine erste Verwarnung aus. Ich glaube, du hast diese Redewendung nicht korrekt angewendet … (lacht).

Ina Rebhandl:
Zurück zum Lied. Der schwere Beginn wird thematisiert. Ich war auf der Suche nach dem, was mir ‒ unabhängig davon, was mir stimmlich entspricht ‒ liegt, und so fand ich das Erzählen von Kurzgeschichten in Form eines Liedes interessant. Es geht um das Sich-Trauen, etwas zu präsentieren und fertigzustellen. Es gab schon viele Baustellen und -steine, aber ich war noch nicht zufrieden. Es hat dann Winni gebraucht, um diese Teile zu fertigen Liedern zu machen.

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Stephan Mastnak, David Eibl und Ida Leidl, die Studiomusiker:innen für eure EP „I siag di“, sind auch alle aus der Region?

Winfried Faderl:
Unser Produzent Mathias Eidenberger hat auf ein großes Netzwerk Zugriff und uns bezüglich der Arrangements geholfen, die Leute auszuwählen.

Ina Rebhandl: Willi Landl hat mir Mathias Eidenberger empfohlen; und ich habe ihn daraufhin angerufen und war sehr aufgeregt, als ich ihm die vorproduzierten Demos geschickt habe.

Winfried Faderl: Gestartet ist das gemeinsame Musizieren eigentlich mit dem Stück “Der Eichenprozessionsspinner”.

Ina Rebhandl: Diesen Song haben wir 2023 zum FM4 Protestsong-Contest eingereicht ‒ leider ohne Erfolg. Das Produzieren mit Mathias Eidenberger hat Spaß gemacht und so haben wir uns entschlossen, eine gesamte EP zu machen.

Du hast ja schon dein Leben in der Filmbranche ein bisschen angerissen. Was ich weiß, du bist ja eigentlich auch eine Architektin?

Ina Rebhandl:
Ja, in meinem früheren Leben (lacht) habe ich Architektur studiert und auch abgeschlossen und sieben Jahre lang als Szenenbildnerin bzw. -assistentin beim Film gearbeitet. Dieser Job war sehr zeitabsorbierend und das Bandprojekt, das ich nebenbei betrieb, hat darunter gelitten. Aber erst in Graz bei meinem Studium der Architektur habe ich Mitmusiker entdeckt, mit denen ich eine Band gründen konnte. Von da an war ich immer musikalisch aktiv. Beim Arbeiten für diverse Filme ist diese Leidenschaft etwas untergegangen und erst mit 30 Jahren habe ich beschlossen, mich ausschließlicher der Musik zu widmen und die Aufnahmeprüfung am VMI (Vienna Music Institute) in Wien zu machen. Seit zwei Jahren unterrichte ich nun in der Musikschule Faderl und arbeite auch am Kulturamt in Steyr.

Wie sieht es mit deinen Stand- und Spielbeinen aus?

Winfried Faderl:
Bei mir ist das auch aufgeteilt. Einerseits studiere ich noch am VMI, unterrichte aber auch gleichzeitig schon Gitarre und Klavier in Steyr und St. Pölten. Mit meiner Schwester habe ich ein künstlerisches Projekt mit dem Namen Unterhimmel, benannt nach einem Ort in Steyr. Letztes Jahr war ich auch bei Fräulein Peter Live-Gitarrist. Ein Vorsatz für das heurige Jahr ist ein überlegteres Herangehen an Projekte. Ich habe das letztes Jahr eher so empfunden: Wenn man sich „alles auf den Teller legt“, dann bleibt nicht viel Zeit. Ich möchte für weniger Projekte mehr Zeit und Energie haben.

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Ina Rebhandl: Eigene Projekte brauchen Zeit, um zu atmen. Man kann schnell einmal einen Cover-Gig als Subsitut:in einschieben, aber das Schreiben von eigenen Liedern funktioniert nicht jeden Tag gleich. Und die Zeit muss man sich auch geben und nehmen.

Ich finde die fünf Songs sehr persönlich, weniger allgemein gesellschaftskritisch. Deshalb finde ich diesen Initiations-Song für den FM4-Protestsongcontest als Startpunkt interessant, magst du über diesen Song noch etwas erzählen?

EP-Cover I Siag Di
EP-Cover “I Siag Di”

Ina Rebhandl: Im Song “Der Eichenprozessionsspinner” geht es um die Raupen eines Nachtfalters, die einen Baum befallen und diesen in letzter Konsequenz auch umbringen. Ihre kleinen Nesselhärchen können bei Menschen schwere Hautausschläge verursachen. Irgendwie haben diese Raupen, wenn sie den Baumstamm hinaufkrabbeln, etwas sehr martialisches und soldatenhaftes und  diese Szenerie hat mich an eine Kriegssituation erinnert. Ich habe in diesen Song meinen ganzen Frust über EU-Außengrenzen und die sogenannte “Festung Europa” hineingepackt.

Ein Lied auf der EP trägt den Titel “I mog di ned” und ist all jenen Männern gewidmet, die Frauen nicht ernst nehmen und von der Seite her belehren. In der sehr maskulin-besetzten Filmbranche bin ich damit konfrontiert worden ‒ gar nicht so sehr von Kollegen ‒ sondern oft auch von außen, im Sinne von: “Warum misst jetzt gerade diese Frau den Raum aus, das ist doch ein Männerjob”. Und diese Alltagsfiesheiten habe ich thematisiert.

„WIR KOMMEN ALSO IMMER WIEDER AUF DEN KATEGORISCHEN IMPERATIV ZURÜCK …“

Winfried Faderl: Auch wenn es jetzt in dem Song sehr persönlich wirkt …

Ina Rebhandl: … ist es in letzter Konsequenz politisch, weil es ja nicht nur mich betrifft. Ich finde, man muss darüber reden. Da fällt mir ein, ich arbeite schon länger an einem Song, der den Titel trägt “Man darf heutzutage gar nichts mehr sagen”. Ich bekomme diesen gewissen “Fingerzeig” aus dem Song nicht raus und muss daran noch weiterfeilen. Denn dafür, dass man(n) ja heutzutage scheinbar gar nichts mehr sagen darf ‒ im Hinblick auf die “feministische Überempfindlichkeit” ‒ wird im Zwischenmenschlichen noch sehr viel “Ungutes” gesagt.

Winfried Faderl: Wir kommen also immer wieder auf den kategorischen Imperativ zurück …

Wie kann man sich generell die Arbeitsaufteilung zwischen euch beiden vorstellen?

Winfried Faderl:
Der Text ist eher das Metier von Ina. Die Harmonien und Akkordfolgen sind so eher meine Rubrik. Natürlich immer im Austausch …

Ina Rebhandl: Ich bin bis jetzt meist mit einem harmonischen Grundgerüst zu Winni gegangen und er hat dann „reingezoomt“ und das Ganze kleinteiliger bearbeitet. Lustigerweise hat Mathias dann im Studio die Stücke oft wieder etwas vereinfacht, im Sinne von “Pausen sind auch Musik“.

Winfried Faderl: Da ich die “Sprache des Jazz” gerade neu auf der Uni gelernt hatte, wollte ich das anscheinend ‒ bewusst wie auch unbewusst ‒ gleich anwenden. Man darf dann nicht zu verliebt in die eigenen Ideen sein und muss auch andere Meinungen zulassen und den Mut zum Weglassen aufbringen. Unser Dreiergespann beim Arrangieren der Songs hat gut funktioniert, jede Meinung hat Platz gefunden.

Ina Rebhandl: Ich empfinde es auch nicht unbedingt als Kompromiss, sondern die Essenz der Lieder kommt dadurch am besten raus. Diesen Austausch empfand ich als großes Glück.

„DIESES VORSTELLUNGSVERMÖGEN UND DIESES ZU-BILD-BRINGEN KANN MAN VIELLEICHT ALS ANALOGIE ZUM MUSIKSCHREIBEN VERWENDEN.“

Sind die Songs eigentlich “in einem Rutsch” entstanden?

Winfried Faderl:
Nein, sie sind über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden. Generell schon in der Vorproduktion, so Step-by-Step. Letztes Jahr im Februar sind wir dann das erste Mal im Studio gestanden, und die anderen Songs sind über mehrere Monate hinweg in weiteren Sessions fertiggestellt worden. Somit kann man nicht von einem Guss sprechen, und im Aufnahmeprozess sind auch viele neue Arrangement-Ideen dazugekommen, die wir gemeinsam ausgearbeitet haben.

Ina Rebhandl: Dafür war es gut, uns Zeit zu geben.

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Gibt es eigentlich einen Lerneffekt aus deinen Erfahrungen als Szenenbildnerin für Filmprojekte, die du auf Musikprojekte anwenden kannst?

Ina Rebhandl:
In beiden Professionen ist es hilfreich, wenn man gut aufpasst ‒ also hinschaut und wahrnimmt. Bei den Filmprojekten habe ich Lebensräume für unterschiedlichste ‒ auch fiktive ‒ Charaktere eingerichtet. Dieses Vorstellungsvermögen und dieses Zu-Bild-bringen kann man vielleicht als Analogie zum Musikschreiben verwenden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

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Termine:

Release-Konzert am 18. Jänner um 19:30 Uhr
im Café Treffpunkt in Steyr.

21.3.2025 20:00 Uhr im Alten Theater Steyr als Support für Susan Wolf.

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Link:
inalied (Spotify)
inalied (Youtube)