Donaueschinger Musiktage 2012

Überraschung in Donaueschingen – strahlender Sonnensschein bei angenehm linden Temperaturen. Keine Überraschung, eher wohltuende Konstante: Drei Tage lang ausverkaufte Konzerte mit 28 Uraufführungen und einem gemischten Publikum, eine Mischung der Generationen wie der ästhetischen Vorlieben, der Professionen, ja, denn erfreulicher Weise findet man bei den Donaueschinger Musiktagen neben den traditionell hier gehäuft sich treffenden Fachleuten auch eine ganze Reihe interessierter “Nur-Hörer” – und viele von Ihnen kommen immer wieder. Wenn auch, zugegebener Maßen, einige, wie SWR2 Musikchefin Dorothea Enderle in der Abschlusspressekonferenz verkündete, die Radioübertragung dem Live-Konzetrerlebnis vorziehen würden. Was letztlich für beides spricht, die Konzerte und das umfangreiche Radioprogramm. Denn SWR2 überträgt mit großem Aufwand und Engagement seit einigen Jahren fast 15 Stunden während des Festivals live. Zwischen den Konzerten ist keineswegs Sendepause. Es ist Zeit für Gespräche, für Hintergrundinformationen, erste Kritikerrunden, geführt und gestaltet von den zahlreichen MitarbeiterInnen der SWR2 Musikredaktion.

Spannungsfelder und Synergieeffekte, Kontraste und Integrationen versprach das Thema, das Armin Köhler, der künstlerische Leiter der Donaueschinger Musiktage, für das diesjährige Festival gewählt hatte: digital-analog, Mensch-Maschine. Auch schon ein alter Zopf? Nicht, wenn man diese Thematik zudem verknüpft mit der Einladung junger Ensembles und junger Komponierender, deren Herangehensweise und Ideenfindung geprägt ist von ihrer Generation, der “Generation youtube”; der Generation der zum Teil deutlich unter 40-Jährigen, die, einerseits auch popmusikalisch, andererseits zunehmend intermedial sozialisiert, tatsächlich andere Inspirationsfelder, auch für die Schaffung von Kunstmusik, für sich entdeckt haben; die aber auch andere Wahrnehmungsgewohnheiten in ihre Arbeiten einfließen lassen. Youtube,  Facebook, Twitter, Visualisierungen von Musik etc. ermöglichen die Erweiterung von Verweisungszusammenhängen in der Gestaltung zeitgenössischer (Kunst-)Musik. Die kompositorischen Ergebnisse waren nicht immer ausgegoren, beim norwegischen Ensemble asamisimasa ließ die Interpretation leider zu Wünschen übrig – zu Lasten etwa von Klaus Langs “the ugly horse”, der, seiner Ästhetik treu bleibend, sich ruhig fortschreitenden Quinten, die immer wieder getrübt werden durch Verschiebungen, die sich sacht verändern.

Die drei anderen jüngeren Ensembles allerdings sind nicht nur von ihrem technischen wie musikalischen Können hervorragend (das international besetzte Ensemble Nikel, Ensemble Nadar aus Belgien), sondern verfolgen auch sehr individualistische Programme. Das belgische Nadar Ensemble z. B. widmet sich gezielt Werken mit akustischem und elektronischem Instrumentarium, integriert die visuelle Ebene mittels Projektionen, mit Split-Screens oder Videos. Stefan Prins z. B. thematisierte in “Generation Kill” veränderte Wahrnehmungen aufgrund technischer Entwicklungen. Er ließ vier Laptopmusiker als “Computerspieler” vier Musikern mit Instrumenten gegenüber sitzen, getrennt durch eine durchscheinende Leinwand, auf die die realen Musiker ebenfalls abgebildet wurden. Virtualität und Realität wechselnden ab, mischten sich, im Klang wie sichtbar auf der Bühne. Das kluge Konzept stand dabei leider im Vordergrund vor dem sich rasch erschöpftenden klanglichen Ergebnis. Dennoch bieten viele Projekte des Nadar Ensembles hohes Potential einer noch jungen Ästhetik.

Energie und Präzision: Das Ensemble Nikel spielte Werke von Malin Bang, Michael Wertmüller und Clemens Gadenstätter, dessen “Sad Songs” abstrakte Reminiszenzen an Seufzermotivik und andere Schmerzensgesten in der Musik soweit dekonstruieren, verdichten und in einen virtuosen Zirkel verwirbeln, dass Trauer entschwindet.

Mittlerweile schon etabliert ist das Stuttgarter Ensemble ascolta. Elektronik in ihrer Vielfalt. Während Marko Nikodijevic ein Drogenerlebnis zu einem musikalischen Esotrip mit Wellnessmusik verarbeitete, spielte Øyvind Torvund in “Forest Construction” mit Feldaufnahmen von Musikern im Wald, sacht verändert und subtil in den Raum diffundiert, sich mischend mit real Gespieltem, mit instrumentalen Gesten, die ebenfalls im Ensemble sich ändernd kreisen. Beat Furrer kam ohne Elektronik aus. “linea d’orizzonte” ist ein Stück kompakter Dichte. Furrer kontrastiert und verzahnt rasch-hektisch bewegte Repetitionsgesten mit ruhigen Liegetönen im espressivo, arbeitet mit Erweiterungen, Stauchungen, bis sich das Ganze am Schluss zerdehnt.

Vom Ensemble zum großen Orchester, genauer, zu dem Orchester, das wohl das bekannteste und erfahrendste Orchester der Welt ist im Umgang und der Interpretation zeitgenössischer Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts, des Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg des SWR. Alljährlich bestreitet es das Eröffnungs- und das Abschlusskonzert und ist somit ein Tragpfeiler der Donaueschinger Musiktage. Es hat mit seinem spieltechnischen wie musikalischem Können unzählige neue Werke uraufgeführt und damit Maßstäbe gesetzt. Auch in diesem Jahr war dies noch möglich. Noch, denn der Rundfunkrat des SWR hat die Fusion der beiden SWR-Sinfonieorchester Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg ab dem Jahr 2016 beschlossen. Das bedeutet nicht nur, dass zwei Orchester mit ganz unterschiedlichen musikalischen Schwerpunkten und Spieltraditionen zusammen gelegt werden. Es bedeutet auch, dass es in absehbarer Zeit kein deutsches Spezialorchester für die Interpretation zeitgenössischer Musik mehr geben wird, denn ein fusioniertes Orchester benötigt Jahre des Aufeinander-Einspielens. Es bedeutet aber auch, dass das Orchester gleichmäßig altern würde, denn Nachbesetzungen von in Pension gehenden Musikern wird es keine mehr geben. Die Donaueschinger Musiktage 2012 begannen daher mit Protestaktionen, initiiert von der Gesellschaft für Neue Musik. Der Komponist Johannes Kreidler betrat die Bühne mit den Worten “Das ist keine Kunst”, band eine Geige und ein Cello aneinander, so dass ein Spielen auf diesen Instrumenten unmöglich wurde – die Orchesterfusion, sie endet mit dem Tod, Kreidler zertrampelt das fusionierte und nicht mehr spielbare Cellogeigeninstrument. Vor dem Abschlusskonzert richtete Chefdirigent François-Xavier Roth ein paar wenige Worte an das Publikum im Saal wie auch an die HörerInnen an den Radiogeräten und schloss mir den Worten: “In was für einem Deutschland wollen Sie leben? Erheben wir uns zu einer Schweigeminute”.

Im Saal und im Radio folgte genau dies, ein Orchesterkonzert ohne Orchester, stilles Gedenken, wenn auch nur eine kurze symbolische Weile lang, um dann mit Bernhard Ganders “hukl” ein durchaus virtuoses und in bester SWR-Orchestertradition musikalisch auf hohem Niveau agierendes Abschlusskonzert zu beginnen. “Hukl”: Pate stand wieder einmal eine Comicfigur. Aber auch Ganders Streichquartett, doch notwendig sind diese Informationen bei Gander nicht. Seine Werke stehen für sich, sind keine semantisch aufgeladenen Portraits. Motiv-Zellen, rhythmisch-prägnant, repetitiv, in harten Schnitten wechselnd, sowohl dynamisch als auch in ruhige Gefilde umbrechend. Zunehmende Überlagerungen verdichten das Geschehen bis zur Schlussexplosion im Tutti. Auch Aureliano Cattaneo spielte in seinem Werk “Blut” mit repetitiven Gesten, mit zunehmenden Aufwallungen, die wie Wellen durch das Orchester fuhren, dem quasi solistischen “Trio Accanto”  immer wieder Raum und einen leisen quasi-Nachklang gewährend. Repetitionen waren übrigens in vielen Kompositionen des Festivals Thema. Ob durchbrochen, als additive Pulspattern oder rhythmisch-knappe Gestik. Ob in Georg Katzers “Jabberwocky”, in Arnulf Hermanns “durchbrochener Arbeit” oder Helmut Oehrings “Der syrische Freund”, einem denkbar plakativen Beispiel für gewollte “politische” Aussagen mittels Musik, in der eine Sängerin nicht nur einen syrischen Text rezitiert, sondern, in Begleitung eines Oudspielers auch singt – ein Einschub, den man quasi policial correct zu goutieren habe. Der aber die reiche persische Musik letztlich doch mehr als exotisches Klischee vorführte. In Frank Bedrossians “Itself” für Orchester, mit dem das Festival endete, waren diese Repetitionen allerdings eher ein Flirren, ein Schillern in verschiedenen Geräusch- und miktonalen Farben. Ihm verlieh das Orchester den alljährlichen Orchesterpreis.

Auch die Konzerte der Jazzsession standen in diesem Jahr unter der Thematik analog-digital. Sie präsentierten zwei Generationen britischer Improvisierender. Zu Beginn Pioniere der sogenannten frei improvisierten Musik in Europa, AMM, die inzwischen als Rumpfbesetzung, als Duo mit dem Pianisten John Tilbury und dem Perkussionisten Eddie Prévost formieren. In der großen Sporthalle gelang ihnen dieses Konzert vielleicht nicht ganz so dicht und tragend wie ihre aktuellen CDs. Leise Klangforschungen und subtile Interaktionen bestimmen ihr Spiel. Der weiche Anschlag John Tilburys mischt sich dabei mit den klaren, ein reiches Obertonspektrum mittels Bogenstrich oder Anschlag hervorrufenden Spiel auf großer Trommel oder Becken von Prévost. Nach der Pause folgte die Gerneration um die 50. Das Duo FURT mit Paul Obermayer und Richard Barrett spielte ein explosionsartiges, dichtes Duo, in dem sich die raschen Sampleschnipsel ununterbrochen zu einem Klangstrom vereinten. Klanglich allerdings letztlich weit weniger differenziert als AMM zuvor. FORCH bildet quasi das ins Oktett erweiterte Duo, erweitert um 2 Bläser, 2 Stimmperformer, Harfe und Perkussion. Barrett und Obermayer legten den formalen und zeitlichen Rahmen für eine strukturierte Improvisation, bestehend aus verschiedenen Konstellationen vom Duo bis zum Oktett, in denen Subtilität und Klangmischung mehr wogen als pure Energie. Kuratiert wurde dieses Programm ein letztes Mal von Reinhard Kager, der die Jazzredaktion des SWR im Sommer auf eigenen Wunsch verlassen hat, um sich neuen Aufgaben zu widmen. Die Leitung der Jazzredaktion des SWR übernehmen nun Julia Neupert und Günter Huesmann im Duo. Die Ausrichtung und Schwerpunktsetzung auch auf experimentelle Spielformen des Jazz wollen sie weiterführen. Möge dies gelingen!
Nina Polaschegg

P. S.: Viele junge ZuhörerInnen sitzen seit einigen Jahren im Publikum. Einer der Gründe sind mehrtägige Workshops für Studierende, die die Musikwissenschaftlerin und Musikvermittlerin Julia Cloot seit einigen Jahren mit großem Zuspruch und Erfolg leitet.

Nähere Informationen zu den Workshops, zum Programm und den Live-Übertragungen unter http://www.swr.de/donaueschingen

Klaus Lang  © Mit freundlicher Genehmigung von Klaus Lang
Clemens Gadenstätter © Stanislav Jenis
Beat Furrer © 2005 Klaus Rudolph
Bernhard Gander © Hans Laber